Der Tag hat am Morgen Regen gebracht. Über den Gärten am
Meer liegen Dunstschleier, die hier und da zwischen den Bohnenstangen
hängenbleiben, zerreißen und den Blick frei geben auf kleine Fetzen eines
porzellanblauen Himmels. Intensiv sind alle Gerüche nach dem Regen, wenn es
Frühsommer ist. Die grünen Düfte mischen sich mit Holunder, Rosen, kleinen
Walderdbeeren und Lindenblüten zu einer zärtlichen Komposition. Aus dem Dunst
erschafft sich die Welt neu. Stello Negro, das Amselmännchen, balanciert auf
dem dicken Ast des Apfelbaums. Die kleinen Äpfel haben schon deutlich an
Volumen gewonnen. Die Wildkirschen in der Hecke röten sich. Unter dem
Heckengebüsch haben sich die Worte versammelt, um ganz ungestört von äußeren
Einflüssen über eine neue Sprache zu diskutieren. Eine Sprache, die klar und
deutlich zu vernehmen ist, und deren Klang sich nicht nur in den Kopf, sondern
auch in Herz und Seele einnistet, um dort neue Melodien zu erschaffen, die in
die Welt zurück getragen pfingstliche Botschaften verbreiten und heilen.
Genau so, wie sich unter den Dunstschleiern des Morgens die
Welt neu gestaltet, möchte die Sprache sich aus dem eigenen Reichtum neu
erschaffen.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 31 Mai, 2009 @ 00:12
Ja, ich sprach mit der Schlange, Marie, und sie erzählte mir vom
Paradies und den goldenen Äpfeln, die nur der findet, der durch die
Hölle gegangen und wieder zurück gekommen ist in ein irdisches Leben.
Ich weiß natürlich nicht, was du in jenem Zeitabschnitt, um den du
einen großen Bogen gemacht hast, erlebt hast. Es ist aber auch nicht
wichtig für mich. Ich sehe die goldenen Äpfel in deinen Händen, spüre
deine Tiefen, die Schatten werfen in deiner Ausstrahlung und sehe in
deinen Augen den wiedergewonnenen, noch zaghaften Glanz.
Einstweilen freue ich mich darüber, dass es dich gibt. Es ist schön,
dass du nicht nur das Wüstenschiff in mir siehst, dass die Dünen platt
walzt, sondern auch die andere Seite meine Zerbrechlichkeit, die
Empfindsamkeit und das Weiche.
Du hast ein Fenster in mir geöffnet.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 29 Mai, 2009 @ 21:26
du, die jener gleicht, die mit der Schlange sprach, verstehst du etwas von der Hölle, die am Rande der Seele nagt?
Ich war in der Hölle!
Immer wenn ich mich jenen Ereignissen nähere, die geschahen, als ich
noch die andere war, muss ich aufpassen, dass ich nicht hineinstürze in
die Abgründe der endlos schwarzen Nächte, in denen sich meine
schmerzhafte Wandlung vollzog, deren Ergebnis du heute erlebst. Das
Problem sind die Übergänge, die sich nicht klar abzeichnen und keinen
exakten Scherenschnitt hinterlassen. Die Ränder meiner inneren Hölle
sind zerfranst, wie ein abgetragener und fadenscheinender Teppich, der
fast auseinander fällt.
Weißt du Eva, ich muss achtsam sein mit mir selbst und einen großen
Bogen um jenen Zeitabschnitt schlagen. Ich will leben und in meinem
Garten hinter der Hecke jedes Jahr aufs neue die Rosen blühen sehen.
Bitte verzeih, dass ich dir vorgestern nichts weiteres erzählen konnte.
Ich wollte dich weder vor den Kopf stoßen, noch dich zum Grübeln
bringen.
Ich weiß, wie es dir geht. Für mich bist du ein offenes Buch.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 28 Mai, 2009 @ 22:36
Wie ein Segelschiff mit aufgeblähten Segeln schien die Frau,
nennen wir sie Eva, den Asphalt unter ihren Füßen aufzuwirbeln. Ich wunderte
mich, dass keine Funken stiebten bei diesen eisernen Schritten, die von
männlicher Entschlossenheit erzählten. Da ging eine, die ganz bei sich, sehr
bestimmt ein genaues Ziel vor den graublauen Augen sah. Der Blick ließ keinen
Zweifel erkennen. Die Pupillen waren klein, die Augen selbst zu Schlitzen
verengt. Die Haare auf ihrem Kopf loderten und die Strähnen erinnerten mich an
züngelnde Schlangen, die in jedem Moment ihren Giftzahn zücken würden, um dem
Opfer einen tödlichen Biss zu verpassen.
Würde ich mich diesem Weib und seinem Zorn in den Weg stellen, sie würde mich
hinweg fegen, als sei ich ein lästiges Insekt oder nicht vorhanden. Nicht ich
war ihr Ziel, sondern das, was sich in meinem Schatten schon ängstlich duckte.
Eva schaute durch mich hindurch, sah, was sich dort versteckte. Vielleicht
spürte sie dessen Ausstrahlung, roch den Angstschweiß, fühlte die vermeintlich
psychische Winzigkeit. Vielleicht auch war sie sich ein wenig zu sicher, ans
Ziel zu gelangen.
Sie hatte nicht mit mir und meiner Entschlossenheit gerechnet. Obwohl ich
schmächtig und schmal war, stellte ich mich in den Weg, bis sie etwa einen
halben Meter vor mir stand, fast nach mir greifen konnte.
Ich war ganz ruhig, selbst das Herz verlangsamte seinen Schlag, während ich
tief ein und aus atmete, um nicht die Luft anzuhalten.
Voll konzentriert auf Arm und Hand langte ich blitzartig nach hinten, erwischte
das Opfer am Hemdzipfel und zog es entschlossen mit mir mit - zur Seite ins
Gebüsch. Das Gras stand hoch - wir ließen uns fallen - und da war ein Zaun,
unter dem man hindurch kriechen konnte.
Aber was sah sie, diese Eva mit ihren eisernen Schritten?
Nimmt ein verengter Blickwinkel noch wahr, was über das fokussierte Detail
hinaus geht? Welcher Gedanke nistet in einem Gehirn, das so entschieden voran
schreitet? Diese geballte Entschlossenheit, die Ausdruck findet in der
geballten Spannung eines zutiefst entschlossenen Körpers, der nur noch ein
Gedanke ist und die sich raumgreifend, ja fast rücksichtslos Raum erobert. Es
fehlt nur noch der Feueratem eines Drachens. Ich kann ihn mir vorstellen, und
für einen Augenblick verspüre ich Angst vor dem sengenden und verbrennenden
Feuerstoß, der mich treffen wird, nicht körperlich aber mental. .
"Manchmal," erzählt Eva, "fühle ich mich wie
eine Insel." "Ich
kenne dieses Gefühl, Eva" antwortete Marie "es ist, als sei man ein
Wesen außerhalb von, wie von einem anderen Stern." "Ja, Marie, die Fische, die vorbei schwimmen schauen mich mit
großen Augen an. Was sehen sie in mir?" "Vielleicht,
Eva, sehen sie ein Wüstenschiff, das die Dünen platt walzt, aber nicht die
Zerbrechlichkeit, die Zartheit, die Gefühlstiefe, die sich hinter deiner wie
eine Rüstung nach außen getragenen Fassade versteckt." "Hm, Marie, sehen die Menschen nur was sie sehen wollen?" "Ach,
Eva, manche Menschen schauen durch dich hindurch. Ihnen kannst du dein
Geheimnis nicht verbergen. Aber es sind wenige." "Und du, Marie, du siehst hindurch, bist mir zur Schwester
geworden, die sich mir nähern darf, ohne dass ich gleich meine Stacheln
ausfahre. Ich fürchte mich nicht vor dir. Aber ich weiß nichts über dich." "Muss
man denn so viel vom anderen wissen, Eva, um sich mit ihm wohl zu fühlen? Ich
meine, all die Worte, die wir uns mitteilen, um dem anderen zu erzählen, wer
wir sind und was wir ausmachen, können nicht über eine emotionale Grundstimmung
hinweg täuschen." "Du meinst, Marie, wir sollten nicht so sehr auf die Worte hören,
sondern der Intuition und der inneren Stimme trauen?"
"Bist du nicht jene Marie, von der ich einmal vor
Jahren gelesen habe, jene Marie, die plötzlich verschwand." "Mag
sein, Eva, dass mich jemand irgendwo zwischen den Seiten eines Buches
einzupressen versuchte." "Ich weiß nicht mal, ob ich es gelesen habe oder ob mir eine
Freundin von Marie erzählte. Aber sie lebte hier in dieser Stadt, wie
ich." "Ich
war lange weg, Eva, hatte mich verloren. Es war Claire, die mir die Hand hielt,
Tag um Tag, die mir Geschichten erzählte, von denen ich die Worte nicht
verstand. Aber ihre Zugewandtheit, die Wärme, die Inbrunst, mit der sie sich
bemühte, mich zu erreichen, die hinterließ wohltuende und heilende Spuren in
meiner Seele. Ich lag im Koma. Es ist ein Wunder, dass ich lebe." "Man erzählte mir, Marie sei auf Reisen gegangen ohne Spuren zu
hinterlassen. In einer Nacht hatte sie sich auf den Weg gemacht, ohne einen
Brief oder eine Nachricht zu hinterlassen." "Ja,
Eva, es stimmt, Marie verließ ihr Haus, aber sie kam nicht weit. Aufgebrochen
war sie, um ihren Seelenbruder zu suchen. Marie kam nicht weit, überschritt
nicht einmal die Grenzen ihrer Stadt." "Und, bist du jene Marie?"
"Ich bin es, und bin es doch nicht. Die Frau, die hier vor dir sitzt ist
nicht die gleiche, die aufgebrochen ist, ihr Liebstes zu suchen." "Man erzählte mir, Marie sei sehr beherzt gewesen."
"Das ist sie noch immer, aber als Claire aufgab und die Stadt verließ,
weil sie spürte, dass sie Marie nicht zurück holen konnte, geschah das
Unglaubliche, Marie kehrte ins Leben zurück." "Und was ist aus Claire geworden?"
"Ich merke Eva, dass ich dir im Augenblick nicht mehr erzählen mag.
Verzeih! Ich bin aufgewühlt. Wasmit mir geschah, ist nur schwer in Worte zu fassen.
Ich werde ein anderes Mal mehr erzählen."
Poesie
— geschrieben von findevogel am 20 Mai, 2009 @ 15:25
ich möchte mich hinein stehlen
in deine gewandten worte
so wie in ein unbekanntes haus
indem man auf zehenspitzen schleicht
möchte in der mauer aus silben
jeden stein umdrehen
um zu verstehen, was er verbirgt
will durch jedes fenster schauen
an allen türen rütteln
um den schlüssel zu finden
zu dir
denn da ist ein gefühl
kurz notiert!
— geschrieben von findevogel am 18 Mai, 2009 @ 08:10
Ich möchte euch von Mio berichten, die ein Freund von mir im Tierheim
fand. Das kleine fuchsartige Geschöpf erobert die Herzen im Sturm und
ist darüber hinaus ein sinnlich-vergnügtes Kuscheltier. Mio kann lachen.
Der Hund, genauer gesagt die Hündin - ursprünglich aus Ungarn -
versteht inzwischen gut deutsch und ist oft bei mir zu Besuch. Sie hat
uns schon als Zweitfamilie adoptiert.
Poesie
— geschrieben von findevogel am 16 Mai, 2009 @ 12:12
flügellahm, denkst du
und schimpfst mit mir
aber marie meint
ich sei so ruhig geworden
seltsam ruhig
dabei halte ich nur an
um nicht mitzudrehen
und im wirbel der zeit
mich nicht zu verlieren
den vulkan, der unterirdisch glüht
kann man nicht löschen
er wird spucken, wenn die zeit reif ist
Poesie
— geschrieben von findevogel am 13 Mai, 2009 @ 23:03
verwurzelt
fliegen
angst orten - den schmerz aushalten
trauer
zulassen
und abschied nehmen
etwas sterben sehen
sich leer weinen
spüren
die füße ankern im boden
verwurzelt finden sie quellen
dort - wo die erde schläft
und pulsierend leben schenkt
mit dem
trommelschlag der zeit
schwingst du im gleichklang
fühlen
der
geist erdet im universum
gehalten - geführt
dort - wo der himmel sich
wölbt - wirkt
deine gedanken und träume beschützt
und dir nischen
gewährt
im grenzenlosen raum
atme sie ein - diese kraft - tief
dann lass los
die trauer, den schmerz und die angst
und lehr dein
herz fliegen
Poesie
— geschrieben von findevogel am 9 Mai, 2009 @ 22:30
Secret Touches
Es war...
etwas Gläsernes zwischen uns
nicht wie eine Wand
Eher wie ein Spiegel
als wir langsam auf einander zugingen
die Blicke ineinander gewunden
Es war...
etwas Zartes zwischen uns
nicht im Staunen
eher im Wissen darum
dass, was sich berührt
zu Staub verfallen wird
Es war ...
etwas wie Liebe zwischen uns
ohne Worte
nicht die Irdische
eher, wie etwas Magisches
aus einer fernen Zeit
und da war ein großes Wundern
Poesie
— geschrieben von findevogel am 8 Mai, 2009 @ 19:12
die traurigkeit
die sich zwischen uns breit macht
will ich nicht leugnen
doch ich möchte ihr nicht begegnen
jeden tag
von angesicht zu angesicht
deshalb wickle ich sie in buntes glanzpapier
und lege sie ganz oben ins regal
zwischen verdorrte äpfel und rosenblüten
vom letzten jahr
ein rest vom duft ist noch da
ich werde mich umdrehen
dich anschauen
und dir ein lächeln schenken
kurz notiert!
— geschrieben von findevogel am 7 Mai, 2009 @ 23:16
Ich war heute - am Abend - wohl eine Stunde unterwegs, immer dem Mond entgegen. Da war ein
kleines Wolkengebirge am Himmel, hinter denen er neckisch verschwand,
um gleich darauf wie verdötscht wieder hervor zu blinzeln. Ich dachte
an das Spiel, das kleine Kinder gerne spielen: sie verstecken sich
hinter ihren Händen und gehen davon aus, dass man sie nicht sieht. Wenn
man dann sagt: "Wo ist denn mein Kind?" nehmen sie die Hände vom
Gesicht weg, lachen dich mit leuchtenden Augen an, um gleich wieder
hinter den Händen zu verschwinden. Stundenlang lieben sie dieses Spiel
zu spielen. Es war lau und warm. Fledermäuse jagten Beute. Die Füße
liefen von ganz allein.
Ich liebe es, wenn der Abendwind mir über das Gesicht streichelt, wie
es eine liebevolle Mutter tun würde. Ich liebe den Duft von Wiese,
Feld, Gras und Bäumen, wenn die Sonne untergeht. Ich mag das Bellen der
Hunde in der Ferne und das Muhen der Kühe auf der Weide, wenn es Nacht
wird. Ich mag den Boden unter meinen Füßen und die Nacht, die sich in
Träume hüllt.
Poesie
— geschrieben von findevogel am 7 Mai, 2009 @ 10:13
als ich einst träumte
in einer anderen nacht
erzähltest du von den farben
die in alten gärten zu blumen werden
eine bunte offenbarung hinter maigrünen hecken
und ich frage mich, was ich dir antworten soll
in dein unschuldiges herz
das schmerz und trauer kaum kennt
sieh, diesen knorrigen baum
eine alte olive - allein und übrig geblieben
aus visionen vom heiligen hain wuchs sie empor
sie webt die schatten in dein licht
und doch
sein laub flirrt in tausend facetten
Poesie
— geschrieben von findevogel am 3 Mai, 2009 @ 23:10
der mann
der wie ein buddah sitzt
und dem ein fluss aus seinen händen sprudelt
sein kranz aus früchten lebt
verwächst mit haar und bart
er flüstert mit dem wind ein lied
die töne perlen mit dem strom
der sich zum meer hin schlängelt
dort, wo ein blauer fisch mäandert
der töne atmet durch die kiemen
er trägt sie fort zum fernen horizont
wo er sich aus dem wasser hebt
und als vogel durch die lüfte segelt
er trägt das lied zur insel
und legt es in die dünen
bis alles singt im großen chor
im kranz, der lebt
und auf des mannes kopf sich windet
Ich gehe quer, verkreuzt im Rückwärtsgang
und bringe Bilder aus dem fernen Land, das Zukunft heißt.
Der Bote sitzt auf einem Thron
und trägt aus wilden Früchten einen Kranz im langen Haar.
Die Augen sind geschlossen und aus den Händen rinnt ein Fluss.
Er weitet sich zum Meer, indem ich schwimme
als blauer Fisch, der morgen sich zum Vogel wandelt.
Ich seh´ den Bruder - der versunken zwischen Trödel - sich über alte Bücher
neigt
und mittendrin im Trubel eine Ruheinsel um sich schafft.
So klar sein Geist und Amseln zwitschern im verfilzten Haar.
Mein Herz schwingt ein in diese Stille und stolpert fast
weil soviel Nähe plötzlich ist
und alle Grenzen fallen ohne Widerstand.
Mein Meer,
es schmiegt sich um die Insel und hält sie fest umschlossen
den Perlenstrand im Muschelhafen.
Und jenes Haus, in dem ein golden Kind erwacht
es nennt sich Schloss der tausend Träume.