findevogels fundstücke

Die Welt steht Kopf

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 11 Mär, 2009 @ 22:38

 

1

In den Rhein sind die Wolken gefallen
sie schwimmen hellblau und weiß mit den Wellen
die sich türmen, heute
lecken schaumbekränzt an Stegen und Molen
überschlagen sich verspielt
purzeln übereinander wie wilde Kinder
wir schauen zu
wie sie miteinander raufen
und ihr Grollen erzählt vom Meer
in Ankerleinen von Schiffen
hängen makabre Figuren
Wassergeister ohne Namen
aus Plastik, Holz und verwitterten Binsen
gestaltet vom Fluss, der fließt und nicht ruht

2

Und aus den Pfützen
die der Regen füllte
springt Frühling deinem Blick entgegen
spiegelt

 Knospen und das erste Grün
die Welt steht Kopf in deinen Augen
in die der Himmel Farben tupft
ein Klingen trägt der Wind
im Spiel mit Schiff und Wellen
an Land die Leute eilen
beschwingt mit festen Schritten
ein Lächeln zeichnet ihr Gesicht
weil endlich Sonne wieder wärmt

3

Das anderswo ein Sterben wütet

das lässt den Frühling kalt

Es webt sich in Gedanken leise

ein Trauerkranz vom späten Herbst

er wird die frischen Gräber zieren

und flicht ins blaue Band

die Trauer und den Schmerz

 

 

 

 

 


Spürsuch(t)e

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 27 Aug, 2008 @ 15:40

Du, wo bist du?
Haben dich die Wellen verschluckt?
Die Nacht hüllt mich ein, versperrt die Sicht.
Nach innen will ich schauen und dich suchen.
Mitten durch mich hindurch spüre ich, du bist da.
Vielleicht zog es dich in meine inneren Gärten mit den heilenden Quellen,
wo ein ewiges Feuer jene wärmt, die ausgegrenzt und verschoben
durch die Wüsten unserer Zeit vagabundieren
und von dem leben,
was überfließende Müllcontainer großer Städte noch herzugeben vermögen.
Die Apfelgärten sind ausgestorben
und in Frau Holles Reich fallen keine Spindeln mehr durch verzauberte Brunnen.
Im Schlaraffenland regiert Überfluss und Mangel an Herz.


rote tagträume 78

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 31 Mai, 2008 @ 17:26
am abend vorher hatte claire marie mit dem gefühl verlassen, ihr etwas dagelassen zu haben, ein bisschen energie, gemischt mit fantasie und einem hauch von nonkonformität. so war es immer zwischen ihnen gewesen. wenn marie sich in ein thema verbiss und nicht locker ließ, in den eigenen eingefahrenen mustern hängen blieb, dann nahm claire den schatten von maries blick weg, indem sie ihn auf etwas nebensächliches oder erstaunliches am rande des blickfeldes lenkte. oft reichte das, um marie aus den verwirrenden endlosschleifen herauszuholen und oft endeten diese gespräche mit übermütigen lachen und einem kreativen wortgewitter, das beide gleichermaßen erfreute.
in der nacht versuchte claire zwischen den heftigen regengüssen und den gewittern, die dieser mai mit sich brachte ein bisschen ruhe zu finden. es wollte ihr nicht so recht gelingen, also spann sie eine neue episode von frau mai, die ihr im traum als eine seiltanzende akrobatin erschien, die über ungewöhnliche und magische fähigkeiten verfügt.

sie erwachte mit dem gedanken: "genau das braucht marie - etwas ungewöhnliches, weil die gewohnten heilmethoden bisher versagt haben - ein bisschen magie."
und war sich doch sehr bewusst darüber, dass sie selbst es war, die diese magie benötigte, um ihrer ohnmacht etwas entgegen zu setzen.
der morgen ging schnell vorbei, so dass claire am nachmittag wieder an maries bett saß und erzählte:

frau mai hatte sich von dem galanten harlekin verabschiedet und huschte nun, auf ein zeichen wartend, hinüber zur galerie.
und da war es schon, die roten samtvorhänge öffneten sich soweit, dass sie das dschungelgemälde sehen konnte. nun hieß es, unbemerkt hinein zu kommen, denn der besitzer, ein alter mann im abgewetzten schwarzen anzug über einem weißen hemd, das einre rote kravatte zierte, kam auch an den feiertagen kurz vor dem angelus in seine galerie, um etwas zu verändern und nach dem rechten zu schauen. die tür war für kurze zeit geöffnet. während der alte mann, den sie herr anton nannte, sich in den hinteren räumen wie jeden abend einen italienischen espresso zubereitete, schlüpfte frau mai hinein. belebend duftete es nach dem kaffee.

bevor sie für diesen abend in einer blüte des dschungelbildes ihr schlafgemach fand, und sich mit seidigen blättern zudeckte, schaute sie noch einmal zum fenster hinaus. sie sah diese frau auf der anderen seite des platzes, die ihre schwester hätte sein können, und die ihr, das wusste frau mai, gefolgt wäre, wenn da nicht ihre besondere fähigkeit gewesen wäre, einen mensch an seinem platz zu bannen.
frau mai wurde nur von wenigen menschen gesehen, denn sie war nicht aus fleisch und blut und nur jene nahmen sie wahr, die die kunst des inneren sehens beherrschten.
frau mai löste den bann, indem sie mit beiden augen kniepte und gleichzeitig einen hochkonzentrierten gedanken zu ihrer doppelgängerin schickte, die auch gleich in bewegung geriet, um den platz zu überqueren. fast stieß sie mit dem harlekin zusammen, der plötzlich auf einem einrad um die ecke gedüst kam und zwischen den weißen zähnen eine langstielige rose transportierte.


Blassblaue Tagebücher 14

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 20 Apr, 2008 @ 14:03
Tage versäumt, denkt Jule.

Nach langer Pause habe ich mich heute endlich wieder in den Garten getraut. Zwischen den kleinen blauen Perl-Hyazinthen blüht schon erster Löwenzahn. Mir geht das Herz auf, wenn ich diese Farbkombination sehe. Und gleich schau ich nach dem Apfelbaum. Bald gehen seine Blüten auf und auch der Flieder nebenan wird nicht mehr lange träumen. Es duftet nach Grün.

Ich habe geträumt, die Tage versäumt, Stunden verschlafen, so wie jemand, der ausgezehrt ist nach einer langen Reise, und nun spüre ich , wie die Energie zurückkommt. Einer Schlange ähnlich schlängelt sie durch meinen Körper und zischelt Zungenlaute in mein Ohr.
Heute könnte ich Bäume ausreißen.

Mit den Grabungsarbeiten werde ich noch warten. Ich habe keine Lust, nach Knochen zu suchen. Ich werde mir eine Hängematte zwischen die Bäume hängen und die Männer weiter aus meinem Kopf verbannen.

Immerhin, ich bin weiter gekommen mit meinem Manuskript, und gestern hat mir Aurora geschrieben. Sie ist unruhig, will tingeln und ihr Nomadenleben wieder aufnehmen. Diese Ruhelosigkeit! Sie muss ihr angeboren sein. Ob sie wohl Vorfahren beim fahrenden Volk hatte? Ich muss sie fragen. Wie wird jemand, was er ist?
Was wäre, wenn ich mit ihr ziehen würde. An meinem Buch kann ich immer noch weiter schreiben. Es läuft nicht davon.
Es ist ja immer auch eine Frage der Zeit, und was ich dieses Jahr noch schaffe, ich weiß nicht, ob es mir im nächsten Jahr noch gelingt.
Ich sollte die Zeit nutzen, und Dinge tun, die mich reizen und die ich noch nie getan habe.

 


Blassblaue Tagebücher 13

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 1 Apr, 2008 @ 23:05
"Darf ich vorstellen? Das ist Aurora!"

So habe ich , Jule, sie porträtiert, nachdem sich unsere Wege zum ersten Mal gekreuzt haben.

Das Mädchen war nicht jung.


Die mausgrauen Haare trägt sie zu Rattenschwänzen gebunden hinter den kleinen Ohren. Die Augen sind von unbeschreiblicher Farbe: in einem hellen Bernsteinbraun tanzen grüne Sprenkel. Ein tiefes Grau umrahmt die Iris.
Das schmale Mädchen gleicht einem Knaben. Winzige Brüste zeichnen sich ab unter dem engen geblümten Trikot, und die kaum gerundeten Hüften wiegen sich beim Gehen. Ein langer Schal flattert feminin um den Hals und wippt mit den Zöpfen im Takt - fast, als sei er eine Fahne im Wind.
Lacht dieses alte Mädchen jemals? Unter großen ausdrucksvollen Augen und einer zierlichen Nase wirken die zusammengepressten Lippen schmal und streng.
Die Haut ist hell und einzelne Sommersprossen zieren die Wangenknochen.
Und doch, in diesem Wesen liegt etwas ungemein Bezwingendes.
Es schaute die Menschen an, verschenkte ohne Koketterie tiefe Blicke. Entgeht diesem Blick jemals etwas?

Wie aus heiterem Himmel lacht dieses Gesicht plötzlich, verzieht sich spitzbübisch, fast koboldhaft.
Faszinierend: im einem Augenblick erscheint das Gesicht uralt und im übernächsten schon jung, wie das blühende Leben. Es kommt wohl auf das Licht und die Tagesform an.
Über den Augenblick schiebt sich ein stummer Film: ich sehe eine Clownin auf dem gespannten Seil. Sie dreht dem Publikum eine lange Nase.
Bevor sie aussteigt und meinen Blicken entschwindet, beugt sie sich zu mir herüber: "Übrigens, ich heiße Aurora."


Blassblaue Tagebücher 12

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 31 Mär, 2008 @ 21:44

Nach jedem Winter kehrt der Frühling zurück.

Die Zeit ist mir in die Quere gekommen und hat mich abgelenkt von meinen Grabungsarbeiten in die Vergangenheit. Für eine Weile bin ich durch einen kleinen unscheinbaren Kanal entkommen. Ich bin einfach dem Licht gefolgt und habe Aurora getroffen. Zwei Wochen lang war sie mein Gast, noch ganz erfüllt von ihren Zirkuserlebnissen und der Sehnsucht nach dem, den sie liebt, aber nicht für sich beanspruchen kann.
Beide können wir ein besonderes Lied über die Wechselfälle des Lebens und die Liebe singen. Es war so schön, eine sanfte, zärtliche und starke Schwester neben mir zu haben.
Wir waren wie Teenager, haben bis in die Nacht hinein gequatscht und gekichert. Die Zeit ist uns nicht lang geworden. Wenn ich nicht arbeiten musste, habe ich ihr meine Stadt gezeigt. Stundenlang haben wir im Kaffeehaus gesessen und den Schneegestöber zugeschaut. Und ich habe ganz selten nur an Konrad gedacht oder die Briefe hervor gekramt.
Das Lachen und die Leichtigkeit sind mit ihr und dem beginnenden Frühling zu mir zurück gekommen.

Jetzt kann ich neu beginnen zu graben, ein bisschen vorsichtiger vielleicht, so dass meine inneren Höhlen nicht zusammenbrechen. Ich bin keine junge Frau mehr, auch das muss ich endlich verstehen, um den nächsten Jahren gerecht zu werden.
Es wird sich noch zeigen, welchen Platz in meinem Leben ich Konrad und Martin einräumen werde. Erst einmal liegt nun das Konzept für einen Roman auf meinem Tisch, und Aurora hat versprochen querzulesen.


Blassblaue Tagebücher 11

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 4 Mär, 2008 @ 10:16

Stunden, wie Gummiband!

3.3. 08

Ein paar Tage sind vergangen, Tage, die den Frühling brachten, Tage, in denen ich schöne Dinge erlebte. Tage auch, des Nachdenkens:
Gedanken spazierten zurück in die Zeit vor zwei Jahren, als das Leben plötzlich schwer wie Blei wog und mir jeden Elan nahm. Eine Zeit, in der ich zynisch über die Liebe sprach zu Konrad:

Wien, 1. März 2006

Lieber Konrad,

Liebe, was heißt schon Liebe? Sie verändert sich im Laufe der Jahre, verliert im Alltag an Leuchtkraft, reibt sich ab, wie ein goldener Ehering. Ist es nach vielen Jahren noch Liebe? Oder ist es Gewohnheit, Vertrautheit, Geschwisterlichkeit?
Alles Fragen, über die ich schon lange nachdenke. Liebe ich Martin noch immer? Ich weiß es nicht! Ich mag ihn, bin an ihn gewöhnt, mit ihm vertraut. An sich ist das eine gute und vernünftige Basis für die späten Jahre. Wir kennen uns gut, sind gemeinsam durch Höhen und Tiefen gegangen.
Das Problem liegt woanders: wir schaffen es nur noch selten, unsere Schritte und das individuelle Tempo auf einander einzustellen. Das Miteinander geht verloren, schwimmt nur noch an der Oberfläche. Genau das will ich nicht. Es ist mir zu wenig. Ich muss offen mit Martin reden. Bisher habe ich diesen Schritt vor mir hergeschoben.
Ich werde ein paar Tage verreisen und in Köln meine Eltern besuchen. Sie haben durchaus Recht, wenn Sie mir vorschlagen, etwas Distanz zu suchen.

Alles Liebe, Ihre Jule

Wenn ich diesen Brief heute lese, dann erkenne ich mich selbst nicht wieder. Er macht aber auch deutlich, in welcher Sackgasse ich steckte. Hätte ich damals gewusst, was das Jahr mir bringen wird, ich hätte versucht ruhiger an alles heran zu gehen.
Im Leben jeder Frau gibt es diese Augenblicke, in denen etwas zuende geht und noch nichts neues da ist. Die Zeit zwischen dem was war und dem, was noch wird, zieht sich wie Gummiband, Stunden, in denen man glaubt, die Zeit stehe still. Stunden, in denen die Angst groß wird, dass was war - schon alles gewesen sein könnte.
Ich wollte weg, raus aus dem Geschirr und allem, was mich zügelte und zähmte. Ich hatte etwas Neues gekostet und war auf sehr subtile Weise berauscht davon. Da hatte jemand, nämlich Konrad, eine Seite in mir zum Klingen gebracht, die ich glaubte gut begraben zu haben.
Vielleicht hätte ich ihn im Dezember 2005 nicht in Berlin besuchen sollen, denn unsere Freundschaft bestand bis zu diesem Zeitpunkt fast ausschließlich aus Briefen.


Blassblaue Tagebücher 10

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 26 Feb, 2008 @ 19:47

Ich werde Teerosen kaufen, sagt Jule zu sich.

25.2.08

wo die gedanken einen so hin führen: immerhin, ich habe erstaunlich gut geschlafen, ausgiebig gefrühstückt und dabei die zeitung gelesen. draußen verdrängen wolkengebirge das morgenlicht. es regnet und stürmt ohne unterlass. von meinem fenster aus kann ich zusehen, wie kleine grüne spuren die hecke verzieren.

gestern versank ich wieder in der zigarrenkiste. ich hatte das bedürfnis, dem faden in die vergangenheit zu folgen und einen neuen knoten zu schlingen. eine genaue vorstellung, wo ich finde, was ich brauche, begleitete mich.
ich fand einen für mich einschneidenden brief an konrad


Wien, 22.2.06

Lieber Konrad,

ich versuche mit mir ins Reine zu kommen, muss eine Entscheidung treffen. Das heißt, eigentlich weiß ich schon lange, dass ich mich von Martin trennen will, aber wir sind fünfunddreißig Jahre verheiratet, durch Höhen und Tiefen mit einander gegangen, haben Trauriges und Schönes geteilt. Aber in den letzten Jahren - seit unsere Jüngste das Haus verlassen hat - trennt uns ein zunehmend breiter werdender Graben. Es wird immer schwieriger, ihn zu überbrücken. Ich komme mir undankbar vor, denn Martin war immer zuverlässig an meiner Seite hat mich gleichberechtigt und fair behandelt. Meine Entscheidung hat nicht direkt mit Ihnen zu tun, Konrad. Ich muss einen Weg finden, wie ich allein leben kann. Es sind nicht die finanziellen Seiten der Angelegenheit, die mich beunruhigen, eher die Angst vor dem Alleinsein. Noch nie im Leben habe ich alleine gelebt.
Bisher sprach ich nicht einmal mit meiner besten Freundin über dieses Thema. Niemanden wollte ich hineinziehen, denn meine alten Freunde sind ja schon lange auch Martins Freunde. Sie sind der Erste, der von meinen Trennungsgedanken erfährt. Unsere harmonische Woche in Berlin und die Reise nach New York mit Martin haben mir die Augen geöffnet:
Martin und ich leben ein unterschiedliches Tempo. Wir schaffen es nicht mehr, unsere Schritte aneinander an zu gleichen. Er will alles sehen, sich nicht entgehen lassen, und ich soll diesen Enthusiasmus mit ihm teilen. Das kann ich aber nicht mehr, ich brauche Zeit, muss mir wenige Dinge, dafür aber genau anschauen. Ich liebe das Spartanische, die Stille, das in sich ruhende Tun; er die Fülle und Betriebsamkeit. Wir haben versucht, darüber zu sprechen, aber mein beschauliches Tun führt bei ihm zu Ungeduld und Ärger; sein unstetes Wandern bei mir zu Stress und Hektik. Mir geht die Luft aus. Er möchte, dass ich so viel wie möglich mit ihm zusammen tue und ist beleidigt, wenn ich zeitweise lieber mit mir allein bleiben möchte, um meine Dinge zu tun.
Früher passte ich mich an, schließlich waren Kinder großzuziehen und ein Haushalt zu managen. Ich bin im Laufe meines Lebens genug Kompromisse eingegangen; jetzt will und kann ich das nicht mehr.
Konrad, Sie müssen zu diesen Dingen nichts sagen. Es tut mir gut, das Schweigen zu brechen und mich Ihnen mitzuteilen. Es ist gut, dass Sie Martin nur vom Erzählen kennen. Wie gut, dass dieses geplante Treffen zwischen Martin und Ihnen in Berlin nicht stattgefunden hat. So gibt es wenigstens einen Menschen, nämlich Sie, der nicht in Loyalitätskonflikte geraten kann.

Liebe Grüße für heute, Ihre Jule


es war das erste mal, dass ich mit einem menschen darüber sprach, wie sehr martin und ich uns inzwischen auseinandergelebt hatten. ich erinnere mich auch noch genau an die innere lähmung, die mich in jenem winter außer gefecht setzte so dass ich in den ersten monaten des jahres selbst konrad, den ich damit sehr erschreckte, nicht schreiben konnte. ich war kaum in der lage zu arbeiten und schleppte mich durch die tage.
erstaunlich auch die antwort von konrad ein paar tage später, so als habe der winter, der an wien vorbei gegangen war und den ich dennoch in meiner seele erlebte, sich in berlin manifestiert.


Berlin, 27.2.06

Liebe Jule,

wie erstaunt war ich, als ich heute Morgen nach dem Aufwachen aus meinem Fenster geschaut habe: alles weiß, als habe die Schneekönigin ihr Zepter geschwungen.
Sind Sie eine Schneekönigin, Jule?
Sicher ist Ihre momentane Situation schwierig, aber haben Sie schon alle Möglichkeiten zur Rettung Ihrer Ehe ausprobiert? Fünfunddreißig Jahre sind eine lange Zeit - die schmeißt niemand einfach über Bord.
Ich kenne Ihre Ungeduld und sorge mich um Sie. Haben Sie mit Martin gesprochen? Ich spüre, dass Sie auf dem Zahnfleisch gehen und verzweifelt um eine Entscheidung ringen. Ich hörte nicht, dass Sie von Liebe sprachen - das hat mich sehr erschrocken!
Vielleicht können Sie ein paar Tage verreisen, um etwas Abstand zu bekommen. Manchmal hilft das, wieder Boden unter die Füße zu bekommen.
Es ist gut, dass Sie gesprochen haben. Egal, wie Ihre Entscheidung letztlich ausfällt, liebe Jule, ich bleibe Ihr Freund. Reden Sie!
Schneegrüße von einem, der sich nach dem Frühling sehnt,

Ihr Konrad


es war bitter, denn martin schien meinen inneren rückzug nicht zu bemerken. noch tauschten wir bett und tisch, aber immer häufiger wanderte ich nachts ruhelos durchs haus und nistet mich zum schlafen in eins der leeren kinderzimmer ein.
anfangs fragte martin mich noch, wo ich geblieben bin, und ich antwortete ihm, dass mich sein schnarchen am schlafen hindern würde. und so fragte er bald nicht mehr und fügte sich in unsere immer häufiger getrennten nächte.
es grämte mich, und ich fühlte mich alt, ungeliebt und überflüssig.

gerade habe ich zu mir selbst "Stop!" gesagt, immer nur nachdenken, das bringt ja nichts. ich werde jetzt in den regen hinaus gehen und mich mit meiner tochter klara treffen. sie ist gestern aus marokko nach wien zurück gekehrt. und später werde ich mir duftende gelbe rosen kaufen und mit martin telefonieren.


Blassblaue Tagebücher 9

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 25 Feb, 2008 @ 15:43

Passend, wie maßgeschneiderte Schuhe, schreibt Jule.

23.2.08

Es ist schon lange her, dass mir Fäden so offen in der Hand lagen - endlich einen Anfang gefunden und den Knoten fest gezogen - der Knoten ich!
Will mich nicht mehr verlieren
Nur bei mir geht es weiter. Rechts an der Böschung steht Martin, links am Feldrand Konrad. Wenn ich nach vorne schaue sehe ich einen Weg aus dem Nebel auftauchen. Er schlängelt sich mir entgegen, schmiegt sich an, passend für mich wie maßgeschneiderte Schuhe. Es ist mein Weg. und es singt in mir, als sei endlich Frühling und alle Vögel erwacht.
Konrad und Martin können mir folgen, meine Gedanken und Gefühle für eine Weile fesseln, aber aufhalten können sie mich nicht. Jetzt bestimme ich mein Tempo und auch, welche Abzweigungen ich mir erlaube.
Der Weg war schon immer da, und ich folge ihm heimlich schon lange. Geankert heute - ein fester Punkt - verbinden sich in ihm was war und was wird.
Warum weiß ich das erst jetzt? Weil ich den Anfang gefunden und einen Knoten geschlungen habe und, die Fäden geordnet in meinen Händen liegen, und weil jeder Anfang einem Ende entgegen strebt, wo es wieder beginnt.

Es ist schwer, gegen die Strömung zu schwimmen, wenn man noch ungeübt ist.


Blassblaue Tagebücher 8

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 23 Feb, 2008 @ 20:39

...wie eine Motte im Pelz...schrieb Jule

21.2.08

Ich erinnere mich besonders an eine Situation. Es war an einem späten Nachmittag im Dezember 1993. Martin und ich saßen an dem kleinen ovalen Tisch in der Fensterecke meines Arbeitszimmers. das heißt, damals teilten wir es noch miteinander. Wir hatten Streit. Es ging um die Ausgestaltung und Erweiterung unseres gemeinsamen Hauses, denn ich wollte endlich mein eigenes Atelier und die Beratungsräume, die ich für meine Arbeit brauchte. Lange schon vertröstete Martin mich immer wieder und bat mich, um Aufschub.
Dabei fehlte es weder am Platz noch an den Finanzen, um diese Wünsche in die Tat umzusetzen. Die Kinder waren inzwischen groß und hingen mir nicht mehr ständig am Rockzipfel. Alles hätte gut sein können, aber ich war unzufrieden, wollte mehr. Dieses Gefühl, nicht genug zu bekommen, ohne sagen zu können, was genau fehlt, nagte an mir und zerfraß langsam - wie eine Motte den Pelz - die guten Gefühle für Martin, mit dem ich zu diesem Zeitpunkt bereits dreiundzwanzig Jahre verheiratet war.

Immer häufiger kam es zu Missverständnissen. Ich fühlte mich weder ernst genommen noch wertgeschätzt.
Ich flüchtete oft in eine Scheinwelt. Dort gab es Konrad und die blassblauen Briefe, die hin- und her reisten, wie kleine Segelschiffe mit weißen Segeln. Eine Welt außerhalb, in der Fantasie und Wertschätzung eine tragende Rolle spielten.
Wenn ich wütend war auf Martin und mich missverstanden fühlte, flüchtete ich zu den Briefen und war für eine Weile nicht mehr ansprechbar.
Konrad und ich waren uns 1985 über den Weg gelaufen. Ich besuchte meine Eltern in Köln und traf ihn in einem kleinen Antiquariat in der Kölner City. Es war der Beginn einer ungewöhnlichen Freundschaft, die bis 2006 fast ausschließlich über das Briefeschreiben aufrecht erhalten wurde.
An diesem Nachmittag brach es aus Martin heraus. Er warf mir vor, ihn schon lange nicht mehr so zu lieben, wie er es sich wünschen würde, und dass ich ja bereits Ersatz für ihn gefunden hätte.
Als der ganze Frust aus ihm herausgesprudelt war, bin ich wohl kreidebleich geworden. Mir war eiskalt und ich begann zu frieren: Im nächsten Moment wurde mir siedendheiß. Übelkeit stieg hoch.

Ich fasste es einfach nicht, und war unfähig, dieses Gespräch fortzusetzen, stand abrupt auf, verließ das Haus und blieb über Nacht bei einer guten Freundin.
Nur Leon, der mir im Flur begegnete, sagte ich, wo ich bin.


Blassblaue Tagebücher 7

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 22 Feb, 2008 @ 12:02

aus den fugen geraten

19.2.08

eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, heute früh schlafen zu gehen, aber nun lag ich seit stunden schlaflos in meinen kissen. die gedanken überschlagen sich und das bittersüße gefühl, das ich seit tagen mit mir herum getragen habe, wie einen kostbaren schatz, will nicht zur ruhe kommen. seit vorgestern hat es sich verstärkt. konrads briefe von vor fünfzehn jahren haben vieles in mir aufgebrochen. ich frage mich erstaunt, wo nur die zeit geblieben ist, die ich versuche einzufangen - jede erinnerung eine perle auf dem ledernen band meines lebens. die enden sind nicht zusammengefügt. es gelingt mir nicht, einen knoten zu knüpfen zwischen gestern und morgen. und so hänge ich scheinbar bewegungslos fest.
mit einem seufzer schlage ich die bettdecke zurück und klettere mit schwung aus dem bett, betrete den schmalen flur und laufe die treppe hinunter zur inzwischen häufig verwaisten küche, die eimal das zentrum meiner familie war. in der oberen schublade des blauen schrankes auf der linken seite muss noch schokolade liegen, erinnere ich mich.
ich nehme sie heraus und öffne die violette verpackung, entferne das staniol und breche die tafel in einzelne stücke, greife eins und schiebe es in den mund. die bittere schokolade schmilzt zwischen zunge und gaumen. allmählich ordnen sich meine gedanken und ich stelle fest, die briefe führten mich nicht zu konrad sondern zurück zu meiner geschichte und dem leben in wien, damals als die familie noch komplett war, aber langsam, kaum wahrnehmbar veränderungen verursachte, die dazu führten, dass alles aus den fugen geriet.


Blassblaue Tagebücher 7

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 17 Feb, 2008 @ 14:05

Wie eine Karte aus dem Tarot-Spiel

17.2.08

Plötzlich fällt Licht durchs Fenster und strahlt wie ein Lampe die Zigarrenkiste an, die immer noch nach mir zu rufen scheint. Ich nehme sie aus dem Schrank und trage sie wie ein Kleinod in meine Fensternische, ein kleiner Tisch steht dort und ein rotes Sofa. Ich stelle die Kiste vorsichtig auf den ovalen Tisch und öffne ohne weiter zu zaudern den Goldverschluss, hebe den Deckel an und betrachte versonnen die gesammelten Schätze. Meine Bewegungen sind präzise, und knapp. Ich bin ganz ruhig und konzentriert, so als würde ich ein Karte aus meinem Tarot-Spiel ziehen, die mir dabei helfen soll, Antworten zu finden auf lebenswichtige Fragen. Ob in der Kiste wohl Antworten auf mich warten?
Ich lasse mir Zeit. Schließlich setze ich meine vergoldete Lesebrille auf und greife mit der Hand tief in die Kiste hinein - es raschelt - und ich fische ein Bündel heraus. Ich löse die Schleife und lege den Zettel zur Seite, auf dem vermerkt ist, dass die Briefe zwischen dem 15.10. 1992 und dem 31. 12.1992 geschrieben wurden. Einen Moment lang schließe ich die Augen und versuche mich daran zu erinnern, in welcher Situation ich damals lebte, sah mich in der großen Wohnküche in Wien mit meinen heranwachsenden Kinder am Tisch sitzen und die Adventszeit planen. Der siebzehnjährige Leon saß seltsamerweise mit am Tisch. Sonst war er immer mit Freunden unterwegs und zeigte wenig Interesse an den familiären Unternehmungen. Kurz sticht es in meinem Herz und ich spüre den Verlust. Leon kam vor sieben Jahren bei einem Autounfall ums Leben.
Ich möchte nicht bei Leon hängen bleiben, weil mich das Erinnern an meinen Sohn unweigerlich in eine depressive Verstimmung führen wird, also gebiete ich meinen Gedanken Einhalt und atme tief ein und aus, bis ich wieder ruhiger geworden bin.
Dann öffne ich den ersten Brief und beginne zu lesen.



Blassblaue Tagebücher 6

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 16 Feb, 2008 @ 15:08
Eine offene Wunde - nicht verheilt

15.2.08

Ich bin an mein schweres Nußbaumbuffet gegangen und habe die untere linke Tür geöffnet. Im mittleren Fach zwischen Sammelalben und Modejournalen steht die Zigarrenkiste. Ich schau sie mir an wie lange nicht und kann die Augen nicht abwenden von dem zierlichem Goldverschluss, der Deckel und Kiste verbindet. Was erwarte ich mir davon, die Kiste zu öffnen, sie, die zu rufen scheint. "Nimm mich heraus." als sei es das Brot im Frau Holle´s Garten, "ich bin schon längst gar."
Was schmort da und lässt seine unsichtbaren Gase heraus? Nicht ohne Grund versteckte ich die Kiste zwischen den Heften, die ich selten brauche in meinem alten schön geschwungenen Schrank - ein Einzelstück, das ich in einem Kohlekeller fand und mit viel Zeit und liebevoller Kleinarbeit reinigte und restaurierte. Für mich ist der Schrank wie ein lebendiges Wesen, das stumm mein Auge erfreut und den Arbeitsraum verschönt. Es ist immer ein besonderes Vergnügen, diesen Schrank mit einem nach Orange oder Zitrone duftenden Balsam zu pflegen. Die glatten schöngemaserten Fronten fassen sich gut an und schmiegen sich in meine Hände.
Wenn der Schrank seine Pflege erhalten hat glänzt er matt in warmen Brauntönen. Der Schrank ist alt, er hat ein schwieriges Leben hinter sich, so ins Abseits zwischen Kohleberge geschoben.
Auch Konrad ist alt. Ich muss rechnen: im Oktober wird er dreiundsiebzig und ich selbst werde im gleichen Monat sechzig Beide sind wir Herbstkinder, die den verbleichenden Charme benutzter und abgenutzter Dinge lieben und ganze Geschichten darin finden.

Warum hat er nicht mehr geantwortet im Dezember 2006, als ich zwischen den Türen stand, hin und her gerissen zwischen zwei Männern und nicht meinem Herz folgen konnte?
Es gibt Situationen, da haben andere Dinge Priorität.
Schmerz ist da, eine wunde Stelle, nicht verheilt, auch Ärger und Enttäuschung und dazwischen blitzt Zorn auf.
Immerhin ist es mir gelungen, diesen Mann neun Monate lang komplett aus meinen Gedanken zu verbannen.


Blassblaue Tagebücher 5

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 14 Feb, 2008 @ 11:50

13.2.08

Ja, denkt Jule, die Geschichte gleicht einem offenem Grab

Noch ist nicht entschieden, mit was es gefüllt wird, mit duftender Erde oder mit stinkendem Mist. Zum Glück habe ich Konrad keinen Bleisarg beschafft, um ihn für immer darin zu versenken, weg aus meinen Gedanken, weg von meiner Haut. Ausgelöscht die Erinnerungen. Wegradiert, alles was an Blass-Blau noch erinnert. Nicht wie Großmutter, der es scheinbar gelungen ist, Erinnerungen und Bild für immer zu versenken. Nun Großvater war gestorben und Konrad lebt noch. Aber macht das wirklich einen Unterschied aus?
Nein, die Erinnerungen liegen sortiert und wohlgeordnet in der alten Zigarrenkiste, wie in alten Zeiten zusammengebunden mit rotem Schleifenband.
Ich kann sie jederzeit öffnen die Bündel und den Faden wieder aufnehmen.
Aber will ich das? Die Versuchung ist groß, und ich weiß der Schmerz wird groß sein.
Gerade habe ich wieder Boden unter den Füßen, und doch...


Blassblaue Tagebücher 4

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 11 Feb, 2008 @ 23:28

Angerautes Papier und ein zarter Duft

11.2.08

Ich, Jule, schleiche um die Blassblauen Briefe in immer enger werdenden Kreisen herum. Fast schon spüre ich das angeraute Papier unter den Fingern. Ein zarter Duft liegt noch darin. Nur der Deckel einer alten Zigarrenkiste aus Großvaters Zeiten trennt mich von ihnen. Großvater! Ich habe ihn nicht kennen gelernt, denn er starb an den Folgen einer Kriegsverletzung kurz vor meiner Geburt. In meiner Familie sprach man nicht von ihm. Einmal fand ich ein Bild - vergilbt und angegraut von all den Jahren in verschlossenen Schubladen. Ich fand es, weil ich so gerne auf Schatzsuche ging in dem alten Haus meiner Großmutter, die zehn Kinder alleine groß gezogen hat, und dennoch im Alter - sie wurde 94 - das Lachen nicht verlernt hatte - obwohl mir diese eine Schublade verboten war.. Meine Mutter war achtzehn, als ich das Licht der Welt erblickte und die älteste in der Geschwisterreihe. Manchmal habe ich gedacht, meine Oma hat die Erinnerungen an den Großvater zusammen mit dem Bild in der Schublade eingeschlossen, um abzuschließen mit dem, was nicht zu ändern war, um nicht immer wieder an diesen Verlust denken zu müssen - um zu überleben. Sie war noch jung, als er starb - gerade einmal 36.
Auch die Geschwister, meine Tanten und Onkel, sprechen nie von ihrem Vater, als sei da ein Geheimnis, dass sie sich geschworen hatten, nicht preis zu geben.
Wenn ich mir die Familie anschaue, aus der ich stamme, stelle ich fest, dass meine Mutter und ihre Geschwister lediglich verbunden sind durch das Geheimnis um diesen mir unbekannten Großvater.
Wie kann man mit einer Leerstelle leben, die unantastbar ist, und die man nicht mit lebendigen Erinnerungen füllen darf? Wie mag es sein, einen solchen Sarg in der Psyche begraben zu haben? Ich, die Enkelin, spüre die Schatten des Sarges, der sich an manchen Tagen auf mein Gemüt legt, und mich, die Redegewandte, zum Verstummen bringt.
Und was hat das alles mit Konrad zu tun?

Diese Geschichte gleicht einem offenem Grab.


Blassblaue Tagebücher 3

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 10 Feb, 2008 @ 12:53

10.02.08

Hallo, denkt Jule, es ist Anfang Februar!


Watteweich ist der Tag aus den nächtlichen Träumen gefallen. Schon wieder Seidenblau der Himmel - hallo, es ist erst Anfang Februar - das Telefon schrillt, die Träume sind ohne Konturen wie die Wolken - ich bin gerannt die ganze Nacht: Von einem Ort zum anderen und habe nicht gefunden, was ich suchte, denn unterwegs vergaß ich, nach was ich suchte. Erst jetzt im Erwachen weiß ich, dass es dieser besondere Widerstand deiner Haut in Kontakt mit meiner ist, den ich suchte. Alles in Bewegung heute? Soll das Telefon doch schrillen, ich bin nicht da! Die Dinge rauschen an mit vorbei. Ich kriege sie nicht zu fassen. Nicht ich renne, die Dinge rennen. Warum alles so eilig heute? Es ist Sonntag! Vielleicht sollte ich für ein paar Minuten die Augen schließen und an den denken, der an einem anderen Ort vielleicht an seinem Schreibtisch sitzt , während die Haushälterin gerade das Sonntagsessen kocht - und sich fragt, wie die Leere des Tages gefüllt werden könnte, und der vielleicht wie ich im Körper spürt, dass es Frühling wird und der Saft in den Bäumen steigt.
Hallo Konrad hörst du mich?
Aber vielleicht hast du mich längst vergessen.


Blassblaue Tagebücher 2

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 9 Feb, 2008 @ 22:38

5.10.05

Ich habe heute Geburtstag . Siebenundfünfzig Jahre werde ich alt. Wie schnell die Zeit vergeht. Nun bin ich schon Großmutter und (fast) eine alte Frau. Meine Seele will es nicht glauben. Sie ist höchstens Dreißig und hinkt hinterher.
Geburtstage sind besondere Tage. Ich bin extra früh aufgestanden, um den Morgen ganz für mich allein zu nutzen. Ich brauche stille Zeit, bevor der Trubel los geht. Um elf Uhr werde ich mit meinen besten Freundinnen nach einem Sektempfang ausgiebig brunchen. Am Nachmittag trudeln die Verwandten ein. Es wird ein langer Tag, auf den ich mich freue. Der Oktobertag zeigt sich golden von seiner besten Seite. Das Telefon habe ich für eine Weile abgestellt.
Ich sitze in meinem Wintergarten, rekle mich in den letzten Sonnenstrahlen, schaue den aufgeregten Vögeln zu und lasse meine Gedanken wandern. Gleich ist "Konradzeit" ! Wie lange wir uns schon kennen, und wie wichtig er für mich über die Jahre geworden ist.
Vor langer Zeit trafen wir eine Verabredung: Jeden Morgen um 7.30 Uhr und jeden Abend um 21.30 Uhr denken wir aneinander. Es funktioniert, ja und oft geschieht es, dass sich unsere Gedanken begegnen. Mir wird dann ganz warm. Ich spüre fließende Energie, belebend und beglückend. Ob es viele Menschen gibt, die so etwas erleben? Meine Versuche, diese Erlebnisse in Worte zu fassen, gab ich schnell wieder auf, denn sie stießen in meinem Umfeld auf Unverständnis. So behalte ich sie lieber als meinen ganz geheimen Schatz und als belebende Kraftquelle.
Dies ist übrigens mein erster Tagebucheintrag. Konrad und ich, wir sprachen neulich am Telefon darüber, wie schnell die Zeit vergeht und wie leicht wir Kleinigkeiten vergessen, gerade die Unscheinbaren, die ihre Pracht erst im Nachhinein entfalten und manchmal so positiv wirken. Konrad schreibt seit seiner Jugendzeit Tagebuch, und so beschloss ich, an meinem Geburtstag mit einem Schatztagebuch zu beginnen. Auch mit Siebenundfünfzig gibt es noch Premieren. Ich lächle!

Es ist fast 7.30 Uhr! Ich werde meine Augen schließen und Konrads Nähe spüren. Danach werde ich ganz wach sein, Kaffee kochen und Martin wecken. Seit er pensioniert ist, schläft er gern etwas länger. Das trifft sich gut, denn ich bin ein Morgenmuffel und brauche Zeit allein, um wach zu werden.

Nachtrag:

einen ärgerlichen Zwischenfall gab es gestern. Marle gratulierte mir telefonisch. Sie war schroff, und teilte mir mit, dass sie nicht kommen würde, Ich hatte mich so auf sie und mein Enkelkind Antonia gefreut.
Ich war enttäuscht und sagte es ihr. Sie reagierte beleidigt wie ein pubertierender Teenager. Dabei ist sie doch schon achtundzwanzig. Wenn ich mit ihr in Kontakt bin, scheinen uns Welten zu trennen. Ich bin nicht souverän im Umgang mit ihr.
Aber Klara, mein Wirbelwind war da und brachte Leben in die Bude. Sie ist mir so ähnlich, und wir verstehen uns auch ohne Worte. Ein schöner Ausgleich, der mir aber auch ein schlechtes Gewissen beschert. Liebe ich Klara mehr, als Marle? Bin ich ungerecht?
Klara ist Foto-Journalistin und Weltenbummlerin. Gerade flog sie aus Florida bei uns ein. Mit ihren 26 Jahren ist sie schon weit gekommen. Ich bin stolz auf sie.
Mit Schmerzen habe ich an Leon, meinen Sohn gedacht. In diesem Jahr wäre er dreißig Jahre alt geworden, wenn er nicht vor fünf Jahren mit seinem Freun Sean diesen Unfall gehabt hätte - zwei vielversprechende junge Leben - vernichtet! Ich musste viel weinen, Martin weinte mit. Wir trösteten uns gegenseitig. Ich muss wieder einmal auf den Friedhof gehen. Auch Marle hat seinen Tod bis heute nicht verkraftet.

6.10.05

Es ist vorüber!
Nach diesem turbulenten Geburtstag, brauche ich einen Tag Ruhe.
Martin wartet auf mich. Wir werden einen Stadtbummel machen und auf "Der alten Donau" Boot fahren. Ich nehme mein Notizbuch mit und Martin seine Diggi-Cam. Am Nachmittag ist Kino angesagt und ein Besuch bei unseren ältesten Freunden, Kora und Ralf. Kora kenne ich schon aus meiner Studienzeit. Wir studierten beide Pädagogik in Köln und spezialisierten uns auf "Kunstpädagogik" Zur gleichen Zeit lernten wir in Wien unsere zukünftigen Männer kennen, heirateten im gleichen Jahr und brachten jeweils drei Kinder zur Welt. Einen weiten Weg sind wir schon zusammen gegangen.
Konrad ist im Augenblick so ruhig. Ich beginne, seine Briefe zu vermissen! Ob es ihm gut geht?
Martin schaut schon wieder so genervt, wenn ich ungeduldig zum Briefkasten renne.
Was soll ich tun? Ich liebe meinen Mann, aber auch Konrad hat einen festen Platz in meinem Herz. Es ist ist eine andere Art Liebe. Martin weiß schon seit zwanzig Jahren, dass die immer mal wieder aufkeimende Eifersucht unbegründet ist. Unsere Ehe ist beständig, ich setze sie nicht aufs Spiel. Denn da wo ich bin, gehöre ich hin, will ich bleiben und alt werden.
Ein paar Urlaubstage liegen noch vor mir. Martin und ich werden viel Zeit miteinander verbringen. Dann wartet wieder interessante Arbeit auf mich.
Darf man zwei Männer lieben - auf so unterschiedliche Weise?
Eine Frage, die ich mit einem klaren "Ja" beantworte, denn nur die Liebe kann man unzählige Male teilen, ohne das sie weniger wird, im Gegenteil!
Ich wünschte mir, Menschen könnten sich ohne Verlustangst miteinander arrangieren. Martin war immer ein guter Ehemann und Konrad ein unschätzbarer Freund, mein Seelenzwilling?
Wie soll man dieses Gefühl irgend jemand erklären? Es ist so fragil und zerbrechlich. Fast traue ich mich selbst nicht, es in Worte zu kleiden. Es könnte sich unter meiner Zunge zu Luft auflösen.
Genug für heute, sonst werde ich noch traurig und vermiese Martin und mir den goldenen Oktobertag.


7.10.05

Zwischen den bunten Herbstfarben tragen die Bäume noch eine Menge Grün. Es ist außerordentlich mild in diesem Oktober. Nach dem schönen September haben wir immer noch Temperaturen nahe 20 Grad. Ideal, um die letzten Urlaubstage zum Spatzierengehen zu nutzen. Ich bin siebenundfünfzig und kann mein Alter nicht verleugnen. Zum Glück bin ich gesund und das Leben macht mir Spass. Die Wechseljahre mit ihren Höhen und Tiefen ebben langsam ab. Wenn ich in den Spiegel schaue, wirft er mir ein junggebliebenes Bild zurück. Mein Haar ist inzwischen von grauen Strähnen durchsetzt. Auch die Falten werden mehr. Ich habe einige Kilo zugelegt. Darüber sollte ich lachen. Ich bin im Lebensherbst angekommen.
Der Tag gestern mit unseren Freunden verlief entspannt . Wir haben viel gelacht. Ein gutes Gefühl, denn Cora gefällt mir in letzter Zeit nicht. Sie wirkt traurig und müde. Irgend etwas versteckt sie vor mir.
Konrad hat sich immer noch nicht gemeldet. Ob es ihm gut geht?
Was ist mit den Menschen um mich herum los? Sie verändern sich. Oder verändere ich mich? Gehe ich einer neuen Häutung entgegen? Ist es das Alter? Niemals Stillstand, immer geht es weiter. Neue Herausforderungen warten an der nächsten Ecke.
Ich komme mir vor, wie ein alter Rebstock!


Blassblaue Tagebücher 1

Blass-blaue Tagebücher — geschrieben von findevogel am 8 Feb, 2008 @ 11:55

Die Nacht besteht aus vielen Schichten, denkt Jule.

Sie türmen sich übereinander werden zu Gedanken und Träumen zwischen Nacht und Morgenrot, wenn die Welt erwacht und alles essenziell verdichtet scheint. Schon das Erwachen gleicht dem Beginn eines neuen Lebens. Alles scheint fremd. Es dauert einen Moment bis der Schlaf sich aus den Gliedern löst und die Reise in den Tag beginnt. Oft blitzt etwas bisher Ungedachtes auf, wie der erste Ton zu einem neuen Lied. Und immer die plötzliche Frage, erinnere ich jetzt den gerade geträumten Traum, oder folge ich dem Ton, um das neue Lied zu erkunden? Denn um eins zu tun, muss sie auf das andere verzichten.
Heute ist alles gleichzeitig da: der Traum, ein Klang und dieses Gefühl von Lebendigkeit und Vitalität, die nach Ausdruck verlangt. All die leeren Räume, in diesem Leben die noch zu füllen sind, tauchen wie klar gezeichnete Bilder aus der Dunkelheit vor Jules innerem Auge auf: so als würde ein Maler mitten ins Schwarz hinein bunte Blüten pinseln. Dazu klingt eine Sehnsucht nach Erfüllung in jeder Hinsicht, die so wie heute lange nicht mehr ihre Stimme erhoben hat. Es liegt ein bittersüßer Schmelz darin. Sie sehnt sich nach Armen, die sie umschlingen und für eine Weile festhalten, nach Worten die sie nähren und nach Bewegung, die im Tanz dem neuen Lied Gestalt gibt.

Für einen Augenblick denkt sie an Konrad. Nur zu gern hätte sie ihn aus ihren Gedanken verbannt. Für einen Moment spürt sie Bitterkeit und Schmerz, aber dann siegt dieses berauschende Gefühl, den eigenen Begrenzungen ein Stück weit entschlüpft zu sein. Und es gehört ihr ganz allein.

Später am Tag wird sie sich mit den "Blassblauen Briefen" beschäftigen.


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