Wenn ich einen Text lese, konzentriere ich mich auf den Text. Eine
Assoziation zum Autor kommt mir da erst einmal nicht in den Sinn. Das geschieht
erst dann, wenn ich viele Texte einer einzigen Person gelesen habe oder wenn
ich die Gedanken eines mir persönlich bekannten Menschen in seinen Texten
wiedererkenne. Dann sind oft wiederkehrende Themen, Satzstellungen; bestimmte
Gedankensysteme und ein individuelles Wörterschatz zu erkennen, auch
Schlüsselmotive. Eben der ganz eigene Stil.
Selbst wenn ich komplexe Gedankennetze und ihre Verknüpfungen erkennen kann,
sagt mir das ja nur, dass der Autor sich mit diesem Thema auseinandergesetzt
hat. Ich weiß ja nicht, aus welcher Motivation heraus er das tat, was ihn in
seinem persönlichen Leben bewegt. Und wie viel Raum das Thema in seinem Leben
einnimmt, kann ich nur vermuten und als Hypothese verstärken, wenn dieser
spezielle Themenkreis beispielsweise abgewandelt immer wieder auftaucht, dann
könnte ich daraus schließen, dass es sich um ein Lebensthema handelt.
Folgendes darf man beim Lesen nicht vergessen; nicht alles, was ein
Schriftsteller schreibt, lebt er auch: ich kann mich z.B. in eine Kindsmörderin
hinein denken, ohne selbst ein Kind ermordet zu haben.
Das ist ja das Interessante - für mich - beim Schreiben: ich kann so stark in
eine mir wenig vertraute Rolle hinein krabbeln, dass sie zum Leben erwacht und
neben Muskeln und Fleisch auch eine in sich geschlossene authentische
Persönlichkeit erhält (natürlich nur, wenn ich übe und mich ausdifferenziere).
Viel wichtiger, als das Wissen, die Erkenntnis und das Anwenden des Gelernten
ist für mich das, was hinter den Dingen steht, das es Ergänzende. Ich möchte
Vernetzungen, Verstrebungen, Verknüpfungen verstehen. Es gibt viele Wege, über
die man zu Erkenntnissen kommen kann. Und was sind Erkenntnisse? Sind
es nicht immer nur individuelle Wahrheiten oder für Wahrheiten gehaltene
Scheinwirklichkeiten?
Im Dialog mit Dingen - auch den unsichtbaren - und Menschen finde ich
Assoziation, Bereicherung und Inspiration.
wenn sanfte rosengesichter
mit zartem duft betören
und in lächelnden augen
tausend sterne winken
vergesse ich hakelnde dornenspitzen
und versinke im seidenmatt
in südlichen lavendelfeldern
blüht der sommer mit kühlem Duft
es zierpen zikadenchöre
in blau gespiegelte junihimmel
und keine wolke droht heute
mit voreiligem guss
sprach ich vom Morgen heute?
was gestern war
verschluckte die Zeit
hinter einem gewendeten Tag
warten neue Seiten
der feingezeichnete Code
verschlüsselt noch
ich spüre Fülle in der Leere
Geheimnis, ein Duft
Farbe, die unter den Nägeln
brennt
und ein Beben zwischen Freude
und Angst
das seltsame Kribbeln im Bauch
muss ich erst noch entziffern
"Es
gibt die Engel der sechs Welten des Verlangens und die fühlenden Wesen der
verschiedenen Welten der Form. Die ersten sind die besser bekannten. Da die
Engel in Hondas Traum sich miteinander amüsierten, die männlichen mit den
weiblichen, schienen sie den Welten des Verlangens zu entstammen. Sie trugen
Lichter von sieben Farben, Feuer, Gold, Blau, Rot, Weiß, Gelb und Schwarz. Es
ist als wogten riesige Kolibris mit Regenbogengefieder ein und aus.
Ihr Haar ist blau, die Zähne blitzen weiß, wenn sie lächeln. Die Körper sind
schiere Weichheit und Reinheit. Ihre Augen blinzeln nicht.
Die männlichen und weiblichen Engel der Welten des Verlangens umschlingen
einander beständig; die Engel aber der dritten Welt halten sich nur bei den
Händen, die der vierten tauschen Gedanken, die der fünften wechseln Blicke, die
der sechsten und höchsten wechseln Worte."
organisch, grün, vital
(weiter)
Der Engel stand plötzlich vor
mir, reichte mir die Hand.
Wo war er so lange geblieben? Ich schaute ihn an - fragte: " Warum nur
haben mich alle guten Geister verlassen? Bin ich es nicht mal wert, von ihnen
beachtet zu werden?"
"Warum zweifelst du", sprach der Engel, " es scheint nur so. In
Wirklichkeit sind sie da - deine lichtvollen Boten - drehe dich herum: schau,
da sind ihre Spuren in deinem Schatten."
Ich drehte mich um. Mein Engel legte seine durchscheinenden Hände auf meine
Schultern. Ich spürte, wie seine Energie sich als warme fließende Kraft meinem
Körper mitteilte.
Ein Knoten löste sich- ich wurde ganz ruhig - und ich sah die geistvollen
Spuren
"As Sombras Da Alma.
Die Schatten der Seele.
Die Geschichten, die die anderen über einen erzählen,
und die Geschichten, die man über sich selbst erzählt: welche kommen der
Wahrheit näher? Ist es so klar, dass es die eigenen sind? Ist einer für sich
selbst eine Autorität? Doch das ist nicht wirklich die Frage, die mich
beschäftigt. Die eigentliche Frage ist: Gibt es bei solchen Geschichten
überhaupt einen Unterschied zwischen wahr und falsch? Bei Geschichten über das
Äußere schon. Aber wenn wir uns aufmachen, jemanden im Inneren zu verstehen?
Ist das eine Reise, die irgendwann an ihr Ende kommt? Ist die Seele ein Ort von
Tatsachen? Oder sind die vermeintlichen Tatsachen nur die trügerischen Schatten
unserer Geschichten?"
"Nachtzug nach Lissabon" - Pascal Mercier
wohin du nun gehst
in jenen raum dahinter
kann ich nicht folgen
so schau ich gegen Wände
versuche zu begreifen
Wenn mein Dein nicht dein Ich ist, bleibt dann mein Ich, dein Du?
Wenn Du nicht Ich heißt und Ich nicht Du: wo liegt die Grenze zwischen uns?
Liegt nicht im Dazwischen - in den sich überschneidenden Grenzen - die Fülle, Alles - ungetrennt

die welt atmet grün
zwischen rose und lindenblüten
lila lavendel
eine weile im duft schwelgen:
den sommer herbei dichten
Guten Abend Herr? Flores,
es berührt mich seltsam, dass du mich siezt und gleichzeitig bittest,
dich weiter zu duzen. Bedeutet es vielleicht, dass du dir mit dem Sie
eine notwendige Distanz schaffst, gleichzeitig aber glaubst, dass für
mich Nähe kein Problem darstellt? Oder betrachten Sie mich wie einen
ungewöhnlichen Kunstgegenstand, den man nicht berühren darf, weil er
zerbrechen könnte? Sie sehen, diese Frage setzt mir zu und beschäftigt
mich.
Das war mein Eingangsstatement, jetzt aber zum Wesentlichen, zur Seele deines Briefes.
Ich lächle und sehe dabei kleine weiße Segelboote auf einer
Wasserfontäne tanzen. Wieso nur verbinde ich dich immer mit der Farbe
"Weiß"? Wie ein leeres Blatt Papier oder ein weißer Raum, den man in
Gedanken füllen kann, womit man will, ohne dass es für Außenstehende
sichtbar wird.
Interessante Vorstellung: ein weißer leerer Raum und dazu ein Nachtbuch
mit sieben Siegeln, indem festgehalten ist, was am Tag den Raum
ausschmückt.
Fragt sich nur, wer Zugang zum Schlüssel erhält. Noch besser: ein
leerer Raum und ein leeres Buch; Besucher mit leeren Gesichtern, die
hineinschreiben oder hineinmalen, wie sie den Raum zu gestalten
wünschen - Imaginationen - oder Musik, erdacht, um im Raum auf ganz
eigene Weise zu klingen. Ich bin sicher, wer sich auf ein solches
Experiment einlässt, geht mit bewegten Gesicht.
Ach, ich bin schon wieder abgeschweift: Seele, Weiß, Du!
Ich verstehe, wovon du sprichst, wenn du den verborgenen und nur zu
bestimmten Zeiten geöffneten Zugang zu den inneren Gärten erwähnst. Ich
kenne das Geheimnis, und freue mich, dass Sie die Tür zu einem meiner
Rosengärten blind gefunden haben. Märchenhaft!
Endlich nach hundert Jahren gelang es einem jungen und mutigen Prinzen
die Dornenhecke zu durchdringen, um das schlafende Dornröschen zu
wecken, aber weder sein Alter und Geschlecht, noch der Mut und auch
nicht das scharfe Schwert waren der Schlüssel, um hindurch zu gelangen
Nein, einzig - die Zeit war reif. Jeder beherzte Mensch wäre zu diesem Zeitpunkt ohne Kraftaufwand hindurch gegangen.
Was wir sehen und was wir nicht sehen, alles ist da zur gleichen Zeit,
und manchmal führt eine weiße Taube, die Krumen pickt uns auf den im
Augenblick richtigen Weg. Was überhaupt ist Zeit, wenn doch alles
zugleich da ist?
Übrigens, sie haben wunderbare Rosenfotos für mich festgehalten. Nachdenklich, Ihre Bela von Rosenhaag
ich hätte dir noch soviel zu sagen:
dein Winter legt Frost auf meine Zunge
zwischen vorwitzigen Lippen
blau
verstummen Amsellieder
verschluckte Liebesworte
fallen tief
erfrieren unter einer Decke aus Eis
Findest du mich noch?
Erinnerung blitzt dir überraschend im fremden Gesicht
unvorbereitet
du hältst den Atem an - stockst
eine Stimme lässt vertraute Saiten klingen
versetzt in Schwingung
als wärest du Geige und das Timbre aus einem Bogen
von Meisterhand geführt und plötzlich...
erinnerst du Haut während Hände
langsam, ganz langsam über grüne Seide streichen
findest du im Lächeln des Kindes
den leicht vergilbten Charme vertrauter Bilder
Denkst du an die Unschuld liebender Herzen
wenn im Frühling Apfelblüten wie Wolken über dir schweben?
an vergessene Küsse hinter Sommerhecken
und die erhitzte Umarmung ineinanderstrebender Körper
wenn deine Lippen schwarze Herzkirschen kosten
unvergleichlich
saftig, frisch und süß - ein lockendes Versprechen
Ein Stück meiner herbstlichen Seele trifft dich ins Mark
wenn in jenen stillen Gärten und Gräberfeldern jenseits der Stadt
der trauernde Blick des Alabasterengels deinem Blick standhält
zeitlos eingefangener Augenblick des zu Stein erstarrten Senkens der Flügel,
weiß wie frischgefallener Schnee und frostig wie ein sonniger Wintermorgen
Es ist lange her
neues Grün ziert nun Strauch und Hecke
Stello Negro
Vor einer Weile saß ich im Garten unter meinen Rosenbüschen. Es war warm und
ein flippiger Wind streifte durch das Gras und über die Haut. Ich war müde und
ganz leise - lauschte den nachmittäglichen Geräuschen um mich herum.
Zwischendurch fielen mir die Augen zu. Als ich sie wieder öffnete war ganz nah
neben mir ein Amselmännchen - Stello Negro - es wippte flink hin und her und
sammelte Nistmaterial. Nach und nach füllte sich der goldgelbe Schnabel mit kurzen
Halmen, Gras und kleinen Blattstücken. Der Kopf ging aufgeregt hin und her. Das
Vögelchen war so nah, dass ich jede Feder des schiefergrauen Gefieders sehen
konnte - auch den orange-gelben Innenring um die dunklen Perlaugen.
Als ich mich kurz ruckartig streckte, flog es aufgescheucht davon. Eine Weile
später hörte ich Stello singen und zwitschern. Er sang ein fröhliches Lied für
dich und mich und erzählte von der Sonne, dem Wind und dem Nest, in dem bald
schon Eier liegen werden – die Hoffnung auf neues Leben.
"Stello Negro", fragte ich, "bist du es, der zwischen Winter und
Frühling so wunderschön singt am Morgen? Bist du es, der auf dem Hausgiebel
sitzt und den Frühling verspricht?"
Leider konnte ich die Antwort nicht mehr verstehen, denn bei mir drinnen
klingelte das Telefon. Und jetzt ist Gewitter und keine Amsel mehr zu hören,
aber es duftet nach nassem Gras, Rosenblüten und Kräutern.
Oh, jetzt gerade höre ich ihn wieder singen, den Stello Negro, obwohl die
Regentropfen ziemlich heftig an mein Fenster klopfen und mein Jüngster gerade
pitschnass vor der Haustier steht, weil er beim Edeka kurz etwas einkaufen musste.
Marianne, die Nachtigall - meine Muse - hat mich heute Morgen mit einem Gedicht daran
erinnert, wie zauberhaft die Poesie des Augenblicks sein kann.
Ein paar lose Gedanken dazu möchte ich hier lassen:
ich denke gerade an den Sonnenstrahl, der sich nach einem grauen Morgen
Bahn bricht und plötzlich durch ein Fenster auf Dielen fällt und einen
Streifen vom Boden warm aufleuchten lässt. Wenn man genau hinschaut,
tanzen in diesem Strahl unzählige Staubkörner einen stillen
Sternentanz. Meine Seele beginnt zu lächeln.
In der Erinnerung bleibt dieser Momente erhalten, reiht sich als
perlmuttfarbene Perle in die endlose Kette gelebter Augenblicke ein.
Nichts geht verloren. Jeder von uns trägt eine Schatztruhe poetischer
Augenblicke in sich. Es lohnt sich, immer mal wieder den Deckel zu
heben.
Ist das nicht genial?
Auch wenn im Augenblick des Schreibens schon Vergangenheit ist, was ich gerade erlebte.
manchmal
verschleiern dichte Nebel die Sicht
bevor Licht sich Bahn bricht
und mit der Klarheit blauer Himmel an frostigen Wintertagen
Strukturen sichtbar macht und Erkenntnisse reifen lässt
wer in Allem das Eine sucht und in dem Einen Alles
begeht zwei Pfade, die sich nicht zu kreuzen scheinen
und doch liegt im äußerlich Unsichtbaren
Wahrheit, die zu übersehen einseitig wäre:
polare Wege halten im Gleichgewicht, was auseinanderzustreben droht
wie blau der see doch scheint,
und grün der blätter wunsch
nur nah zu sein dem klaren nass.
sie recken, strecken ducken sich
und wachsen nah am uferrand,
es scheint, als lauschten sie
der wind-und wassermelodie
und stimmten mit den fischen ein
in den gesang der welt. (weiter)
Gestern nach dem großen Regen
begrüßte ich meine gelben Rosen und verschwand für eine Weile zwischen ihrem
Grün. Die Ranken hakelten sich mit winzigfeinen Dornen fest an Kleidung und
Haut. Ich hielt mitten in der Bewegung an, atmete tief durch und begann ganz
langsam im Schneckentempo, mich wieder zu entwinden. Für einen kurzen Moment
schwelgte ich in der Idee, alle Blüten zu pflücken - eine nach der anderen -
sie in Vasen zu stellen, und überall im Haus zu verteilen. Aber dann scheuchte
ich den Gedanken wieder weg, denn abgeschnitten im Wasser hält die Pracht sich
nicht lang. So griff ich, um etwas Sinnvolles zu tun, zur Heckenschere und
entfernte vorsichtig Verblühtes und Hagebutten. Eben sagte ich dem Busch beim
Nachhausekommen guten Tag, schenkte ihm einen begeisterten Blick, erfreute mich
am gelackten Blütenmeer, und berauschte mich mit geschlossenen Augen am zarten
Teerosenduft.
Was ist Lust, fragt das Sandkorn den Strand
Lust, flüstert der Strand, ist
wenn bei Ebbe die Möwen Spuren hinterlassen
und bei Flut die Wellen mich erfrischen
Lust, dröhnen die Wellen, ist
wenn der Wind das Wasser kräuselt
und der Sturm uns Schaumkronen malt
Lust, wispert der Wind, ist
wenn meine Brise wie ein Vogel
mit dem Licht segelt
Lust, sagt das Licht, ist
wenn ich zwischen Wogen funkle
und den Strand erwärme
ah, ich verstehe, antwortet das Sandkorn
Lust ist, wenn ein Kind mit nackten Füßen durch den Sand läuft
und es lacht, weil ich seine Zehen kitzele,
der Wind durch sein Haar streicht
und plötzlich eine neckische Welle
bis zu seinen Knien hochspringt
Hallo lieber Traumtänzer,
du bist mir abhanden gekommen, scheinst weit weg zu sein. Ich würde
dich so gern erreichen. Hast du dich vielleicht für eine Weile ins
Schneckenhaus verzogen? Quäl dich nicht zu sehr. Lass das Dunkle dich
nicht überwältigen. Schau, ich schicke dir Licht und warme Energie.
Bald ist Sommer und die Schwarzkirschen reifen.
Zwei Wochen habe ich nun meine Reise unterbrochen, Zeit zum Innehalten
und Bleiben. Es war ein bisschen schwierig, aber meine kleine Schwester
nahm mich auf. Ich berichte ein anderes Mal davon. Alles ist noch so
frisch, muss erst sacken. Aber seit heute Morgen bin ich wieder
unterwegs, muss mich halt dem Wetter fügen. Ich fließe, bin ein Fluss,
der Ozean ist mein Ziel und die Insel, auf der du lebst. Morgen werde
ich in Bremen tanzen, und "Die Bremer Stadtmusikanten" schauen zu -
smile!
Aurora, die dem Wind in den Blättern lauscht
Fussangeln
die hangeln
von wem nur ausgeheckt
und versteckt
heimlich auf besondere Weise
ganz leise
es flüstert auf Blättern im Raum
ein Traum
und im Baumhaus lauscht mein Kind
dem Wind
spürst du das warme Licht
im Gesicht?
ich hangel hinunter
putzmunter
komm mit sagt der Schelm
mit Helm
und reicht mir die Hand
im Sand
wie so oft marianne
Ich, die Möwe
und für diesen Moment
bin ich die Möwe
strahlend weiß voll Schönheit und Kraft
Ich erhebe meine Schwingen
gleite auf dem Wasser und spanne die Flügel
der Wind darunter fühlt sich gut an
er trägt mich zum Licht
hoch und immer höher
Ich sehe dich am Ufer stehen
- schaumgeborene Wellen benetzen deine Füße -
kleiner werden
zierlich, eine Silhouette
zart, ein Punkt noch
und fliege hinter den Horizont
Meinen triumphierenden Jubelruf hörst du nicht mehr
eine Weile wartest du am Strand
oder du gehst
und mein Bild - die Imagination
sie bleibt
wenn ich längst nicht mehr sichtbar bin
kein Tag
an dem ich nicht an dich denke
mich frage
wo du bist
wie es dir geht
was dich berührt
kein Tag
ohne Bedauern
dass unberührbar bleibt
was verbunden
zu mir gehört
du bist längst auf der anderen Seite
jenseits des Mondes
und Abschied
überfällig
ins Blau geflogen
malen schwirrende Möwen
getuschte Zeichen
fliegende Möwen
malen getuschte Zeichen
ins flirrende Blau
getuschte Zeichen
malen schwirrende Möwen
ins flirrende Blau
"Als er gefragt wurde, was es heiße, ein Liebender zu sein, gab er zur Antwort: Was immer du im Kopf hast, vergiss es. Was immer du in der Hand hältst, gib es her. Was immer dein Schicksal zu sein hat, stelle dich ihm."
Abu Said Abul Khair
vom zärtlichen Zirpen zaghafter Zweifler
wenn
zwischen Zwillingstürmen
Zikaden Zwischentöne zwitschern
zuckt zaudernd Zinnober zu Zimtbraun
zerstückelte Zimbelklänge
zirkulieren zusehends zweifelhaft
dann
zersetzen zauberrzeilen
zukunftsmusik
zündeln zynische Zoten
zartfühlende Zärtlichkeit
Manchmal verlangt Liebe ein
Loslassen vor der Zeit, obwohl die Bindung noch eng und notwendig erscheint. Eine äußere Trennung bedeutet jedoch nicht, dass zwangsläufig auch die innere Brücke zerbricht.
Auch ein Vogel, der nicht flügge werden will, muss manchmal aus dem Nest
geschubst werden, um Fliegen zu lernen.
Kind komm
schmiege dich
ich spüre - fühle
du magst
will nicht drängen
groß schon darf doch
gewachsen in so kurzer Zeit
hab keine Scheu
Schatten huscht unvertraut
nur im ersten Moment
des Wiedersehens
wenn du nah bist mir
wird er zu Licht
zerplatzt
gleich einer Seifenblase
denn ich bau eine helle Brücke
ich sehe dich
deinen Ernst, deine Freude
und staune
bin stolz auf dich
Kind
den Unbillen getrotzt
zeigst du Mut
bist beherzt und unverzagt
dein Ziel ist so klar
wie dein Blick
und dein Lächeln offen (weiter)
Ostern 2007 - Angie und ihr Apfelbaum in der Kraftoase

(weiter)
Es gibt Gedanken, die sind wie eine Hängematte:
ich lege mich hinein, mach es mir bequem und lasse die Seele baumeln.
Das Lied des Windes flüstert in den Zweigen. Der Gedanke verwandelt
sich zum trägen breiten Strom, auf dem kleine Boote mit weißen Segeln
Gedankenkinder transportieren - immer Meer und Wellen entgegen; dem
Sand am Strand; den Steinen, Dünen und den fliehenden Wolken am Himmel.
So blau, dass es leuchtet.
Das Leuchten breitet sich aus, bis ich selbst in die Stille eintauche, darin bade und strahle.
längst vorbei
die zeit der rosen.
nur dornen blieben
neben hagebutten
und erinnerung
an lichtes grün
und zarten duft
ich werde beginnen
die früchte zu lieben
und ernten
Guten Abend Flores,
ich kann nicht anders: es reizt mich, dir noch heute zu antworten. Du
schreibst, Gefühlsüberschwang berührt dich - seltsam, das sagen mir
Menschen oft - und ich merke, diese freie und spontane Art, den
Gefühlen Ausdruck zu verleien wird gerade von Menschen geschätzt, die
sich scheuen, ihre Gefühle nach außen zu tragen. Oft lassen sie sich
dann mitreißen und begeistern.
Weißt du, ich kann auch versuchen, die Worte zu verschlucken, aber dann
verrät mich Mimik und Gestik. Ich bin unfähig zu lügen. Glaube mir, es
ist nicht immer angenehm und von Vorteil, wie ein offenes Buch
herumzulaufen, in dem jeder lesen kann. Und ein gewisser Hang zur
Dramatik liegt durchaus in meinem Wesen. Oh ja, ich kann mich in
Gefühle hineinsteigern. Eine Bühne für mich ganz allein würde mir
gefallen - der rote Teppich dürfte nicht fehlen.
Manchmal stelle ich mir vor, ich sei ein Königin und alle meine Rosen
Prinzen und Prinzessinnen von hohem Geblüt. Der Heckenstaat bestehe aus
Akrobaten, Narren, Clowns und Märchenerzählern und das Orchester, das
zum Tanz aufspielt, trage bunte Gewänder mit Glöckchen und
Schnabelschuhe. Ach ja, der Klatschmohn tanzt wie Aurora einbeinig auf
dem Seil. Man hat mir als Kind wohl zu oft gesagt, in meinen Adern
fließe blaues Blut.
Du siehst, mit mir geht die Fantasie schnell durch.
Möglicherweise sitzen du jetzt auf einer südlichen Dachterrasse und
schaust den Schwalben zu - am Horizont versinkt die Sonne im Meer. Fast
höre ich die Trauben gurren. Es ist warm und eine sanfte Brise
umschmeichelt dich verwegen und ein bisschen frech.
Erzählst du mir, was genau das "DU" in dir anspricht im Gegensatz zum "Sie"?
Es grüßt dich eine lächelnde Bela von Rosenhaag
Leander!
wie kann es sein, dass Winde eine solche Macht haben? Wie konnten sie
dich wegtreiben von deinem eingeschlagenen Weg? Auf der grünen Insel
lagen die Schatten. Im Traum sah ich Marie in einer roten Höhle auf
einer grünen Insel. Vielleicht hättest du die Schatten ergründen
sollen, statt vor ihnen zu fliehen. Wenn nun Marie genau dort war, ganz
in deiner Nähe - hast du ihr banges Herz nicht vernommen?
Aber vielleicht war das Zeitfenster verschoben, und sie noch da oder du schon wieder auf neuen Wegen.
Seltsam, in meinem Herz öffnet sich ein neuer Raum. In diesem Raum sind
du und sie verbunden. Eine große Sicherheit kleidet den Raum in Licht.
Das Licht kommt vom Meer und fällt durch eine kleine Öffnung in eine
ockerrote Höhle.
Sie muss in deiner Nähe sein. Suche und finde sie.
Die Zeit der Regenbäume und Tropfenpflanzen ist vorbei: Bitte, gehe
zurück zu der grünen Zwillingsinsel und suche die Höhle. Nimm den
Fischer mit - er ist ein Bote und wird dich führen, und dir zur Seite
stehen.
Ich weiß es - frag mich nicht warum - ihr werdet zusammen glasklare
Türkisbuchten sehen und es wird ein Schiff mit weißen Segel anlegen, um
euch nach Hause zu bringen. Ich sah es wie eine Vision.
Claire
Sehr verehrte(r) Flores,
ich danke für die überraschende Antwort und trete einen Schritt zurück:
hat mich doch neulich - quasi - der Gefühlsüberschwang überrumpelt.
Verzeihen Sie einer Dame mit romantischer Seele ihre Schwärmereien.
Gut, dass meine Zeilen sie dennoch erfreut haben, und ihr Tag in meinen
Gärten ihnen ein paar besondere Einsichten vermitteln durfte.
Ja, im Augenblick ist alles im Aufbruch - es explodiert in Fülle und
Pracht. Besitzen sie etwa einen besonderen Draht zum Universum? Gerade
schrieben sie noch vom ausbleibenden Regen und der beginnenden
Trockenheit, und schon benetzt einsetzender Regen Feld und Flur - ein
Durchatmen zieht durch meine Stadt, und die Pflanzen in den himmlischen
Gärten richten sich auf. Sicher verstehen sie, wenn ich Ihnen erzähle,
wie froh ich über die Tatsache bin, dass meine Rosen gerade erst
begonnen haben zu blühen. So konnte der Regen ihnen noch nicht alle
ihre Blütenblätter rauben.
Ich würde mich freuen, von Ihnen zu hören. Und wenn Sie wieder einmal
Lust haben, einen Garten zu sehen, besuchen Sie mich in meiner
Rosenlaube. Ich lade Sie ein zu Tee und Gebäck. Vor Ort können wir dann
weiter über diese so einzigartige Rose philosophieren. Wissen Sie - die
Eine - die Besondere, die in deren glutroten Blüte ich von den Worten
träumen möchte, die hinter dem Steinwall unsere Geschichte - die gerade
erst beginnt - auf Purpur schreiben. Der Duft dieser Worte umweht mich
bereits wie ein seidener Schal.
Herzlich - Bela von Rosenhaag
Leander,
wo bist du? Hinter den Tränenschleiern sichte ich kein weißes Segel. Du
warst doch schon so nah - fast hörte ich deine Stimme. Und in deinem
Schatten sah ich Marie. Kein Lebenszeichen! Der Frühling mit seinen
Sommertemperaturen und dem unheimlich blauem Himmel will nicht wurzeln
in mir. Er fühlt sich so unecht an. Der Boden ist viel zu trocken und
nicht vorbereitet.
Ach wäre ich doch wie Dornröschen von der
Spindel gestochen im traumlosen Schlaf versunken: es quälte kein
Schmerz und Hunger nach dem Vertrauten, das nicht mehr ist - nagte an
meinen Knochen nicht mehr.
Kann nicht, was vor Wochen geschah, sich wiederholen im Hier und Jetzt?
Du weißt, dieses Zeitfenster, das sich öffnete, und uns wie Ertrinkende
auf Eisschollen im arktischen Meer zueinander führte, damit wir
einander wärmen und Hoffnung geben.
Zwischen mich und die Welt hat sich eine dicke Glaswand geschoben. Sie
trennt, macht alles stumm und lässt alles unfassbar - unbegreifbar
zurück.
In der Vase vor meinem Fenster verdorrt ein grüner Zweig und jenseits des Spiegels verlieren weiße Tauben graue Federn.
Sag mir Freund, was geschieht, wenn die Hoffnung stirbt?
traurig heute, Claire
Flores, ich kenne dich nicht. Oder doch?
Aber dein Name - der Wind trug ihn mir zu - lässt Ozeane aus Blüten
wachsen und vor meinem inneren Auge Gärten entstehen mit Laubengängen
und Labyrinthen - Hecken, dichtverflochten, fühlingsgrün und hoch - ich
greife zur Lupe, sehe die eine Rosenblüte, winzigklein noch, gerade
geschlüpft - im Pflanzenmeer!
Im Zeitraffer wächst sie, öffnet ihre Knospe dem Licht und entschleiert
die gefalteten Schichten ihrer glutroten Pracht - so durchscheinend und
zart im Gegenlicht - zeigt sie ihr Herz und füllt den Raum mit Duft.
Meine Nase kann sich nicht satt riechen. Die Augen geschlossen, ahne ich das Seidensamt der Blüte auf den Lippen.
Und dein Name schmilzt auf meiner Zunge, breitet sich im Gaumen aus, wird Essenz - ich koste, schmecke, schlucke.
Dein Name gleicht der Rosenblüte und.....du musst wie sie sein.
Draußen verblüht schon die Pracht, lässt reife Hagebutten zurück - getrocknete Substanz, blutrot - nur die Dornen bleiben.
Ob sie das Beständige sind an dir, während alles unentwegt der Wandlung unterliegt?
Dann will ich achtsam sein und die Dornen vorsichtig umschiffen. Ich
will weiße Segel setzen und im ersten Morgenlicht starten, der Wind
nimmt mich mit, und die Möwen singen dir meinen Namen.
Die Dornen sind nadelspitze Felsen im ruhigen grünen Wasser und jenseits
glitzernder Fjorde. Mein innerer Navigator wird sie nicht
unterschätzen und ihnen Achtung erweisen.
Das Herz deiner Blüte ist Ziel und Hafen mir. Hülle mich ein in
rosenrote Blätter - schließe sie über mir, denn ich will träumen von
den Worten, die Netze spinnen zwischen dir und mir und die unsere
stumme Geschichte jenseits der Steine auf Purpur schreiben.
Bela von Rosenhaag
Lieber Leuchtturmwärter,
ich schwebe über das Seil durch den Frühling - alles ist so
ungewöhnlich, fast surrealistisch. Manchmal zeichnen sich Male in die
Gesichter der Zuschauer, ihre Münder sind weit aufgerissen und
verzerrt, und in den Augen lodert Angst. Sie werden fahrig und halten
den Atem an. Unter die Wangenknochen malen sich dunkle Schatten. Die
Haut scheint in ein sonderbares Licht getaucht. Sie wissen nicht, dass
es für mich auf dem Seil sicherer ist, als zu ebener Erde. So bin ich
in ihren Augen wohl weder Mensch noch Vogel. Keine blaue Feder findet
das Kind. Aber es lacht und wirft mir eine Kusshand zu. Ich verneige
mich vor ihm, und es beschenkt mich mit leuchtenden Augen. Ich schlage
ein wenig mit den Flügeln, gewinne Wind, und fliege mit den Gedanken,
wohin ich will. Gestern war wieder Flut: wohin mit den traurigen
Gefühlen, wenn der so vielversprechende Tag mit Tränenfluten beginnt?
Einmal mehr stelle ich fest, dass ich nicht überall hinfliegen sollte.
Es gibt Erinnerungen und Themen, die einem den Abgrund nah bringen -
gefährlich!
Manchmal aber gehe ich mit Absicht in den Schmerz hinein, wie in einen dunklen Tunnel, und weiß genau, am Ende wartet Licht.
Die Menschen können einander nicht retten, aber sie können sich die
Hände reichen, einander liebevoll begegnen und Trost spenden, ja sich
sogar eine Weile begleiten. Denkst du mal an mich, wenn die Sonne im
Meer versinkt und alles in Rotgold glänzt? Ich denke oft an dich - wie
es dir wohl geht auf deiner einsamen Insel.
Aus der Ferne umarmt dich deine Aurora
zeitschleife 2
aus der zeit gefallen
wird es schon wieder sommer
wo ist das jahr geblieben
neben der spur ist die erde hart
und zwischen die sekunden
purzelt das leben tief
wer wird es finden
das staubkorn im dünensand ?
auf laubbedeckten wegen
tasten füße nach wurzeln
und das licht
so unglaublich hell
lässt ewigkeit ahnen
was blieb übrig
in den mühlen der zeit?
ein kurzer moment
von seelenberührung
unvergessen!
Was ist denn das?
Da sitzt sie: schwarz, behaart, fett und riesengroß. Lauernd hockt sie
mitten im pulsierenden Herz eines Netzes. Sicher hält sie die Fäden in
der Hand, registriert jede noch so leichte Bewegung. Was auch kommt und
geht, nichts entgeht dem hochempfindlichen Radarsystem.
Ob sie je schläft?
Ihr Netz ist schön: filigran, zart gesponnen, aber elastisch. Wenn es
nicht so ekelhaft klebrig wäre, es würde sich zum Trambolinspringen
eignen. Besonders am frühen Morgen, wenn das erste Licht sich in den
Tautropfen fängt, dann ist es ein Kunstwerk.
Sie registriert alles! Und wehe dem, der sich darin verfängt. Das arme
Opfer hängt fest. Sie packt es, betäubt es mit Zauberworten, wickelt es
ein mit List und zurrt es fest, bis es sich nicht mehr rührt. Manchmal
frisst sie es so gar.
Ist das Opfer endlich seines Willens beraubt, lässt sie es zappeln,
legt es auf Eis, wer weiß wozu sie es noch gebrauchen könnte. Für den
Augenblick ist es uninteressant geworden - langweilig.
Das nächste Opfer wartet bereits. Sie lauert. Wird es ins Netz gehen?
In kühlen Augen spiegelt sich Gier. Nie ist sie zufrieden, bekommt genug, wird satt.
Du meinst, es handelt sich um eine Spinne? Da liegst du nicht ganz
falsch, aber es ist ein besonderes Exemplar und gehört zu den Menschen.
Mich jedenfalls fängt sie nicht ein. Ich halte Abstand, hole den Besen und webe mein eigenes Netz.