Blassblaue Tagebücher 12
Nach jedem Winter kehrt der Frühling zurück.
Die
Zeit ist mir in die Quere gekommen und hat mich abgelenkt von meinen
Grabungsarbeiten in die Vergangenheit. Für eine Weile bin ich durch einen
kleinen unscheinbaren Kanal entkommen. Ich bin einfach dem Licht gefolgt und
habe Aurora getroffen. Zwei Wochen lang war sie mein Gast, noch ganz erfüllt
von ihren Zirkuserlebnissen und der Sehnsucht nach dem, den sie liebt, aber
nicht für sich beanspruchen kann.
Beide können wir ein besonderes Lied über die Wechselfälle des Lebens und die
Liebe singen. Es war so schön, eine sanfte, zärtliche und starke Schwester
neben mir zu haben.
Wir waren wie Teenager, haben bis in die Nacht hinein gequatscht und gekichert.
Die Zeit ist uns nicht lang geworden. Wenn ich nicht arbeiten musste, habe ich
ihr meine Stadt gezeigt. Stundenlang haben wir im Kaffeehaus gesessen und den
Schneegestöber zugeschaut. Und ich habe ganz selten nur an Konrad gedacht oder
die Briefe hervor gekramt.
Das Lachen und die Leichtigkeit sind mit ihr und dem beginnenden Frühling zu
mir zurück gekommen.
Jetzt kann ich neu beginnen zu graben, ein bisschen vorsichtiger vielleicht, so
dass meine inneren Höhlen nicht zusammenbrechen. Ich bin keine junge Frau mehr,
auch das muss ich endlich verstehen, um den nächsten Jahren gerecht zu werden.
Es wird sich noch zeigen, welchen Platz in meinem Leben ich Konrad und Martin
einräumen werde. Erst einmal liegt nun das Konzept für einen Roman auf meinem
Tisch, und Aurora hat versprochen querzulesen.

