findevogels fundstücke

Der letzte Februartag

Jahreszeitliches — geschrieben von findevogel am 29 Feb, 2008 @ 21:23

Du, weißt du was ich heute sah, als ich wieder einmal mit der S-Bahn von Nord nach Süd fuhr?
Unter einem bleifarbigen Himmel, auf dem vereinzelt rosige Flicken saßen, trugen die Bäume Schleier. Besonders die biegsamen Birken sahen aus wie junge Bräute, die beginnen, sich für den Liebsten zu schmücken und dabei das Tanzbein schwingen. Und zwischen den alten verrotteten Gleisen ein einzelner Stamm mit zarten weißen Blüten im Geäst, wie eine Wolke aus Schnee.

 (weiter)

In diesen Nächten

Poesie, Jahreszeitliches — geschrieben von findevogel am 28 Feb, 2008 @ 23:58
Nachtmahr


In der Nacht
schleicht sich Frösteln
über schlafwarme Haut
und Tränen

Geschöpft aus unterirdischen Brunnen
und tausendundeinem Traum
gefrieren zu kleinen Perlen aus Eis

Feingeschliffene Diamanten
die im Morgenlicht funkeln
und zu zittern beginnen
wenn die Amsel ihr Hochzeitslied singt

Hörst du den Nachtvogel, Liebster?
Es ist Zeit!
Der Winter will nicht weichen von mir.
Ich erfriere in seinem Arm
und das Frühlingsfieber deines Blutes
wärmt mich nicht mehr.


ich weiß

Poesie — geschrieben von findevogel am 28 Feb, 2008 @ 10:21


zwar sehe ich dich
doch du bist nicht da
für diesen moment
so geh ich für eine weile
und schau nach den gärten
später
vielleicht
kann ich dich betören
und zu den blüten entführen
ihrem duft
und dem frischen wind
der den frühling verspricht


Ein grauer Morgen

Zwischenmenschliches — geschrieben von findevogel am 27 Feb, 2008 @ 17:08

Nikola saß am Frühstückstisch. Der Kaffee war ausgetrunken, im Brotkorb wartete ein letztes Sesambrötchen umsonst darauf, gegessen zu werden, jedenfalls nicht jetzt in seiner aufgebackenen Frische, die sich in appetitlich -blasser Bräune dem Auge vermittelte.
Der Regen prasselte dicke Tropfen ans Fenster. Alles das lief an Nikola vorbei, wie ein Film, der in einem anderen Kino läuft.
Die Frau war in Gedanken versunken und grübelte schon eine ganze Weile, denn die Kinder hatten bereits vor zwei Stunden das Haus verlassen, um zur Schule zu gehen.
Sie merkte auch nicht, dass es aufhörte zu regnen. Erst als ein winziger Sonnenstrahl durch die Glasscheibe fiel und sie an der Nase kitzelte, blickte sie auf.
Sie erhob sich, um den Tisch ab zu decken, die Kaffeemaschine auszustellen und die Spülmaschine zu bedienen.
Beim Griff zum Besen, mit dem sie die Frühstückskrümel zusammen fegen wollte, stellte sie fest, dass sie im Tag angekommen ist, und dieser Tag dazu da war in Angriff genommen zu werden.
Es war ihr klar, dass sie das Grübeln nicht weiter gebracht hatte. So beschloss sie, ihre Sorgen erst einmal in der schweren Schublade des alten Eichenschranks einzuschließen, das Haus zu verlassen, um frische Luft zu schnappen. Vorsichtshalber schnappte sie sich den roten Regenschirm mit den weißen Punkten und zog los.


suchen und finden

Poesie — geschrieben von findevogel am 27 Feb, 2008 @ 10:11

bin vogel und fisch
bin alles
fliege durchs wasser
mit brennenden flügeln
schwimme im himmel
mit frostigen flossen

bin nicht, was du siehst
ein engel
der zwischen wolken schwebt
und fürchte mich
zu sein
was du denkst
und da
wo du suchst bin ich nicht

dabei
wünsche ich nur
so ganz geheim

dass du mich suchst
jenseits der zeit
und zwischen den dingen


Blassblaue Tagebücher 10

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 26 Feb, 2008 @ 19:47

Ich werde Teerosen kaufen, sagt Jule zu sich.

25.2.08

wo die gedanken einen so hin führen: immerhin, ich habe erstaunlich gut geschlafen, ausgiebig gefrühstückt und dabei die zeitung gelesen. draußen verdrängen wolkengebirge das morgenlicht. es regnet und stürmt ohne unterlass. von meinem fenster aus kann ich zusehen, wie kleine grüne spuren die hecke verzieren.

gestern versank ich wieder in der zigarrenkiste. ich hatte das bedürfnis, dem faden in die vergangenheit zu folgen und einen neuen knoten zu schlingen. eine genaue vorstellung, wo ich finde, was ich brauche, begleitete mich.
ich fand einen für mich einschneidenden brief an konrad


Wien, 22.2.06

Lieber Konrad,

ich versuche mit mir ins Reine zu kommen, muss eine Entscheidung treffen. Das heißt, eigentlich weiß ich schon lange, dass ich mich von Martin trennen will, aber wir sind fünfunddreißig Jahre verheiratet, durch Höhen und Tiefen mit einander gegangen, haben Trauriges und Schönes geteilt. Aber in den letzten Jahren - seit unsere Jüngste das Haus verlassen hat - trennt uns ein zunehmend breiter werdender Graben. Es wird immer schwieriger, ihn zu überbrücken. Ich komme mir undankbar vor, denn Martin war immer zuverlässig an meiner Seite hat mich gleichberechtigt und fair behandelt. Meine Entscheidung hat nicht direkt mit Ihnen zu tun, Konrad. Ich muss einen Weg finden, wie ich allein leben kann. Es sind nicht die finanziellen Seiten der Angelegenheit, die mich beunruhigen, eher die Angst vor dem Alleinsein. Noch nie im Leben habe ich alleine gelebt.
Bisher sprach ich nicht einmal mit meiner besten Freundin über dieses Thema. Niemanden wollte ich hineinziehen, denn meine alten Freunde sind ja schon lange auch Martins Freunde. Sie sind der Erste, der von meinen Trennungsgedanken erfährt. Unsere harmonische Woche in Berlin und die Reise nach New York mit Martin haben mir die Augen geöffnet:
Martin und ich leben ein unterschiedliches Tempo. Wir schaffen es nicht mehr, unsere Schritte aneinander an zu gleichen. Er will alles sehen, sich nicht entgehen lassen, und ich soll diesen Enthusiasmus mit ihm teilen. Das kann ich aber nicht mehr, ich brauche Zeit, muss mir wenige Dinge, dafür aber genau anschauen. Ich liebe das Spartanische, die Stille, das in sich ruhende Tun; er die Fülle und Betriebsamkeit. Wir haben versucht, darüber zu sprechen, aber mein beschauliches Tun führt bei ihm zu Ungeduld und Ärger; sein unstetes Wandern bei mir zu Stress und Hektik. Mir geht die Luft aus. Er möchte, dass ich so viel wie möglich mit ihm zusammen tue und ist beleidigt, wenn ich zeitweise lieber mit mir allein bleiben möchte, um meine Dinge zu tun.
Früher passte ich mich an, schließlich waren Kinder großzuziehen und ein Haushalt zu managen. Ich bin im Laufe meines Lebens genug Kompromisse eingegangen; jetzt will und kann ich das nicht mehr.
Konrad, Sie müssen zu diesen Dingen nichts sagen. Es tut mir gut, das Schweigen zu brechen und mich Ihnen mitzuteilen. Es ist gut, dass Sie Martin nur vom Erzählen kennen. Wie gut, dass dieses geplante Treffen zwischen Martin und Ihnen in Berlin nicht stattgefunden hat. So gibt es wenigstens einen Menschen, nämlich Sie, der nicht in Loyalitätskonflikte geraten kann.

Liebe Grüße für heute, Ihre Jule


es war das erste mal, dass ich mit einem menschen darüber sprach, wie sehr martin und ich uns inzwischen auseinandergelebt hatten. ich erinnere mich auch noch genau an die innere lähmung, die mich in jenem winter außer gefecht setzte so dass ich in den ersten monaten des jahres selbst konrad, den ich damit sehr erschreckte, nicht schreiben konnte. ich war kaum in der lage zu arbeiten und schleppte mich durch die tage.
erstaunlich auch die antwort von konrad ein paar tage später, so als habe der winter, der an wien vorbei gegangen war und den ich dennoch in meiner seele erlebte, sich in berlin manifestiert.


Berlin, 27.2.06

Liebe Jule,

wie erstaunt war ich, als ich heute Morgen nach dem Aufwachen aus meinem Fenster geschaut habe: alles weiß, als habe die Schneekönigin ihr Zepter geschwungen.
Sind Sie eine Schneekönigin, Jule?
Sicher ist Ihre momentane Situation schwierig, aber haben Sie schon alle Möglichkeiten zur Rettung Ihrer Ehe ausprobiert? Fünfunddreißig Jahre sind eine lange Zeit - die schmeißt niemand einfach über Bord.
Ich kenne Ihre Ungeduld und sorge mich um Sie. Haben Sie mit Martin gesprochen? Ich spüre, dass Sie auf dem Zahnfleisch gehen und verzweifelt um eine Entscheidung ringen. Ich hörte nicht, dass Sie von Liebe sprachen - das hat mich sehr erschrocken!
Vielleicht können Sie ein paar Tage verreisen, um etwas Abstand zu bekommen. Manchmal hilft das, wieder Boden unter die Füße zu bekommen.
Es ist gut, dass Sie gesprochen haben. Egal, wie Ihre Entscheidung letztlich ausfällt, liebe Jule, ich bleibe Ihr Freund. Reden Sie!
Schneegrüße von einem, der sich nach dem Frühling sehnt,

Ihr Konrad


es war bitter, denn martin schien meinen inneren rückzug nicht zu bemerken. noch tauschten wir bett und tisch, aber immer häufiger wanderte ich nachts ruhelos durchs haus und nistet mich zum schlafen in eins der leeren kinderzimmer ein.
anfangs fragte martin mich noch, wo ich geblieben bin, und ich antwortete ihm, dass mich sein schnarchen am schlafen hindern würde. und so fragte er bald nicht mehr und fügte sich in unsere immer häufiger getrennten nächte.
es grämte mich, und ich fühlte mich alt, ungeliebt und überflüssig.

gerade habe ich zu mir selbst "Stop!" gesagt, immer nur nachdenken, das bringt ja nichts. ich werde jetzt in den regen hinaus gehen und mich mit meiner tochter klara treffen. sie ist gestern aus marokko nach wien zurück gekehrt. und später werde ich mir duftende gelbe rosen kaufen und mit martin telefonieren.


am liebsten im duett

Poesie — geschrieben von findevogel am 26 Feb, 2008 @ 16:01

leihst du mir dein ohr?
hören und gehört werden
ist austausch, ankommen
und weiter gehen
wie war noch das lied?
ich möchte die zweitstimme ersinnen
und singen


Blassblaue Tagebücher 9

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 25 Feb, 2008 @ 15:43

Passend, wie maßgeschneiderte Schuhe, schreibt Jule.

23.2.08

Es ist schon lange her, dass mir Fäden so offen in der Hand lagen - endlich einen Anfang gefunden und den Knoten fest gezogen - der Knoten ich!
Will mich nicht mehr verlieren
Nur bei mir geht es weiter. Rechts an der Böschung steht Martin, links am Feldrand Konrad. Wenn ich nach vorne schaue sehe ich einen Weg aus dem Nebel auftauchen. Er schlängelt sich mir entgegen, schmiegt sich an, passend für mich wie maßgeschneiderte Schuhe. Es ist mein Weg. und es singt in mir, als sei endlich Frühling und alle Vögel erwacht.
Konrad und Martin können mir folgen, meine Gedanken und Gefühle für eine Weile fesseln, aber aufhalten können sie mich nicht. Jetzt bestimme ich mein Tempo und auch, welche Abzweigungen ich mir erlaube.
Der Weg war schon immer da, und ich folge ihm heimlich schon lange. Geankert heute - ein fester Punkt - verbinden sich in ihm was war und was wird.
Warum weiß ich das erst jetzt? Weil ich den Anfang gefunden und einen Knoten geschlungen habe und, die Fäden geordnet in meinen Händen liegen, und weil jeder Anfang einem Ende entgegen strebt, wo es wieder beginnt.

Es ist schwer, gegen die Strömung zu schwimmen, wenn man noch ungeübt ist.


Zeit für Frühlingszeilen

Poesie, Jahreszeitliches — geschrieben von findevogel am 24 Feb, 2008 @ 22:50

früh in diesem jahr

tauwetter und glitschige wege
auf denen man ausgleiten kann
wenn duftveilchen
viel zu früh schon erblühen
und der krokus fast wieder schläft
im februar
wo
sind schneeglöckchen und märzbecher geblieben?
keine zeit
denn schon grünt die hecke
und heute sah ich kraniche
auf dem weg in den norden
einmal mehr spüre ich zeitbrüche
und stunden, die marathon laufen
ich komm nicht mit
und hinke einstweilen
der zeit hinter her


Blassblaue Tagebücher 8

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 23 Feb, 2008 @ 20:39

...wie eine Motte im Pelz...schrieb Jule

21.2.08

Ich erinnere mich besonders an eine Situation. Es war an einem späten Nachmittag im Dezember 1993. Martin und ich saßen an dem kleinen ovalen Tisch in der Fensterecke meines Arbeitszimmers. das heißt, damals teilten wir es noch miteinander. Wir hatten Streit. Es ging um die Ausgestaltung und Erweiterung unseres gemeinsamen Hauses, denn ich wollte endlich mein eigenes Atelier und die Beratungsräume, die ich für meine Arbeit brauchte. Lange schon vertröstete Martin mich immer wieder und bat mich, um Aufschub.
Dabei fehlte es weder am Platz noch an den Finanzen, um diese Wünsche in die Tat umzusetzen. Die Kinder waren inzwischen groß und hingen mir nicht mehr ständig am Rockzipfel. Alles hätte gut sein können, aber ich war unzufrieden, wollte mehr. Dieses Gefühl, nicht genug zu bekommen, ohne sagen zu können, was genau fehlt, nagte an mir und zerfraß langsam - wie eine Motte den Pelz - die guten Gefühle für Martin, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt bereits dreiundzwanzig Jahre verheiratet war.

Immer häufiger kam es zu Missverständnissen. Ich fühlte mich weder ernst genommen noch wertgeschätzt.
Ich flüchtete oft in eine Scheinwelt. Dort gab es Konrad und die blassblauen Briefe, die hin- und her reisten, wie kleine Segelschiffe mit weißen Segeln. Eine Welt außerhalb, in der Fantasie und Wertschätzung eine tragende Rolle spielten.
Wenn ich wütend war auf Martin und mich missverstanden fühlte, flüchtete ich zu den Briefen und war für eine Weile nicht mehr ansprechbar.
Konrad und ich waren uns 1985 über den Weg gelaufen. Ich besuchte meine Eltern in Köln und traf ihn in einem kleinen Antiquariat in der Kölner City. Es war der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft, die bis 2006 fast ausschließlich über das Briefeschreiben aufrecht erhalten wurde.
An diesem Nachmittag brach es aus Martin heraus. Er warf mir vor, ihn schon lange nicht mehr so zu lieben, wie er es sich wünschen würde, und dass ich ja bereits Ersatz für ihn gefunden hätte.
Als der ganze Frust aus ihm herausgesprudelt war, bin ich wohl kreidebleich geworden. Mir war eiskalt und ich begann zu frieren: Im nächsten Moment wurde mir siedendheiß. Übelkeit stieg hoch.

Ich fasste es einfach nicht, und war unfähig, dieses Gespräch fortzusetzen, stand abrupt auf, verließ das Haus und blieb über Nacht bei einer guten Freundin.
Nur Leon, der mir im Flur begegnete, sagte ich, wo ich bin.


in diesen tagen 5

Poesie — geschrieben von findevogel am 22 Feb, 2008 @ 18:03

der wind ist aufgefrischt
und hat mit kühlen fingern
den himmel frei gelegt
unter den sternen
erwachen verträumte gärten
leise säuseln die blätter
noch ganz versteckt
und ein vorwitziger dorn
streckt sich dem wehen entgegen
und die rosen
ich ahne schon den feinen duft


Blassblaue Tagebücher 7

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 22 Feb, 2008 @ 12:02

aus den fugen geraten

19.2.08

eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, heute früh schlafen zu gehen, aber nun lag ich seit stunden schlaflos in meinen kissen. die gedanken überschlagen sich und das bittersüße gefühl, das ich seit tagen mit mir herum getragen habe, wie einen kostbaren schatz, will nicht zur ruhe kommen. seit vorgestern hat es sich verstärkt. konrads briefe von vor fünfzehn jahren haben vieles in mir aufgebrochen. ich frage mich erstaunt, wo nur die zeit geblieben ist, die ich versuche einzufangen - jede erinnerung eine perle auf dem ledernen band meines lebens. die enden sind nicht zusammengefügt. es gelingt mir nicht, einen knoten zu knüpfen zwischen gestern und morgen. und so hänge ich scheinbar bewegungslos fest.
mit einem seufzer schlage ich die bettdecke zurück und klettere mit schwung aus dem bett, betrete den schmalen flur und laufe die treppe hinunter zur inzwischen häufig verwaisten küche, die eimal das zentrum meiner familie war. in der oberen schublade des blauen schrankes auf der linken seite muss noch schokolade liegen, erinnere ich mich.
ich nehme sie heraus und öffne die violette verpackung, entferne das staniol und breche die tafel in einzelne stücke, greife eins und schiebe es in den mund. die bittere schokolade schmilzt zwischen zunge und gaumen. allmählich ordnen sich meine gedanken und ich stelle fest, die briefe führten mich nicht zu konrad sondern zurück zu meiner geschichte und dem leben in wien, damals als die familie noch komplett war, aber langsam, kaum wahrnehmbar veränderungen verursachte, die dazu führten, dass alles aus den fugen geriet.


vergessene gärten

Fundstücke — geschrieben von findevogel am 21 Feb, 2008 @ 14:09

www.pixelio.de - willi 217


Traumzeit

Poesie — geschrieben von findevogel am 21 Feb, 2008 @ 09:49

ins Wasser tief
schwimm ich hinaus
tanz mit den Wellen
und mit dir
den Liebessommerreigen
denn du bist da

wer vom Strand zum Wasser schaut
sieht Silberblitze nur
im Auf- und Niedertauchen
warm die Sonne, Himmel blau
und Wind, der zärtlich streichelt
die zwei im Wellental
denn du bist da

zwischen Dünen dann im Sand
- wir sind für uns -
deckt meine Haut
so kühl und schlangenschuppenglatt
die deine sanft
denn du bist da

es blühen Rosenküsse auf den Lippen
und Duft nach Meer und Algen grünt
wenn Worte in den Ohren ranken
in den Augen brandet Lust
wo Hände gleiten federflusenleicht
auf seidenweichen Leibern
denn du bist da

 (weiter)

Tulpengesicht

Fundstücke — geschrieben von findevogel am 20 Feb, 2008 @ 19:16
www.pixelio.de
DominoXL


trilogie

Poesie — geschrieben von findevogel am 18 Feb, 2008 @ 22:09

Ganz und Gar

Im Ganzen ist alles:
Das Laute und Leise
Die Süße, das Bittere
Vertrautes und Fremdes

Im Ying und Yang
Sind Tag und Nacht
Der Himmel, die Erde
Dein Lachen, dein Weinen

Ein Leben wird ganz
In Freude und Schmerz
Den Dornen der Rosen
Der Liebe, dem Hass

Ein Schachbrett trägt Felder
Weiße und Schwarze
Der König zielt auf die Dame
Und Bauern dienen dem Herrn

Im Oben und Unten
Schwebt Dunkel und Hell
Auf Regen folgt Sonne
Auf Geburt der Tod

11.06

Was ist Wahrheit und was Lüge?

Kein Diesseits ohne Jenseits
Hinter dem Tag verbirgt sich die Nacht
Ohne Ich kein Du
Immer ist alles da
Offen
Oder
Im Schatten verborgen
Was ist Sein und was Schein
Was war gestern - wird morgen sein
In der Freude liegt immer auch Schmerz
Was du siehst,muss ich nicht sehen
Und doch, es ist da
Immer - Alles
Zu jeder Zeit

12.6

Traum und Wirklichkeit

Du liebst die Nacht
Und ich den Tag
Wenn du schläfst
Bin ich wach und träume
Wenn du Schatten folgst

Wir treffen uns
Zwischen Tag und Nacht
Am Rande der Zeit
Wo Licht und Dunkel
Einander umarmen

Ich verspinne deinen Gruß
Mit dem lichten Tag
Und Du
verwebst meine Worte
Im nächtlichen Traum
Zusammen
Sind wir ganz sind alles
Was war
Was sein kann
Und einmal werden wird

12.06


zeiten

Poesie — geschrieben von findevogel am 17 Feb, 2008 @ 21:44

es spricht
der morgen zur nacht:
lass den tag ruhen
auszeit im zwischendrin
tagtraumverweben
und die nacht lächelt
und legt schweigend
nebel über den tag


Blassblaue Tagebücher 7

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 17 Feb, 2008 @ 14:05

Wie eine Karte aus dem Tarot-Spiel

17.2.08

Plötzlich fällt Licht durchs Fenster und strahlt wie ein Lampe die Zigarrenkiste an, die immer noch nach mir zu rufen scheint. Ich nehme sie aus dem Schrank und trage sie wie ein Kleinod in meine Fensternische, ein kleiner Tisch steht dort und ein rotes Sofa. Ich stelle die Kiste vorsichtig auf den ovalen Tisch und öffne ohne weiter zu zaudern den Goldverschluss, hebe den Deckel an und betrachte versonnen die gesammelten Schätze. Meine Bewegungen sind präzise, und knapp. Ich bin ganz ruhig und konzentriert, so als würde ich ein Karte aus meinem Tarot-Spiel ziehen, die mir dabei helfen soll, Antworten zu finden auf lebenswichtige Fragen. Ob in der Kiste wohl Antworten auf mich warten?
Ich lasse mir Zeit. Schließlich setze ich meine vergoldete Lesebrille auf und greife mit der Hand tief in die Kiste hinein - es raschelt - und ich fische ein Bündel heraus. Ich löse die Schleife und lege den Zettel zur Seite, auf dem vermerkt ist, dass die Briefe zwischen dem 15.10. 1992 und dem 31. 12.1992 geschrieben wurden. Einen Moment lang schließe ich die Augen und versuche mich daran zu erinnern, in welcher Situation ich damals lebte, sah mich in der großen Wohnküche in Wien mit meinen heranwachsenden Kinder am Tisch sitzen und die Adventszeit planen. Der siebzehnjährige Leon saß seltsamerweise mit am Tisch. Sonst war er immer mit Freunden unterwegs und zeigte wenig Interesse an den familiären Unternehmungen. Kurz sticht es in meinem Herz und ich spüre den Verlust. Leon kam vor sieben Jahren bei einem Autounfall ums Leben.
Ich möchte nicht bei Leon hängen bleiben, weil mich das Erinnern an meinen Sohn unweigerlich in eine depressive Verstimmung führen wird, also gebiete ich meinen Gedanken Einhalt und atme tief ein und aus, bis ich wieder ruhiger geworden bin.
Dann öffne ich den ersten Brief und beginne zu lesen.



Zwischen Tag und Nacht 12 - Fragment 2

Gedankenstückwerk — geschrieben von findevogel am 16 Feb, 2008 @ 20:44

Es ist sehr still!
Draußen ist die Sonne zwischen den kahlen Zweigen des Apfelbaums hängen geblieben. Ich bin wieder zwischen den zeiten. Wäre es nicht so hell, ich würde mich in eine andere Welt versetzt fühlen: Mein Fenster wäre kein Küchenfenster, es wäre die Glasfront meines Luft-Mobiles, gummientengelb, geformt wie ein Apfel, der reif ist und gepflückt werden möchte, aber nicht von dir, denn mit seinen besonderen Kräften ist es in der Lage, jeden abzustoßen, der es wagen sollte, seinen Lack zu berühren - der Platz innen ist eng, aber mein flugbereiter Untersatz gehorcht auf kleinste Gedankenimpulse, es kostet Konzentration und Gedankenkontrolle, aber die roten Polsterbezüge innen sind weich und behaglich. Wenn ich will, massiert der Sitz meinen heute ziemlich verspannten Rücken fast ebenso gut, wie es kräftige menschliche Hände können.
Heute reise ich ins Traumland.
Ich folge den Spuren des Mannes, der immer mal wieder durch meine nächtlichen Träume geistert. Wo kommt er her? Was will er mir sagen? Ist er ein Teil von mir, längst integriert?
Neulich sah er mitgenommen und ein bisschen verwahrlost aus, so als habe er auch schon mal bessere Zeiten gesehen. Zeiten, in denen seine Haut glatt und jung war und die schmalen gepflegten Hände - relativ klein - mit den im Verhältnis zum Handteller recht langen biegsamen Fingern frisch manikürt waren, aber er riecht noch genauso gut wie damals, als habe er grade ein Bad genommen mit Zeder, Lemongras und Zitrone, gekrönt mit einem Hauch von Leder.
Damals lag er unter einer weißen Bettdecke und erklärte mir, dass er ein Heiler sei, den ich aber gar nicht brauche, weil ich meinen eigenen hätte. Er sei nur dazu da, mich daran zu erinnern: Mann und Frau zugleich, mal Schlangenbeschwörer oder Lotosgöttin, mal bewegliche, aalglatte Schlange - gezeichnet mit einer kleinen blauen Spirale über der Nasenwurzel.
Überrascht hat mich seine Größe als ich ihn neulich so plötzlich wieder begegnete - und die Figur: kaum größer als ich und gedrungener, als die Hände auf der Bettdecke damals vermuten ließen.
Sogar etwas Bauch hob sich unter dem T-Shirt ab - nicht, dass mich das stören würde, ich finde es nett.
Es gibt dem Bauchträger etwas Weiches und Zugewandtes, eine weibliche Note, die sowohl Schutzbereitschaft wie auch Schutzbedürfnis offenbart.
Und die Augen - bernsteinbraun und groß sind mir mehr als einen Blick wert.

Ist er nun ein Teil von mir, das männliche Prinzip, mein Animus.

Nur warum löst er sich in Luft auf, wenn ich ihn brauche und lässt mich mit leeren Armen zurück?

Bei dem Gedanken werde ich traurig.

Und gleich darauf fliege ich los mit meinem Mobiles: es wird seinen Grund haben, warum er sich in Luft auflöste.

Ganz schwach erinnere ich mich daran, dass er mich schon mal vor vielen Jahren mit einem Freund besucht hat – das genaue Gegenteil von ihm. Zusammen spazierten wir durch die Stadt – ich barfuss - der eine rechts eingehakt, der andere links und wir sangen „singing in the rain“ weil es regnete und wir keinen Schirm dabei hatten, und es war nicht schlimm, denn der Regen war warm mitten im August.

Vielleicht ist er in diese Stadt geflüchtet, um seinen Freund zu holen, damit wir wieder sorglos durch den Regen tanze können, so leicht, ganz ohne Gepäck mit der puren Lust am Leben ausgerüstet und Musik im Herzen, der Kehle und auf den Lippen.


Blassblaue Tagebücher 6

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 16 Feb, 2008 @ 15:08
Eine offene Wunde - nicht verheilt

15.2.08

Ich bin an mein schweres Nußbaumbuffet gegangen und habe die untere linke Tür geöffnet. Im mittleren Fach zwischen Sammelalben und Modejournalen steht die Zigarrenkiste. Ich schau sie mir an wie lange nicht und kann die Augen nicht abwenden von dem zierlichem Goldverschluss, der Deckel und Kiste verbindet. Was erwarte ich mir davon, die Kiste zu öffnen, sie, die zu rufen scheint. "Nimm mich heraus." als sei es das Brot im Frau Holle´s Garten, "ich bin schon längst gar."
Was schmort da und lässt seine unsichtbaren Gase heraus? Nicht ohne Grund versteckte ich die Kiste zwischen den Heften, die ich selten brauche in meinem alten schön geschwungenen Schrank - ein Einzelstück, das ich in einem Kohlekeller fand und mit viel Zeit und liebevoller Kleinarbeit reinigte und restaurierte. Für mich ist der Schrank wie ein lebendiges Wesen, das stumm mein Auge erfreut und den Arbeitsraum verschönt. Es ist immer ein besonderes Vergnügen, diesen Schrank mit einem nach Orange oder Zitrone duftenden Balsam zu pflegen. Die glatten schöngemaserten Fronten fassen sich gut an und schmiegen sich in meine Hände.
Wenn der Schrank seine Pflege erhalten hat glänzt er matt in warmen Brauntönen. Der Schrank ist alt, er hat ein schwieriges Leben hinter sich, so ins Abseits zwischen Kohleberge geschoben.
Auch Konrad ist alt. Ich muss rechnen: im Oktober wird er dreiundsiebzig und ich selbst werde im gleichen Monat sechzig Beide sind wir Herbstkinder, die den verbleichenden Charme benutzter und abgenutzter Dinge lieben und ganze Geschichten darin finden.

Warum hat er nicht mehr geantwortet im Dezember 2006, als ich zwischen den Türen stand, hin und her gerissen zwischen zwei Männern und nicht meinem Herz folgen konnte?
Es gibt Situationen, da haben andere Dinge Priorität.
Schmerz ist da, eine wunde Stelle, nicht verheilt, auch Ärger und Enttäuschung und dazwischen blitzt Zorn auf.
Immerhin ist es mir gelungen, diesen Mann neun Monate lang komplett aus meinen Gedanken zu verbannen.


Wider den Unkenrufen

wenn ich wieder klein bin — geschrieben von findevogel am 16 Feb, 2008 @ 10:23

„Küss mich“
flüsterte der Frosch
und ich küsste ins Grün
mit zusammengekniffenen Augen
abweisenden Gesten
und gespannt wie ein Flitzebogen
doch wie war ich erstaunt:

sanft war der Kuss
den feuchter Zauber versüßte
und als mein Gesicht sich entspannte
die Augen sich öffneten
und ein Lächeln über die Lippen huschte
rollte mir
ein goldener Ball entgegen
nur
wo war der grüner Geselle geblieben?


Zwischen Tag und Nacht 12 - Fragment

Gedankenstückwerk — geschrieben von findevogel am 15 Feb, 2008 @ 10:21

Im Traum hatte sich etwas aus dem Nebel heraus geschält und eine konkrete Form angenommen. Wie ein Gefäß aus Plastik, dessen Inhalt sich gleich über mich ergießen würde, schwebte es in giftig-grüner Farbe auf mich zu. Ich spürte, dass ich diesmal die Angst vor diesem Unvorhergesehenen und Unberechenbaren abstreifen konnte wie einen alten ausgefransten Mantel, der längst in Müllcontainern hätte entsorgt sein sollen und doch immer wie eine zweite Haut für mich gewesen war, die wärmte, schützte und mich versteckte und nun wohl seine Aufgabe erfüllt hatte.
Ich brauchte ihn nicht mehr, und in meiner rundlichen Nacktheit, die blass und matt in die Nacht hinein leuchtete, mischte sich ein unbeschreibliches Gefühl zwischen Frösteln und Erhitzsein, und gleich öffnete ich ein Fenster und badete im Mondlicht. Es war ein Fließen in mir, das sich einschwingen wollte in die Natur dieses Vorfrühlings, in dem die Bäume und Sträucher erwachten wie aus einem hundertjährigen Schlaf, und alles war wie neu.
Darüber vergaß ich, was über mir schwebte, und der offensichtliche Mangel an Beachtung meinerseits führte dazu, dass sich das Gefäß, ohne seinen Inhalt über mich verschüttet zu haben, in Luft auflöste und nur etwas phosphoreszierendes Licht blieb, dass sich in meinen Augen spiegelte, die ich im Fensterglas sah und die wirkten, als seien sie im intensiven Dialog mit Mond und Sternen.


Die Gärten warten

Poesie — geschrieben von findevogel am 14 Feb, 2008 @ 14:44

Komm
geh´n wir in die Gärten
die wir gestern pflegten
die zwischen Zaun und Steinen
Beete legten
auf denen Liebesfrüchte wuchsen
abgeerntet im September
und brachgelegt vom Winter
es singt am Morgen schon die Amsel
ihr helles Liebeslied
Es ist nun Zeit zum Sichten
gerichtet wird, was Frost zernagte
denn in den braunen Furchen grünt´s
der Hecke wachsen neue Triebe
darunter läuten weiße Glöckchen
den neuen Frühling ein


www.pixelio.de
sonja winzer


Blassblaue Tagebücher 5

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 14 Feb, 2008 @ 11:50

13.2.08

Ja, denkt Jule, die Geschichte gleicht einem offenem Grab

Noch ist nicht entschieden, mit was es gefüllt wird, mit duftender Erde oder mit stinkendem Mist. Zum Glück habe ich Konrad keinen Bleisarg beschafft, um ihn für immer darin zu versenken, weg aus meinen Gedanken, weg von meiner Haut. Ausgelöscht die Erinnerungen. Wegradiert, alles was an Blass-Blau noch erinnert. Nicht wie Großmutter, der es scheinbar gelungen ist, Erinnerungen und Bild für immer zu versenken. Nun Großvater war gestorben und Konrad lebt noch. Aber macht das wirklich einen Unterschied aus?
Nein, die Erinnerungen liegen sortiert und wohlgeordnet in der alten Zigarrenkiste, wie in alten Zeiten zusammengebunden mit rotem Schleifenband.
Ich kann sie jederzeit öffnen die Bündel und den Faden wieder aufnehmen.
Aber will ich das? Die Versuchung ist groß, und ich weiß der Schmerz wird groß sein.
Gerade habe ich wieder Boden unter den Füßen, und doch...


Leise!

Fundstücke, Poesie — geschrieben von findevogel am 13 Feb, 2008 @ 13:25

„Die Dinge von Dauer sind leise“

Schrieb einst ein Herr Ringelnatz
Und ich denke
Wie wahr und wie weise
Es beginnen mit Getöse
Die großen Gefühle
Mit ausladenden Gesten

Manches
Erholt sich davon nicht
Weil nicht jeder Tag ein Sonntag ist
Und so endet´s wie es begann
im Lärm

Was bleibt, wird leise
gewohnte Essenz
ein Lied für jeden Tag
das man gut leiden kann
und was weiter singt
wenn man´s mal vergisst

www.pixelio.de
martina taylor


die innere stimme spricht

Poesie — geschrieben von findevogel am 12 Feb, 2008 @ 17:24

ich nehme ihn auf

den roten faden
und zeichne damit einen weg
wenn du vertraust
ihm folgst
kommst du an
in jenem land
in dem milch und honig fließen
dort
wo vergrabene schätze
unter knochen
darauf warten
von dir gefunden zu werden
hab keine angst vor der nacht
du trägst licht
und es ist stark


Frühlingsbote

Fundstücke, Poesie — geschrieben von findevogel am 12 Feb, 2008 @ 17:19
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gay

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Blassblaue Tagebücher 4

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 11 Feb, 2008 @ 23:28

Angerautes Papier und ein zarter Duft

11.2.08

Ich, Jule, schleiche um die Blassblauen Briefe in immer enger werdenden Kreisen herum. Fast schon spüre ich das angeraute Papier unter den Fingern. Ein zarter Duft liegt noch darin. Nur der Deckel einer alten Zigarrenkiste aus Großvaters Zeiten trennt mich von ihnen. Großvater! Ich habe ihn nicht kennen gelernt, denn er starb an den Folgen einer Kriegsverletzung kurz vor meiner Geburt. In meiner Familie sprach man nicht von ihm. Einmal fand ich ein Bild - vergilbt und angegraut von all den Jahren in verschlossenen Schubladen. Ich fand es, weil ich so gerne auf Schatzsuche ging in dem alten Haus meiner Großmutter, die zehn Kinder alleine groß gezogen hat, und dennoch im Alter - sie wurde 94 - das Lachen nicht verlernt hatte - obwohl mir diese eine Schublade verboten war.. Meine Mutter war achtzehn, als ich das Licht der Welt erblickte und die älteste in der Geschwisterreihe. Manchmal habe ich gedacht, meine Oma hat die Erinnerungen an den Großvater zusammen mit dem Bild in der Schublade eingeschlossen, um abzuschließen mit dem, was nicht zu ändern war, um nicht immer wieder an diesen Verlust denken zu müssen - um zu überleben. Sie war noch jung, als er starb - gerade einmal 36.
Auch die Geschwister, meine Tanten und Onkel, sprechen nie von ihrem Vater, als sei da ein Geheimnis, dass sie sich geschworen hatten, nicht preis zu geben.
Wenn ich mir die Familie anschaue, aus der ich stamme, stelle ich fest, dass meine Mutter und ihre Geschwister lediglich verbunden sind durch das Geheimnis um diesen mir unbekannten Großvater.
Wie kann man mit einer Leerstelle leben, die unantastbar ist, und die man nicht mit lebendigen Erinnerungen füllen darf? Wie mag es sein, einen solchen Sarg in der Psyche begraben zu haben? Ich, die Enkelin, spüre die Schatten des Sarges, der sich an manchen Tagen auf mein Gemüt legt, und mich, die Redegewandte, zum Verstummen bringt.
Und was hat das alles mit Konrad zu tun?

Diese Geschichte gleicht einem offenem Grab.


Blassblaue Tagebücher 3

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 10 Feb, 2008 @ 12:53

10.02.08

Hallo, denkt Jule, es ist Anfang Februar!


Watteweich ist der Tag aus den nächtlichen Träumen gefallen. Schon wieder Seidenblau der Himmel - hallo, es ist erst Anfang Februar - das Telefon schrillt, die Träume sind ohne Konturen wie die Wolken - ich bin gerannt die ganze Nacht: Von einem Ort zum anderen und habe nicht gefunden, was ich suchte, denn unterwegs vergaß ich, nach was ich suchte. Erst jetzt im Erwachen weiß ich, dass es dieser besondere Widerstand deiner Haut in Kontakt mit meiner ist, den ich suchte. Alles in Bewegung heute? Soll das Telefon doch schrillen, ich bin nicht da! Die Dinge rauschen an mit vorbei. Ich kriege sie nicht zu fassen. Nicht ich renne, die Dinge rennen. Warum alles so eilig heute? Es ist Sonntag! Vielleicht sollte ich für ein paar Minuten die Augen schließen und an den denken, der an einem anderen Ort vielleicht an seinem Schreibtisch sitzt , während die Haushälterin gerade das Sonntagsessen kocht - und sich fragt, wie die Leere des Tages gefüllt werden könnte, und der vielleicht wie ich im Körper spürt, dass es Frühling wird und der Saft in den Bäumen steigt.
Hallo Konrad hörst du mich?
Aber vielleicht hast du mich längst vergessen.


Blassblaue Tagebücher 2

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 9 Feb, 2008 @ 22:38

5.10.05

Ich habe heute Geburtstag . Siebenundfünfzig Jahre werde ich alt. Wie schnell die Zeit vergeht. Nun bin ich schon Großmutter und (fast) eine alte Frau. Meine Seele will es nicht glauben. Sie ist höchstens Dreißig und hinkt hinterher.
Geburtstage sind besondere Tage. Ich bin extra früh aufgestanden, um den Morgen ganz für mich allein zu nutzen. Ich brauche stille Zeit, bevor der Trubel los geht. Um elf Uhr werde ich mit meinen besten Freundinnen nach einem Sektempfang ausgiebig brunchen. Am Nachmittag trudeln die Verwandten ein. Es wird ein langer Tag, auf den ich mich freue. Der Oktobertag zeigt sich golden von seiner besten Seite. Das Telefon habe ich für eine Weile abgestellt.
Ich sitze in meinem Wintergarten, rekle mich in den letzten Sonnenstrahlen, schaue den aufgeregten Vögeln zu und lasse meine Gedanken wandern. Gleich ist "Konradzeit" ! Wie lange wir uns schon kennen, und wie wichtig er für mich über die Jahre geworden ist.
Vor langer Zeit trafen wir eine Verabredung: Jeden Morgen um 7.30 Uhr und jeden Abend um 21.30 Uhr denken wir aneinander. Es funktioniert, ja und oft geschieht es, dass sich unsere Gedanken begegnen. Mir wird dann ganz warm. Ich spüre fließende Energie, belebend und beglückend. Ob es viele Menschen gibt, die so etwas erleben? Meine Versuche, diese Erlebnisse in Worte zu fassen, gab ich schnell wieder auf, denn sie stießen in meinem Umfeld auf Unverständnis. So behalte ich sie lieber als meinen ganz geheimen Schatz und als belebende Kraftquelle.
Dies ist übrigens mein erster Tagebucheintrag. Konrad und ich, wir sprachen neulich am Telefon darüber, wie schnell die Zeit vergeht und wie leicht wir Kleinigkeiten vergessen, gerade die Unscheinbaren, die ihre Pracht erst im Nachhinein entfalten und manchmal so positiv wirken. Konrad schreibt seit seiner Jugendzeit Tagebuch, und so beschloss ich, an meinem Geburtstag mit einem Schatztagebuch zu beginnen. Auch mit Siebenundfünfzig gibt es noch Premieren. Ich lächle!

Es ist fast 7.30 Uhr! Ich werde meine Augen schließen und Konrads Nähe spüren. Danach werde ich ganz wach sein, Kaffee kochen und Martin wecken. Seit er pensioniert ist, schläft er gern etwas länger. Das trifft sich gut, denn ich bin ein Morgenmuffel und brauche Zeit allein, um wach zu werden.

Nachtrag:

einen ärgerlichen Zwischenfall gab es gestern. Marle gratulierte mir telefonisch. Sie war schroff, und teilte mir mit, dass sie nicht kommen würde, Ich hatte mich so auf sie und mein Enkelkind Antonia gefreut.
Ich war enttäuscht und sagte es ihr. Sie reagierte beleidigt wie ein pubertierender Teenager. Dabei ist sie doch schon achtundzwanzig. Wenn ich mit ihr in Kontakt bin, scheinen uns Welten zu trennen. Ich bin nicht souverän im Umgang mit ihr.
Aber Klara, mein Wirbelwind war da und brachte Leben in die Bude. Sie ist mir so ähnlich, und wir verstehen uns auch ohne Worte. Ein schöner Ausgleich, der mir aber auch ein schlechtes Gewissen beschert. Liebe ich Klara mehr, als Marle? Bin ich ungerecht?
Klara ist Foto-Journalistin und Weltenbummlerin. Gerade flog sie aus Florida bei uns ein. Mit ihren 26 Jahren ist sie schon weit gekommen. Ich bin stolz auf sie.
Mit Schmerzen habe ich an Leon, meinen Sohn gedacht. In diesem Jahr wäre er dreißig Jahre alt geworden, wenn er nicht vor fünf Jahren mit seinem Freun Sean diesen Unfall gehabt hätte - zwei vielversprechende junge Leben - vernichtet! Ich musste viel weinen, Martin weinte mit. Wir trösteten uns gegenseitig. Ich muss wieder einmal auf den Friedhof gehen. Auch Marle hat seinen Tod bis heute nicht verkraftet.

6.10.05

Es ist vorüber!
Nach diesem turbulenten Geburtstag, brauche ich einen Tag Ruhe.
Martin wartet auf mich. Wir werden einen Stadtbummel machen und auf "Der alten Donau" Boot fahren. Ich nehme mein Notizbuch mit und Martin seine Diggi-Cam. Am Nachmittag ist Kino angesagt und ein Besuch bei unseren ältesten Freunden, Kora und Ralf. Kora kenne ich schon aus meiner Studienzeit. Wir studierten beide Pädagogik in Köln und spezialisierten uns auf "Kunstpädagogik" Zur gleichen Zeit lernten wir in Wien unsere zukünftigen Männer kennen, heirateten im gleichen Jahr und brachten jeweils drei Kinder zur Welt. Einen weiten Weg sind wir schon zusammen gegangen.
Konrad ist im Augenblick so ruhig. Ich beginne, seine Briefe zu vermissen! Ob es ihm gut geht?
Martin schaut schon wieder so genervt, wenn ich ungeduldig zum Briefkasten renne.
Was soll ich tun? Ich liebe meinen Mann, aber auch Konrad hat einen festen Platz in meinem Herz. Es ist ist eine andere Art Liebe. Martin weiß schon seit zwanzig Jahren, dass die immer mal wieder aufkeimende Eifersucht unbegründet ist. Unsere Ehe ist beständig, ich setze sie nicht aufs Spiel. Denn da wo ich bin, gehöre ich hin, will ich bleiben und alt werden.
Ein paar Urlaubstage liegen noch vor mir. Martin und ich werden viel Zeit miteinander verbringen. Dann wartet wieder interessante Arbeit auf mich.
Darf man zwei Männer lieben - auf so unterschiedliche Weise?
Eine Frage, die ich mit einem klaren "Ja" beantworte, denn nur die Liebe kann man unzählige Male teilen, ohne das sie weniger wird, im Gegenteil!
Ich wünschte mir, Menschen könnten sich ohne Verlustangst miteinander arrangieren. Martin war immer ein guter Ehemann und Konrad ein unschätzbarer Freund, mein Seelenzwilling?
Wie soll man dieses Gefühl irgend jemand erklären? Es ist so fragil und zerbrechlich. Fast traue ich mich selbst nicht, es in Worte zu kleiden. Es könnte sich unter meiner Zunge zu Luft auflösen.
Genug für heute, sonst werde ich noch traurig und vermiese Martin und mir den goldenen Oktobertag.


7.10.05

Zwischen den bunten Herbstfarben tragen die Bäume noch eine Menge Grün. Es ist außerordentlich mild in diesem Oktober. Nach dem schönen September haben wir immer noch Temperaturen nahe 20 Grad. Ideal, um die letzten Urlaubstage zum Spatzierengehen zu nutzen. Ich bin siebenundfünfzig und kann mein Alter nicht verleugnen. Zum Glück bin ich gesund und das Leben macht mir Spass. Die Wechseljahre mit ihren Höhen und Tiefen ebben langsam ab. Wenn ich in den Spiegel schaue, wirft er mir ein junggebliebenes Bild zurück. Mein Haar ist inzwischen von grauen Strähnen durchsetzt. Auch die Falten werden mehr. Ich habe einige Kilo zugelegt. Darüber sollte ich lachen. Ich bin im Lebensherbst angekommen.
Der Tag gestern mit unseren Freunden verlief entspannt . Wir haben viel gelacht. Ein gutes Gefühl, denn Cora gefällt mir in letzter Zeit nicht. Sie wirkt traurig und müde. Irgend etwas versteckt sie vor mir.
Konrad hat sich immer noch nicht gemeldet. Ob es ihm gut geht?
Was ist mit den Menschen um mich herum los? Sie verändern sich. Oder verändere ich mich? Gehe ich einer neuen Häutung entgegen? Ist es das Alter? Niemals Stillstand, immer geht es weiter. Neue Herausforderungen warten an der nächsten Ecke.
Ich komme mir vor, wie ein alter Rebstock!


Jahreszeiten

Poesie, Jahreszeitliches — geschrieben von findevogel am 9 Feb, 2008 @ 16:59

In diesen tagen 4

wie kleine sonnen
blinzeln blütenköpfe gelb
aus wintermüdem gras
in den hecken wispert es wieder:
ein neuer ton zum alten lied
der zwischen zweigen
wie ein vogel zwitschert
und leise knackt
dort im gebüsch


Gelb

Fundstücke — geschrieben von findevogel am 9 Feb, 2008 @ 16:56
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leocat


voller worte

Poesie — geschrieben von findevogel am 9 Feb, 2008 @ 12:05

doch wohin damit
wenn du nicht hörst
sie aber weiter sprudeln
dich zu überfluten drohen
bis du darin ertrinkst


ich nähe bunte fahnen aus ihnen
binde und knote sie fest
in die zweige vom apfelbaum
der vor dem fenster steht

wenn du hinausschaust
flattern sie dir entgegen
du kannst sie pflücken
dir einverleiben, sie genießen
wie reifes, saftiges obst


Blassblaue Tagebücher 1

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 8 Feb, 2008 @ 11:55

Die Nacht besteht aus vielen Schichten, denkt Jule.

Sie türmen sich übereinander werden zu Gedanken und Träumen zwischen Nacht und Morgenrot, wenn die Welt erwacht und alles essenziell verdichtet scheint. Schon das Erwachen gleicht dem Beginn eines neuen Lebens. Alles scheint fremd. Es dauert einen Moment bis der Schlaf sich aus den Gliedern löst und die Reise in den Tag beginnt. Oft blitzt etwas bisher Ungedachtes auf, wie der erste Ton zu einem neuen Lied. Und immer die plötzliche Frage, erinnere ich jetzt den gerade geträumten Traum, oder folge ich dem Ton, um das neue Lied zu erkunden? Denn um eins zu tun, muss sie auf das andere verzichten.
Heute ist alles gleichzeitig da: der Traum, ein Klang und dieses Gefühl von Lebendigkeit und Vitalität, die nach Ausdruck verlangt. All die leeren Räume, in diesem Leben die noch zu füllen sind, tauchen wie klar gezeichnete Bilder aus der Dunkelheit vor Jules innerem Auge auf: so als würde ein Maler mitten ins Schwarz hinein bunte Blüten pinseln. Dazu klingt eine Sehnsucht nach Erfüllung in jeder Hinsicht, die so wie heute lange nicht mehr ihre Stimme erhoben hat. Es liegt ein bittersüßer Schmelz darin. Sie sehnt sich nach Armen, die sie umschlingen und für eine Weile festhalten, nach Worten die sie nähren und nach Bewegung, die im Tanz dem neuen Lied Gestalt gibt.

Für einen Augenblick denkt sie an Konrad. Nur zu gern hätte sie ihn aus ihren Gedanken verbannt. Für einen Moment spürt sie Bitterkeit und Schmerz, aber dann siegt dieses berauschende Gefühl, den eigenen Begrenzungen ein Stück weit entschlüpft zu sein. Und es gehört ihr ganz allein.

Später am Tag wird sie sich mit den "Blassblauen Briefen" beschäftigen.


mein freund der baum

Poesie — geschrieben von findevogel am 7 Feb, 2008 @ 23:55

ich lausche, spüre
fließendes Singen im Stamm
lieblich nur - leise

die warme braune Borke
lässt Stille wachsen in mir



Posaunenklang

Fundstücke, Engel — geschrieben von findevogel am 7 Feb, 2008 @ 08:20
geralt
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Jeder hat ein Lied

Fundstücke — geschrieben von findevogel am 6 Feb, 2008 @ 20:29



"Ich habe ein Lied und du hast ein anderes Lied.
Jeder hat ein Lied, um die Weite des Herzens zu füllen.
In den Schatzkammern der Seele
liegt eine Melodie verborgen, die singt man nicht laut!
Du und ich,
wir können sie inwändig zum Klingen bringen,
eine Saite spannen vom Herzen zum Verstand.

So singen wir die Welt leise zum Himmel empor."
Anonym

Aus "Liebe, Lust und Lyrik - Eine erotische Blütenlese" von den Fotografen Serena Rust und David Lucyn


Komm, erzähle mir Nichts!

Poesie — geschrieben von findevogel am 6 Feb, 2008 @ 08:36


ich weiß um Träume
und verschämte Tränen
geweint in die Kissen
zwischen Tag und Nacht
mit der Faust im Mund
damit niemand dich hört
und vom Zittern auf der Haut
das im Körper wogt
wie Ebbe und Flut
scheue dich nicht

bin dein Freund, eine Weide
verschwiegen und weise
verstecke dich gern
hinter den Zweigen
nur mein Ohr hört
und im Stamm das geritzte Herz
entschlüsselt nur Einer
mein Freund der Wind
säuselt leise
sanfte Lieder für dich


Rote Tagträume 67

Rote Tagträume — geschrieben von findevogel am 5 Feb, 2008 @ 23:10

In der Nacht fuhr ich zur See - Marie - und warf meine Netze aus. Stunde um Stunde schaute ich in die Dunkelheit und lauschte dem Plätschern der Wellen an den Planken. Sanft schaukelte das Boot. Ich weiß nicht wie es geschah, aber diese stetigen und gleichbleibenden Geräusche versetzten mich in einen trance-ähnlichen Zustand. Die Nebel um mich herum wurden dichter - fast greifbar, umschlossen mich wie eine Zelle aus Watte.
Und plötzlich hörte ich dein Weinen, nein es war ein Schluchzen und es gesellte sich zu dem Lächeln, das ich auf dem Leuchtturm gefunden hatte und für einen Moment spürte ich deinen Atem.
Freude weckte mich aus dem Dämmerzustand: "Du lebst!" wusste ich nun. Es zappelte in meinem Netz, fast hätte ich es aus den Händen verloren.
Ich holte es ein und fand einen kleinen grünen König mit Fischschuppenschwanz, dem die Krone in die Stirn verrutscht war.


In diesen Tagen 3

Poesie — geschrieben von findevogel am 4 Feb, 2008 @ 11:48

Es ist still hier - fast zu still
doch ich weiß vom Lauten:
nicht weit von hier
in den Karnevalsstätten
unter einem Himmel
der weiß ist wie Schnee
aus dem Konfetti fällt

ein geschenkter Tag für mich
an dem ich sein darf, was ich bin
die Narren - mir vertraut
brauchen keine Bühne heute
sie spielen in mir Klavier - leise
und draußen
streiten Spatzen mit Amseln


Dialoge 4

Zwischenmenschliches — geschrieben von findevogel am 4 Feb, 2008 @ 11:44

Ab und zu übe ich mich in Dialogen.

Auslöser dazu dind Wortfetzen, aufgefangen im Vorrübergehen vermischt mit eigenen Gedanken und Erinnerungen.


Sie sind Fragmente und Versuche:

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Im Farbrausch

Fundstücke — geschrieben von findevogel am 4 Feb, 2008 @ 00:26
moorhenne
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In diesen Tagen 2

Poesie — geschrieben von findevogel am 3 Feb, 2008 @ 17:32


die augen verschattet
zeigen sich tränen nicht
traurigkeit, tief wie ein brunnen
gießt schmerz in die jungen wiesen
werden sie blühen im frühling?
wenn aus schmerz
wieder liebe zum leben wächst
und zu dir
dessen atem ich spüre auf meiner haut
in jedem moment


Zwischen Tag und Nacht 11

Lyrische Gedanken und goldene Äpfel — geschrieben von findevogel am 2 Feb, 2008 @ 18:46

Dieser Tag hat ein Besonderes: vom Schnee, der am frühen Morgen gefallen ist blieb in den Vororten der großen Stadt keine Spur. Um zehn Uhr morgens tragen nicht einmal mehr die Dächer der Reihenhäuser, die dicht zusammen gekuschelt der Kälte zu trotzen scheinen, einen pulvrigen Rest vom Weiß. Die Nacht hatte den Morgen wie eine weiße Wolke in den Tag entlassen. Der Duft von Schnee bleibt haften und wirkt unbewusst besänftigend.
Ein Tag, um bei sich zu sein, leise, fast zärtlich vergehen die Stunden: keine Hetze, kein Stress und diese Fröhlichkeit, die still ist und sich dem genauen Beobachter nur in den winzigen Veränderungen um den Mund herum und in den Augen verrät. Es sind nicht die theatralischen Gesten und Auftritte, einer großen Bühne angemessen, die diesen Tag umkränzen, es sind die knappen und abgezirkelten Bewegungen und Abläufe, die kein Publikum brauchen, die dem Tag Struktur geben. Eben diese kleinen unscheinbaren Dinge: der Zauber erster Schneeglöckchen in ihrem unschuldigen Weiß , fröhliche Stimmen am Telefon, ein besonderer Brief und der Duft einer nährenden Suppe auf dem Herd in der samstäglich geordneten Küche mit den frisch geputzten Fliesen, die schon den Sonntag würdigt, der etwas zu versprechen scheint. Vom Karnevalstrubel verschont, dringt kein Lärm in die Stadtrandoasen, die manchmal kleinkariert und bieder vorgeben, das Größte zu sein und mich fast zur Verzweiflung treiben.
Aber da ist - nur ein paar Schritte entfernt - noch Feld und Weite, ein kleiner Wald, und in der Nähe ein See. Bald werden die Lerchen wieder fliegen. Die Amsel sang gestern ein betörendes Lied.

Sagte ich schon mal, dass ich Samstage liebe?


Ich eile ohne Weile

Vom grünen König und seinem Reich — geschrieben von findevogel am 1 Feb, 2008 @ 13:36

wir rennen hinaus
und springen durch Pfützen
wir fragen den Wind
ob er uns verweht
oder vielleicht
versteckt hinter den Hecken
Siebenmeilenstiefel
zwei Paar
wir werden ihn fangen
mit Netzen umschlingen
der windigen König
wird zappeln gleich einem Fisch
und nicht entwischen

oh, mir verschlägt es die Sprache
ich bin perplex
es ist der Grüne König ohne Land
der am Grund kein Gold sucht
sondern die Worte


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