Findevogel pass auf!
wenn flügel schleifen
brechen - heißt es, achtsam sein
der fuchs ist listig
bleib versteckt im gebüsch
und tarne deine spuren
wenn flügel schleifen
brechen - heißt es, achtsam sein
der fuchs ist listig
bleib versteckt im gebüsch
und tarne deine spuren
wer von klein auf Hecken gewohnt ist, bleibt ein Heckengänger!
Ausgeheckt und zwischen den Zweigen im Nest ausgebrütet, verbergen sich kleine
Wunderdinge - selbst Findevogel kehrt immer wieder zurück ins Heckennest. Was
hat er mir heute erzählt?
"Na klar verstehe ich Dornröschen hinter den sieben Hecken! Ich traf sie
hinter den blauen Bergen, und wir erzählten einen Tag und eine Nacht lang
miteinander. Jetzt kenne ich ihr Geheimnis: Wie sie sich gefühlt hat, als der
Prinz - ein Mann, der die Dornen durchbrach - sie mit einem Kuss erlöste, ihr
das intensiv pulsierende Leben zu Füßen legte, und sie sich Hals über Kopf in
ihn verliebte. Überall hin wäre sie damals mit ihm gegangen. Es ist ja nicht so, dass
Dornröschen vor ihrem tiefen Schlaf einfältig, dumm und faul gewesen wäre.
Nein! Einst machte sie sich auf, um alles zu erkunden. Sie spürte, dass es ein Geheimnis in ihrer Familie gab, dass
unausgesprochen blieb. Instinktiv wusste sie, dass nur die Enthüllung des
Geheimnisses, sie und ihre Familie erlösen würde. Diese Leerstelle musste sie
erkunden.
Wahrheiten sind oft schmerzhaft, so wie die Spindel, die sie stach,
und Wahrheiten können für lange Zeit lähmen. Wie gut, dass die Zeit meist
Heilung bringt. Erst dann kann das Leben mit seiner Leuchtkraft neu beginnen.
Nicht wenige Frauen lieben den, der sie rettet, bei Dornröschen war es anders:
Sie verliebte sich in das Leben selbst, und beschloss, es aktiv zu gestalten und mit allen
Gefühlen, die dazu gehören, in vollen Zügen zu genießen.“
Findevogel-Akrostichon
Freue
dich
Innig
geliebter Federfreund
Neues
bringt der Tag
Draußen
wartet das Igelchen
Erzähl ihm vom Winter
Vielleicht
sucht es dich schon
Oberhalb
der Hecke
Grüße
es von mir
Erzähl
ihm von Regenwürmern und Asseln
Lieblingsspeisen braucht es jetzt.
© FV
Behende kletterte ich in meine Kastanie - hoch hinauf, immer höher bis zu der Stelle im alten Baum, die mit den verzweigten Ästen einen natürlichen Hochsitz geschaffen hat.
Die kahlen Äste sind wie Leitern in den Himmel. Nun sitze ich oben mit geschlossenen Augen und versuche, dem Himmel seine Träume zu entlocken - oder gebäre ich sie selbst?
So ganz kann ichs doch nicht sein lassen. Komisch, kaum beschließe ich, meinen Blog ein paar Tage liegen zu lassen, sprießen plötzlich von allen Seiten wieder Gedanken, Ideen und Assoziationen, als sei plötzlich eine Blockade abgebaut. Also die Heckenschere herausgeholt und freischneiden. Sonst gehe ich noch verloren, werde unsichtbar im immer wilder wachsenden Zeilendschungel - smile - !
Nun, das Schreiben ist mir zur zweiten Haut geworden. Anscheinend brauche ich es fast so, wie die Luft zum atmen.
(weiter)Das Märchen vom Fundevogel "Gebrüder Grimm" inspirierte den Namen Findevogel.
Der FV selbst entwickelte eine ganz andere Gestalt, die sich im Laufe der Zeit mit speziellen Eigenarten füllte, und zur Persönlichkeit mauserte.
(weiter)Am frühen Morgen erwachte Findevogel , weil ein warmer Sonnenstrahl sich frech durch Hecke und Nest gestohlen hatte und ihn nun an der Stirn kitzelte.
(weiter)Findevogel hat sich in sein Nest zurück gezogen. Er sucht die Stille und das Wispern des Windes in der dichten Hecke.
(weiter)Findevogel
war den menschlichen Zugvögeln in den Süden gefolgt. Eigentlich war der Sommer
ja nicht so sein Ding, aber in diesem Jahr sehnte er sich nach Sonne und Licht.
Der Winter war lang und karg gewesen. Auch der Frühling, den er in jedem Winter
sehnsüchtig erwartete, hatte sich verspätet.
Findevogel flog in den gewittrigen Sommerabend. Langsam wurde es dunkel. Die Schwüle
nahm ihm fast den Atem. Am Nachthimmel formierten sich die bleigrauen Wolken zu
Unwetterfronten. Er flog an der Gartenstadt vorbei. In den vielen bunten Gärten
der kleinen Reihenhäuser waren nur noch wenige Menschen zu sehen. Sein Ziel war
die alte Kastanie auf dem Platz mitten im Ort. Um diesen Platz drängelten sich
schiefe Häuschen dicht aneinander. Bald erreichte er sie und ließ sich in ihren
Ästen nieder. Immer waren es die Kastanien, in denen er sich besonders
wohlfühlte. Darunter stand eine Bank. Eine Frau saß dort und murmelte vor sich
hin. Sie bemerkte den seltsamen Vogel sofort und schaute ihn aus klaren Augen
an, rief ihn. Findevogel gesellte sich zu ihr, konnte ihre Gedanken lesen.
„Wer bist du?“ fragte er, „ich bin ein Findevogel.“
„Dann haben wir etwas Gemeinsames,“ entgegnete die Frau, deren Alter er in der
Dunkelheit nicht richtig einschätzen konnte. Aber jung war sie nicht mehr, und
sie sprach mit einer dunklen, rauen Stimme. „Ich heiße Eva und bin ein
menschlicher Findevogel.“
Der Vogel war erstaunt, doch bevor er noch eine Frage stellen konnte, sprach
Eva weiter:
„Ja, ich bin ein Findevogel und zur Zeit suche ich mich selbst, bin mir in der
letzten Zeit verloren gegangen.
Vor einer Weile lag ich schon wie alle vernünftigen Menschen im Bett, aber ich
fand keinen Schlaf. Meine Gedanken irrten ruhelos im Kopf, nicht einmal
festhalten konnte ich sie. Ich versuchte es mit Atmen, tief einatmen und dem
Atem lauschen, aber das Blut rauschte mir in den Ohren wie ein Wasserfall und
verhinderte jede Konzentration. Eine Zahnwurzel machte sich schmerzhaft
bemerkbar und auch mein rechtes Knie tat weh. Ich versuchte den Schmerz
einzugrenzen, dachte an das, was ich vor wenigen Minuten gelesen hatte, von der
Wurzellosigkeit der Menschen in der modernen Gesellschaft. Wo waren eigentlich
meine eigenen Wurzeln, fragte ich mich. Ich spürte sie nicht. Das war schon
anders gewesen. Das einzig Fassbare war der Schmerz in meinem Körper. Das Knie
hatte sich acht Jahre lang nicht bemerkbar gemacht. Was war damals gewesen? Ich
erinnerte mich an die Überforderung damals, das Gefühl des Gefangenseins in
einer Sackgasse. Wie war ich wieder hinaus gekommen? Mühsam, aber als ich den
Ausweg gefunden hatte, verflog auch der Schmerz. Sandte der Körper mir ein
Signal? Auf was wollte er mich aufmerksam machen, denn im Allgemeinen bin ich
eine gesunde Frau.
Plötzlich kam mir eine Idee. statt im Bett liegen zu bleiben und keinen Schlaf
zu finden, wollte ich meine Runenkarten suchen. In schwierigen Situationen
gaben sie mir immer hilfreiche Hinweise. Ich stand auf und fand die Karten
schnell. Wann hatte ich sie eigentlich das letzte Mal in der Hand gehalten? Es
war schon eine Weile her. Während ich die Karten mischte, wurde ich ruhig. Ich
ließ mir Zeit. Die gleichförmige Bewegung des Mischens ließen den Schmerz in
Zahn und Knie verebben. Ich fächerte die Karten auf. Seltsam, einige waren
kalt, andere warm und eine fühlte sich heiß an. Die zog ich.
7: Nauthiz (Hindernisse)
Ich schlug im Handbuch nach, denn diese Karte zog ich noch nie.
„Der Pfad endete an einem Abgrund. Ich stolperte, manchmal falle ich.
Begrenzungen geben uns Form, Prüfungen stärken uns. Erkenne den großen
Lehrmeister hinter jeder Verkleidung.“
stand da. Ich war überrascht, als ich die Erklärungen las. Die Karte fordert
mich auf, mich mit den augenblicklichen Hindernissen in mir selbst und außen
auseinander zusetzen, mich auf die Schatten zu konzentrieren, die meine
Schwächen repräsentieren. Es ist das Nichtentfaltete und Unterdrückte, das was
bisher nicht leben durfte und das wir so leicht auf andere projizieren. Die
Karte macht mir Mut, nach innen zu schauen, innezuhalten und jene Aspekte
wahrzunehmen, die Unglück und Härten anziehen.
Siedendheiß wird mir in diesem Moment bewusst, dass es da einiges zu klären
gibt. Jetzt ist nicht die Zeit, hinaus aufs Meer zu fahren, um Fische zu
fangen. Netze müssen geflickt werden, Gleichgewicht schaffen, heißt es, wenn es
zur Harmonie nicht reicht.
Meine Schmerzen wundern mich nun nicht mehr: da war etwas nicht im Fluss,
Hindernisse müssen beseitigt werden, um wieder zu den Wurzeln zu finden.
Ich will mich wiederfinden. Morgen mache ich mich auf den Weg. Jeden Tag ein
kleines Stück – langsam und ohne Eile.
In der Ferne grollt es, ein Gewitter zieht auf. Es bringt Erfrischung und
Regen. Ich beschließe nach draußen zu gehen und das Gewitter abzuwarten. Und da
traf ich dich. Jetzt gehe ich schlafen. Vielleicht besuchst du mich mal wieder,
dann erzähle ich dir, wie es soweit kommen konnte. Gute Nacht Findevogel!“
Der Vogel sammelte diese neue Geschichte ein, spreizte die Flügel und flog in sein Nest.
„Nun, immerhin erinnern Sie sich an all diese kleinen Dinge, an die Gerüche,
die Farben,“ antwortete Findevogel, „Sie wissen noch, wie es war, die Seele
baumeln zu lassen, das Leben zu genießen. Sie besitzen einen
Erinnerungsschatz.“
©findevogel
Wie jeden Dienstag war
Findevogel auch heute unterwegs. Sein Ziel, der Rand der großen Stadt. Dort
wollte er sich unter die Menschen mischen, ein wenig S-Bahn fahren und dem
Kommen und Gehen der Leute zuschauen. Er hockt auf der Bank einer entlegenen
Bahnstation. Über der Stadt lag eine schwüle Dunstglocke.Ob es ein Gewitter
geben würde? Die Menschen wirken antriebslos, ist bei vielen wohl spät geworden
gestern . Nach einem überhitzten Tag brachte der Abend mit seinem Vollmondschein,
die ersehnte Abkühlung. Wohl dem, der einen Freiplatz draußen besaß, um den
Sommertag auf angenehme Weise ausklingen zu lassen. Wer mag schon schlafen, wenn ein frischer Wind
das überhitzte Gemüt beschwichtigt?
In der Zeitung hatte
Findevogel morgens gelesen, dass die Polizei in Vollmondnächten häufig
Seelenbalsam an einsame und verlassene Menschen verteilen muss. Die Anzahl
der nächtlichen Anrufer stieg in diesen Zeiten. Findevogel, der gern allein
war, konnte das Ansinnen der Menschen nicht recht verstehen und wunderte
sich einmal mehr über diese so sonderbaren Lebewesen. Allein schienen sie nicht
gut zurecht zu kommen.
Während Findevogel sich noch
wunderte, betrat eine junge Frau den Bahnsteig. Immer traf er sie dienstags mit
ihren zwei schwarzen Hunden, die ihr auf Schritt und Tritt folgten. In der Hand
hielt sie ein dickes zerfleddertes Buch. Wie alt mochte sie sein? Anfang
dreißig, vielleicht ein wenig älter. Es war schwer einzuschätzen. Ihre
abgewetzten dunklen Jeans und das schwarze ärmellose T-Shirt machten sich gut
auf der braunen Haut. Das schulterlange aschblonde Haar schien lange keinen Frisör
gesehen zu haben. Trotz dieser Kleidung, wirkte die Frau frisch, sauber und
natürlich. Ihre Bewegungen waren knapp und fließend.
Eine ruhige
Abgeschlossenheit strahlte von ihr aus. Hatte er sie nicht letztens
biertrinkend im intensiven Gespräch mit den alkoholisierten Pennern in der
Innenstadt gesehen? Flinke Bewegungen untermalten dabei eine lebhafte
Gestik. Was verband die Frau mit den
Obdachlosen, oder besaß sie eine Zwillingsschwester? Er konnte sich keinen Reim
darauf machen, zwei unterschiedliche Gesichter, die nicht zusammenzupassen
schienen.
Die Bahn fuhr ein, Türen
öffneten sich und entließen eine Traube von Menschen. Findevogel stieg ein, die
Frau auch. Er wusste, dass sie genau vier Stationen gemeinsam reisen würden,
kannte auch den Lieblingsplatz der Frau – hinten im Zug, auf den Querbänken,
genau gegenüber von ihm selbst. Dort hatte man einen guten Überblick.
Ihr verschlossenes
verhärmtes Gesicht machte eine Kontaktaufnahme unmöglich. War sie arbeitslos,
verfügte über unbegrenzte Zeit und ein knappes finanzielles Budget? Die Hunde
waren brav, hörten aufs Wort und ließen sich zu ihren Füßen nieder. Aus
traurigen Hundeaugen schauten sie in die Welt. Hatte die Frau sich von der Welt
abgewandt und in einem kargen Leben mit ihren Hunden eingerichtet? Bekannte
Gesichter begrüßte sie freundlich und distanziert, verweigerte ein Gespräch,
aber Kinder durften ihre Hunde streicheln. War diese Frau eine Stadtstreunerin,
einsam und einzelgängerisch, wie ein Wolf? Welche Geschichte würde sie
wohl erzählen, wenn ein Gespräch möglich wäre?
Vier Stationen waren schnell abgefahren. Die Frau stieg aus, aber Findervogel wusste, er würde sie immer wieder treffen, in der Bahn, im Zentrum, an Orten, wo die Einsamen und Verlassenen lebten. Ob sie ihn registrierte und sich fragte, was ein so seltsamer Vogel in der S-Bahn zu suchen hatte.
In ihrem Gesicht konnte er nicht lesen.
©findevogel
Ganz in der Nähe stand ein alter Kastanienbaum. Unter seinem weitausladenden Blätterdach mitten im Moos und zwischen den heruntergefallenen Kastanienfrüchten lag ein junges Mädchen und weinte bitterlich. Vorsichtig, ohne zu lärmen, landete Findevogel in dem alten Baum.
Was sollte er tun, er wollte das Mädchen ja nicht auch noch erschrecken.
Nachdem er eine Weile ruhig im Baum gesessen hatte, begann er, zunächst kaum
hörbar, sein Findevogellied zu singen. Allmählich wurde seine Stimme lauter. Da
hatte das Mädchen schon aufgehört zu weinen. Es schien der wunderbaren Stimme
des Vogels zu lauschen, setzte sich plötzlich auf, und schaute in die Zweige,
sah aber nicht gleich, woher der liebliche Gesang nun kam.
„Hier bin ich!“ flötete der Vogel, „siehst du mich nicht?“
Die rotverweinten Augen des Mädchens wurden groß. Woher kam nur diese Stimme?
Sie konnte Findevogel nicht entdecken, denn der hatte die Farben des
Kastanienbaumes angenommen.
Findevogel hüpfte vom Baum und ließ sich in der Nähe des Mädchens nieder.
„Wie heißt du, und warum weintest du so?“ fragte er.
„Ich heiße Mira.“ Antwortete die Kleine ohne große Angst. Zwar war sie kurz
zusammengezuckt, als der Vogel neben ihr landete, aber das gab sich sofort
wieder.
„Du bist ein Findevogel, stimmt´s?“
Der Vogel fühlte sich geschmeichelt, denn nicht viele Menschen wussten, was ein
Findevogel ist.
„Ja stimmt,“ lispelte er, „und ich habe dich gefunden! Was ist los mit dir?
„Ich bin von zu Hause weggelaufen, weil ich etwas wiederfinden muss, aber ich
habe meinen Weg verloren. Vielleicht wäre ich doch besser zu Hause geblieben
und hätte auf meine Mutter gehört.“
Papperlapapp,“ lamentierte nun der Vogel,“ wenn es Zeit ist, eine Reise zu machen,
muss man seinem Herzen folgen. Wo wolltest du denn hin?“
„Hast du schon einmal vom dem Wald aus wilden Rosen gehört?“
„Aber ja, ich war selbst schon dort. Zunächst muss man den Eingang in der Hecke
finden.
Aber Mira, es ist gefährlich. Nur die Mutigsten kommen heil wieder hinaus.“
„Ich weiß,“ sprach das Mädchen, aber man sagt auch, wer es schafft, den Wald zu
durchwandern, wird hellsichtig und kann Dinge wiederfinden, die er schon
verloren glaubte. Ich habe etwas sehr Wertvolles verloren, etwas, was mir
anvertraut wurde. Es gehört nicht einmal mir.“
„Hm, Mira, das hört sich gewichtig an. Möchtest du, dass ich dir etwas von
diesem Wald erzähle?
Dann kannst du immer noch entscheiden, ob du es wirklich wagen willst.
„Lieber Findevogel, erzähle!“ bettelte Mira.
„Hinter dem Regenbogengebirge gibt es einen Wald aus wilden Rosen. Neben
unzähligen Blüten treibt er üppige Dornen. Immergrün spotten die Blätter den
Jahreszeiten.
Um ihn zu betreten brauchst du Mut und ein unbefangen wildes Herz.
Zunächst nimm dir Zeit, es braucht Geduld und ein scharfes Auge, um den
versteckten Eingang zu finden. Versuch erst gar nicht, auf andere Weise
einzudringen, denn selbst die Klinge des schärfsten Messers wird sich
verbiegen, und das Gift der Dornen, die ihre Widerhaken in deine Haut ritzen,
wird dich lähmen.
Als ich dort war, habe ich viele junge Menschen gesehen, die wie tot in den
Dornen hingen.
Wenn du noch nicht genau weißt, was du
dort suchst, und vor allem sein Geheimnis dich lockt, um so besser, denn eins
verrate ich dir: Du wirst nicht finden, was du suchst.
Dort jedenfalls nicht.
Willst du das Abenteuer dennoch wagen,
dann lass alle Gedanken mit den weißen Wolken am Himmel davon fliegen. Vertrau
deiner Intuition, sie allein wird dir den Weg schon weisen.
Wenn du den Eingang gefunden hast, geh barfuss in den Wald, und lass alles
Gepäck vor dem Tor. Du wirst den Wind in den Zweigen spüren und die Erde unter
deinen Füßen ertasten. Der Duft der Blüten wird dich in einen Rosenmantel
hüllen, und du wirst dich frei fühlen, wie nie zuvor.
Ein unsichtbarer Begleiter geht in deinem Schatten. Du fühlst, dass er da ist,
wenn du nach innen lauschst, denn seine Stimme flüstert mit dem Wind. Die
leichte Bewegung seiner Hände spürst du als pulsierende Energie, die über deine
Schultern in den Körper fließt. Wie ein Engel wird er dich leiten!
Aber Vorsicht!
Dreh dich niemals um! Du darfst ihn niemals sehen, sonst verlierst du seinen
Schutz!
Nur mit Vertrauen wirst du den Weg
finden. Wenn dein Herz verzagt und ängstlich schlägt, weil du vieles, auch
schweres, sehen wirst, wird er dich an deine Intuition erinnern und lehren, die
Gedanken los zu lassen.
Ein rabenschwarzer Vogel fliegt in diesem Wald. Er ist gefährlich, denn er ruft
und lockt. Seine Stimme ist ein Verführer. Glaube mir, ich war dort, er kennt
die empfindlichsten Stellen in deinem Herz.
Wenn du diesem Ruf folgst, verlierst du den Schutz und verfängst dich im
Gestrüpp von Leidenschaften und im morastigen Sumpf deiner Angst.
Wenn die Versuchung dich streift, diesem Verführer zu folgen, konzentriere dich
auf die wärmende Energie, die über deine Schultern in den Körper fließt und
dein Herz beruhigt.
Streife achtsam durch den Wald. Öffne und benutze alle deine Sinne. Du wirst
erstaunt sein, wie scharf sie sind und was alles sie dich lehren.
Du willst wissen, was dich erwartet? Ich weiß es nicht, denn jeder findet
anderes in diesem sonderbaren Wald, der wie deine Seele ist. Nur du allein
schaust in sie hinein.“
©findevogel
Findevogel entstieg gut ausgeruht seinem Nest und startete zum Ausflug. Es war ein sonderbarer Tag, Nebel umhüllte das Dornengebüsch, die Sicht war begrenzt. Noch hatte sich dieser Spätsommertag nicht entschieden, was er werden wollte: sommerlich warm oder herbstlich stürmisch. Findevogel mochte den Nebel. Hinter seinen Schleiern warteten Überraschungen. Nie konnte man im Voraus sagen, was geschehen würde. Seine Seele lächelte und das Herz tanzte in seiner Brust. Was würde er heute finden?
Er drehte eine weite Runde über die vertraute Heimstatt, um sich dann hoch in die Lüfte zu schrauben und neue Wege zu erkunden. Hoch oben war der Himmel blau. Unter ihm lichteten sich die Nebel und gaben den Blick frei auf eine Patchworklandschaft: mit Hecken abgeteilte Wiesenflächen grenzten an gelbe Stoppelfelder und an kleine Gemüsegärten, die zu den vereinzelt in der Landschaft verstreuten Häusern gehörten. In Obstgärten lockten Apfelbäume mit ihrer reifen Fracht. Es war noch sehr früh am Tag und das Leben da unten begann sich gerade erst zu regen.
Zeit eine Pause zu machen. Findevogel landete sanft in einem Apfelbaum. Aus der Ferne erreichte seine Nase der Geruch von frisch gebackenem Brot. Genüsslich sättigte er sich mit den ersten reifen Äpfeln. Die Luft war klar und die Landschaft, wie von der Hand eines Malers gemalt, in frischen Farben aus dem Nebel erstanden.
So musste es wohl gewesen sein, an jenem Tag im Paradies, als Eva der Versuchung erlag und mit Adam den verbotenen Apfel teilte.
Findevogel empfand
in diesem Augenblick ein tiefes Verständnis für Eva, die sich an einem solchen
Tag von der weisen Schlange verführen ließ, ihrer eigenen Eingebung folgte
und den göttlichen Verboten trotzte. Solche Tage waren wohl eine Sünde wert. Aber was war schon eine Sünde?
Plötzlich vernahm er ein Geräusch er lauschte und war sich bald ganz sicher: in der Nähe weinte ein Menschenkind, es schluchzte ganz bitterlich. Findevogel hatte ein mitfühlendes Herz, und er fragte sich, was geschehen war, dass ein Menschenkind an diesem schönen Tag so traurig war. Also breitete er die Flügel aus, suchte und fand.
Fortsetzung folgt in Kürze!
Was tut ein Findevogel, wenn er traurig ist?
Erst einmal muss man sagen, dass Findevogel alle Gefühle sehr intensiv erlebt. Er spürt alles mit dem ganzen Körper bis in die kleinste Federspitze hinein. Jeder, der ihm begegnet, kann es sehen, denn verstellen kann er sich nicht.
Findevogel will aber nicht, dass jemand sieht, wenn er traurig ist, deshalb zieht er sich erst einmal ganz tief in sein Nest zurück, stopft sich Moos in die Ohren und deckt sich mit einer Lage aus frischem Gras zu.
Von niemand möchte er gestört werden.
Er mag es überhaupt nicht, wenn er bemittleidet wird, und seine größte Angst ist, sich ausgeliefert zu fühlen, abhängig und manipulierbar zu sein.
Deshalb macht er seinen Kummer lieber mit sich selbst aus. Nun spürt er ganz in sich hinein, horcht auf das, was die inneren Stimmen ihm sagen wollen. Manchmal herrscht da ein ganz schönes Chaos und Durcheinander, und es dauert eine Weile, bis Gedanken wieder in geordneten Bahnenfließen und die Gefühle auseinander zu halten sind.
Und natürlich schmerzt es. Es tut höllisch weh! Aber Findevogel weiß, dass es Sinn macht, sich diesen Schmerz anzuschauen, ihn auszuhalten. Immer zeigt sich, dass der Schmerz ein Signal ist, das ihm etwas erzählen, auf etwas Wichtiges aufmerksam machen möchte.
Wenn Findevogel so weit gekommen ist, läßt die Traurigkeit nach, er schiebt ein bisschen Gras zur Seite, blinzelt in den hellen Tag und riecht den Duft der Heckenrosen. Nun richtet er sich auf, spitzt eine Feder und beginnt zu schreiben.
Bleibt noch zu sagen, dass Findevogel eine tiefe Sehnsucht nährt, getröstet, beschützt und umsorgt zu werden; zugeben würde er das allerdings nie.
Weiß du eigentlich, was ein Findevogel ist?
Ein Findevogel findet immer etwas, ohne bewußt danach zu suchen. Im Allgemeinen ist er ein Einzelgänger, der versteckt im dornigen Gebüsch sein Nest gebaut hat. Er ist gern allein und weiß sich gut zu beschäftigen. Gelegentlich fliegt er aus, um seine Artgenossen zu treffen. Bei diesen Streifzügen findet er: Gedanken, Ideen, lyrische Zeilen, Assoziationen und so manches Fundstück, das zunächst unscheinbar, sich in der Folge aber als Schatz entpuppt. Er hat einen Blick dafür, das muss man ihm lassen. Seine Antennen sind weit ausgefahren.
Nicht, dass ihr jetzt meint, dass Findevogel das gelassen hinnimmt. Nein, er gerät aus dem Häuschen, steigert sich in einen Begeisterungstaumel und ist hin und weg.
Was macht der Findevogel nun mit all diesen Fundstücken? Zunächst hortet er sie in seinem Nest. Dann verwebt er alles zu einem kreativen Neuding. Wenn es fertig ist, will er es an den Mann/die Frau bringen. Er will Resonanz und Austausch. Er will andere begeistern und mit ihnen teilen. Hat er das endlich mit mehr oder weniger Mühe geschafft, zieht er sich für eine Weile in sein Nest zurück, nimmt Auszeit und träumt sich in den Tag hinein.
Er wird übrigens gerne ab und zu gefunden. Wenn also so ein findiger Gast sein Nest in den Dornen sichtet und sogar anklopft, kann er sicher sein, dass er eine besondere Gastfreundschaft genießen darf.
Jetzt frage ich mich doch gerade, ob es wohl in dieser Gemeinschaft Artgenossen gibt, die eingeladen sind, einfach mal vorbei zu schauen?
Powered by kulando