Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 13 Jun, 2009 @ 12:03
Lieber Schnurrhahn,
ich vermisse dein Schnurren und Knurren. Wieder neigt sich der Tag, und von dir keine Spur weit und breit.
Im grauen Dorf tut sich nichts. Die Bürgersteige sind hoch geklappt.
Der Mond schwebt nun über dem Apfelbaum und rundet sich. Die gelbe Tür
ist angelehnt und ich sitze auf der Bank vor dem blauen Haus. Auf dem
kleinen Tisch steht ein kühles Kirschbier, das ich gern mit dir
zusammen getrunken hätte. Kleine Lampignons hängen in der Hecke. Ich
bin traurig.
Als ich heute Vormittag Paul und Paulinchen zum Kindergarten brachte,
beschloss ich, noch einen Spaziergang durch die Felder zu machen. Ich
trug bequeme Schuhe, halblange Hosen und ein buntes Hemd. Selbst die
Sonnenbrille steckte beim Handy in der Tasche.
Die Gerste steht schon hoch und nebenan der Hafer wiegte sich
bizarr im Wind. Es duftete nach frischgemähtem Heu, und zwischen den
Getreidehalmen versteckte sich ein wenig zerknitterter Mohn. Kornblume
und Kamille leisteten ihm Gesellschaft. Ich ging den langen Weg, der am
Ende im kleinen Wäldchen endet. Dort wo die Obstwiese ist, nahe am
Gleiskörper der Bahn, weißt du?
Ist auch egal, ich war schon oft dort unter den Bäumen. Ich ging also
durch den zweigverhangenen Gang und war baff erstaunt. Mitten unter den
Apfelbäumen stand ein bunter Zigeunerwagen. Nichts rührte sich. Vom
Bahngleis her stürmte bellend ein kleiner schwarzer Hund auf mich zu.
Ihm folgte eine Frau mit grauem langen Haar. Sie lächelte mich an.
"Guten Tag! Kennen Sie sich hier aus? Ich suche eine Bäckerei, um mir etwas Brot zu kaufen."
"Guten Morgen, gehört Ihnen der Wagen?"
"Aber ja, ich bin Künstlerin auf dem Seil."
"Dann kennen Sie vielleicht den Herrn Papiertiger?"
"Nein, nicht persönlich. Eher vom Hören und Sagen. Er soll in dieser Gegend zur Zeit sein Unwesen treiben."
"Ja, vor ein paar Tagen war er im Dorf. Wie sind Sie hierher gekommen?"
"Eine gute Freundin hat mich hierher gezogen. Ihr gehört die Wiese, und
sie weiß, dass ich magische Orte liebe. Ich mache Pause in meinem
bunten Schneckenhaus und erkunde die Umgebung nach
Auftrittsmöglichkeiten."
"Der Hund gehört zu Ihnen? Oder?"
"Das ist mein Julius. Komm her Julius. Mach Männchen und gib dem Besuch eine Pfote."
Sie lächelte: "Übrigens, ich heiße Aurora!"
Schnurrhahn, ich muss den Brief beenden, denn ein Sturm zieht auf. Ich will schnell Fenster und Läden schließen.
Bis bald und morgen mehr.
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 10 Jun, 2009 @ 22:47
Lieber Schnurrhahn,
du hast mir gefehlt in den letzten Tagen und, du hast etwas wirklich
Sensationelles verpasst. Wo bleibst du überhaupt. Ich erwartete dich
schon gestern. Die Sahne stand bereit und auch die kleinen
Schokoerdbeertörtchen, die du so liebst. Und dann, nichts da, du,
unauffindbar.
Samtpfote und Schmeichelsuse vertilgten die Köstlichkeiten heimlich und
verdarben sich an der Sahne den Magen . Ich kann dir sagen, hier war
was los, heute Morgen. Ich hatte das Nachsehen und zu putzen genug.
Jetzt sind die beiden wieder fit, streichen und miauen mir um die Beine, und zerreißen sich das Maul.
Zurück zum Sensationellen im grauen Dorf mit dem blauen Haus, das eine gelbe Tür und rote Giebel trägt:
Papiertiger hatte seinen großen Auftritt. Er kam in Frack und Zylinder
vorgestern Abend, spannte das Seil zwischen den Giebeln, stieg hinauf
und balancierte über das Seil. Der Mond hing sichelförmig im Apfelbaum.
Die Balancierstange brannte rauchend an beiden Enden.
Dann, in der Mitte des Seils geschah das schier Unglaubliche: eine
verirrte Fledermaus streifte Papiertigers Stirn und der stürzte mitsamt
seinen Flammenwerfern rückwärts in den Apfelbaum. Zum Glück für alle
stand die gut gefüllte Regentonne darunter und Pauls kleiner grüner
Eimer. Schnell löschten wir das hungrige Feuer. Papiertieger ist mit
dem Schreck davon gekommen, denn der Baum war sommerlich dicht belaubt.
Nur eine kleine Schramme ziert seine Wange.
Ich vermisse dich, wie Paul und Paulinchen auch. Musst du denn immer so
herum streunen und vagabundieren? Nimm uns das nächste mal mit.
Komm bald, bitte, ich möchte wieder Geschichten hören, deine Tranliese
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 1 Mär, 2009 @ 23:04
Liebe Elisabeth,
weißt du, ich muss es mal zum Ausdruck bringen:
ich ahne, wofür du mich hältst, wahrscheinlich für eine weltferne
Idealistin. Du irrst dich. So wie jeder andere Mensch lebe ich täglich
mein Leben mit seinen Schwierigkeiten und Hindernissen.
Ich sehe viel, von dem du nicht mal etwas ahnst. Ich sehe wie Menschen
sich zerreißen und klein machen, bis sie aufgeben oder so wütend
werden, dass sie explodieren, und alles was um sie herum ist, dabei
Schaden nimmt.
Versuche zu verstehen, ich will nicht meinen Finger in die offenen
Wunden der Menschen legen - die eh schon am Leben leiden - wenn ich
schreibe. Ich möchte, dass meine Worte heilsam sind. Ich möchte die
Menschen an ihre Träume erinnern, an ihre großen, nicht ausgesprochenen
Wünsche. Ich möchte sie daran erinnern, wo sie her kommen, wo ihre
Wurzeln liegen und ihre inneren Schätze.
In unserer Zeit braucht der Mensch Nahrung aus der nichtmateriellen Welt und von der der anderen Seite des Mondes.
Und das die Worte wirksam sein können, sehe ich daran, wie sie
reagieren - berührt und plötzlich weicher, so als öffne sich eine Tür,
hinter der eine Welt wieder ersteht, die ihnen schon vergessen war.
Und sie gehen weiter auf ihrem Weg, nur ein wenig aufgerichteter.
Beim ersten Schritt kann ich sie begleiten, aber dann, wenn sie ihre Richtung gefunden haben, müssen sie alleine weiter gehen.
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 25 Jan, 2009 @ 23:15
Hi Klausi,
eben hat mich der kleine Zeh am rechten Fuß gezwackt, und ich musste an
dich denken. Weißt du noch, als wir barfuß durch den Sand gelaufen sind
und dein kleiner Zeh - es war der linke, oder - sich an einer kleinen
Scherbe aufschlitzte.
Wir hatten nichts dabei, nur ein gebrauchtes Tempotuch. Ich habe dich gestützt auf dem Weg zurück.
Jedenfalls habe ich eben den Rechner hochgefahren und die Ostsee-Bilder
heraus gesucht. Und da warst du, dein offenes Gesicht mit den
verwegenen Bartstoppeln, und ich schaute dir tief in die blauen
Funkelaugen, konzentrierte mich eine ganze Weile auf deine
Nasenenwurzel und sendete - Morsezeichen, lichte Gedanken,
Freundschaft, Leichtigkeit und das Flügelzittern gaukelnder
Schmetterlinge in einer blauen Stunde. Die flattern nämlich gerade in
meinem Magen.
Ich hoffe, die Post ist angekommen und du meldest dich bald.
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 18 Jan, 2009 @ 12:55
April, 05
Liebe Mona,
deine Freundin Lissi schickt dir heute ganz besonders aufmunternde Grüße. Dein
Brief liegt vor mir. Ich musste ihn mehrmals lesen, um alles zu verstehen, was
darin enthalten ist. Es sind so viele lose Fäden, die sich mir entgegen strecken.
Welchen soll ich zuerst greifen?
Ich
stelle mir vor, wie du jetzt diesen Brief in der Hand hältst. Wo bist du
gerade? An deinem Sonnenplatz im Garten oder auf dem Bett in der indischen
Ecke? Ich sehe dich auf dem Bett sitzen, die Beine untereinandergeschlagen. Für
einen Augenblick bist du ganz ruhig, nur auf deiner Stirn über der Nasenwurzel
zeigen sich tiefe Denkerfalten. Du atmest tief und ruhig, deine Lesebrille
sitzt weit unten auf der Nase. Für einen Augenblick schiebst du sie in dein
störrisches kurzes Haar, glättest die Stirn, wirst ganz weich und entspannt.
Erstaunlich,
wie gelassen du bist, wo doch der Sturm in dir und um dich herum tobt. Du
schreibst von schwierigen Entscheidungen, denn du bist an einer Wegkreuzung
angelangt. Die Entscheidung willst du dir nicht leicht machen, viele Dinge sind
zu bedenken. Eine schwere Last. Ich bin nah bei dir und schicke dir einen
Engel. Möge er helfen, das Gewicht zu tragen.
Du willst die Lebenskarten noch einmal neu mischen.
In der letzten Zeit hat dein Weg dich nach innen geführt, in die Vergangenheit
und in die Zukunft. Du hast diese Auszeit gegen vieler Widerstände
durchgesetzt. Ich weiß wie es ist, wenn alle Lieben um dich herum, nicht
zulassen wollen, dass Frau sich verändert. Du hast Ausdauer und Mut bewiesen,
weißt aber auch, dass du jetzt zurück kommen musst, wenn du die Brücken zum
richtigen Leben nicht verlieren willst.
Gar
nicht so leicht, denn die Abenteuer in deinem Kopf waren oft prickelnder und
spannender, als der triste Alltag, der jeden Tag zu verschlucken drohte. Du
hast hoch gepokert, gebrannt und bist fast in deine Seelenabgründe gestürzt.
Was
rettete dich? So wie ich dich kenne und liebe, verdankst du es deiner
Gradlinigkeit, der selten versiegenden Zuversicht, dem festgefügten Vertrauen
in dich selbst und deiner Begeisterungsfähigkeit.
Mutlos
habe ich dich bisher selten erlebt, aber was ist jetzt, du möchtest etwas
festhalten und nicht loslassen. Immer konntest du doch gut loslassen, was ist
geschehen?
Ich die
Glucke, die Kokonspinnerin tat mich schwer mit dem Loslassen. Wie sehr habe ich
unter jedem Abschied gelitten, das Herz brach mir jedes Mal fast entzwei, und
du hast mir immer so viel Trost geschenkt.
Zeiten
ändern sich, nichts bleibt, wie es ist, das ist der Kreislauf des Lebens. Wenn
wir irgendwann einmal selber gehen, können wir nichts mitnehmen. Liebes, wie
ich dich verstehe und mit dir fühle, manche Begegnungen sind wie ein
Wirbelwind. Danach ist nichts mehr an seinem Platz, eine neue Ordnung muss her.
Auch
wenn du im Augenblick traurig und verzagt bist, zweifle nicht daran, dass alles
was geschieht und uns im Leben begegnet, seinen Sinn hat, auch wenn du es im
Augenblick noch nicht verstehen kannst. Das sind deine Worte, liebe Mona, wie
oft hast du sie mir gesagt?
"Ich
habe etwas wichtiges erkannt," schreibst du " jemand hat mich an ein
ungelöstes Lebensthema erinnert, und ich kann ihm nicht mehr ausweichen."
Mona,
als ich dich vor sechs Monaten gesehen habe, erschrak ich. Da war etwas
Bitteres in deinem Gesicht, von dem ich das Gefühl hatte, dass es dich langsam
von Innen vergiftet. Ich habe es gesehen, wagte aber nicht, dich darauf
anzusprechen.
Du hast
mir ein neues Foto geschickt, und ich freue mich, dass du weicher und gesünder
aus siehst. Dein Gesicht hat eine neue Tiefe bekommen. Melancholische Schatten
liegen unter den Wangenknochen. Dein Gesicht ist schmaler geworden. Weißt du
eigentlich, wie gern ich dein Gesicht mag?
Unter
deiner lebendigen, sich ständig ändernden Mimik, erzählt es ohne Worte ganze
Romane. Ein offenes Buch, dass kein Geheimnis wahren kann. Weißt du eigentlich,
wie reizvoll dieses Gesicht ist, wie es den Zuschauer in seinen Bann zieht? Du
schaust die Menschen offen und direkt an, schenkst einen intensiven Blick dem,
der einen interessanten Gedanken ausspricht oder dem, der dich amüsiert. Dann
spielt um deine sich kräuselnden Lippen ein feines angedeutetes Lächeln und
deine Augen blitzen. Der Zuschauer fühlt sich persönlich angesprochen und
bestätigt. Missbilligend und böse kannst du auch schauen - Gewitterblitze
schicken. Deine Augen verdunkeln sich, wie aufziehende Wolken den Himmel
verdecken, wenn du ärgerlich wirst.
Du bist
ein Phänomen und schaffst durch deine Direktheit und Authentizität nicht nur
Sympathien. Das ist dir aber egal, es gibt immer Menschen die dich mögen, und
du lässt dich in keine Schublade sperren. Immer neue Seiten gibt es an dir zu
entdecken. Ich mag deine Nachdenklichkeit und den trockenen, schwarzen Humor,
der manchmal durchblitzt.
Mona,
denen du nah bist, bietest du viel, ohne dich je ganz aufzugeben. Also hab auch
jetzt keine Angst, du hast nichts zu verlieren. Lass dieses Vogelküken frei.
Was Flügel hat, muss fliegen!
Ganz
tief in meinem Inneren weiß ich, du wirst für dich den richtigen Weg wählen.
Ist es
nicht erstaunlich, welche Chancen uns das Leben immer wieder bietet, um uns mit
dem Schicksal zu versöhnen und weiter zu wachsen? Das Leben ist ein Wunder,
wenn du deine Sinne öffnest, die Wurzeln ausbreitest und den Wind in deinen
Haaren spürst.
Wie gern
wäre ich jetzt in deiner Nähe - ich umarme dich stumm, meine Seelenschwester,
und schicke dir ein Lächeln,
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 15 Jan, 2009 @ 23:15
31.4.05
Weißt du, meine Liebe, das muss ich dir noch schnell schreiben:
In meinem Lebensbuch schließt sich ein Kapitel. Noch liegt die letzte
aufgeschlagen Seite vor mir. Ich blättere zurück, erinnere mich, lache
über einige Zeilen, weine über andere, bin melancholisch und traurig.
Was da alles geschrieben steht. Es gleicht einer lebendigen Hecke mit
wucherndem Blattgrün, spitzen Dornen und zarten rosaweißen Blüten. An
manchen Stellen kann ich durch die Löcher im Geäst weit in die Zukunft
blicken. Da winkt schon etwas, lockt Fremdes meinen Blick - öffnen sich
noch unbekannte Wege - ins Gebirge, ans Meer? Wer weiß?
Andere sind Vergangenheitslöcher:
da rennt das 5-jährige Mädchen mit ihrem dunklen Pferdeschwanz hinter
den Hühnern her. Sie trägt einen kurzen Rock, eine geblümte Schürze und
eine rote Strickjacke - selbstgestrickt - und heruntergerutschte
Kniestrümpfe. Es ist also schon nach Ostern. An einer anderen Stelle
sitzt sie im Mai mit ihrem dreijährigen Bruder unter dem Hollerbusch im
anderen Garten - wo die Erwachsenen sie nicht sehen - Holunderblüten in
den Händen. Die Blüten dürfen nicht mit ins Haus - niemand sagt ihr
warum. Erst viele Jahre später lernt sie, dass Holunderblüten in der
Vase penetrant - und sehr unangenehm - nach Katze stinken.
Insekten krabbeln in den Zweigen und dicke fette Spinnen verharren in
ihrem Netz. viele bunte Vögel haben hier ihr Zuhause - ihr Nest, in dem
gerade gebrütet wird. Ob ein Kuckucksei darin liegt? Wer weiß das
schon.
An manchen Stellen ist das Heckengespinst so dicht miteinander
verwoben, dass niemand die Zweige voneinander trennen kann. Nicht mal
Blätter wachsen an diesen Stellen. Die ersten Schmetterlinge flattern.
Es gibt menschliche Schatten und verkleidete Engel zwischen den
Dornen-und Blütenzeilen.
Rechts oben lauert ein kleiner schwarzer Teufel mit roten Hörnern.
Eine weiße Katze jagt Mäuse und eine schwarze schleicht sich an die Vögeln heran. Eben hat sie ein blaues Vogelei erwischt.
Was wird das neue Kapitel bringen? Erst einmal viel Leere. Gähnend
langweilig will mir das neue Kapitel erscheinen, alles weiß -
unbeschrieben und neu. Das hat aber auch etwas:
was kann ich damit nicht alles tun? Viel hineinpacken - oder einfach
Platz lassen, um endlich wieder tief durch zu atmen; nach Wien fahren
und Macchiato Grande im Cafe Prückel trinken oder nach Berlin, um die
Ausstellung des Märchenbilderfotografen anzusehen; zu träumen, Seegras
spinnen oder meditierend zu schreiben.
Das Alltagsraster wird schnell zu sehen sein. Es druckt sich wie von selbst. Ich will das Kapitel heute noch nicht öffnen.
Erst kommt die Walpurgisnacht und die Hexen sind mit ihren Besen auf
den Blocksberg geflogen, um mit dem Teufel um die Wette zu tanzen.
Magie liegt in der Luft!
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 12 Apr, 2008 @ 19:29
Hallo Traumtänzer,
es ist so viel geschehen heute, lieber Freund. Wo soll ich beginnen? Erst
einmal war da dieser Frosch, der mir über den Weg lief und den ich fast mit
meinem Fahrrad überfahren hätte. Zum Glück sah ich ihn so rechtzeitig, dass ich
noch bremsen konnte. Dabei kam ich ins Schlingern, denn jemand hatte eine
glitschige Bananenschale auf die Strasse geworfen. Ich kippte um und
verhedderte mich in der Kette. Eitel, wie ich war, hatte ich ja unbedingt meine
neue weite Hose - orangerot mit lila Punkten - anziehen müssen, ohne Klammern
versteht sich. Die Luft war lau und wohin ich auch sah, überall brachen die
Blüten auf.
Nun saß ich also mit dem schmerzenden Hinterteil auf der Straße und hing mit
der Hose in der Kette. Die grüne Haarspange war verrutscht und der lange rosa
Seidenschal hatte sich heimlich davon gestohlen. Für einen Augenblick haderte
ich mit dem Schicksal, doch dann begannen meine Finger damit, die Hose
vorsichtig aus den Gliedern der Kette zu befreien. Plötzlich hörte ich ein
Lachen, erst ganz leise, doch es wurde immer lauter, bis es in meinen Ohren
schmerzte.
Ich schaute auf: ein Riesenfrosch stand vor mir. Für den Augenblick war ich
perplex und dachte, einer Fatamorgana aufgesessen zu sein. Ja ich fragte mich
tatsächlich nach meinem Verstand.
Vielleicht hatte sich ja von jetzt auf gleich ein Abgrund zwischen mir und
meiner Welt geöffnet, in den ich hineingefallen war, denn in meiner normalen
Welt gab es keine grünen Monsterfrösche, die mich unverdrossen auslachten. Du
kennst mich ja. Aurora hat weder vor dem Hochseil noch vor sonst etwas Angst.
Ich wurde wütend und schrie den Frosch an:
"Du verdammtes Ungetüm, verschwinde aus meinem Blickfeld, oder ich hau dir
eins über die Rübe."
und schon hielt ich den kleinen bunten Sonnenschirm, den ich manchmal auf dem
Seil zum Balancieren benutze, in der Hand und drohte mit der Spitze. Ein wenig,
das muss ich zugeben, kam ich mir vor, wie ein weiblicher Don Quichotte, der
vor hat, mit den Windemühlenflügeln zu kämpfen.
Meine verbale Attacke verfehlte ihr Ziel, denn der Frosch war nun groß wie das
Hochhaus im Nachbarort mit den fünfundzwanzig Etagen, das von weitem aussah,
wie ein Risenzeigefinger, der gleich in Wolke Nummer sieben stechen wird, um
sie zum Platzen zu bringen, und dem es völlig gleichgültig bleibt, wer da oben
liebesverschlungen gerade sein Bett gefunden hat.
Meine Stimme erreichte die Hörvorrichtungen des Frosches nicht, denn ich war ja
unten am Boden, inzwischen aus der Kette befreit und aufgerichtet, aber eben
klein. Ich hörte ihn noch immer lachen, und das Lachen war so mächtig, dass die
Bäume mit ihrem frischen Laub sich hin und her bewegten, als sei ein Sturm
aufgezogen. Aber mit einem hatte der Frosch nicht gerechnet, denn er konnte
mich ja nicht mehr sehen. Ich stieß die Spitze des Schirms in seinen Bauch und
es macht Pftt!
Der Frosch sackte in sich zusammen und seine Plastikhaut begrub mich unter
sich.
Zwar dauerte es eine Weile, bis ich mich schirmrudernd aus dem grünen Gespinst
befreit hatte, aber zum Glück hatte der Frosch nur aus Luft bestanden.
Ich schmunzelte, als ich am Boden eine kleine Krone mit Perlen auf den Zacken
fand, die ich als mir zustehender Lohn, in meine gehäkelte Hippie-Tasche mit den regenbogenfarbigen
Rosetten steckte.
Ich nahm mein Rad und schob es nach Hause, stellte es in den Keller und
beschloss, es mir für heute bei Schokolade mit Sahne und Keksen gemütlich zu
machen.
Doch was war das? Im Badezimmerspiegel sah meine Haut so grün aus und die Haare
erst. Sie ringelten sich wie grüne Schlangen aus der Haarspange heraus.
Ich fühle mich kerngesund, und werde jetzt kein Drama daraus machen. Vielleicht
ist der Spuk ja morgen, wenn ich aufwache, endgültig vorbei. Bitte denk an mich
und drücke mir die Daumen.
Es grüßt dich deine Aurora
die
heute auf dem Hochseil der Fantasie spazieren gegangen ist
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 5 Mär, 2008 @ 22:15
Hallo mein lieber Traumtänzer,
ich bin seit Januar zurück. Mein Herz ist schwer, denn ich musste den
Liebsten ziehen lassen, eine leidenschaftliche Episode, die im
Winterquartier ihr voraussehbares Ende fand: Frau und Kinder warteten
dort. Ich war vorbereitet, denn Miguel machte mir von Anfang an klar,
dass wir nur eine begrenzte Zeit miteinander verbringen können und egal
was auch geschieht, seine Familie Vorrang hat. Ich habe mich
eingelassen und nichts bereut. Seine Zärtlichkeit hat mich tief berührt
- unsere Körper waren füreinander geschaffen. Und die Seelen erkannten
sich. Er hat mich gelehrt, dem Leben und mir selbst zu vertrauen, jeden
Augenblick, wie ein Geschenk zu betrachten und die Fülle in mir selbst
zu sehen. Ich weiß noch nicht, was ich mit meiner Sehnsucht tun werde -
im Moment brandet sie in mir wie Ebbe und Flut an deinem Strand - aber
es werden sich Wege öffnen. Manchmal ist ja die Sehnsucht die größte
Triebfeder für kreatives Wachstum.
Miguel und ich werden uns wohl nicht wieder sehen, denn im nächsten
Sommer ist er in einem anderen Zirkus engagiert, und ich werde mein
Film-Projekt verwirklichen. Du erinnerst dich an die Anfrage vom Juni,
bevor der Zirkus mich einfach mitgenommen hat? Dieses Projekt wird
jetzt wahr. aber doch bin ich dankbar für alle Erfahrungen, die ich mit
dem Wanderzirkus unterwegs machen durfte.
Die letzten Wochen verschlief ich, denn so ein Nomadenleben ist
anstrengend, auch das ungewohnte Zusammensein mit so vielen Menschen.
Ich hoffe, du hast den Winter auf der Insel mit dem roten Leuchtturm
gut überstanden. Es war ja Sturm letzte Woche. Ich sah aus meinem
Dachfenster die hohen Wellen.
Ich traf Jule aus Wien zwischen den Monaten. Auf einer S-Bahnfahrt im
letzten Sommer saßen wir im gleichen Abteil, beide traurig damals.
Sie befand sich auf einer Lesereise und ich tingelte seiltanzend durch die Städte.
Sie hat mich in ihrem Tagebuch verewigt, und mir diesen Text mitgebracht.
Wie sie mich beschreibt, so bin ich:
"Das Mädchen war nicht jung.
Die mausgrauen Haare trägt sie zu Rattenschwänzen gebunden hinter den
kleinen Ohren. Die Augen sind von unbeschreiblicher Farbe: in einem
hellen Bernsteinbraun tanzen grüne Sprenkel. Ein tiefes Grau umrahmt
die Iris.
Das schmale Mädchen gleicht einem Knaben. Winzige Brüste zeichnen sich
ab unter dem engen geblümten Trikot, und die kaum gerundeten Hüften
wiegen sich beim Gehen. Ein langer Schal flattert feminin um den Hals
und wippt mit den Zöpfen im Takt - fast, als sei er eine Fahne im Wind.
Lacht dieses alte Mädchen jemals? Unter großen ausdrucksvollen Augen
und einer zierlichen Nase wirken die zusammengepressten Lippen schmal
und streng.
Die Haut ist hell und einzelne Sommersprossen zieren die Wangenknochen.
Und doch, in diesem Wesen liegt etwas ungemein Bezwingendes.
Es schaute die Menschen an, verschenkte ohne Koketterie tiefe Blicke. Entgeht diesem Blick jemals etwas?
Wie aus heiterem Himmel lacht dieses Gesicht plötzlich, verzieht sich spitzbübisch, fast koboldhaft.
Faszinierend: im einem Augenblick erscheint das Gesicht uralt und im
übernächsten schon jung, wie das blühende Leben. Es kommt wohl auf das
Licht und die Tagesform an.
Über den Augenblick schiebt sich ein stummer Film: ich sehe eine
Clownin auf dem gespannten Seil. Sie dreht dem Publikum eine lange
Nase.
Bevor sie aussteigt und meinen Blicken entschwindet, beugt sie sich zu mir herüber: "Übrigens, ich heiße Aurora."
Ich glaube fast, wir werden Freundinnen. Sie hat versprochen, mir beim
Ordnen und Korrigieren der aufgeschriebenen Zirkuserlebnisse zu helfen.
Es grüßt dich von Herzen, deine seiltanzende Aurora
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 8 Jul, 2007 @ 23:18
Guten Abend Flores,
du kennst Leander? Was verbindet dich mit ihm? Durch Zufall fiel der Brief an
ihn in meine Hände. Ich stehe vor einem Rätsel. Leander ist ein Reisender durch
Raum und Zeit. Er trägt zwei Gesichter. Einst bezeichnete ich ihn als meinen Sohn.
Wir waren vertraut miteinander wie Bruder und Schwester. Er erzählte mir von
der inneren Unruhe, die ihn von Zeit zu Zeit überfällt und weiter treibt. Im
Augenblick jongliert er mit Worten und tingelt durch die Hinterhoflandschaften
überfüllter Städte. Ja, er hat etwas Verzehrendes an sich, so als sei er eine
Kerze, die an zwei Enden brennt, aber er reißt Menschen mit, begeistert sie.
Seine Augen sprühen Funken und er erobert Herzen im Flug. Seine lästernden
Lippen spotten gern. Immer sind viele Menschen um ihn herum. Alle paar Monate
besucht er mich, denn ich bin sein Hafen und für eine Weile findet er Ruhe. Ein
Mädchen - Claire - fragte nach ihm. Ich glaube, sie traf ihn auf einem
Rastplatz an der Autobahn nach Paris. Ab und zu lade ich Claire in meine
Rosenlaube ein, und wir erzählen einen Tag lang, bis die Nacht herein bricht.
Sie sucht ihre beste Freundin Marie, die eines Tages aufgebrochen ist, um die
Liebe ihres Lebens zu suchen. Sie verschwand im Dunst eines Spätsommermorgens
und hinterließ keine Spuren. Claire formulierte es einmal so: "Marie wurde
von der Zeit verschluckt und verirrte sich in ihren inneren Räumen. Claire ist
eine ungewöhnliche Frau, hat Visionen, Gesichte und Eingebungen und hält viel
von den Träumen. Immer noch hofft sie, Marie zu erreichen und aus ihren inneren
Abgründen zu retten.
Sag mir Flores, warum diese Menschen - Leander, Marie, Claire - so rast-und
ruhelos sind? Was lässt den einen Teil der Menschen verweilen und den anderen
eilen? Manchmal verstehe ich diese Zeit nicht.
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 4 Jul, 2007 @ 23:19
Hallo, mein lieber Traumtänzer,
ich bin noch ganz aus dem Häuschen, und weiß gar nicht, wo ich mit dem Erzählen beginnen soll.
Eigentlich war ich ja unterwegs zu deiner Insel. Die Herzkirschen sind
reif. Aber nun - nein es tut mir nicht Leid - muss ich meine Pläne
ändern. Ich bin engagiert und ziehe mit der Akrobatengruppe des "cirque
de soleil" Richtung Frankreich und über die Pyrenäen nach Spanien und
Portugal. Sie sahen mich auf dem Seil, waren begeistert und sprachen
gleich nach der Aufführung mit mir. Wir wurden schnell handelseinig. Es
ist eine große Chance für mich, und die Rahmenbedingungen sind gut.
Mein Glück ist, dass die bisherige Seiltänzerin ein Kind bekommt. Wir
sind schon unterwegs Richtung Süden. Ich wohne zusammen mit der
Kleintier-Dompteurin Susanna in einem himmelblauen Zirkuswagen. Ich
kann es noch nicht fassen.
Und ich habe mich verliebt. Mein Herz flattert. Er heißt Antonio, ist
Mitglied der Gruppe, und ich traue mich noch nicht, ihm näher zu
kommen: ein schöner Mann groß, muskulös und gut gebaut mit tiefer
volltönender Stimme. Er trägt die glatten dunklen Haare lang. Das
Schönste an ihm aber sind die Augen. Ich könnte hineinfallen und darin
versinken. Morgen trainieren wir zusammen. Vor Aufregung kann ich gar
nicht einschlafen. Susanna fragte mich schon, ob ich immer so unruhig
sei.
Jetzt trinken wir noch eine Flasche "Cotes du Rhone" schließlich müssen
wir Einstand feiern. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, unterwegs zu
sein mit einer Gruppe von Menschen. Es behagt mir, denn hier herrscht
eine gute Atmosphäre und ich fühle mich gleichwertig. Ja,ja, - ich weiß
- im Augenblick erscheint die Welt mir rosarot, trotz des anhaltenden
Regens.
Ein Abenteuer beginnt. Bald mehr von der glücklichen Aurora
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 23 Jun, 2007 @ 00:15
Liebster Traumtänzer,
ich bin auf dem Weg zu deiner Insel. Ja, ja, es ist so weit, das Jahr wendet
sich. Heute sah ich Feuer brennen. Wie wunderbar, sein Stoffhaus unter dem
Sternenzelt aufzubauen und drüben auf der anderen Seite des Flusses die Funken
stieben zu sehen. Eine turbulente und angestrengte Zeit liegt hinter mir, habe
fast jeden Tag eine Vorstellung auf diversen Marktplätzen gegeben. Stell dir
vor, gestern sprach mich ein Mann an, wollte wissen, ob ich Interesse daran
hätte, als Seiltänzerin in einem Film mitzuwirken. Wir tauschten die Adressen
aus und verabredeten uns zum Gespräch über den Film im September. Danach werde
ich Jule in Wien besuchen. Das Wetter in den letzten Tagen hat mir zugesetzt.
Für diesen Sommer habe ich mein Geld redlich verdient. Ich sitze vor dem Zelt
und lausche auf die Geräusche: die Kinder sind still jetzt, schlafen nach dem
aufregendem Ferientag, aber im Zelt gegenüber spielen zwei Gitarristen
spanische Musik, und vom anderen Ufer erreichen Trommelklänge mein Ohr. Ich bin
gar nicht müde. Es gelingt mir nicht, einfach den Abend mit seiner Schönheit zu
genießen. Meine Gedanken sind wie Zugvögel, sie kommen immer wieder zurück. Ich
vermisse ein "Du" eins, dem man sein Herz ausschütten kann; eins, bei
dem die "Zugvögel" zwischenlanden können, bevor sie in den Süden
ziehen; eins was einfach da ist. Es wäre so wunderbar die innersten Gedanken
mit jemandem zu teilen. Du könntest dieser Jemand sein, aber real gibt es dich
ja nicht. Obwohl immer unter den Menschen, bin ich allein. Die Leute verstehen
mich nicht. Oder verstehe ich die Leute nicht? Ich weiß nicht, bin zuviel mit
mir allein.
Bald sind die schwarzen Kirschen reif. Das Meer ist nicht mehr weit. Ich lege
den Brief in eine Rotweinflasche und werfe sie in den Fluss. Vielleicht
erreicht er dich. Ich vermisse die weiße Brieftaube.
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 7 Jun, 2007 @ 22:31
Guten Abend Flores,
der Tag neigt sich dem Ende zu - Zeit , um zu lesen und festzuhalten,
was der Tag an Gedanken so mit sich gebracht hat. Oder - was ich sehr
gerne in den Abendstunden erledige - Briefe beantworten. Ich wäre gern
an deinem Meer, würde dort mit eigenen Augen sehen dürfen, wie der
Himmel sich in der unendlichen Weite des Ozeans spiegelt und die Grenze
zwischen beiden zerfließt. Dieser Raum zwischen Wasser und Himmel, der
am Horizont verschmilzt ist doch wie die großen Liebenden, die sich
nach langer Suche am Abend endlich gefunden haben, um sich im
Morgengrauen wieder zu trennen. Dort liegt ihr Geheimnis, ihre
Sehnsucht und die Hoffnung auf Unsterblichkeit. Wie die Vögel werden
sie getragen von unsichtbaren Flügel. Jeden Abend schauen sie aufs neue
hinaus, warten aufeinander und suchen nach einem Hoffnungsschimmer.
Ihre Sehnsucht ist wie ein Leuchtturm in der Nacht.
Ich würde nicht satt werden, den Wellen und dem Wind zu lauschen und
die natürlichen Lichtspiele auf dem Wasser zu bestaunen. Die Zeit wäre
nicht wichtig. Leider lebe ich in der Stadt, weit entfernt von meinem
geliebten Meer. Hier sind die Horizonte eng. Nur die Katze auf dem Dach
kennt die Freiheit und das Dächergewirr zwischen dem filigranen
Schornstein-und Antennendurcheinander. Kein Wunder, dass sich Liebenden
hier nur selten finden. Wo sollten sie sich verstecken, wenn
balsamische Juninächte locken?
Die Liebe braucht Raum und Freiheit, um zu wachsen und umfriedete
Rosengärten für die Zweisamkeit, in denen keine Zuschauer lauern.
Ja, ich war heute lange in meinem Garten. Traurig begutachtete ich die
Schäden, die dicke Hagelkörner am Nachmittag verursacht haben. Das sah
nicht schön aus. Ich hoffe, sie werden sich erholen, die verbliebenen
Blüten. Die Vögel waren verstummt. So ging ich in den Pavillon und
schaute nach der chinesischen Nachtigall. Sie sang für mich ein
Liebeslied.
Mein Blick folgt jetzt einer Möwe, die am naheliegenden Fluss ihre
Heimat hat. Der Fluss strebt zum Meer. Ich schenke ihm meine Gedanken.
Die Wellen werden Wassergeschichten daraus weben und das zierliche
Gespinst zu dir tragen.
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 23 Mai, 2007 @ 22:40
Guten Abend Herr? Flores,
es berührt mich seltsam, dass du mich siezt und gleichzeitig bittest,
dich weiter zu duzen. Bedeutet es vielleicht, dass du dir mit dem Sie
eine notwendige Distanz schaffst, gleichzeitig aber glaubst, dass für
mich Nähe kein Problem darstellt? Oder betrachten Sie mich wie einen
ungewöhnlichen Kunstgegenstand, den man nicht berühren darf, weil er
zerbrechen könnte? Sie sehen, diese Frage setzt mir zu und beschäftigt
mich.
Das war mein Eingangsstatement, jetzt aber zum Wesentlichen, zur Seele deines Briefes.
Ich lächle und sehe dabei kleine weiße Segelboote auf einer
Wasserfontäne tanzen. Wieso nur verbinde ich dich immer mit der Farbe
"Weiß"? Wie ein leeres Blatt Papier oder ein weißer Raum, den man in
Gedanken füllen kann, womit man will, ohne dass es für Außenstehende
sichtbar wird.
Interessante Vorstellung: ein weißer leerer Raum und dazu ein Nachtbuch
mit sieben Siegeln, indem festgehalten ist, was am Tag den Raum
ausschmückt.
Fragt sich nur, wer Zugang zum Schlüssel erhält. Noch besser: ein
leerer Raum und ein leeres Buch; Besucher mit leeren Gesichtern, die
hineinschreiben oder hineinmalen, wie sie den Raum zu gestalten
wünschen - Imaginationen - oder Musik, erdacht, um im Raum auf ganz
eigene Weise zu klingen. Ich bin sicher, wer sich auf ein solches
Experiment einlässt, geht mit bewegten Gesicht.
Ach, ich bin schon wieder abgeschweift: Seele, Weiß, Du!
Ich verstehe, wovon du sprichst, wenn du den verborgenen und nur zu
bestimmten Zeiten geöffneten Zugang zu den inneren Gärten erwähnst. Ich
kenne das Geheimnis, und freue mich, dass Sie die Tür zu einem meiner
Rosengärten blind gefunden haben. Märchenhaft!
Endlich nach hundert Jahren gelang es einem jungen und mutigen Prinzen
die Dornenhecke zu durchdringen, um das schlafende Dornröschen zu
wecken, aber weder sein Alter und Geschlecht, noch der Mut und auch
nicht das scharfe Schwert waren der Schlüssel, um hindurch zu gelangen
Nein, einzig - die Zeit war reif. Jeder beherzte Mensch wäre zu diesem Zeitpunkt ohne Kraftaufwand hindurch gegangen.
Was wir sehen und was wir nicht sehen, alles ist da zur gleichen Zeit,
und manchmal führt eine weiße Taube, die Krumen pickt uns auf den im
Augenblick richtigen Weg. Was überhaupt ist Zeit, wenn doch alles
zugleich da ist?
Übrigens, sie haben wunderbare Rosenfotos für mich festgehalten. Nachdenklich, Ihre Bela von Rosenhaag
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 18 Mai, 2007 @ 23:47
Hallo lieber Traumtänzer,
du bist mir abhanden gekommen, scheinst weit weg zu sein. Ich würde
dich so gern erreichen. Hast du dich vielleicht für eine Weile ins
Schneckenhaus verzogen? Quäl dich nicht zu sehr. Lass das Dunkle dich
nicht überwältigen. Schau, ich schicke dir Licht und warme Energie.
Bald ist Sommer und die Schwarzkirschen reifen.
Zwei Wochen habe ich nun meine Reise unterbrochen, Zeit zum Innehalten
und Bleiben. Es war ein bisschen schwierig, aber meine kleine Schwester
nahm mich auf. Ich berichte ein anderes Mal davon. Alles ist noch so
frisch, muss erst sacken. Aber seit heute Morgen bin ich wieder
unterwegs, muss mich halt dem Wetter fügen. Ich fließe, bin ein Fluss,
der Ozean ist mein Ziel und die Insel, auf der du lebst. Morgen werde
ich in Bremen tanzen, und "Die Bremer Stadtmusikanten" schauen zu -
smile!
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 8 Mai, 2007 @ 22:08
Guten Abend Flores,
ich kann nicht anders: es reizt mich, dir noch heute zu antworten. Du
schreibst, Gefühlsüberschwang berührt dich - seltsam, das sagen mir
Menschen oft - und ich merke, diese freie und spontane Art, den
Gefühlen Ausdruck zu verleien wird gerade von Menschen geschätzt, die
sich scheuen, ihre Gefühle nach außen zu tragen. Oft lassen sie sich
dann mitreißen und begeistern.
Weißt du, ich kann auch versuchen, die Worte zu verschlucken, aber dann
verrät mich Mimik und Gestik. Ich bin unfähig zu lügen. Glaube mir, es
ist nicht immer angenehm und von Vorteil, wie ein offenes Buch
herumzulaufen, in dem jeder lesen kann. Und ein gewisser Hang zur
Dramatik liegt durchaus in meinem Wesen. Oh ja, ich kann mich in
Gefühle hineinsteigern. Eine Bühne für mich ganz allein würde mir
gefallen - der rote Teppich dürfte nicht fehlen.
Manchmal stelle ich mir vor, ich sei ein Königin und alle meine Rosen
Prinzen und Prinzessinnen von hohem Geblüt. Der Heckenstaat bestehe aus
Akrobaten, Narren, Clowns und Märchenerzählern und das Orchester, das
zum Tanz aufspielt, trage bunte Gewänder mit Glöckchen und
Schnabelschuhe. Ach ja, der Klatschmohn tanzt wie Aurora einbeinig auf
dem Seil. Man hat mir als Kind wohl zu oft gesagt, in meinen Adern
fließe blaues Blut. Du siehst, mit mir geht die Fantasie schnell durch.
Möglicherweise sitzen du jetzt auf einer südlichen Dachterrasse und
schaust den Schwalben zu - am Horizont versinkt die Sonne im Meer. Fast
höre ich die Trauben gurren. Es ist warm und eine sanfte Brise
umschmeichelt dich verwegen und ein bisschen frech.
Erzählst du mir, was genau das "DU" in dir anspricht im Gegensatz zum "Sie"?
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 7 Mai, 2007 @ 17:01
Sehr verehrte(r) Flores,
ich danke für die überraschende Antwort und trete einen Schritt zurück:
hat mich doch neulich - quasi - der Gefühlsüberschwang überrumpelt.
Verzeihen Sie einer Dame mit romantischer Seele ihre Schwärmereien.
Gut, dass meine Zeilen sie dennoch erfreut haben, und ihr Tag in meinen
Gärten ihnen ein paar besondere Einsichten vermitteln durfte.
Ja, im Augenblick ist alles im Aufbruch - es explodiert in Fülle und
Pracht. Besitzen sie etwa einen besonderen Draht zum Universum? Gerade
schrieben sie noch vom ausbleibenden Regen und der beginnenden
Trockenheit, und schon benetzt einsetzender Regen Feld und Flur - ein
Durchatmen zieht durch meine Stadt, und die Pflanzen in den himmlischen
Gärten richten sich auf. Sicher verstehen sie, wenn ich Ihnen erzähle,
wie froh ich über die Tatsache bin, dass meine Rosen gerade erst
begonnen haben zu blühen. So konnte der Regen ihnen noch nicht alle
ihre Blütenblätter rauben.
Ich würde mich freuen, von Ihnen zu hören. Und wenn Sie wieder einmal
Lust haben, einen Garten zu sehen, besuchen Sie mich in meiner
Rosenlaube. Ich lade Sie ein zu Tee und Gebäck. Vor Ort können wir dann
weiter über diese so einzigartige Rose philosophieren. Wissen Sie - die
Eine - die Besondere, die in deren glutroten Blüte ich von den Worten
träumen möchte, die hinter dem Steinwall unsere Geschichte - die gerade
erst beginnt - auf Purpur schreiben. Der Duft dieser Worte umweht mich
bereits wie ein seidener Schal.
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 4 Mai, 2007 @ 13:47
Flores, ich kenne dich nicht. Oder doch?
Aber dein Name - der Wind trug ihn mir zu - lässt Ozeane aus Blüten
wachsen und vor meinem inneren Auge Gärten entstehen mit Laubengängen
und Labyrinthen - Hecken, dichtverflochten, fühlingsgrün und hoch - ich
greife zur Lupe, sehe die eine Rosenblüte, winzigklein noch, gerade
geschlüpft - im Pflanzenmeer!
Im Zeitraffer wächst sie, öffnet ihre Knospe dem Licht und entschleiert
die gefalteten Schichten ihrer glutroten Pracht - so durchscheinend und
zart im Gegenlicht - zeigt sie ihr Herz und füllt den Raum mit Duft.
Meine Nase kann sich nicht satt riechen. Die Augen geschlossen, ahne ich das Seidensamt der Blüte auf den Lippen.
Und dein Name schmilzt auf meiner Zunge, breitet sich im Gaumen aus, wird Essenz - ich koste, schmecke, schlucke.
Dein Name gleicht der Rosenblüte und.....du musst wie sie sein.
Draußen verblüht schon die Pracht, lässt reife Hagebutten zurück - getrocknete Substanz, blutrot - nur die Dornen bleiben.
Ob sie das Beständige sind an dir, während alles unentwegt der Wandlung unterliegt?
Dann will ich achtsam sein und die Dornen vorsichtig umschiffen. Ich
will weiße Segel setzen und im ersten Morgenlicht starten, der Wind
nimmt mich mit, und die Möwen singen dir meinen Namen.
Die Dornen sind nadelspitze Felsen im ruhigen grünen Wasser und jenseits
glitzernder Fjorde. Mein innerer Navigator wird sie nicht
unterschätzen und ihnen Achtung erweisen.
Das Herz deiner Blüte ist Ziel und Hafen mir. Hülle mich ein in
rosenrote Blätter - schließe sie über mir, denn ich will träumen von
den Worten, die Netze spinnen zwischen dir und mir und die unsere
stumme Geschichte jenseits der Steine auf Purpur schreiben.
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 3 Mai, 2007 @ 21:58
Lieber Leuchtturmwärter,
ich schwebe über das Seil durch den Frühling - alles ist so
ungewöhnlich, fast surrealistisch. Manchmal zeichnen sich Male in die
Gesichter der Zuschauer, ihre Münder sind weit aufgerissen und
verzerrt, und in den Augen lodert Angst. Sie werden fahrig und halten
den Atem an. Unter die Wangenknochen malen sich dunkle Schatten. Die
Haut scheint in ein sonderbares Licht getaucht. Sie wissen nicht, dass
es für mich auf dem Seil sicherer ist, als zu ebener Erde. So bin ich
in ihren Augen wohl weder Mensch noch Vogel. Keine blaue Feder findet
das Kind. Aber es lacht und wirft mir eine Kusshand zu. Ich verneige
mich vor ihm, und es beschenkt mich mit leuchtenden Augen. Ich schlage
ein wenig mit den Flügeln, gewinne Wind, und fliege mit den Gedanken,
wohin ich will. Gestern war wieder Flut: wohin mit den traurigen
Gefühlen, wenn der so vielversprechende Tag mit Tränenfluten beginnt?
Einmal mehr stelle ich fest, dass ich nicht überall hinfliegen sollte.
Es gibt Erinnerungen und Themen, die einem den Abgrund nah bringen -
gefährlich!
Manchmal aber gehe ich mit Absicht in den Schmerz hinein, wie in einen dunklen Tunnel, und weiß genau, am Ende wartet Licht.
Die Menschen können einander nicht retten, aber sie können sich die
Hände reichen, einander liebevoll begegnen und Trost spenden, ja sich
sogar eine Weile begleiten. Denkst du mal an mich, wenn die Sonne im
Meer versinkt und alles in Rotgold glänzt? Ich denke oft an dich - wie
es dir wohl geht auf deiner einsamen Insel.
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 25 Apr, 2007 @ 22:56
Liebster Traumtänzer,
Kennst du das? Du steigst am Morgen mit dem falschen Fuss aus dem Bett,
tapst ins Badezimmer und stolperst dabei über ein Paar Schuhe. Im Kopf
ist Watte und kein klarer Gedanke findet hinaus. Du möchtest weinen wie
ein kleines Kind und von einer Mutter getröstet werden. Du tust dir
selbst so leid, dass nicht mal der Frühlingshimmel eine Chance hat,
dich fröhlicher zu stimmen. Und dann stehst du im Badezimmer vor dem
Spiegel mit deinem verwuselten Haar, dem Knitterkleid einer schlaflosen
Nacht und den gezackten Fragezeichen auf der Stirn. Selbst die Nase
wirkt spitz und die Lippen sind ein schmaler farbloser Strich. Die
Wangen scheinen hohl.
Und dann schaust du dir in die Augen, streckst die Zunge heraus: da ist
es wieder, das Funkeln in den Augen und plötzlich lachst du dich selbst
aus. Du zeigst mit dem nackten Finger auf dein Spiegelbild und kicherst
wie ein kleines Mädchen oder ein schüchterner Jüngling, wenn er die
geheime Verliebte erblickt.
Du schüttelst dich und rüttelst dich, wie Goldmarie den Apfelbaum in
Frau Holles Garten und begrüßt den Tag mit einem lauten Triumphgeheul.
In diesem Moment hast du gewonnen, vergessene Nachtträume sind
abgeschüttelt, die Watte hat sich aufgelöst. Du bist wach und lebendig
und alles ist gut. Du brühst dir Kaffee auf und beißt mit gutem Appetit
in Käsebrot und Apfel. Der Tag kann beginnen.
Ich bin auf einem Schiff. Es schippert über die Weser. Gestern war ein
erfolgreicher Tag. Das Wetter spielt mit. Wie schön es ist, unterwegs
zu sein.
Ich umarme dich mit Überschwang - pass auf, dass du fest stehst - deine Aurora
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 21 Apr, 2007 @ 00:19
Hallo lieber Traumtänzer,
ist die Sicht klar bei dir? Ich stand eben auf dem Seil und die
Aussicht war überwältigend: Menschen über Menschen; Sonne und dieser
Duft nach grüner Wiese und den ganzen Blüten. Überall duftet jetzt der
Flieder. und die Kastanien haben ihre Kerzen aufgesteckt. In meinem
Klingelbeutel klingelt´s ordentlich. Hört sich richtig gut an. Ich
mache jetzt drei Tage Pause, bin in der Rattenfängerstadt Hameln
gelandet und werde bei einer alten Freundin wohnen. Gestern hörte ich
Jule : Vom Inhalt ihrer Lesung - sehr poetisch und bezaubernd - sind
außer die Farbe Rot in allen Nuancen, vor allem Gefühle
hängengeblieben: in dem Buch geht es um eine, die auszog, das Gruseln
zu lernen.
" In
einer zweijährigen Kunsttherapie malt eine junge Frau ihre Geschichte
in übereinander gelagerten Schichten auf die Leinwand. Entstanden ist
ein abstraktes Gemälde, in dem die Konturen nur angedeutet sind. Das
Bild scheint den Betrachter aufzusaugen, in einen Bann zu ziehen, bis
er zwischen bedrohlichen Schatten aus einem Meer voll Energie und
Leuchtkraft wie neu wieder auftaucht ."
Jule hat eine faszinierende Stimme. Man möchte sich darin einkuscheln und nicht mehr weggehen.
Ich traf sie neulich in der S-Bahn. Wir saßen uns gegenüber, und sie
konnte den Blick nicht von meinen grauen Rattenschwänzen lassen. Ich
erfuhr, dass sie in Wien lebt und ihre Eltern im Rheinland besucht hat,
bevor sie zur Prämiere ihrer Lesereise aufbrach. Wir, beide im
Aufbruch, kurz vorm Durchstarten, beim Abflug - kamen schnell
miteinander ins Gespräch und verabredeten uns zur Lesung.
Sie wirkt ein wenig verloren auf mich, so als habe sie viel gewagt und
wenig dabei gewonnen. Hat sie einen zu hohen Preis bezahlt? In ihren
weiten Kleidern scheint sie zu verschwinden. Aber das wilde
kastanienbraune Haar lässt sich weder zähmen noch übersehen. Sie
erzählte mir, dass sie in den letzten Monaten Boden unter den Füßen
verloren hat und nun neuen Grund sucht. Dunkle Schatten liegen unter
den hohen Wangenknochen und geben ihrem feingezeichneten Gesicht mit
den Lachfältchen in den Augenwinkeln etwas Tragisches.
Sie und ich, wir werden in Kontakt bleiben. Ich bin neugierig auf diesen Menschen. Und? Ja, Sie berührt mich!
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 17 Apr, 2007 @ 22:54
Guten
Morgen lieber Seebär,
ich hoffe, du hast so gut geschlafen wie ich. Vielleicht warst du gar schon auf
dem Wasser. Apropos Wasser. Gestern schrieb ich dir: "Ist nicht das Wasser
die Weltenseele, über die wir alle miteinander verbunden sind?"
Vielleicht fragst du dich, wie ich auf diesen Gedanken gekommen bin . Nun ich
will es dir erklären, denn ich träumte von....:
"Es war einmal ein Bauernmädchen. Das lebte in der Nähe eines munteren
Baches, zwischen Feldern und Wiesen bei den Eltern, mitten in einem
wunderschönen Garten. Gerade war Frühling, und auf der Obstwiese blühten die
Bäume. Das Mädchen, nennen wir es Trine, saß gern unter den Bäumen im Garten
und sah ihnen beim Wachsen zu. Trine war gerade zum Frühlingsbeginn dreizehn
Jahre alt geworden. Sie war schon vertraut mit allen Pflanzen, den Gänsen, die
sie jeden Tag zu hüten hatte, aber auch mit dem Wasser. Jeden Tag besuchte
Trine - wenn alle Arbeiten erledigt waren- zuerst den Garten und schlüpfte
anschließend durch die kleine blaue Heckenpforte zum Lieblingsplatz am Fluss.
Dort stand zwischen zwei alten Weiden eine verwitterte Holzbank. Darauf ließ es
sich wunderbar träumen. Manchmal nahm Trine ein Buch mit, oft saß sie aber
einfach dort und schaute ins Wasser. Es war zu jener Zeit, als man tagsüber
noch ohne große Angst überall hingehen konnte. Nur im Dämmerlicht musste man
achtsam sein. Deshalb erwarteten Vater und Mutter, dass sie vor dem beginnenden
Zwielicht wieder zu Hause war. Manchmal vergaß Trine die Zeit auf der Bank. Sie
war so vertieft in das Wasser, dass sie fühlte, wie sie selbst zum Bach wurde:
sie war in den kleinen Strudeln und in den Lichtreflexen oder ritt erhitzt auf
den Wellen, als seien es wilde Pferde, die mit ihr durch die kirgisische Steppe
galoppierten. Oder sie schwamm mit den Wassernixen und Heckenzwergen im
seichten Wasser jenseits der Brücke.
Der Bach mit allem was dazu gehört, war auch in ihr. Sie spürte sein Fließen im
Blut. Ja sie konnte es vor ihrem inneren Auge sehen, wie der Bach durch die
verzweigten Blutbahnen bis in Finger-und Fußspitzen schwamm. Herrlich, wie das
kribbelte. So mussten sich die Bäume spüren, wenn die Wurzeln in der Erde
unaufhaltsam nach Wasser suchten, und es durch den Stamm bis in die feinste
Verästelungen der Baumkronen transportierten. Sie fragte sich, ob Bäume
kitzelig sind, und musste über diesen Gedanken lauthals lachen, ja sie prustete
und kicherte, dass sie fast von der Bank gepurzelt wäre.
Das Wasser sammelte sich unter der Erde, wurde Rinnsal, entsprang in einen
Bach, wurde zum Strom und ergoss sich im Meer, verdunstete und sammelte sich in
Regenwolken, die jetzt gerade über dem Rübenacker regnete. All das wusste das
Mädchen. Schließlich war sie ein Naturkind und für ihr Alter sehr weise, und
jetzt hatte sie die Zeit vergessen - es war schon fast dunkel - Mond und Sterne
spiegelten sich im Wasser, und sie begann sich zu fürchten.
Zum Glück kam gerade Wolfi schwanzwedelnd durch die Hecke gelaufen um sie
abzuholen. Die Eltern hatten ihn rechtzeitig geschickt."
Und ich? Ich habe dir jetzt den Beginn einer langen Geschichte erzählt, obwohl
ich etwas ganz anderes vor hatte. Was alles in der kurzen Zeit geschehen ist,
seit ich reise - Wahnsinn - wollte dir doch noch von Jule erzählen. Ich wette,
du bist jetzt neugierig geworden. Schaun wir mal, wies morgen weiter geht.
Luftige Apfelblütengrüße schickt Aurora im grünen Trikot, die gleich wieder
tanzen wird.
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 16 Apr, 2007 @ 23:27
Hallo lieber Traumtänzer,
ganz gewiss bist du es, von dem ich nachts immer träume,
mein echter, wirklicher Freund. Ahnst oder weißt du es? Ich bin
unterwegs - hüpf - Aurora hat ihr Bündel gepackt und ist dem
Alltagseinerlei entflohen. Ich fühle mich frei und gelöst, wie lange
nicht, habe es geschafft, die Schwelle zu überschreiten. Hatte erst
noch einen heftigen Kampf mit dem kleinen schwarzen Teufel, weißt du,
der mit den roten Hörnen, der mir immer dazwischen redet, Recht
behalten will und ein unleidlicher Giftzwerg ist, ein richtiger
Miesepeter, Schlechtwetterprognostizierer - eben der, der mich daran
hindern will, zu tun, was ich tun möchte. Diesmal habe ich ihn besiegt.
Es ist so toll, so unbeschreiblich: ich wachse wie eine Riesin in die
Höhe. Wie stark ich plötzlich bin. Morgen kannst du mich auf Wolke
Sieben abholen. Es fühlt sich gut an, unterwegs zu sein. Dabei nutze
ich alle verfügbaren Möglichkeiten des öffentlichen Nahverkehrs. Jetzt
gerade ruhe ich mich aus, habe meinen Abendplatz gefunden. Das Zelt
steht schon, und gerade habe ich im Wasser den ersten Stern gesehen.
Meine Füße baumeln im Wasser zwischen den Algen und Fischen. Ach tut
das gut nach dem langen Fußmarsch. Auf dem Kocher zieht frische Minze
im Teewasser. Es duftet!
Seit vorgestern bin ich unterwegs. Gestern spannte ich mein Seil in
einer Kleinstadt auf. zuerst waren die Kinder da, dann kamen die Eltern
und die Laufkundschaft. Auf dem Marktplatz war Hochbetrieb. Alles
klappte und die Zuschauer entlohnten mich begeistert und großzügig.
Habe jetzt genug für eine Woche. Eine junge Frau bot mir ein Nachtlager
an und bewirtete mich reichlich. Es war ein geselliger Abend, und ich
schon ein wenig traurig, heute Morgen wieder aufzubrechen.
In der S-Bahn saß mir ein etwa gleichaltrige Frau gegenüber, aber von
der erzähle ich dir ein anderes Mal. Sie heißt Jule und kommt aus Wien.
Ich bin müde.
Und du, mein Freund, was tust du? Du läufst unruhig über die Insel. Was
treibt dich so? Dich zieht es zum Festland, du brauchst Menschen, Nähe,
ein bisschen Körperwärme. Dir fehlt eine Frau. Zwar bin ich nicht die
deine, aber ich komme, spätestens, wenn die Klaräpfel reif sind. Du
wirst es wissen; wenn sich zum ersten Mal der Herbst in den Sommer
mischt, dann erwarte mich auf deiner Insel.
Ist nicht das Wasser die Weltenseele, über die wir alle miteinander verbunden sind?
Es grüßt dich von Herzen eine flohfrohe Drahtseilakrobatin.
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 29 Mär, 2007 @ 22:39
Liebster Leuchtturmwärter,
es wird mal wieder Zeit für einen kleinen Brief. Bin gerade aus meinem
Schneckenhaus heraus geklettert. Nun strecke und recke ich mich und
lasse die Muskeln spielen. Ich schaue aus dem Fenster und springe vor
Freude in die Luft: es ist Frühling geworden. Bald male ich Ostereier
an, lade die Kinder aus der Nachbarschaft ein und binde Blumen in mein
graues Haar. Ich bin gleich raus - mit nackten Füßen - und habe mein
Seil wieder aufgehängt.
Das Seiltanzen klappt noch. Ich habe mit einfachen Übungen angefangen -
gemach, gemach, Schrittchen für Schrittchen - immer am Seil entlang.
Ich könnte eine Osternummer einüben: Einradfahren auf dem Seil und
dabei mit bunten Ostereiern jonglieren.
Nach Ostern hält mich hier nichts mehr. Ich packe mein Bündel. Im
Narrengewand und den spitzen Schnabelschuhen schlendere ich los, die
Flöte in der Hand und immer ein Schwarm Kinder hinter mir. Wie ich ihre
aufgeweckten Gesichter liebe und die Koboltblicke, ach und die offenen
Fragen. Sie sind noch so frei, die Kinder mit ihren Augen, die vor
Begeisterung glühen. Wir werden alle anstecken mit unserer Begeisterung.
Und ich komme auch zu dir auf die Insel. Ja, ja, das ist gewiss. Ich
sehne mich nach deiner Inseleinsamkeit. Und wenn du magst, hänge ich
mein Seil auf und tanze nur für dich. Und du wirst dir deine
Meerschaumpfeife anzünden, mich anlächeln und in deine Arme schließen.
Dann bin ich endlich wieder zu Hause. Bei Mondlicht werden wir in den
Wellen baden und die Möwen werden Spuren für uns im Sand hinterlassen.
Du befürchtest eine Störung? Nein, das wird wunderbar, bestimmt. Erst
wenn du mich kennst, wirst du wissen, was du immer vermisst hast.
Lufküsse und Sternenglanzgrüße von deiner Seiltänzerin
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 7 Mär, 2007 @ 22:34
Lieber Freund,
meine Seele weint und das Herz tut weh. Manchmal lache ich trotzdem,
denn man kann nicht immer traurig sein und vor Wehmut ganz schwach. Und
dann schaue ich zum Fenster hinaus und sehe, dass der Apfelbaum treibt
und die Osterglocken mir ihr freundliches Gelb schicken. Ich sehe die
Veilchen unter den Heckensträuchern und viele bunte Krokusse. Ich denke
an Ostern und schmücke mein Haus mit Blumen. Dann werde ich ganz
leicht, öffne weit das Fenster und lasse meinen Bruder den Wind hinein.
Ich mache mir Musik, lausche verschwimmenden Klängen und tanze
selbstvergessen, bis ich erschöpft bin. Und dann höre ich die Amsel
singen, so süß, dass mir das Herz schwer und leicht zugleich wird und
die Tränen fließen. Manchmal weiß ich nicht, ob vor Glück oder vor
Kummer. Verstehst du mich? Ich sehne mich nach etwas, dass ich nicht
bekommen werde, und ich schaffe es nicht, mit mir ins Reine zu kommen.
Manchmal hasse ich mich dafür, schimpfe mit mir, aber mein Herz lässt
sich nicht betrügen. Es lässt sich nichts ausreden und es vergisst
nicht. Verstehst du mich? Ich verstehe mich nicht: es ist Frühling, die
Luft mild und die Tage sind schon länger.
Und ich? Ich bin ein trauernder Kloß, werde älter, meine Jugend
verschwindet. Ich frage mich, wie lange noch das Seil mich trägt. Ich
muss raus aus diesem geschlossenem Kreis, noch einmal etwas neues
wagen. Lieber würde ich mit einem Gefährten gehen, aber da ist niemand.
Kennst du diese verzehrende Sehnsucht, nach etwas, von dem du noch
nicht einmal weißt, was es ist? Du gibst ihm tausend und einen Namen,
und keiner passt wirklich. Alles viel zu ungenau. Niemals schafft die
Sprache es, auszudrücken, was genau ein Mensch empfindet.
Ich rolle als Trauerkloß übers Seil - immerhin muntert mich diese Vorstellung auf - das hat was, deine Aurora
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 2 Mär, 2007 @ 20:59
Mein liebster Traumtänzer,
kannst du mir mal sagen, warum Aurora immer wieder in die gleichen
Fallen stolpert ? Jetzt bin ich es, die sich im Schneckenhaus versteckt
und traurig darauf wartet, dass jemand sie vermisst, nach ihr fragt und
sie sucht.
Natürlich habe ich niemanden gesagt, wo ich hingehe. Im Hausflur
begegnete mir die Nachbarin. Obwohl mir nicht danach war, grüßte ich
herzlich und lächelte sie aufmunternd an, sprach ein paar Worte mit
ihr. Ich bin perfekt darin, meinen Schmerz und meine Traurigkeit hinter
glatter Mine zu verbergen. Sie hat es nicht leicht. Ihr Mann ist ein
widerlicher Tyrann, der um sich schlägt, wenn er einen über den Durst
getrunken hat. Wenn es arg ist bei ihnen, schickt sie mir den Kleinen.
Er ist gerne bei mir und fühlt sich hier wohl. Gestern habe ich
begonnen, ihm das Jonglieren bei zu bringen. Das lenkt ab.
Wenn die Bälle im Bogen fliegen und die ganze Konzentration im
perfekten Rhythmus des Auf und Ab ruht, ist keine Zeit für Traurigkeit
und Wehmut. Es lebt sich leicht, und das Blut fließt ohne Hindernisse
durch den ganzen Körper. Es gibt kein "Eben" und kein "Gleich", nur ein
"Jetzt" und das Lächeln des Augenblicks.
Ich gehe jetzt schlafen. Hoffentlich träume ich wieder von dir.
Seiltanzend - im Nachthemd - grüßt dich Deine Aurora
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 23 Feb, 2007 @ 23:16
Liebster Traumtänzer,
ich muss dir noch ganz schnell etwas erzählen: eben traf ich eine
Kollegin. Sie nennt sich "Seiltänzerin der Nacht". Endlich mal jemand,
der sich auch aufs Hochseil traut ohne Netz und doppelten Boden. Ach,
mein Seelenfreund, wie ist die Welt von da oben schön. Der Himmel ist
nah. Ich bin versucht, die Sterne wie goldene Äpfel vom Himmelszelt zu
pflücken. Möchtest du einen haben? Ich teile gern! Ich könnte mit ihnen
natürlich auch auf dem Seil jonglieren. Hm? Ich sehe dich nicht mehr.
Mein Herz ist bekümmert. Über dem Ozean hängt seit gestern Nebel. Die
Möwe Jonathan und der Rabe Jasu leisten mir Gesellschaft.
Ich bin so unruhig, kann nicht eine Minute mehr stillsitzen. Ich will
mein Bündel packen und aufbrechen gen Süden. Wenn du am Strand bist,
grüße das Meer und die Wellen von mir, ja? Ach wärest du doch eine
Weile hier bei mir - könnte ich nur wirklich ein paar Worte mit dir
sprechen.
Ich sehe dich nicken - eine ganz liebevolle Umarmung schickt die deine Aurora
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 19 Feb, 2007 @ 00:09
Mein ferner Leuchtturmwärter,
ist es still auf deiner Insel? Gibt es andere Menschen dort? Oder lebst
du ganz allein zwischen Möwen und anderem Geflügel? Ich stelle mir den
Winter dort schwierig vor. Da ist mir die Stadt mit ihrer Lebendigkeit
lieber, auch wenn gerade die Narren los sind, und ich mich in meinem
Dachzimmerchen verbarrikadiert habe. Ich schaue von oben auf ihr buntes
Treiben.
Wieder einmal werde ich nicht müde - die Worte balancieren auf einem
Drahtseil in meinem Kopf. Sie sind aber nicht sicher, haben manchmal
Höhenangst und purzeln dauernd herunter. Kein Netz fängt sie auf und so
angele ich nach ihnen in der Tiefe. Wenn sie etwas gebrochen haben,
kenne ich sie nicht unbedingt wieder. Sie sehen so anders aus - ein
völlig anderer Sinn und nichts passt mehr.
Ich habe ein Lazarett eingerichtet für verletzte Worte.
Und überhaupt, was wollte ich noch sagen? Geht es dir auch manchmal so,
dass du einen großen Bogen um den Kern der Sache machst, weil du sie
nicht an dich heran lassen kannst, Angst hast, der Wahrheit ausweichen
möchtest, und doch zieht es dich genau dorthin. Aber du hast nicht mit
den Tücken der Gedanken gerechnet - da turnen sie plötzlich auf dem
Seil herum, stürzen und du hast Mühe, sie wieder zu finden.
Es sind immer Schichten aus Gedanken, Worten, Erinnerungen, Gefühlen
und Träumen, die den Augenblick wirken. Ich werde über Ginseng
nachdenken und den Wert von Wurzeln. Vielleicht finde ich so den
verlorengegangenen Faden wieder, und meine Worte müssen keinen
Drahtseilakt mehr absolvieren.
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 10 Feb, 2007 @ 23:23
Hallo liebster Federfreund,
der Nachmittag war schön. Er brachte Sonnenschein und im Licht sahen
die verregneten Straßen silbern aus. Ich hängte mein Seil auf und wagte
mich hinauf. Was für ein Hochgefühl, wieder oben zu stehen und gekonnt
mit der Balancierstange zu jonglieren, aber dann - wieder unten -
rutschte die Stimmung in den Keller. Ich kann dir nicht sagen, wodurch
es ausgelöst wurde.
Ich bin traurig und dieser Schmerz brandet in mir wie Ebbe und Flut,
immer neu, unvorhersehbar, nie gleich. Glaubst du, dass man sich in
einem Menschen verlieren kann? So, dass man sich nie wiederfindet?
Selbst wenn man glaubt, man hat sich wiedergefunden - und schon
jubiliert das Herz - kommt die nächste Welle und schwemmt einen fort.
Ich hatte mich doch längst freigeschwommen. Ich verstehe mich nicht und zürne mir.
Warum bin ich oben auf dem Seil viel sicherer, als unten auf dem Boden.
Dort brauche ich ein doppeltes Netz, um den Stolperfallen zu entgehen.
Wirf mir das Netz herrüber, und zieh mich auf deine Insel. Ich möchte
ganz oben im Leuchtturm neben dir sein, über das Meer schauen und deine
Nähe spüren.
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 8 Feb, 2007 @ 23:06
Mein liebster Traumtänzer,
hast du schlechte Laune? bist du genervt? Die Möwe, unser heimlicher
Bote, kam schnoddrig zurück. Sehnst dich zurüch nach deinem
Schneckenhaus, hm? Und kannst doch den vielen geöffneten Türen nicht
widerstehen. Verstehe ich, geht mir manchmal auch so. Heute ist
Schietwetter, kalt und nass - es kriecht regelrecht unter die Haut und
lässt frösteln. Ich war eine Weile draußen, plauderte ein wenig mit dem
Briefträger - harter Job bei diesem Wetter.
Am Morgen stand ich am Fenster und schaute hinaus - es regnete ohne
Unterlass und zwischendurch fiel Schnee. Meine Hände waren ungeduldig,
wollten Beschäftigung, also faltete ich lauter kleine weiße
Segelschiffe. Eben nun klingelte es an der Haustür, und das Nachbarkind
besuchte mich - ein schüchterner Fünfjähriger, der gerne Geschichten
hört. Da kam mir eine Idee: ich zog mir Gummistiefel an und zusammen
gingen wir in den Regen, ließen die kleinen Segelboote in den Pfützen
schwimmen und taten so, als seien wir gefährliche Piraten und in einen
Sturm geraten. Es dauerte nicht lange und wir waren durch und durch
nass. Schnell wieder ins Haus, gut abgetrocknet und heiße Schokolade
gekocht. Ein paar Reste Weihnachtsplätzchen fand sich am Grunde der
Blechdose mit den zierlichen Engeln. Sie schmeckten noch gut und
dufteten nach Anis und Zimt. Wir hatten eine Menge Spaß miteinander
Dann holte seine Mutter ihn ab und ich legte die Beine hoch, entzündete
Kerzen und denke nun den Brief an dich aus. Aus dem CD-Spieler klingt
Opernmusik - Arien, und alles ganz laut.
Mein Fuß hat sich gut erholt. Wenn das Wetter morgen trocken ist, gehe ich aufs Seil, Aurora (weiter)
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 7 Feb, 2007 @ 08:59
Guten Morgen Traumtänzer,
Hast du gut geschlafen? Ich sehe dich beim Frühstück: vor dir steht ein
Pott Kaffee - er dampft noch. Du siehst müde und ein bisschen
verknittert aus und die Haare stehen in alle Richtungen ab, als seien
sie es leid, ewig an deinem Kopf zu kleben und hätten sich entschieden,
heute auszuwandern. So ähnlich sah ich heute Morgen auch aus. Der
Wecker rüttelte mich unsanft aus meinem Traum. Eine Weile blieb ich
noch liegen, dann trat ich ans Fenster und schaute in die Dunkelheit.
Dabei sah ich mein Spiegelbild im Fensterglas. Es wr noch dunkel.
Inzwischen habe ich schon einiges erledigt, meine erste Tasse Kaffee getrunken und mich an den Schreibtisch zurück gezogen.
Mein Fuß braucht noch etwas Schonung, schließlich will ich nicht gleich
wieder vom Seil fallen. Welches Netz würde mich auffangen? Ach ja die
Netze, auch so ein Wort, das mir immer wieder begegnet. Dabei denke ich
nicht nur an die kleinen Fische, die beim Fischfang wieder über Bord
geworfen werden, weil sie zu klein sind und nicht mal Fischsuppe aus
ihnen gekocht werden kann, sondern eher an die eingefangenen
Kostbarkeiten zwischen ganz ordinären Heringen.
Heute hat sich ein Seepferdchen im Traumnetz verfangen. Neulich war es
ein blauer Fisch. Er tat mir leid und deshalb schickte ich ihn wieder
ins Wasser. Was ich dann sah, wollte ich nicht glauben: er schwang sich
in die Luft, verwandelte sich in einen Vogel, blaugefiedert - und flog
nach Westen - in entgegengesetzte Richtung. Ab und zu, du wirst es
nicht glauben, besucht er mich.
Und dann sind da noch die Menschenfängernetze, aber darüber schreibe
ich ein anderes Mal. Jetzt nimmt der Alltag mich in die Pflicht. Gibt
es Ziegen und Schafe auf deiner Insel?
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 5 Feb, 2007 @ 23:54
Guten Abend Traumtänzer,
ich bin erledigt, dieser Tag hat mich geschafft. Sag mir, wie kann eine
Wurzeln schlagen, wenn man sie beschneidet, sobald sie einen
Wachstumsschub gemacht hat? Sie kann nichts dagegen tun.Wer ausgegrenzt
wird, hat keine Chance, sich zu wehren. Anpassung wäre der Weg, aber
für welchen Preis? An manchen Tagen möchte sie nur schreien. Vielleicht
hört ja jenseits von hier einer ihren Ruf und reicht ihr die Hand.
Komm tanze mit mir im Traum einen Tango - ich will Leben spüren, hier
ist alles so frostig. Fahr mit mir nach Andalusien. Schwarze
Tuschzeichen sammeln sich auf Chinarot und im Rhythmus des Tango lebt
wieder mein Blut.
Vielleicht mein Freund sollte ich die Seile abbauen, mich auf
Wanderschaft begeben und nach einem passenderem Platz Ausschau halten.
Auf dem Seil bin ich sicher, und aufhängen kann ich es überall. Ich
sehe ein kleines Mädchen mit rotem Sonnenschirm. Es tänzelt durch den
Regen - ich liebe diese Tuschezeichnung des Malers Zeng Mi - leicht
sieht es aus, doch der Weg, der sich durch graue Häuserschluchten mit
blicklosen Augenfenstern schlängelt, führt ins Nichts.
Abgründiges, im Nebel versunken ist noch nicht auszuloten. Manche
Gemälde vergisst man nie, dieses begegnet mir sogar im Traum. Wenn ich
es im Museum betrachte, ist es, als würde ich eine alten Freundin
treffen - eine von der Sorte, die man nur in großen Abständen sieht -
und immer ist da gleich die Nähe und die verflossene Zeit hat nichts
verändert - genauso geht es mir mit diesem Bild.
Schlaf gut - lass uns gemeinsam traumtanzen, Aurora (weiter)
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 4 Feb, 2007 @ 23:56
Liebster Federfuchs,
heute konnte ich schon wieder humpeln. Der Knöchel schwillt ab - hm,
vielleicht gelingt es mir ja morgen , über die Schwelle zu hüpfen. Der
Wind dreht sich, und ich glaube du hast dein Schneckenhaus verlassen,
um den Leuchtturm zu inspizieren. Ist die Möwe gut bei dir angekommen?
Was alles so schwillt im Augenblick. Nicht nur der Fluß vor meiner Tür,
in den Bäumen steigt der Saft und die Vögel spielen verrückt. Ich bin
heute brav gewesen und habe still im Sessel gesessen, meinen Knöchel
gekühlt und in mich hinein gehorcht. Du kennst ja meine innere Unruhe
und die Schwierigkeit, still zu sitzen. Nun, heute ging es gut. Ich
habe in alten Bildern gekramt - ach war ich ein süßes Baby - und eine
innere Diskussion darüber geführt, ob deine Stimme nun ein Bariton oder
ein Tenor ist. Keins von beiden, stellte ich fest, es ist ein
Zwischending. Auch das weißt du schon, ich liebe alle Dinge dazwischen:
was sich versteckt, in Spalten und Fugen; zwischen Zeiten, Diesseits
und Jenseits.
Manchmal frage ich mich, warum ich es mir nicht einfacher mache und nur
registriere was sicht-und fassbar ist. All dieses Unfassbare nimmt
soviel Gedankenraum ein. Zugegeben, es ist viel spannender und nährt
mich besser.
Neulich las ich, dass es Menschen gibt, die mehr das große Ganze im Blick haben und andere, die sich im Detail verlieren.
Ich denke gerade, wenn ich schon das große Ganze nicht erfassen kann,
konzentriere ich mich doch lieber auf die hübschen Details. Wie gut,
dass es zum Ausgleich dich gibt. Du bist in der Kuppel des Leuchtturms
angelangt: dein Blick schaut von oben, geht weit. Siehst du mich am
Rande des Meeres, jenseits der Dünen? Dort wo die Außenbezirke der
Stadt am Fluss beginnen und im obersten Dachlukenfenster des kleinen
blauen Hauses noch Licht brennt.
Siehst du mich? Ich winke mit der rechten Hand und schicke ein Lächeln, deine versonnene Aurora, die bald wieder aufs Seil kann
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 3 Feb, 2007 @ 22:21
Guten Abend, Traumtänzer,
hast du tagwärts schon Träume getanzt ? Mein Knöchel hält mich am
Boden. Kein Seiltanzen heute. Stattdessen jongliere ich mit Worten.
Stell dir vor, heute sind sie mir alle durcheinander gepurzelt. Der
Sinn hat sich hinter dem Durcheinander versteckt. Ich wußte plötzlich
nicht mehr, was ich vor ein paar Minuten noch wollte. Dabei hatte ich
mit den bunten Gedankenbällen schon fast einen Regenbogen jongliert.
Ich war untröstlich. Hier sind die Reste:
komm
du bi mein
erfüll mit schein
das griesegraue sein
es fließt der rhein
nach norden heim
und klebt mit leim
was fest soll sein
auf einem bein
noch ganz allein
ist es nicht klein
das du bi mein
Traumtänzer, du hast mir schon so viele Antworten gegeben. Kannst du mir vielleicht verraten, wer das du bi mein
ist? Seit Monaten geistert es durch meine Gedanken, wie ein kauziges
Irrlicht. Es spukt, poltert und klabautert. Ich mag es gern, denn es
bringt mich oft zum Lachen, wenn ich gerade dabei bin, in den trüben
Gedanken herum zu fischen. Aber so eigensinnig, wie es zu sein scheint,
entzieht es sich jedem Versuch, ihm eine Form zu verpassen. Hey,
vielleicht sollte ich es mal zu dir schicken, damit es dich endlich aus
deiner Winterstarre erlöst.
Du runzelst die Stirn und presst die Lippen aufeinander. Das heißt
"Nein" nicht wahr, "lass es bloß sein." Ja, ich verstehe, du willst
noch nicht. "Alles zur rechten Zeit!" rufst du.
Ist ja schon gut, aber auf Dauer sind diese Monologe unergiebig -
obwohl - vielleicht auch nicht, denn dein Schweigen lässt meine grauen
Zellen auf Hochtouren werken. Ich staune nicht schlecht. Gerade war die
besondere Möwe an meinem Fenster. Ich habe ihr mit einem schönen
Seemannsknoten ein paar Luftküsse um den Hals gebunden, und sie hat mir
versprochen, sie zu dir zu bringen. Du weißt ja, dass die Vögel mich
verstehen.
Also sei lieb, und nimm die Möwe in Empfang und natürlich meine luftigen Knutscher.
Jetzt guck mich doch nicht so streng an - da werde ich ja ganz
zerknirscht. Ich bins doch nur, deine (gerade nicht) tanzende Aurora
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 2 Feb, 2007 @ 21:26
Manchmal, lieber Federfreund,
stoße ich auf Zeilen im Berg der geschriebenen Worte. Zwischen den
Wortgebirgen leuchten sie zu mir herüber - wie Blitz, Wetterleuchten
oder Polarlicht - vor langer Zeit geschrieben, schon oft gelesen, doch
wieder neu berührend . Immer neues öffnet sich im schon Bekannten -
habe ich alles schon wirklich gelesen, erlebt, gespürt und gefühlt -
diese Worte von dir in mir - zwischen uns, die vom Himmel fallen und
aus der Erde wachsen wie Bäume? Verändert vielleicht mein Leben und
Erleben die Zeilen, wie dein Meer den Strand im Auf und Ab der Gezeiten
ändert?
Sicher ist es nicht die gleiche Möwe, wie immer, die ich sehe, und
doch, es ist die eine - die besondere - die, die alle anderen in sich
vereint.
Gestern spazierte ich durch ein Museum - abstrakte Kunst - und
entdeckte ein Riesengemälde, mit Bleistift gemalt: dichte Schatten
gaben den feingesponnenen Strukturen Tiefe. Vergleichen könnte man das
Bild mit einem Himmel, an dem die Wolken sich jagen und ständig neu
formieren, und wo das Licht sich im Sekundentakt ändert. Jenes Gemälde
würde ich liebend gern in mein Wohnzimmer hängen. Wahrscheinlich
reichte mein restliches Leben nicht, um alles darin zu entdecken.
Ich schaue dir in Gedanken hinterher und spüre jetzt gerade den Wind
vom geöffneten Fenster. Er wirbelt die Papierschichten durcheinander,
verschlägt die Seiten. Ein Hauch von Frühling liegt schon in der Luft.
Vielleicht finde ich im Sommer die Zeilen wieder, die eine frische
Brise gerade verblättert.
Du sitzt auf deinem gemütlichen Sofa und hörst Bach und siehst ebenso gelassen aus, wie der Buddha auf meiner Fensterbank.
Ich schaue dir zu, sehe wie du dich über den Zeitschriftenstapel beugst
und etwas notierst. Die Ruhe, die von dir ausgeht, ist fassbar.
Während der volle Mond über den Wellen schwebt, streckst du deine Beine aus und lächelst mir zu.
Aurora, die gestern mit einem falschen Bein aus den Bett gestiegen ist,
sich den Knöchel verstauchte und heute nicht seiltanzen kann
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 26 Jan, 2007 @ 21:48
Herzallerliebster Traumtänzer,
mein Mitteilungsbedürfnis ist riesig im Augenblick Keiner will mir mehr
zuhören, weil ich ständig quassele. Sie mögen oder können mir auch
nicht mehr folgen. Bin schon fast über den Wolken auf dem Weg zu dir.
Ich fliege ihnen davon, und sie sind zu bequem, um mich einzufangen und
wahrzunehmen, welches unbezahlbare Juwel ich bin. ( Na ja, das würde
jetzt in den Selbstbeweihräucherungs-Thread passen) Ich schäme mich ein
wenig für diesen Satz. Nein, DU, ich sage ihn nicht, um ihn von dir
bestätigt zu bekommen. Das wäre mir eher unangenehm. Zu schmalzig. Mal
im Ernst, diese Art von Schleimerei haben wir beide doch nicht nötig.
Oder? Wie gut, dass es dich gibt, ein Phantom, von mir erdacht und doch
eine präzise Gestalt: feingliedrig und groß mit breiten Schultern und
schmalen Hüften, nicht mehr jung - gerade 55 geworden - Sternzeichen:
Steinbock - sehr eigen!. Ich sehe schon, du runzelst die Stirn. Wie
gut, dass wenigstens du mich so nimmst, wie ich bin. Ja,ja, ich sehe
dich Schmunzeln. Ach könnte ich doch zu dir ins Schneckenhaus kriechen.
Die Zeit würde uns nicht lang, und das Seemannsgarn würde wie Gras
immer höher wachsen. Könte echt gefährlich werden, wenn unser Häuschen
überwuchert und unsichtbar wäre. Ach Federfreund, deine Stimme muss ich
noch erfinden: ich schwanke zwischen Tenor und Bariton. Ich glaube, du
sprichst schnell und sehr betont - deine Sätze überschlagen sich und
deine Mimik ist ebenso beweglich wie meine. In unseren Zügen kann man
lesen, wie in einem Buch. Deine dunklen Augen blitzen und über der
hohen Stirn ringeln sich die grauen Locken - ein bisschen frech siehst
du aus. Das Lausbübische hast du nicht verloren. Weißt du, schon als
Kind habe ich Halma, Dame und Mühle gegen mich selbst gespielt: niemand
hatte Lust oder Zeit. Genauso kann ich mir Gestalten ausdenken und mein
Monolog wird zum Dialog. Geben wir also die Bühne frei für eine
gelingende Inszenierung. Tschüss für heute - vergiss das Schlafen nicht
und grüße die Wellen, Aurora, die sich heute wieder aufs Seil getraut
hat.
Hm, vielleicht gibts dich ja wirklich - irgendwo! Vielleicht auf einer Nordseeinsel als Leuchtturmwärter?
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 25 Jan, 2007 @ 19:17
Namaste, traumtänzelnder Federfreund,
noch immer hat mich
keine einzige Zeile von dir erreicht. Aber ich bin nicht besorgt, im
Gegenteil, ich glaube, es geht dir gut. Gib es zu, du verträumst den
Winter zwischen kuscheligen Kissen in deinem Schneckenhaus. Neben dir
getürmte Stapel alter und neuer Bücher. Ab und zu öffnest du die Luke
und schaust hinaus auf das bewegte Meer mit seinem ewigen Bleigrau.
Fehlt dir nichts? Ich könnte dieses lange Alleinsein nicht aushalten.
Na ja, so bin ich eben, nichts hält mich irgenwo fest.
Heute Morgen habe ich auf meinem Sofa gelegen und in den Garten hinaus
geschaut. Es war blaue Stunde, wie selten hier. Das magisches Licht
nahm mich gefangen. Es war still und obwohl frostig, konnte ich keine
Rauchfahnen aus den Schornsteinen der gegenüberliegenden Häuser
entdecken. Über der Terasse - verwebt und verwoben - die noch nicht
beschnittenen Weinreben - schwarz durchkreuzte ihr chaotisches Gewirr
das Blau.
Ein schöner Kontrast. Erhaben, fast edel. Ich engte mein Blickfeld ein
und sah zwischen den Ästen einen sechseckigen Stern - so wie man in die
Wolken schaut und plötzlich einen Engel entdeckt.
Ich kann dir gar nicht sagen, wie ruhig und entspannt ich beim Schauen
wurde und wie fröhlich. Ich glaube, die ganze Zeit über lächelte ich in
mich hinein. Kurz dachte ich an dich und da war gar nichts
beunruhigendes -das war gut so.
Ein bisschen beneide ich dich ja - denn am liebsten würde ich wie der
Bär in einer Höhle Winterschlaf halten. Ich bin immer müde - kaum sitze
ich, fallen mir schon die Augen zu. Bücher lese ich im Moment nur
zeilenweise.
Im wahrsten Sinne des Wortes laufe ich auf Sparflamme.
Genug erzählt - ich gähne schon wieder - das Bett ruft laut und deutlich. Es schreit fast. Ja, ja, ich komme!
Dich grüßt die im Augenblick nicht seiltanzende Aurora
Imaginäre Briefe
— geschrieben von findevogel am 12 Jan, 2007 @ 11:26
Mein lieber Traumtänzer,
ich weiß, es geht dir nicht gut. Du hast dich in dein Schneckenhaus
zurück gezogen. Welcher Wind hat dich diesmal umgepustet? Schade, ich
hätte gern mit dir gesprochen. Leider gehst du nicht ans Telefon und
antwortest nicht auf meine SMS. Vielleicht erreicht dich ja diese Mail.
Ein wenig sorge ich mich, obwohl ich ja weiß, hin und wieder brauchst
du die Perlmuttzeiten - smile! Ich male dir lichte Farben ins
Schneckenhaus und schicke einen zärtlichen Wind vorbei - ich habe
Delphine gesichtet - und heute Abend werde ich Ylang Ylang und
Sandelholz zünden, im Kerzenschein an dich denken und dir positive
Energie schicken. Solltest du also heute Abend - so gegen Zehn - Funken
sehen, dann kommen sie von mir.
Verbrennen sollen sie dich nicht, aber Licht in der Winternacht hat - wie du ja weißt - eine besonders magische Wirkung.