wie doch die zeit sich türmt
aus sekundensteinen werden stundenberge
mondphasenhügel und jahresgebirge
an wachsenden wällen aus stein
zerschellen antworten stumm
herzwärts sinken die fragen
zerrieseln zu feinem sand
der in wandernden dünen
seelen überrennt
flieh, meine lächelnde seele
breite weit deine flügel aus
fliege hinüber ins freie hell
bevor eingekerkert im sand
kein licht mehr dich streift
und die blaue blume
der hoffnung
verblüht
www.pixelio.de - telemarco
"Wissen
Sie, man muss die Kinder ein Stück weit nehmen, wie sie sind."
Frau Natal ist nachdenklich, aber ihr Blick schaut unbeeindruckt in das Gesicht
des Sozialarbeiters auf der anderen Seite des Tisches.
Der runzelt die Stirn und schaut sie scheinbar zweifelnd an.
Sie hört ihn denken:
"Das sagen sie, eine Pädagogin, die für uns arbeitet?"
und antworten:
"Das kann man aber so nicht stehen lassen."
"Nein, natürlich nicht grundsätzlich! Aber" ,
und sie spürt, dass diese Antwort tief aus ihrem Unterbewusstsein auftaucht,
"es gibt Dinge, die man nicht ändern kann oder darf."
"Aber ohne pädagogischen Maßnahmen, sind erwünschte Veränderungen nicht
erreichbar."
"Zuerst muss aber geklärt werden, was verändert werden kann und was
unveränderbar zu einem Menschen und seiner Persönlichkeit dazu gehört."
Sie denkt an ihre Tochter und daran, welchen Namen sie den Erziehungsmaßnahmen
zu geben pflegt:
"pädagogisch begründete Erpressungsversuche."
Sie schmunzelt in sich hinein und denkt:
"So ganz unrecht hat das Kind ja nicht, aber natürlich können wir die
Erziehung nicht völlig abschaffen. Man kann aber Menschen auch nicht abrichten
und konditionieren, wie ein Tier, dessen Triebe man überlisten will."
"Wissen sie Herr Neander, einen Obstbaum muss man im Winter beschneiden,
denn dann fließt der Saft langsamer. Und wie viel man abschneidet, kappt und
beschneidet, wer sagt, wo da die Norm liegt?"
"Nun die Gesellschaft verlangt mit Recht soziale Anpassung."
"Aber der Baum, Herr Neander hat seine eigene Wuchsrichtung und verzweigt
sich, wo er mag. Gekappt werden muss doch nur, was sich selbst und die Nachbarn
empfindlich stört."
"Es geht dabei auch um soziale Ästhetik."
"Und wo bitte, Herr Neander sollen sich dann die rebellischen Geister
entwickeln, die genug Widerstandskraft und Rückrat aufbringen, um Gesellschaft
positiv zu verändern?"
Herr Neander schweigt.
"Auch pädagogische Maßnahmen müssen angemessen und mit Fingerspitzengespür
durch geführt werden."
beendet sie das Gespräch mit dem Gefühl, ihn zum Nachdenken gebracht zu haben.
Das ist mehr als sie erwartet hat.
Morgen
will ich beschreiben
was ich heute spüre
das
was bewegt,
verwirrt, wirkt
dort im Ur
wo Sprache stumm
und Worte
ohne Bedeutung sind
liegt gefühlte
Wahrheit
nackt und ohne
Verkleidung
danach
der sturm ist vorbei,
letzte winde verwehen
halb betäubt
ordne ich chaos,
finde heiles
zwischen trümmern,
ein vogelei,
klein und blau
bette das wunder
behutsam
in ein nest
aus weichem moos
©angie 3/04
traurig fand mich die stille im raum
so fern ab von allem hast du mich gehört
im wehen des windes
ein kind der wellen mit flossen an den füßen
und sturm in den haaren
es schweben augensterne durch die nacht
kühl und unnahbar
fern von allem ahnst du meine nähe
gedanken senden lichtsignale
zwischen meerschaum im augenwinkel
und gischt in den wimpern
sehe ich dich entschwinden
hinter den horizont
10/07
Wollte den Himmel nicht
aus dem Blick verlieren
So wie der Morgen gestern den ersten Schnee brachte
und die Welt in ein weiches Glitzerfeld verwandelte
so unvorbereitet traf mich dein Blick
zwischen Kaffeetasse und einzelner Rose
an dem kleinen Nierentisch des nostalgischen Cafes
mitten in der Fußgängerzone einer übermächtigen Stadt
Und dein Augenblau - wie Sterne strahlend
erinnerte mich an den Himmel eines frostklaren Tages
an dem Konturen exakt und Spuren eindeutig sind
und chinesisch getuscht zeichnen
wohl sprachen meine Lippen zu dir
doch ich verstand ihre Worte nicht
Wollte den Himmel nicht aus dem Blick
verlieren
Kennst du das?
Du erlebst etwas, dass deine Gefühle durch einander wirbelt
vielleicht ist dir ein besonderer Mensch begegnet
oder eine Fremde hat dich auf rätselhafte Weise angelächelt
du hast dich mit deinem besten Freund/Freundin nach einem langen Streit wieder
vertrage
mit einer Mail schickt dir jemand unerwartet aufmunternde Worte
plötzlich fällt ein Satz
oder du liest ihn in den Versen eines Unbekannten
es fällt ganz tief in dein Herz
oder
der Abendhimmel hat sich besonders schön gefärbt
plötzlich trägt der Hibiskus, der im Winter gekränkelt hat, drei prächtige
Blüten auf einmal
oder ein neues Kind wird am selben Tag geboren, an dem ein alter Mensch, der
dir vertraut ist stirbt
was tust du mit diesen Gefühlen?
Gerade auch mit den schmerzhaften
wenn dich jemand enttäuscht hat
wenn einer dein Vertrauen missbraucht hat oder dich belügt
wenn etwas stirbt, von dem du dir viel versprochen hast
oder du Abschied nehmen musst von einem geliebten Menschen
(weiter)
ausgebremst
geglitten über asphalt
eisregen am vormittag
und dieser baum
der plötzlich so schief steht
und gestern
ein mann in den besten jahren
der das leben nicht mehr ertrug
der sich selbst aus dem leben gebremst hat
damit
- vielleicht -
seine familie überleben kann
und die frau in langenfeld
die nicht mehr weiß, was sie vorgestern tat
gedanken am rande
zwischen winter und frühlingserwachen
und die taube
die starr im garten liegt
und doch
zwischen den sekunden
ein lächeln
das glücklich macht
von dem
dessen seele man liebt
der nah ist nach langer zeit
dazu der duft nach kaffee aus der küche
und im backofen ein nährendes brot
(weiter)
schau, wie sie sich hahnt
mit fliehenden federn und borstenkopf
fast drohend streckt sie ins licht
den grantig verqueren kopf
mit vorgeschobenen kinn
ein urzeitgetüm voll zauber und kraft
die weide dort – jenseits des sees
erzählt stumm von einer anderen zeit

http://www.pixelio.de/Feierabend.jpg
Cujo220505
Der
Wecker schrillt und wirft Josefine aus den nächtlichen Träumen, die doch gerade
so spannend gewesen waren. Der Platz neben ihr ist leer. Der Mann ist schon
seit zwei Stunden unterwegs.
Sie springt aus den Bett, denn sie muss sich sputen und ärgert sich im gleichen
Augenblick, dass der Sprung aus den Federn die Erinnerung an die Trauminhalte
löscht. Genauso, als würde der Schieber über die Zaubertafel gleiten und
blitzschnell alle dort vorhandenen Spuren auslöschen. Sie ärgert sich über sich
selbst und hetzt ins Bad. Warum hat sie am Abend vorher nicht den Wecker auf
eine frühere Zeit eingestellt?
Wie sie es doch hasst, sich so zu hetzen.
"Warum nur bin ich nicht ein bisschen disziplinierter?" fragt sie
sich
Überhaupt, was macht sie im Bad, sie sollte doch zuerst hinunter laufen und den
Kaffee aufsetzen, nein - quatsch - zuerst nach oben, um das Kind zu wecken.
Unten verlässt jemand das Haus. Es wird die große Tochter sein.
Josefine steht für einen Augenblick wie erstarrt im Badezimmer vor dem Spiegel
und weiß nicht, was sie zuerst tun soll. Der Tag beginnt verquer.
"Hätte Monika nicht einmal schon den Kaffee aufsetzen können, bevor sie
geht?"
fragt sie sich und ist zerrissen in ihrer Wut, die sie eigentlich nicht will
und die so unsinnig ist. Am liebsten würde sie jetzt ein bisschen weinen oder
schmollen. Wie schön es doch wäre, wenn jemand sie jetzt in den Arm nehmen und
ihr sagen würde:
"Ach komm, es ist alles nicht so schlimm, du bist einfach mit dem
verkehrten Fuß aus dem Bett aufgestanden. Leg dich noch ein bisschen hin, ich
kümmere mich um alles. Brauchst dir keine Sorgen machen."
"Ich muss versuchen meine Gedanken zu ordnen." und sie beschließt,
erst einmal den Kaffee aufzusetzen und dann, während die Kaffeemaschine schon
faucht und ein belebendes Aroma verströmt, die zwei Treppen hinauf zu eilen, um
das Kind zu wecken.
Im Spiegel erscheint ihr Gesicht ganz rot. Die Augen tun sich schwer mit dem
Licht und wollen sich wieder schließen.
"Jetzt aber!" sagt die Frau und geht nach unten, auf der letzten
Stufe stolpert sie über das nicht eingerollte Staubsaugerkabel und flucht.
"Verdammte Sch.....immer diese Unordnung. Ist es denn wirklich zuviel
verlangt, den Augenblick auszuhalten, den es dauert, bis das Kabel sich
eingezogen hat?"
Und schon
ist der Zorn wieder da, der doch gerade eben noch begonnen hatte, sich zu
besänftigen.
Josefine reibt sich den Knöchel. Es tut ein bisschen weh, aber sie kann noch
gehen. Sie überquert den Flur, als
wäre er eine endlose Wüste und landet in ihrer Küche, die ihr erscheint, als
sei sie ein nach langer Reise erreichter Hafen, eilt zur
Kaffeemaschine, öffnet den Oberschrank und nimmt eine Filtertüte heraus, stellt
ihn in den Filter; greift nach der schwarzen Kaffeedose mit den chinesischen
Motiven . Der Deckel ist widerspenstig. Vielleicht hat sie ihn gestern schief
aufgedreht. Aber sie weiß sich zu behelfen: mit einem Löffelstiel hebt sie den
Deckel an, und nun lässt er sich problemlos herunter schrauben. Sie mag die
Kaffeedose. Seit mindestens 35 Jahren ist sie in ihrem Besitz. Sie erinnert
sich noch genau an den Tag, an dem sie mit ihrem Mann vor dem Kramladen in der
Mainzer Strasse stand, um einige fehlende Haushaltsgegenstände zu kaufen, denn
sie hatten gerade die erste gemeinsame Wohnung bezogen und ihre Liebe war noch
frühlingsjung.
Es waren wilde Zeiten mit wenig Geld. Die Sorgen hielten sich in Grenzen. Jeder
Tag war ein Geschenk.
"Ob es diesen Laden wohl noch gibt?" fragt sich Josefine und gibt das
Kaffeepulver in die Filtertüte, holt Wasser und schüttet es in den dafür
vorgesehenen Behälter. Jetzt nur noch den Schalter bedienen.
Über das alltägliche Tun mit den abgezirkelten und immer gleichen
Handbewegungen, die ohne zu denken funktionieren, haben sich Wut und Zorn
verflüchtigt. Ein Blick auf die Uhr sagt der Frau, dass noch genug Zeit bleibt.
Das schwarze Nass läuft und verbreitet seinen belebenden Duft.
Jetzt endlich ist Josefine wach und bei sich angekommen.
verschluckt
vom Nebel
zarte Schatten nicht
greifbar
verwunschen und zart
die konturen
rahmen klar
schon verflüchtigte träume
text: angie/ foto: mirco 1 www.pixelio.de
Und wieder erwacht ein neuer
Morgen. Die Nacht löschte die Spuren, die von gestern übrig geblieben waren.
Stunden, unschuldig und weiß wie ein leeres Blatt Papier breiteten sich vor mir
aus. Das Morgenrot in seiner Pracht verschluckt die Frage nach dem was wahr ist
oder Lüge, auch die Schatten, die manche Ereignisse zu hinterlassen belieben.
Dieser Moment, wenn am Horizont der erste Schein des Morgens erblüht, wer nur
denkt in diesem Augenblick erhabener Schönheit noch an die Nacht? Ich nicht!
Ich lebe diesen Augenblick, erfreue mich an der Stille, die nur vom Gezwitscher
der ersten Vögel unterbrochen wird, während aus meinem Backofen der Duft nach
frisch gebackenem Brot zu mir herüber weht und die Kaffeemaschine drachengleich
faucht.
Meine Lieben sind heute Langschläfer, und ich dankbar für diese Stunde für
mich, bevor der Tag mit seinen Ereignissen meine Ruhe wieder durch einander
wirbelt.

Hanspeter Bollinger: Anflug und Abflug" www.pixelio.de
nichts erzwingen
will ich
auch nicht nachgeben
mein NEIN bleibt fest
ich wachse daran
und finde Halt in mir
jenseits von dir
Apropos Proust!
Allein
dieser Titel "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" , den ich vor
sehr langer Zeit zum ersten Mal hörte, verleiht meinen Gedanken immer
neue Flügel.
Wie bekommt man sie eingefangen, die Zeit? Und wenn
sie schon so schnell vorbei läuft, wo sind die Erinnerungszipfel, an
die ich mich dran hängen kann, als sei ich ein Kletterkünstler am roten
Seil, mit dem ich himmelan oder erdtief hinab - in die Geschichte -
meine Geschichte - hinein zu klettern gedenke. Ich will die
Verknüpfungen finden, dann fällt das Klettern leichter, denn der Fuß
findet Halt. Und um dem Schwindel im Antlitz aller Ereignisse, der
Gefühle, den Bildern und Tönen zu entgehen, braucht es diesen Halt.
Denn einmal begonnen, gibt es für eine Weile kein Stoppen mehr. Von
allen Seiten stürzen sie sich immer kleiner und minutiöser werdend auf
mein Gehirn. Vergleichen kann man es mit Achterbahnfahren oder einem
Feuerwerk, ständig wechselnde Lichtpunkte, oder noch besser
dreidimensionale Kettenreaktionen.
Das gefällt mir auch am Fabulieren: ich beginne bei Punkt A und bin
plötzlich bei M oder H - oder bei Omega - kreuz und quer geht das -
erleichtert und beglückt, wenn ich am Ende bei Z oder wieder bei A
lande und alles einen nachvollziehbaren Sinn ergibt.
Aber was ist schon der Sinn?
Der Sinn setzt sich zunächst aus möglicht genau und konkret
herausgearbeiteten Momenten, Ereignissen, Begegnungen zusammen.
Sinnlich genau beschrieben, vermittelt sich Sinn über das entstandene
Gesamtgemälde aus Energie, Duft, Farbe und Tönen. Und da sind wir
wieder bei Proust:
er beschreibt und erzählt akribisch genau. So als wolle er die Zeit
zwischen die Zeilen pressen, auf das auch nichts verloren gehe, nicht
mal der kleinste Krümel. Wahrscheinlich daher mein Eindruck, in einer
Zeile stecke mindestens ein ganzes Buchkapitel.
Das Feuerwerk ist zuende, war auch Zeit, denn zuviel auf einmal ist nur noch Stress.
Ich werde gleich in den Garten gehen, bevor es dunkel wird - mein
Freund - hinter die Garage in der kleinen unfriedeten Ecke, wo noch
Platz ist für einen Baum. Ich werde meine Gummistiefel anziehen, das
braunrotkarierte gefütterte Holzfällerhemd überstreifen, die
Terassentür öffnen - es regnet und die Vögel sind still - und aus der
Garage eine Schaufel holen. Vorbei am Kaninchenkäfig, in dem sich vier
Pelznasen in der oberen Etage zusammen gekuschelt haben - sie sind
satt, still und gemütlich, und es duftet nach Äpfeln und Heu - geht es
in die geschützte Ecke. Dort grabe ich ein Loch und pflanze ein
Mandelbäumchen hinein, bedecke den Ballen gut mit Erde und trete sie
fest. Dann eile ich zur Wassertonne, und schöpfe mit der grünen
Plastikgießkanne das aufgefangene Wasser. Nun wird der Ballen gründlich
begossen und ich spüre, wie die Stille in mich einzieht und in meinen
Gedanken sehe ich ihn schon blühen kurz bevor es Frühling wird.Auf der
Haut spüre ich einen südlichen Wind. Noch bevor es ganz dunkel ist,
habe ich den Kaninchen gute Nacht gesagt, die Garagentür geschlossen,
mir Stiefel und Holfällerhemd ausgezogen und sitze bei euch im "Roten
Salon" vor einer Tasse mit dampfenden Tee. Ich gebe etwas Kandis
hinein, denn das klirrt so schön, doch statt den Madeleines beiße ich
lieber in ein Käsebrot.
Ein wenig erschöpft möchte ich euch noch sagen, es ist warm hier und
angenehm. Und bevor ich irgend wann einmal ein Buch veröffentliche,
muss ich noch sehr sehr viel üben.
Und was mir noch einfällt, gerade zur Zeit renne ich der verlorenen
Zeit meiner Mutter hinterher, d.h. ich ermuntere sie, bettele und
bitte, dass sie doch endlich beginnen soll, alle Geschichten auf zu
schreiben, die sie uns immer erzählt , und die wir uns nicht merken
können, weil sie vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt, ständig die Zeiten
wechselt und immer neue Perönlichkeiten auf der Erzählbühne erscheinen
lässt.
Es wird Zeit, denn sie ist schon achtzig. 
Regentanka
es gießt in Strömen
im Grau des Tages kaum Licht
nass und lau schwimmt es
in Pfützen spiegeln Zweige
lehmbraun - ohne Grün und fahl
Mullematsch - König
es spritzt und plitscht
aus den Wolken purzelt ein Frosch
ins grüne Gemach
ob er eine Krone trägt?
nah hör mal, schau doch selbst nach!
Versperrte Sicht
In die Schluchten zwischen den verlorenen Stunden hat sich dein Lächeln
verloren. Dieses Lächeln, das den Tag hell machte und vom Glücklichsein
erzählte. Was ist geschehen Marie, dass ein Absturz dies vermochte? Ich stehe
auf dem Leuchtturm hinter dem Horizont und sehe nichts außer Nebeln.
Mittendrin bin ich mit mir allein, und während ich noch grübelte, warum die
Sicht sich mir versperrt, taucht aus der Erinnerung dein Lächeln wieder auf. Es
ist noch da - die Wahrheit ist, nichts was war geht für immer verloren.
Es ruht am Grund.
Ich will ein Fischer sein und im Meer meine Netze aus werfen. Vielleicht
verfängt sich dein Weinen in meinem Netz und jenseits von Gut und Böse werde
ich verstehen.
Es wird seinen Grund haben, dass die Sicht mir nahm, was ich nun in mir finde.
geboren im tanz
schwebt durch die nacht
ein funkelnder stern
wenn
seelen sich berühren
schweigen laute gedanken
Ich
sah eine Sichel am Himmel schon früh am Nachmittag, als der Himmel vom
Grau zum Blau sich lichtete. Was wäre wenn, fragte ich mich, wenn eine
Himmelsleiter herunter fallen würde und ich hinauf steigen würde bis
zum Mond? Die Sichel wäre mein Schaukelstuhl und das Blau des
Firmaments um mich herum wäre wie Wellen im Ozean. Ab und zu würde eine
Wolke mich einhüllen, als sei ich im Nebel an einem Novembermorgen.
Vielleicht würde eine Schneegans mich besuchen und mir vom Norden
erzählen und von der langen Reise in den Süden. Und am liebsten würde
ich dann mit ihr ziehen, wie einst der kleine Nils Holgerson. Ich sah
einmal ein Bild - von einem Kind gemalt - es hing in einer
therapeutischen Praxis an der Wand.
Da schwebte der kleine Nils mit seiner Zwergenmütze auf dem Rücken der
Gans über den Himmel. Ich glaube, er schlummerte und träumte vom
Erwachsenwerden.
Vielleicht finde ich hinter dem Horizont einen Ring, der, wenn man ihn
am linken Ringfinger dreht, zwergenklein macht und gleich denke ich an
den Mann mit Hut - wie hieß er noch gleich? Pan Tau? Er trug Frack und
Zylinder und wenn er seine Hut drehte, dann schrumpfte er. An seine
vielen Abenteuer kann ich mich noch schwach erinnern.
Ganz gleich ob Pan Tau oder Nils Holgerson, es hat Vorteile, klein wie ein Zwerg oder wie eine Maus zu sein.
es
liegen deine Lippen rot
so stumm in meinem Weizenfeld
das abgeerntet unter Schnee
dem Winter trotzen wollte
Krähen meißeln Spuren
in das unberührte Weiß
als sei´s ein Blatt Papier
und ihre Krallen Federn
die Zeichen malen
die ich nicht verstehe
wie war der Sommer grün
in jener Zeit
wo gestern noch
der Wind die Ähren wellte
liegt heute Sterben
stumm
wie deine Lippen rot
War
es gestern zwischen den Stunden, in denen der Himmel unerwartet
aufriss? Ein Aufatmen ging durch die Welt, schwer erst und tief, immer
leichter werdend, bis der Bach mir sein silberhelles Murmeln schenkte
und das verbliebene Rostlaub messingfarben aufleuchtete. Im glitschigen
Laub der Wege hier und da - kantig und spitz - silbergrauer Schiefer.
Plötzlich war es Frühling mitten im Winter, und ich atmete durch -
befreit - als berge sich in den dunklen Nachrichten eine lichte
Botschaft, die von Wende sprach, von Ausbruch. Und ich umarmte den
Himmel, spiegelte mich im Bach, tanzte mit dem Wind.
Das Aufleuchten in meinen Augen hätte dir verraten müssen, dass ich
niemals aufgebe. Und später in der hohen Kathedrale mit den
vollkommenen Glasfenstern fand ich Ruhe und eine winzige Nische, um bei
mir zu Hause zu sein.
Wind bläst
durch unsichtbare Ritzen
kühl
im Aufflauen ein Hauch Rosa am Himmel
es atmen Baumriesen
zum silberhellen Singen im Ohr
Der Wind hatte den Föhn
gebracht. Mitten im Winter berührte ein südlicher Atem meine kältegewohnte Haut
mit einem zärtlichen Schauer. Die federleichte Berührung weckte etwas. Etwas
schon vergessen Geglaubtes. Ein Lächeln, von einem Menschen, der einmal kurz
den Weg gestreift hatte, und der meinen Namen auf so besondere Weise
ausgesprochen hatte. Für einen Moment begegneten sich die Blicke zweier
Augenpaare - kleine schreckhafte Tiere, fluchtbereit, aber in ihnen die Tiefe
des ganzen Universums.
Kann man für immer lieben, in einem kurzen Augenblick?
Es muss Frühling gewesen sein, denn gerade öffneten sich im Garten hinter der
Hecke die Apfelbaumblüten, das Gras war so grün, und das Blut in den Adern
floss leicht wie ein murmelnder Bach im Gebirge.
Was fehlte in jenem Moment für ein längeres Begegnen? Ein Schlüsselwort zu
inneren Räumen, der Mut oder war es die Angst vor so unbegreiflichen Nähe, die
es verhinderte?
Marie
meine liebste Marie, weißt du noch, damals, als du vom Leuchtturm auf
das weite Meer geschaut hast und ganz weit weg warst. Ich bekam Angst,
denn es kam mir so vor, als sei nur deine Hülle zurück geblieben.
Du bewegtest dich nicht, und dein Gesicht hatte alle Farbe verloren.
Der Mund, die Lippen sahen aus wie eine frische Wunde darin.
Ich stellte mich neben dich und nahm deine Hand - streichelte sie ganz
sanft, denn sie war kalt. Ich sah, wie die Farbe in dein Gesicht zurück
kehrte und deine Augen an Glanz gewannen, und du mich anschautest, als
seiest du zurück gekehrt von einem fernen Stern.
Damals konntest du mir nicht sagen, wo du gewesen bist. Da war ein
Geheimnis auf deiner Stirn geschrieben, dessen Asche in dem
ausgetretenen Feuer der Zeit noch zu riechen war. Du musst am Abgrund
eines Vulkans gestanden haben. Das was du gesehen hast, so kam es mir
damals vor, lag jenseits des Erinnerns.
Heute habe ich mir Karten gelegt, ein Turm auf einer einsamen Insel,
oben ein Mädchen, vielleicht Rapunzel , hinter dem Fenster. Um den Turm
schwirrten Flugsaurier und das Meer schwemmte kleine Wellen an den
Strand.
Ich werde hinaus gehen in den Hafen und ein Boot suchen, dessen Fischer
bereit ist, mich auf die Insel hinter dem Horizont zu bringen. Es muss
ein blaues sein, denn ich träumte von einer Frau, die Katharina hieß
und dir ähnlich sah. Auch sie wollte hinaus zu dieser kleinen Insel.
Ich weiß, dort steht ein alter Turm. Ich werde den Fischer bitten zu
warten und allein hinauf steigen. Etwas wird sich mir dort zeigen.
Ich glaube an dich. Du wirst zurück kehren, wie damals auf dem
Leuchtturm, als ich erschrocken deine Hand nahm. Du fehlst mir sehr
Schwester.
Ich hab dich lieb, Claire
Das neue Jahr ist noch jung.
Gemessenen Schrittes geht es voran - langsam, achtsam, vorsichtig - mit diesem
Blick nach vorn aus einem Kopf, der undeutlich noch - einen Heiligenschein
trägt.
Zwischen die Sekunden der graublauen Tage hat etwas Sternenstaub gestreut, oder
ist er aus den Zweigen des grünen Baumes gefallen, der seiner Kugeln und Kerzen
beraubt nun die Nadeln verliert?
Meiner steht noch.
Ich gebe ihm eine Gnadenfrist. Und wenn ich ihn am Abend entzünde, ist es mir,
als könne ich die Zeit anhalten, um in den Gedanken nach zu holen, was in der
Hektik der diesjährigen Adventszeit stecken geblieben ist.
Es ist wie ein Nachreifen, um wieder mithalten zu können mit der Zeit, die
spätestens wenn die Krokusse blühen wieder beginnt zu rennen, als sei der
Teufel hinter ihr her und nur mit größtmöglicher Geschwindigkeit zu verhindern,
dass man etwas lebenswichtiges verpasst.
Früher, als ich ein Kindwar und es noch nicht überall Heizung gab, blieben die Christbäume bis
Lichtmess stehen.
sie tragen licht in den spitzen
der schleiernden zweige
die weiden
und erzählen vergoldet vom frühling
schau, wie sie bedächtig die köpfe wiegen
als lauschten sie dem inneren treiben (weiter)
verwilderte worte stürzen
zwischen die stunden
entwischen auf schwarz geränderten schwingen
hinter wolken
die den sturm verbergen
flüchten sich die lauten klagen
am horizont verwirbelt der wind die kahlen äste
bevor die nacht alles gleich machen wird
und der schlaf die traurigkeit in seinen träumen wiegt
Einst
traf ich Katharina. Sie war traurig. Ich tröstete sie und kämmte ihr
kastanienbraunes Haar mit einem goldenen Kamm. So kam es, dass sie mir
eine Geschichte erzählte:
"Der grüne König war manchmal ein Fisch im rubinroten Meer. Ab und zu
wurde es ihm langweilig in seinem Reich am Grund des Ozeans. Er sprang
hoch über den Wellen, wie ein Delphin. So sah ich ihn an jenem Tag, als
ich mich entschlossen hatte, einem Ruf zu folgen, den ich in meinem
Inneren gehört hatte. Ich lieh mir von den Fischern im Hafen ein blaues
Boot, und segelte hinaus zu der kleinen Insel hinter dem Horizont.
Wenn ich gewusst hätte, was mit mir geschehen wird, ich weiß nicht, ob
ich den Mut aufgebracht hätte, mich diesem Abenteuer zu unterwerfen.
Der Fisch und ich - unsere Blicke trafen sich und etwas schwirrte
plötzlich durch die Luft: regenbogenfarbige Liebesäpfel. Da war etwas,
das hatte ich noch nie erlebt. Kennst du das Gefühl, endlich nach
langer Reise angekommen zu sein, und durch und durch zu begreifen und
zu verstehen, was es heißt, zu Hause zu sein?
Für einen Menschen, der vor langer Zeit sein Zuhause verloren hat, etwas wie ein Wunder.
Der Fisch war riesengroß und verschlang mich mit einem Biss. Nichts
hatte ich ihm entgegen zu setzen, denn die Liebe, die mich ihm verband
machte mich wehrlos. Eine Liebe, die anders ist, als die zwischen Mann
und Frau. Der Biss tat nicht weh. Eine spiralförmige Rutschbahn wie aus
rosaroten Perlmutt führte mich in den inneren Garten des Fisches. Dort
lebte ich eine Weile. Es ging mir gut, denn der Fisch verstand mich,
wie kein anderer und nährte mich mit allen seinen gesammelten Worten.
Ohne es zu wissen, hat ich schon immer darauf gewartet. Begierig labte
ich mich an ihnen, konnte nicht satt werden. Ich wuchs, und es wurde
enger um mich herum. Schon bald füllte ich den gesamten Garten aus. Ein
wenig später konnte ich kaum noch meine Glieder bewegen. Der Fisch
verlor seine Worte. Ich lag ihm schwer im Magen, und eines Tages spie
er mich aus. Ich flog durch die Luft zurück in den Hafen, wo mich
keiner vermisst hatte. Ich war ganz allein, fühlte mich verloren und
konnte vor Kummer kaum atmen. So setzte ich mich in den sommerwarmen
Sand, bis eine Möwe sich neben mir nieder ließ, mich tröstete. Der
Schmerz brandete in mir wie Ebbe und Flut. Es wurde Nacht und wieder
Tag. Als sich die Nacht zum dritten mal über mich senkte, hatte ich
keine Tränen mehr. Zum Glück wurden die Gezeiten des Schmerzes um den
Verlust flacher. Wäre die Möwe nicht bei mir geblieben, mir wäre das
Herz gebrochen.
Das ist nun schon sieben Jahre her - eine lange Zeit - aber die
Sehnsucht ist geblieben. Ab und zu gehe ich zum Strand und schaue
hinaus auf die Wellen: und manchmal für einen kleinen Moment sehe ich
ihn, und er sieht mich - und die Liebesäpfel fliegen - tragen trotz der
Ferne eine beglückende Botschaft. "
nie ging eine stunde verloren
gesammelte sichten
schichten sich zwischen verschränkten fingern
ausschnitte, in gedankenalben sortiert
und das herz dazwischen?
es lernt mit der sehnsucht fliegen!
Die
vergessenen Worte versteckten sich bei den Sternen . In der Nacht
ließen sie sich vom Himmel fallen und sanken auf den Grund des
rubinroten Meeres. Der grüne König erwachte von einem Klirren. Er
staunte über das farbige Licht in seinem Reich, das nicht von den
mondmatten Perlen und Muscheln her rührte. Er war allein. Weder seine
vielgestaltige Geliebte, noch die kleinen Fische, die ihn sonst stets
umschwärmten, waren zuerblicken. Wo waren seine acht Töchter. Es war
still. Kein silberhelles Kichern war vom Schloss her zu hören.
Vielleicht hatte das neue Licht ihnen Angst eingeflößt und sie
vertrieben. Er raufte sich die Haare und versuchte zu verstehen, setzte
sich auf, nahm seinen Dreispitz und versuchte das Licht zu fangen, doch
es entzog sich. Schließlich ruderte er mit seiner starken Rückenflosse
eine große Runde um sein Reich. Überall dieses Licht.
Er stand vor einem Rätsel. Was war geschehen. Etwas wie Angst runzelte ihm die Stirn.
Es war der neue Tag, der die
Zeit wieder ins Lot brachte.
Wie ein Versprechen vom Licht erschien schon am Morgen die winterliche Sonne am
Januarhimmel und schickte mit dem Wind eine Ahnung vom Frühling. Der Himmel
trug Seidenblau. Das Jahr hatte seine ersten Schritte getan und dabei den
restlichen Ballast vom alten abgeschüttelt.
Und da ist der Stern, den die Sternsinger in der Stadt von Tür zu Tür tragen.
Sie zeichnen die Türen und segnen das Haus, und ihr Spruch wirkt wie ein
Mantra.
Noch lange sehe ich ihnen hinterher. Der Stern der Sterne, wie nah ist er mir
noch?’
Seine lichtbringende Symbolik wirkt in mir nach.
Jedes Jahr wiederholt sich die Magie:
die Feste überstanden, etwas Glanz zwischen verdorrten Tannennadeln, ein
Geschenkpapierfetzen und Gebäckdosen, die sich allmählich leeren, sprechen von
der hohen Zeit.
Genug der Feste, wird es nun Zeit, sich wieder dem Alltag zu widmen. Der Stern
der Sterne leuchtet wohl in uns allen. Es liegt an uns, ob wir sein Licht
hinaus tragen in die Welt
Etwas Glimmer zwischen den
Stunden
und verdorrte Nadeln unter dem Baum
mit den glitzernden Vögeln und Sonnenkugeln
Hinter den Sekunden
zartgesponnenes Engelshaar
und Atempause den Uhren
die langsam gehen
bis sie eilen mit ihren Gaben
aus goldenen Worten und exotischen Versen
die Weisen aus dem Morgenland
um es zu segnen
das neue Jahr
mit Weihrauch und Myrrhe
und Zeit sich häutet wie eine Zwiebel
schau auf dem Zweig dort
hockt sie, die schwarze Amsel
aufgeplustert, es friert schon
der Himmel dunkelt
es schweigen Sterne von fern
und am Fenster nah
es legte die nacht
ein tiefblaues samtkleid an
und schmückt es silbern
nie singt die amsel
im winter frühlingslieder
es ist noch nicht Zeit
(weiter)
von
Geoff Simpson Traumhaft schön!
Hier
am abend wehte ein kalter
wind. jenseits der bäume, wo der weg sich hinauf auf einen kleinen hügel
schlängelt, weht es eisig. unter dem gebüsch hat sich der raureif gehalten. ein
komisches gefühl durch das gefrorene gras zu stapfen: es knirscht und fühlt sich
beim auftreten unangenehm dumpf an. der fuß verliert leicht den halt. der weg
führt mich zum see, über den das abendrot seine feuerfarben malt. es ist hier
windstill. ich suche mir einen platz im schutz von drei weiden, die am ufer
schon lange ihren platz behaupten und krieche unter ihre hängenden zweige, die
wie ein dach sind ohne schindeln. ich warte auf den moment, in dem sich der
himmel entschließt, mir die blaue stunde zu schenken kurz nachdem das licht
hinter dem horizont verschwindet. ich halte den atem an - der bis gerade kleine
rauchwölkchen zwischen die äste blies, berauscht von der schönheit dieses
magischen moments.
schnell wird es dunkel. zum glück liegt in meiner manteltasche eine
taschenlampe. es ist für eine weile unheimlich.
plötzlich ein geräusch, ein knistern im übrig gebliebenen trockenen laub -
flügelflattern und das schilpen eines aufgeschreckten vogels, den ich im
zwielicht nicht erkennen kann. etwas streift meine rechte hand: weich, Fell,
sehnig; eine schwarze katze blickt mich mit neon-augen an. ich lache und
entspanne. in der zwischenzeit sind die sterne erwacht. ich stehe auf, gehe zum
saum des wassers, staune, wie die sterne sich spiegeln heute und denke, was
wäre wenn die sterne, meine geschwister, nun einfach vom himmel gefallen wären,
um mir vom grund des sees ihr leuchten zu schicken?
sie wären so nah, dass man sie aus der tiefe pflücken und heraufholen könnte.
auch frage ich mich, wie ein solcher stern sich wohl anfühlen würde?
"unverbesserlich," schimpfe ich mich lachend aus,"immer diese
verdammt spinnerten ideen.
nun, wer eine spindel benutzen kann, der spinnt halt gerne.
opa rolf - www.pixelio.de
verquer
führte der weg durch den winterlichen garten
etwas raureif hatte sich in der nacht
auf die verdorrten gräser und halme gelegt
letzte hagebutten leuchteten im graubraun der kahlen hecke
amseln stritten sich um das verblieben futter
der garten schlief
und bereitete sich auf den frühling vor
er dachte nicht an das meer
das in der ferne mit seinen immer wieder kehrenden gezeiten
den strand umspülte
auch nicht an die buten fischerbote
die im südlichen wind
auf den wellen tanzten
und nicht an die Rosen
die ihren süßen duft verbreiteten
verschrumpelte äpfel lagen am fuß eines baumes
der garten kannte nur die wärme des tages
und das veränderliche licht der jahreszeiten
der garten atmete ein und aus
kannte keine gedanken
um den sinn der in den dingen ruhte
seine stärke lag in der gelassenheit
den wechselnden geschicken gegenüber
beete waren noch erkennbar
und von langsam wachsenden buchsbaum eingegrenzt
vom weiten sah alles wie ein wunderliches muster aus
von riesenhand geschaffen
ein muster
dass sich aus dem chaotischen verpflechtungen
von gestrüpp und pflanzenresten
erst im nachhinein vermittelte
und am zaun winkte eine vogelscheuche
in ihrem bunten lumpenkleid
spatzen ließen sich auf den ausgestreckten armen nieder
und den strohhut hatte der Novembersturm davon getragen
ich schenkte dem garten ein nachsichtiges lächeln
und wünschte ihn einen heilenden dornröschenschlaf

Das alte Jahr tat sich schwer, denn etwas hielt es in den
verborgenen Zwischenräumen fest, als warte es darauf, dass noch etwas
Wesentliches in den eingefrorenen Momenten voll erstarrter Lichter am Himmel
erscheinen würde. Es wollte nicht wahrhaben, dass es Zeit war zu gehen. Im
silbergrauen Bart verfingen sich lange Eiszapfen. Die ablaufenden Stunden
begannen sein Blut zu gefrieren, aber wie ein störrisch gewordener alter Mann
beharrte es auf dem Bleiben.
Was hielt das überreife Jahr in den Abgründen seiner abgelaufenen Zeit fest? Es
war starr und schwer geworden - beladen, wie ein Holzweib im Winterwald
vergangener Zeiten. Die Menschenfrau zwischen den Jahren wünschte sich nichts
sehnlicher, als dass es von selbst vom Stängel brechen würde, wie eine exotische
Frucht - und sie nichts weiter tun müsse, als die Hände auszustrecken, um es
sanft aufzufangen.
Die Zeit stand still und die Luft zum Atmen wurde dünn - nichts ging weiter. So
pflückte die Frau schließlich das Jahr , schlug es vorsichtig in Seidenpapier
ein, gab ihm einen Namen und seiner Hülle die Gestirne - Sonne, Mond und Sterne
- und legte es zu den anderen Jahren ins Speicherregal unter dem Dach neben die
letzten Äpfel und Honigkuchen. Leichtfüßig und wie ein neugeborenes Kind lief
sie die Treppe hinunter und hinaus in den Garten zu den übrig gebliebenen
Hagebutten.
Sie umarmte den ersten Tag des neuen Jahres und malte mit Wunderkerzen
Glückssymbole in die Nacht.
Einmal noch blickte sie sich um, sah das Licht unter dem Giebel im
Speicherzimmer und bedankte sich mit einem Lächeln.
Dieser Prozess, dessen Ritual jedes Jahr gleich war - immer dieses Zaudern am
Ende und das Nichtloslassenwollen - fand ein freundliches Ende, denn nur wenn
etwas abgeschlossen ist, öffnen sich die neuen Dinge und beginnen ihre ersten
Schritte mit der Leichtigkeit verspielter Kinder.

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