Farbenpracht
Standhalten!
ich streiche die Falten aus der Stirn
öffne die Arme weit
dreh mich einmal um die Achse
soll der Wind kommen
von vorne - von hinten - von seitwärts
ich stelle mich hinein
sage der Sonne "Sei gegrüßt"
und stehe fest
die Füße im Sand verkeilt
und der Mund
der eben noch ein Schmollmund war
entspannt sich zum Lächeln
Unterwegs 2
Manchmal, wenn der Tag plötzlich auftaucht aus den Tiefen der Nacht und
mit der ersten zierlichen Morgenrotsichel vorwitzig aus den Wolken
hervorlugt, hüpfen noch Nebel über die Wiesen, wie kleine Gespenster.
Die Tauperlen auf den Gräsern - man weiß, dass sie da sind -sieht man
noch nicht.
Wer aus der Nacht in den Morgen tritt, überschreitet
eine Grenze und landet im Niemandsland, ein breiter Streifen von
unterschiedlicher Dichte, eine schemenhafte Brücke, die den Tag mit der
Nacht verbindet. In den Untiefen und Schatten der Nacht wirkt das
Geheimnisvolle, das Vertuschte und das Begrabene. Jenseits der Grenze,
die dem Tag Konturen gibt wirkt das Fassbare, das Sichtbare, das Helle.
So wie sich in den Sternen der Nacht der Tag spiegelt, so spiegelt sich in den flirrenden Schatten des Tages die Nacht.
Jene Brücke zwischen beiden Polen, ist die Bühne für alles Kreative,
denn im Dunklen wird geboren, was sich zum Licht hin entfaltet.
Unterwegs 1
So, wie meine Gedanken, die an diesem Morgen mit den Worten durch den Alltag geistern - hierhin streben und dorthin - sich überschlagen und wieder verlieren, bis es plötzlich still wird und nur noch der Sommer wärmt und der Wind die Haut streichelt.
Unterwegs!
Einmal sind wir beide - ich vielleicht fünf und du meine heimliche Kinderliebe schon zwölf - still und leise hinauf geklettert, um zwischen Spinnenweben und Staubmäusen einen Blick in all diese Herrlichkeiten zu wagen, die die Erwachsenen uns ständig vorenthielten. Es war unheimlich und ich erinnere mich noch an die Gänsehaut, die mir alle meine Häärchen an den Armen wie stumme Soldaten in Habachtstellung brachten.
Damals glaubte ich, dass sich Gespenster zwischen dem alten Gerümpel verstecken und nur darauf warten, neugierige Kinder zu erschrecken und ihnen, was auch immer anzutun.
Schon als Kind wollte ich nicht weiter darüber nachdenken, was dieses von den Erwachsenen so drohend ausgesprochene.
"Du wirst dein blaues Wunder erleben."
zu bedeuten hatte. Ich dachte an Schmerz, Eingesperrtsein; an Galgenstricke; räubernde Vagabunden, kinderfressende Zigeuner und gewalttätige Monster.
Die Bilder dazu zuckten wie Blitzlichter in meinem Kopf auf. Schnell verscheuchte ich sie mit meinem inneren Staubwedeln zum Fenster hinaus, wie die nächtlichen Träume vom fürchterlichen Räuberhauptmann, der mit seiner Bande im Gewölbekeller auf mich lauerte, um mich einzufangen und mit zu nehmen.
Wie gut, dass du bei mir warst, denn beinahe wäre ich gestolpert. da gab es eine gefährliche Luke. Gerade noch rechtzeitig hast du mich festgehalten.
Und jetzt, ich sitze am Feuer und sehe dich. Dabei bist du schon lange in jener anderen Welt, in die ich dir nicht folgen kann.
Kann es sein?
wenn der Mond wieder rund ist?
Und die Tage, wie graues Einerlei hinter dir liegen
Wirst du mich erkennen
wenn die Nacht sich mehr Raum nimmt?
in meiner ganzen Fülle, mit Schatten und Licht
Wirst du mich verstehen
wenn der Sommer den Herbst umarmt
und ich dir Früchte bringe aus meinem Garten?
Wirst du mir vertrauen
wenn ich dir die Hand reiche, dich leite
weil mein Licht auch in deine Dunkelheit reicht?
RÜCKBLICK 2005
Die Fischerhütte liegt auf einem kleinen Hügel abseits vom Dorf. Von den Fenstern auf der Gartenseite schaut man über die Dünen hinaus auf das sich ständig verändernde Meer. Wind ist aufgekommen und vertreibt die grauen Wolken.
Seitwärts des kleinen Gartens öffnet sich eine blaugetünchte Tür hin zu einem schmalen Weg, der zum Strand führt. In Gedanken spüre ich schon den nassen Sand unter meinen nackten Füßen und atme in tiefen Zügen die salzige Luft ein. Ich schaue den Möwen zu, sammle Strandgut und genieße die Ruhe des weiten Horizonts. In der Ferne gleitet ein Segler in die untergehende Sonne hinein.
Sie war angekommen. Die Reise zu sich selbst durfte beginnen.
Sie sprach zu sich selbst:
„Du hast dir diese Einsamkeit gesucht, um Abstand zu gewinnen. Du wirst eine Weile bleiben. Deine Füße, die sich warm anfühlen, tragen dich zum Wasser. Es ist nicht so kühl, wie du gedacht hast. Kleine Wellen schwappen über die Knöchel. Wann hast du dich zum letzten Mal so lebendig gefühlt? Dir wird bewusst, dass du frei bist. Ein lautes Lachen befreit sich aus deiner Kehle.
Kein Mensch ist am Strand, und du wirbelst wie eine Feder herum und beginnst zu tanzen. Ganz versunken lauscht du dem Lied von Wind und Wellen und der widergefundenen Melodie, die das Blut dir ins Ohr rauscht. Den Segler hast du längst vergessen. Es wird Abend. Du nutzt den letzten Sonnenstrahl und malst mit dem gefundenen Fühlholz ein großes Herz in den Sand.“
Plötzlich war ihr, als habe sie diese Situation schon einmal erlebt....auch da hatte sie im Sand gelegen, wütend voller Zorn.... es war in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Jetzt erinnerte sie sich .... sie war Kind, ein kleines Mädchen, etwa fünf Jahre alt. Es musste im Sommer gewesen sein, denn es war warm, und sie trug einen kurzen Rock. Die Beine waren nackt. Das dunkle im Pferdeschwanz zusammengebundene Haar war voller Sand
Eine andere Situation, viele Jahre später, schob sich vor die Kindheitsszene:
Sie befand sich in einem Cafe´, es war Abend, Kerzen waren angezündet. Ihr Herz pochte laut. Sie konnte ihn nicht anschauen. Auf dem Tisch lag Sand, der mit bunten Muscheln dekoriert war.... daran wollte sie sich nicht erinnern....daran nicht!
Das Mädchen im Sand? Warum war sie damals so wütend gewesen?
Kurz tauschten sie einen tiefen Blick. Etwas wie Hass lag in ihrem, aber noch etwas anderes, ein Versprechen und ein geheimer Wunsch, den sie vor ihm verbergen wollte.
Ihr wurde wieder bewusst, wo sie war. Der verschleierte Himmel lastete bleiern und schwer, wie ein mit Wasser vollgesogenes Federbett, auf ihrem Körper.
“Was wäre gewesen, wenn sie damals hätte bleiben können in diesem Cafe, wenn sie es ausgehalten hätte?“
Wut brach aus ihr heraus, Wut und Zorn auf sich selbst. Da war jemand gewesen. Er hätte mit ihr den Schlüssel gefunden zu jenem verschlossenen Zimmer. Das hatte sie schon damals unbewusst geahnt.
Sie war davon gerannt – panisch, hatte ihn nicht wieder gesehen.
Wie mochte der Schlüssel wohl ausgesehen haben?
Vom Meer her ertönte Sirenengesang: im Chor mischten sich der stürmischer werdende Wind, die zurückweichenden Wellen und das Lachen der zum Schlaffelsen fliegenden Möwen.
Marie lauschte dem Sirenengesang und ihrem eigenem Atem. Es hatte doch keinen Sinn, so in sich hinein zu laufen und auf sich einzuhauen. Die Vergangenheit ließ sich nicht ändern.
Nichts konnte rückgängig gemacht werden. Wer weiß, vielleicht liegt in der Zukunft ein Zeitpunkt, an dem der Sinn verständlicher wird.
Marie stellte sich vor:
„Ich packe alle miesen Gedanken in kleine Päckchen. Mit Tesafilm verklebe ich alles fest; verschnüre zusätzlich mit festen Bindfäden. Nichts kann mehr heraus purzeln. Dann nehme ich jedes Päckchen und schicke es auf die Reise. Wohin? Dreimal um die Welt!“
Während sie das so dachte, wurden ihre Züge weicher und entspannt. Marie zog die Windjacke enger um sich herum und setzte sich, eine Weile, mit zum Lotussitz verschränkten Beinen in den Sand. Wie der Schlüssel zu dem verschlossenen Zimmer ihrer Kindertage wohl ausgesehen hatte?
Marie versucht, sich zu erinnern.
Er war groß. Plötzlich sah sie ihn in der nicht mehr jungen, mit Altersflecken übersäten Hand ihrer Großtante Karla. Er hing neben seinem Brüdern und Schwestern am eisernen Ring eines gut bestückten Schlüsselbundes, den die Tante gerade in die Schürzentasche steckte, während ihrem schiefen Mund ein höhnisches Lachen entgleiste. Tante Karla hatte die Schlüsselgewalt besessen, im alten Haus.
Marie zuckte unter der Intensität dieser Erinnerung zusammen.
Der Schlüssel zu ihrem Erinnerungsschloss hatte golden geblinkt.
Eine Rose, eine Rose, eine........
warum nur wollte der schlaf nicht kommen? ein traum der letzten nacht drängte sich gierig in ihre gedanken. sie ließ sich nun darauf ein und spürte zu ihrem erstaunen, wie die lippen sich zu einem lächeln öffneten und auch ihr schoß, der vernachlässigte, sich entspannte und freigab für dieses zärtliche pulsieren, das ein glücksgefühl begleitete. der kräuterduft mischte sich mit dem rosenbalsam, dass sie fürsorglich in die füllige haut ihres körpers einmassiert hatte. und schon marschierten erinnerungen auf, die augen fielen ihr zu und schon bald hatte sie die sommernacht in den schlaf gewiegt.
Im Zigeunerwagen 2
Schmierenkomödianten?
Sakko schlich sich heran. Unter der geölten Haut sah man die Muskeln
spielen. Zwischen den Lippen trug er ein Messer. Ich sah von weit auf
das Geschehen, das minutiös eingefangen diesen Mann erscheinen ließ,
wie einen Panther. Die schwarzen Augen blitzten während ein goldener
Ring am linken Ohr baumelte und die dunklen glänzenden Haare unter
einem roten Tuch nach Piratenart zusammen gehalten waren.
Von draußen erklank klagend die Geige. Ein Akkordion setzte ein. Füße wirbelten im Takt zur Musik.
Was hatte Sakko vor. Etwas Gefährlichen ging von seinem Raubtierkörper
aus. Geballte Konzentration war auf ein Ziel gerichtet, dass außerhalb
des Rahmens lag, der sich für mich, der Zuschauerin, öffnete.
Aus dem hinteren Raum drang ein Duft, der die Szene im Erleben noch intensiver machte.
Plötzlich fiel ihm das Messer aus den Lippen und er brach in ein lautes
schallendes Lachen aus. Ich könnte nicht sehen, was sein Lachen
hervorgelockt hatte, nur ein Singen antwortete von Irgendwo.
Im Zigeunerwagen 1
pass auf, du mit deinen nackten füßen im weiten rock, der farbe bekennt, die splitter sind spitz, und diesem hemd aus morgenröte, das paradiesische äpfel verspricht.
gläsernes zerbrochen, gedanken, zart und fragil, transparent, für mich, nicht für dich, mit den langen dunklen haaren und den goldenen kreolen am ohr.
hörst du die geige? schwing deinen rock im tanz, ich sammle die splitter ein, damit dein rassiger fuß nicht schaden nimmt auf der bühne meiner gedanken.
hängt die wäsche ab, riefen sie, und es verbreitete sich in windeseile, die zigeuner sind da.
versperrt eure türen, flüsterte man sich zu, und als sie kamen, war die stadt still, eine einzige mauer - fugendicht - wie die wehr einer burg vor dem angriff der feinde.
wenn meine gedanken vagabunden sind, die ihre habseligkeiten wie ein bündel geschnürt auf dem rücken tragen, hab acht, sie könnten dich erreichen und etwas in dir entzünden. so schließe die fenster, versperre die türen, leg einen schutzpanzer um dich herum oder bau dir gleich einen bunker - meine worte wiegen leicht, doch ihre wirkung kann niemand im voraus ermessen.