rote tagträume 78
in der nacht versuchte claire zwischen den heftigen regengüssen und den gewittern, die dieser mai mit sich brachte ein bisschen ruhe zu finden. es wollte ihr nicht so recht gelingen, also spann sie eine neue episode von frau mai, die ihr im traum als eine seiltanzende akrobatin erschien, die über ungewöhnliche und magische fähigkeiten verfügt.
sie erwachte mit dem gedanken: "genau das braucht marie - etwas ungewöhnliches, weil die gewohnten heilmethoden bisher versagt haben - ein bisschen magie."
und war sich doch sehr bewusst darüber, dass sie selbst es war, die diese magie benötigte, um ihrer ohnmacht etwas entgegen zu setzen.
der morgen ging schnell vorbei, so dass claire am nachmittag wieder an maries bett saß und erzählte:
frau mai hatte sich von dem galanten harlekin verabschiedet und huschte nun, auf ein zeichen wartend, hinüber zur galerie.
und da war es schon, die roten samtvorhänge öffneten sich soweit, dass sie das dschungelgemälde sehen konnte. nun hieß es, unbemerkt hinein zu kommen, denn der besitzer, ein alter mann im abgewetzten schwarzen anzug über einem weißen hemd, das einre rote kravatte zierte, kam auch an den feiertagen kurz vor dem angelus in seine galerie, um etwas zu verändern und nach dem rechten zu schauen. die tür war für kurze zeit geöffnet. während der alte mann, den sie herr anton nannte, sich in den hinteren räumen wie jeden abend einen italienischen espresso zubereitete, schlüpfte frau mai hinein. belebend duftete es nach dem kaffee.
bevor sie für diesen abend in einer blüte des dschungelbildes ihr schlafgemach fand, und sich mit seidigen blättern zudeckte, schaute sie noch einmal zum fenster hinaus. sie sah diese frau auf der anderen seite des platzes, die ihre schwester hätte sein können, und die ihr, das wusste frau mai, gefolgt wäre, wenn da nicht ihre besondere fähigkeit gewesen wäre, einen mensch an seinem platz zu bannen.
frau mai wurde nur von wenigen menschen gesehen, denn sie war nicht aus fleisch und blut und nur jene nahmen sie wahr, die die kunst des inneren sehens beherrschten.
frau mai löste den bann, indem sie mit beiden augen kniepte und gleichzeitig einen hochkonzentrierten gedanken zu ihrer doppelgängerin schickte, die auch gleich in bewegung geriet, um den platz zu überqueren. fast stieß sie mit dem harlekin zusammen, der plötzlich auf einem einrad um die ecke gedüst kam und zwischen den weißen zähnen eine langstielige rose transportierte.