Ich werde Teerosen kaufen, sagt Jule zu sich.
25.2.08
wo die gedanken einen so hin führen: immerhin, ich habe erstaunlich gut
geschlafen, ausgiebig gefrühstückt und dabei die zeitung gelesen.
draußen verdrängen wolkengebirge das morgenlicht. es regnet und stürmt
ohne unterlass. von meinem fenster aus kann ich zusehen, wie kleine
grüne spuren die hecke verzieren.
gestern versank ich wieder in der zigarrenkiste. ich hatte das
bedürfnis, dem faden in die vergangenheit zu folgen und einen neuen
knoten zu schlingen. eine genaue vorstellung, wo ich finde, was ich
brauche, begleitete mich.
ich fand einen für mich einschneidenden brief an konrad
Wien, 22.2.06
Lieber Konrad,
ich versuche mit mir ins Reine zu kommen, muss eine Entscheidung
treffen. Das heißt, eigentlich weiß ich schon lange, dass ich mich von
Martin trennen will, aber wir sind fünfunddreißig Jahre verheiratet,
durch Höhen und Tiefen mit einander gegangen, haben Trauriges und
Schönes geteilt. Aber in den letzten Jahren - seit unsere Jüngste das
Haus verlassen hat - trennt uns ein zunehmend breiter werdender Graben.
Es wird immer schwieriger, ihn zu überbrücken. Ich komme mir undankbar
vor, denn Martin war immer zuverlässig an meiner Seite hat mich
gleichberechtigt und fair behandelt. Meine Entscheidung hat nicht
direkt mit Ihnen zu tun, Konrad. Ich muss einen Weg finden, wie ich
allein leben kann. Es sind nicht die finanziellen Seiten der
Angelegenheit, die mich beunruhigen, eher die Angst vor dem Alleinsein.
Noch nie im Leben habe ich alleine gelebt.
Bisher sprach ich nicht einmal mit meiner besten Freundin über dieses
Thema. Niemanden wollte ich hineinziehen, denn meine alten Freunde sind
ja schon lange auch Martins Freunde. Sie sind der Erste, der von meinen
Trennungsgedanken erfährt. Unsere harmonische Woche in Berlin und die
Reise nach New York mit Martin haben mir die Augen geöffnet:
Martin und ich leben ein unterschiedliches Tempo. Wir schaffen es nicht
mehr, unsere Schritte aneinander an zu gleichen. Er will alles sehen,
sich nicht entgehen lassen, und ich soll diesen Enthusiasmus mit ihm
teilen. Das kann ich aber nicht mehr, ich brauche Zeit, muss mir wenige
Dinge, dafür aber genau anschauen. Ich liebe das Spartanische, die
Stille, das in sich ruhende Tun; er die Fülle und Betriebsamkeit. Wir
haben versucht, darüber zu sprechen, aber mein beschauliches Tun führt
bei ihm zu Ungeduld und Ärger; sein unstetes Wandern bei mir zu Stress
und Hektik. Mir geht die Luft aus. Er möchte, dass ich so viel wie
möglich mit ihm zusammen tue und ist beleidigt, wenn ich zeitweise
lieber mit mir allein bleiben möchte, um meine Dinge zu tun.
Früher passte ich mich an, schließlich waren Kinder großzuziehen und
ein Haushalt zu managen. Ich bin im Laufe meines Lebens genug
Kompromisse eingegangen; jetzt will und kann ich das nicht mehr.
Konrad, Sie müssen zu diesen Dingen nichts sagen. Es tut mir gut, das
Schweigen zu brechen und mich Ihnen mitzuteilen. Es ist gut, dass Sie
Martin nur vom Erzählen kennen. Wie gut, dass dieses geplante Treffen
zwischen Martin und Ihnen in Berlin nicht stattgefunden hat. So gibt es
wenigstens einen Menschen, nämlich Sie, der nicht in
Loyalitätskonflikte geraten kann.
Liebe Grüße für heute, Ihre Jule
es war das erste mal, dass ich mit einem menschen
darüber sprach, wie sehr martin und ich uns inzwischen
auseinandergelebt hatten. ich erinnere mich auch noch genau an die
innere lähmung, die mich in jenem winter außer gefecht setzte so dass
ich in den ersten monaten des jahres selbst konrad, den ich damit sehr
erschreckte, nicht schreiben konnte. ich war kaum in der lage zu
arbeiten und schleppte mich durch die tage.
erstaunlich auch die antwort von konrad ein paar tage später, so als
habe der winter, der an wien vorbei gegangen war und den ich dennoch in
meiner seele erlebte, sich in berlin manifestiert.
Berlin, 27.2.06
Liebe Jule,
wie erstaunt war ich, als ich heute Morgen nach dem Aufwachen aus
meinem Fenster geschaut habe: alles weiß, als habe die Schneekönigin
ihr Zepter geschwungen.
Sind Sie eine Schneekönigin, Jule?
Sicher ist Ihre momentane Situation schwierig, aber haben Sie schon
alle Möglichkeiten zur Rettung Ihrer Ehe ausprobiert? Fünfunddreißig
Jahre sind eine lange Zeit - die schmeißt niemand einfach über Bord.
Ich kenne Ihre Ungeduld und sorge mich um Sie. Haben Sie mit Martin
gesprochen? Ich spüre, dass Sie auf dem Zahnfleisch gehen und
verzweifelt um eine Entscheidung ringen. Ich hörte nicht, dass Sie von
Liebe sprachen - das hat mich sehr erschrocken!
Vielleicht können Sie ein paar Tage verreisen, um etwas Abstand zu
bekommen. Manchmal hilft das, wieder Boden unter die Füße zu bekommen.
Es ist gut, dass Sie gesprochen haben. Egal, wie Ihre Entscheidung
letztlich ausfällt, liebe Jule, ich bleibe Ihr Freund. Reden Sie!
Schneegrüße von einem, der sich nach dem Frühling sehnt,
Ihr Konrad
es war bitter, denn martin schien meinen inneren
rückzug nicht zu bemerken. noch tauschten wir bett und tisch, aber
immer häufiger wanderte ich nachts ruhelos durchs haus und nistet mich
zum schlafen in eins der leeren kinderzimmer ein.
anfangs fragte martin mich noch, wo ich geblieben bin, und ich
antwortete ihm, dass mich sein schnarchen am schlafen hindern würde.
und so fragte er bald nicht mehr und fügte sich in unsere immer
häufiger getrennten nächte.
es grämte mich, und ich fühlte mich alt, ungeliebt und überflüssig.
gerade habe ich zu mir selbst "Stop!" gesagt, immer nur nachdenken, das
bringt ja nichts. ich werde jetzt in den regen hinaus gehen und mich
mit meiner tochter klara treffen. sie ist gestern aus marokko nach wien
zurück gekehrt. und später werde ich mir duftende gelbe rosen kaufen
und mit martin telefonieren.