Herbstbunt
in den blättern
entzündet sich feuer
mitten im grün
sagt der sommer ade
im nebel am morgen
kündigt der herbst sich an
altweiberfäden glitzern silbern
zwischen tau und tag
in den blättern
entzündet sich feuer
mitten im grün
sagt der sommer ade
im nebel am morgen
kündigt der herbst sich an
altweiberfäden glitzern silbern
zwischen tau und tag
groß wie ein Riese
noch kahl
legt sich der Baum als Schatten
ins frühlingsgrüne Gras
Erste Gänseblümchen
schmücken die verzweigten Arme
und eine Amsel hüpft
ein Grashälmchen im Schnabel
wie auf einem Steg
über den Stamm
hast du das Licht gesehen
Gertrude
zwischen den langen Schatten?
Und den kleinen Hund, so wuselig
der sein Beinchen hebt
am Bordsteinrand?
und Regen fällt in Silberfäden
aus graubewölkten Schleierhimmeln
nichts lässt heut Blau durch Ritzen blitzen
***
es hoben Schleier sich vom Wolkengrau
und legten frei das Himmelsblau
wie Seide leuchtet nun der lichte Tag
***
Rainer Maria
Rilke: Das Rot der Rosen
an Nanny Wunderlay-Volkart, 24. Februar 1920
"Dieses Hereinwirken der Jahreszeit
Fliegen sieht man eigentlich nichts, aber es piept und stimmt an und übt, der
Sonntag war von der strahlendsten Wärme, meine Fenstertür stand offen bis in
den Abend hinein und zum ersten Mal empfand man dieses Hereinwirken der
Jahreszeit ins merkwürdig erweiterte Zimmer, das Raum von draußen her -
einnahm, statt sich, wie bisher, um die Ofenecke zusammenzuziehen.Da war schon
eine von den dunkleren Vogelstimmen dabei, eine reifere, schon innerlich
gesungene, die zu den anderen sich verhielt wie ein Gedicht zu ein paar
Vokabeln-, wie glänzte sie zu Gott, schon, schon, wie gläubig war sie, wie von
sich selber voll, eine Liedknospe noch in den Deckblättchen ihres Klanges, aber
schon bewußt ihrer unaufhaltsamen Fülle, vor-seelig und vor-bang. Oder
eigentlich, die Bangheit war schon völlig in ihr, der gemeinsame Schmerz der
Kreatur, der sich nicht theilen läßt und der genau so ein-fältig ist, wie
drüben, jenseits aller Überwindungen, die Seligkeit."
Für die
Tagesmitte am Morgen erdacht
Ich kann es
mir bildlich vorstellen, wie sich der Frühling im zarten Nebelgewand lautlos
aufs Sims schwingt und leichtfüßig zum offenen Fenster hinein klettert, um in
den verwinterten Raum zu springen. Sein luftiges Esprit breitet sich im Raum
aus und macht ihn weit, wie auch mein Herz, dass sich ihm entgegen wiegt.
Es wird hell und licht, während plötzlich der Geruch von Holz und Grün aus dem
Baum vor meinem Haus zu mir hinein getragen wird. Zweige des Apfelbaums
scheinen die Mauern zu durchbrechen und mich wie ein frisches grünes Dach zu
behüten. Vögel zwitschern darin um die Wette. Auch Stello Negro, mein steter
Gast, der Amselmann, blinzelt mir zu mit den schwarzen Knopfaugen, die einen
gelben Rand tragen. Er weiß auch ohne Gedanken, von was er singt, und wie er
aus der Fülle seiner musikalischen Kehle für mich schöpfen und mein Herz
berühren kann. Fern von hier antwortet das Weibchen oder vielleicht der Konkurrent
im Kampf um die schönste Amselfrau.
noch klingt und klirrt eis
im winterlichen geäst
doch bald schon fließt es
foto: hhsow( www.pixelio.de)
Der Fluss hat
mich heute Nacht in eine sandige Bucht geschwemmt. Zwischen den Wurzeln einer
ausladenden Weide hänge ich fest.
Ziel erreicht, vorläufig!
Langsam aber sicher wurde mir dieses "Mitgerissenwerden" zu viel.
Kein Halt in Sicht und Schwindel im Kopf.
Wie soll man da noch nachdenken können?
Und gesehen habe ich nichts, denn alles ist viel zu schnell gegangen.
Da war nur tosendes wirbelndes Wasser. Der Wind schrillte mir in die Ohren.
Jetzt darf ich ausruhen und den Platz betrachten, an dem ich nun stehe.
Gerade besuchte mich eine Möwe. Sie erzählt vom fernen Meer und einer Insel mit
roten Felsen und von der Sehnsucht nach neuen Reisen.
Und ich bin glücklich, dass ich bleiben darf an diesem Platz zwischen den
Wurzeln der Weide, die mich festhalten.
Wenn der Frühling naht und die Schneeschmelze das Wasser hochsteigen lässt,
dann gehe ich gern wieder auf Reisen, wohin auch immer der Fluss mich trägt.
Ich steh am Fenster und schau hinaus. Das
Wetter kündigt den Herbst an. Noch nehme ich es gelassen, werde ruhig, mit
jedem Tropfen mehr. Es trommelt auf mein Dach, und der Rhythmus des prasselnden
Regens hypnotisiert mich fast. Eine heitere Gelassenheit zieht in meine Seele
ein, das Herz, im Schlag verlangsamt, findet Ruhe. Über graue gleichförmige
Wege nach innen öffnen sich bunte Räume. Heute muss ich nichts tun. Ich darf zu
Hause bleiben und dem Regen lauschen.
foto: oldbasti
(www.pixelio.de)
Ich kann die ländliche Prägung in
mir nicht verstecken. Ich liebe sanfthügelige Landschaften, in denen
sich Felder, Wiesen und Gärten wie Patchwork aneinanderreihen.
Dazwischen etwas Nadel-und Laubwald und Hecken.
Wenn ich alte Gartenzäune, aufgestellte Korngarben und ordentlich
geschichtete Holzstapel sehe, dann bin ich so gerührt, dass es kaum zu
fassen ist.
Und meine besondere Liebe gilt den echten Vogelscheuchen - nicht den
Deko-Figuren, die im Herbst plötzlich unpassenderweise überall aus der
Erde schießen - nein die, die nur noch selten zu finden sind. Ach ja,
und das ganze ländliche Vieh - vom Schwein, über das Schaf bis hin zum
Federvieh.
Wenn Erntezeit ist, will ich Marmelade kochen, Mixed Pickles einlegen
und Vorratshaltung halten, wie zu alten Zeiten, als es noch keine
TK-Kost gab - ganz zu schweigen von Fast-Food - und sich stattdessen in
der Speisekammer die Regale bunt füllten.
In alten Obstgärten fühle ich mich wie im heiligen Hain. Und auf den
Heuschobern erst, da verliere ich mich im Duft vom trockenen Heu, nur
der Staub ist etwas unangenehm. Immerhin habe ich das bei unseren
Kaninchen im Kleinformat.
Ich bin verrückt, wo ich doch schon fast mein ganzes Leben in der Stadt
lebe, noch immer diese aufkeimende Sehnsucht nach dem bäuerlichen Leben
auf dem Lande, so als weigere sich in mir etwas ganz entschieden
dagegen in der Stadt und in diesem Jahrzehnt anzukommen.
Bestehe eben selbst aus dreidimensionalem Patchwork und Flickwerk.
Herr August ist noch nicht gegangen. Aber man sieht ihm die
Müdigkeit an. In den letzten Tagen ist er arg gealtert. Viel verloren hat er
hier nicht. Er hat es sich ziemlich einfach gemacht - ein Luftikus, dem es gleichgültig
ist, was der Sommer von ihm erwartet.
Er steht nun an der blauen Tür und lauert. Aber auf was? Seinen dicken Bauch
hat er in einen weißen Anzug mit großen Taschen gezwängt.
Es könnte ja sein, dass Madam September - mit ihrem Schleier aus silbernen
Altweiberfäden - es eilig hat und für einen winzigen Augenblick neugierig die
Türe öffnet - nur einen Spalt.
Bestimmt lauert der dumme August auf eine Chance, sich dünne zu machen. Das
würde haargenau zu ihm passen. Ich glaube aber, dass er das nicht schafft -
wollen wir wetten?
denn er hat seine Fülle vergessen und ahnt nichts vom spitzfindigen Elan alter
Weiber.
In den Träumen
sommerlicher Nächte ist es schwül. Zwischen den Lenden klebt der Schweiß und im
Nabel sammelt sich Feuchte, gleich einem Minisee, der über die Ufer tritt.
Rinnsale fließen unter den blassen Brüsten und zwischen die Zehen hat sich ein
Kribbeln verzogen. In verschwitzten Laken fangen sich Träume so schwer, nur
diese Lust bleibt, das Leben zu vertilgen mit Haut und Haaren ohne je satt zu
werden.
Schemen geistern durch die Nächte und ihre Gesichter tragen verwischte Züge.
Wer bist du, frage ich dich? Doch schon bist du entwischt zu all den anderen
Gestalten hinter der Bühne. Ich fühle mich geprellt, denn das Bühnenstück wurde
mir vorenthalten.
Was seit ihr nur für miese Spieler? Mehr Sein als Schein.
Tröstend und besänftigend streichelt der Wind meine erhitzte Haut.
Du,
weißt du was ich heute sah, als ich wieder einmal mit der S-Bahn von Nord nach
Süd fuhr?
Unter einem bleifarbigen Himmel, auf dem vereinzelt rosige Flicken saßen,
trugen die Bäume Schleier. Besonders die biegsamen Birken sahen aus wie junge
Bräute, die beginnen, sich für den Liebsten zu schmücken und dabei das Tanzbein schwingen. Und zwischen den alten verrotteten Gleisen ein einzelner Stamm mit zarten
weißen Blüten im Geäst, wie eine Wolke aus Schnee.
früh in diesem jahr
tauwetter und
glitschige wege
auf denen man
ausgleiten kann
wenn
duftveilchen
viel zu früh
schon erblühen
und der
krokus fast wieder schläft
im februar
wo
sind
schneeglöckchen und märzbecher geblieben?
keine zeit
denn schon
grünt die hecke
und heute sah
ich kraniche
auf dem weg
in den norden
einmal mehr
spüre ich zeitbrüche
und stunden,
die marathon laufen
ich komm
nicht mit
und hinke
einstweilen
der zeit
hinter her
In diesen
tagen 4
wie kleine sonnen
blinzeln blütenköpfe gelb
aus wintermüdem gras
in den hecken wispert es wieder:
ein neuer ton zum alten lied
der zwischen zweigen
wie ein vogel zwitschert
und leise knackt
dort im gebüsch
am abend wehte ein kalter
wind. jenseits der bäume, wo der weg sich hinauf auf einen kleinen hügel
schlängelt, weht es eisig. unter dem gebüsch hat sich der raureif gehalten. ein
komisches gefühl durch das gefrorene gras zu stapfen: es knirscht und fühlt sich
beim auftreten unangenehm dumpf an. der fuß verliert leicht den halt. der weg
führt mich zum see, über den das abendrot seine feuerfarben malt. es ist hier
windstill. ich suche mir einen platz im schutz von drei weiden, die am ufer
schon lange ihren platz behaupten und krieche unter ihre hängenden zweige, die
wie ein dach sind ohne schindeln. ich warte auf den moment, in dem sich der
himmel entschließt, mir die blaue stunde zu schenken kurz nachdem das licht
hinter dem horizont verschwindet. ich halte den atem an - der bis gerade kleine
rauchwölkchen zwischen die äste blies, berauscht von der schönheit dieses
magischen moments.
schnell wird es dunkel. zum glück liegt in meiner manteltasche eine
taschenlampe. es ist für eine weile unheimlich.
plötzlich ein geräusch, ein knistern im übrig gebliebenen trockenen laub -
flügelflattern und das schilpen eines aufgeschreckten vogels, den ich im
zwielicht nicht erkennen kann. etwas streift meine rechte hand: weich, Fell,
sehnig; eine schwarze katze blickt mich mit neon-augen an. ich lache und
entspanne. in der zwischenzeit sind die sterne erwacht. ich stehe auf, gehe zum
saum des wassers, staune, wie die sterne sich spiegeln heute und denke, was
wäre wenn die sterne, meine geschwister, nun einfach vom himmel gefallen wären,
um mir vom grund des sees ihr leuchten zu schicken?
sie wären so nah, dass man sie aus der tiefe pflücken und heraufholen könnte.
auch frage ich mich, wie ein solcher stern sich wohl anfühlen würde?
"unverbesserlich," schimpfe ich mich lachend aus,"immer diese
verdammt spinnerten ideen.
nun, wer eine spindel benutzen kann, der spinnt halt gerne.
opa rolf - www.pixelio.de
verquer
führte der weg durch den winterlichen garten
etwas raureif hatte sich in der nacht
auf die verdorrten gräser und halme gelegt
letzte hagebutten leuchteten im graubraun der kahlen hecke
amseln stritten sich um das verblieben futter
der garten schlief
und bereitete sich auf den frühling vor
er dachte nicht an das meer
das in der ferne mit seinen immer wieder kehrenden gezeiten
den strand umspülte
auch nicht an die buten fischerbote
die im südlichen wind
auf den wellen tanzten
und nicht an die Rosen
die ihren süßen duft verbreiteten
verschrumpelte äpfel lagen am fuß eines baumes
der garten kannte nur die wärme des tages
und das veränderliche licht der jahreszeiten
der garten atmete ein und aus
kannte keine gedanken
um den sinn der in den dingen ruhte
seine stärke lag in der gelassenheit
den wechselnden geschicken gegenüber
beete waren noch erkennbar
und von langsam wachsenden buchsbaum eingegrenzt
vom weiten sah alles wie ein wunderliches muster aus
von riesenhand geschaffen
ein muster
dass sich aus dem chaotischen verpflechtungen
von gestrüpp und pflanzenresten
erst im nachhinein vermittelte
und am zaun winkte eine vogelscheuche
in ihrem bunten lumpenkleid
spatzen ließen sich auf den ausgestreckten armen nieder
und den strohhut hatte der Novembersturm davon getragen
ich schenkte dem garten ein nachsichtiges lächeln
und wünschte ihn einen heilenden dornröschenschlaf
Das alte Jahr tat sich schwer, denn etwas hielt es in den
verborgenen Zwischenräumen fest, als warte es darauf, dass noch etwas
Wesentliches in den eingefrorenen Momenten voll erstarrter Lichter am Himmel
erscheinen würde. Es wollte nicht wahrhaben, dass es Zeit war zu gehen. Im
silbergrauen Bart verfingen sich lange Eiszapfen. Die ablaufenden Stunden
begannen sein Blut zu gefrieren, aber wie ein störrisch gewordener alter Mann
beharrte es auf dem Bleiben.
Was hielt das überreife Jahr in den Abgründen seiner abgelaufenen Zeit fest? Es
war starr und schwer geworden - beladen, wie ein Holzweib im Winterwald
vergangener Zeiten. Die Menschenfrau zwischen den Jahren wünschte sich nichts
sehnlicher, als dass es von selbst vom Stängel brechen würde, wie eine exotische
Frucht - und sie nichts weiter tun müsse, als die Hände auszustrecken, um es
sanft aufzufangen.
Die Zeit stand still und die Luft zum Atmen wurde dünn - nichts ging weiter. So
pflückte die Frau schließlich das Jahr , schlug es vorsichtig in Seidenpapier
ein, gab ihm einen Namen und seiner Hülle die Gestirne - Sonne, Mond und Sterne
- und legte es zu den anderen Jahren ins Speicherregal unter dem Dach neben die
letzten Äpfel und Honigkuchen. Leichtfüßig und wie ein neugeborenes Kind lief
sie die Treppe hinunter und hinaus in den Garten zu den übrig gebliebenen
Hagebutten.
Sie umarmte den ersten Tag des neuen Jahres und malte mit Wunderkerzen
Glückssymbole in die Nacht.
Einmal noch blickte sie sich um, sah das Licht unter dem Giebel im
Speicherzimmer und bedankte sich mit einem Lächeln.
Dieser Prozess, dessen Ritual jedes Jahr gleich war - immer dieses Zaudern am
Ende und das Nichtloslassenwollen - fand ein freundliches Ende, denn nur wenn
etwas abgeschlossen ist, öffnen sich die neuen Dinge und beginnen ihre ersten
Schritte mit der Leichtigkeit verspielter Kinder.
(weiter)
sammeln
und sichten
im
windverwehten farbrausch
das
letzte bunt horten
für graue nebeltagen
verschwenderisch
geschenkte
sternsekunden
die in nächten strahlen
die
lang sind und kalt
Spätsommermorgen
streichelzart
schmiegt sich der Morgen
in den frühen Tag
durch dichtes Laub fällt schräges Licht
zwischen den Zweigen
fangen
sich Nebelfetzen
langsam sinkend
den Himmel freigebend
blau
diese Stimme in mir
die das Leben begrüßt
sie ist da
unüberhörbar, laut
als sei sie neugeboren
staunend betrachte ich
die Fülle des ausklingenden Sommers
die mit stummer Leidenschaft sich aufbäumt
und mit konzentrierter Kraft
und
prallen Farben
zur
Reife bringt
was nach Vollendung sich sehnt
um dann loszulassen:
Apfel für Apfel
Blatt für Blatt
bis der Winter alles kahl legt
unter seinem Schweigen begräbt

haselnüsse
im gras
unter grünspitzer kappe
verbergen sie sich geschickt
herbstreif
schau
mein freund
der sommer geht
es trüben sich tage
herbstlich
dieser
Himmel so weit
wann sah ich ihn zuletzt bewusst?
ich fliege über den Asphalt finde Rhythmus
im Tock-Tock der Stöcke
Schritt um Schritt
und Atem
ich beginne zu schwitzen
Obstbäume rechts und links
Pferde, zwei Fohlen
Rinder
früher gab es hier kein Vieh
viele Menschen unterwegs
auf der gleichen Straße
heiter und sonntäglich auf dem autofreien weg
die Kirchenglocke vom Nachbarort läutet
ein Falke kreist
und in den Büschen
haben sich Distelfinken niedergelassen
es gibt Samen
am Wegrand blüht es:
Scharfgarbe, Rainfarn, Hornveilchen, wilder Fenchel
und in den Wiesen,
tänzelt ein winziger Falter
kaum daumennagelgroß
blau, als habe er frech
der Wegwarte die Farbe geklaut
heute kann ich den Sommer nicht pflücken
der zum Herbst sich schon wandelt
auffrischender Wind schiebt die Wolken zur Seite
ein altes Backsteinhaus mit wildem Garten
lässt mich Pause machen und verweilen
an diesem Ort ist nur die Zeit vorbei gelaufen
ich würde gern wissen, wer dort wohnt
und überhaupt:
Äpfel aus fremden Gärten
schmecken besonders süß
es sind die kleinen Dinge
die mich heute glücklich machen
nach einer Stunde
wieder zu Hause
bin ich angenehm erschöpft
und der Kopf ist frei
Manchmal
bleibe ich an Gedanken hängen. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch den
Tag, die Woche, Monate - ein Jahr? Plötzlich vermischen sich die Lebenszeiten:
Während ich den Kindern vom Fenster aus zuschaue, bin ich selbst wieder ein
Mädchen von 11 Jahren und sitze mit anderen auf dem Mäuerchen vor der
evangelischen Kirche.
Hier in diesem Raum hat vieles Platz, auch das lärmende Spielen von Kindern,
die kichern, lachen, schimpfen und schreien. Kinder die draußen unter dem
wolkenlosen Sommerhimmel Fußball spielen und in Scharen angerannt kommen, wenn
der Eiswagen klingelt. Einige sitzen längst auf Mäuerchen und Trafokästen und
warten auf die süße Erfrischung - klimpern mit dem Kleingeld in ihrer
Hosentasche, spitzen das Mäulchen und machen große Augen, wenn Nachbars Kevin
plötzlich um die Ecke gerannt kommt, das Käppi auf dem Kopf und einen frechen
Spruch auf den Lippen. Mariechen hat ein Buchenblatt gepflückt und zaubert ein
filigranes Muster, indem sie jede zweite Rispe mit den scharfen Fingernägeln vorsichtig
entfernt. Herb und schon ein bisschen nach Herbst duften die Buchenblätter.
Natalie in Leggings und kurzem Rock - bauchfrei - die blonden Haare mit den
blaugrünen Strähnen wirr im verschwitzten Gesicht rennt hinter Jonas her und
streckt ihm die Zunge raus. Die blauen Augen blitzen vor Übermut. Jonas errötet
und weiß nicht, wohin er schauen soll. Er windet sich, kommt nicht von der
Stelle.
Noch bevor ich im Apfelbaum ein eingeritztes Herz entdecke mit den Buchstaben
N+J höre ich die dicken Zwillinge von gegenüber schreien: "Jonas liebt
Natalie. Jonas liebt Natalie."
Jonas wird nun vollends rot und verschwindet schweigend Richtung Inliner-Bahn.
Anna hat ihr Kaninchen mitgebracht. Inga und Eva sitzen auf dem Asphalt und
malen mit Straßenkreide naive Kunst vor meine Haustür. Sie schauen hoch,
unterbrechen ihr kreatives Tun und lassen sich von Anna zeigen, welche neuen
Kunststücke der Stallhase heute gelernt hat.
Heute, denke ich, ist ein vollkommener Sommertag und die Kinder sind
ungewöhnlich friedlich.
Diese Geräusche tun mir nicht weh, wie die anderen - die mir aus den Läden
belebter Innenstädte entgegenbrausen und mit dem gehetzten Singsang der
Passanten und Fußgänger kollidieren, die gegen die Zeit Sturm zu laufen
scheinen.
Ich gehe unter im Gewoge von Menschenmassen, verliere mich und werde unendlich
müde.
Zum Glück kenne ich ein Cafe - mitten in der Stadt, an der belebtesten
Einkaufsstrasse hinter einer Kirche liegend - meine Stadtoase, in der ich
sofort vergesse, woher ich gerade komme.
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