Märchenhaftes
— geschrieben von findevogel am 27 Dez, 2008 @ 13:17
im traum
spazierte ich durch einen langen flur. auf beiden seiten türen, dazwischen
gemälde, beleuchtet und angestrahlt. alle türen waren geschlossen, nur die eine
nicht, am ende des korridors. so schaute ich hinein. in einem abgenutzten
sessel saß eine kleine alte frau. sie strickte einen bunten strumpf.
sie blickte auf und lächelte mich an:
"komm herein!" sagte sie mit einer tiefen angenehmen stimme.
"ich bin frau holle und du kommst gerade recht."
ich trat ein und näherte mich dem sessel. die alte frau roch nach äpfeln und
frischem brot. sofort erinnerte ich mich an die große küche meiner kindertage
und fühlte mich geborgen.
"willkommen in meinem reich. ich habe schon auf dich gewartet."
sprach sie
"aber wieso?" fragte ich "ich besitze keine blutige spindel und
alle brunnen sind längst ausgetrocknet."
"trotzdem, ich habe gerade auf dich gewartet, denn der strumpf ist
fertig."
flüsterte sie sanft.
"muss ich nicht den apfelbaum schütteln auf der wiese? wartet kein brot,
um aus dem backofen gezogen zu werden?"
"nichts ist mehr so, wie es einst war", sprach frau holle ernst,
"doch die märchen bleiben und ihre botschaft auch. ich habe die alten
märchenworte in dem strumpf verstrickt."
"warum?" fragte ich erstaunt.
"du wirst den strumpf mitnehmen in deine welt. du musst ihn den menschen
zeigen und mit ihnen aus seinen mustern neue märchen erfinden."
plötzlich erwachte ich aus meinem traum. ich lag in meinem bett. durch das fenster
lichtete es schon und so sah ich den bunten strumpf, der neben mir auf der
weißen bettdecke lag.
Märchenhaftes
— geschrieben von findevogel am 12 Dez, 2008 @ 23:20
Der Mond
schaute mich an
als gerade das letzte Licht des ausklingenden Abends verglühte.
In den Furchen seiner hellen Haut lag etwas Schwebendes.
Vage war eine dunkle Träumerin darin zu erahnen
dahingeflossen - im Schlaf von allem gelöst.
So streichelte sie schlafend dem Mond über sein goldenes Gesicht
und für den Moment schien es so
als seien da sinnliche Lippen im Mond
die zum Lächeln sich nach oben verzogen.
"Immer diese Frauen." schienen sie zu raunen
aber die warme dunkle Stimme kann auch aus meinem Inneren empor gestiegen sein.
Schwer zu sagen
was zu wem gehört; was von wem kommt
wenn der Anblick eines makellosen Goldballs am Himmel
die Grenzen der Zeit verwischt.
Vielleicht bin ja ich die Träumerin
die versunken ihre weibliche Zärtlichkeit
dem Mann im Mond zu Füßen legt
und im Schlaf leise flüstert:
"So sind die Frauen manchmal
den Träumen nah
mütterlich, zärtlich
und überraschend weich."
Märchenhaftes
— geschrieben von findevogel am 7 Sep, 2008 @ 23:33
Es war nicht wie immer. Etwas hatte sich verändert. Der Wind in den
Bäumen säuselte nicht mehr. Vielleicht war es die plötzliche Stille,
die sich so merkwürdig bizarr über die Zeit gelegt hatte und in der die
Welt den Atem anhielt.
In der Ruhe vor dem Sturm liegt Konzentration und Kraft, ein Spüren
tief innen, dort wo zwei Flüsse sich im richtigen Augenblick genau an
dieser besonderen Stelle treffen und verbinden, so als sei es ein
Nachhausekommen. Zurück in die Wiege der Menschheit, als Paradiese noch
nah waren und in der Nacht der Wind die Zwillingswiege schaukelte,
während schlanken hohe Bäume ihre Silberblätter wie Sternenregen über
dem Fluss ausschütteten.
Erst in diesem Augenblick des Zusammenfließens wird eine neue gewaltige
Kraft geboren. Eine Energie, die fähig ist, die Welt mitzureißen, ihr
den Stempel aufzudrücken - sie für lange Zeit zu verändern. In der
Mitte kräuseln sich goldene Strudel, aus denen ein göttlicher Atem
Klänge zaubert, deren Schwingungen weit hinaus getragen werden in den
Klangkörper der Welt. Da, wo das Zweistromland beginnt wachsen
Seerosenblätter. Eine kleine Göttin sitzt darauf - versunken, im ihrem
Schoß ein Korb mit sich ringelnden Schlangen. An ihre Lippen hält sie
eine Flöte, bereit im richtigen Moment darauf zu spielen, den richtigen
Ton zu treffen, um die Schlangen zu beschwören, auszuschwärmen, und
ihre heilende Arbeit zu tun. Mit jedem Ton entstehen neue Räume , immer
näher bei den heilenden Quellen.
Jenseits des Weihers, versteckte sich
hinter den Bäumen ein weißes Schloss. Ich näherte mich auf Zehenspitzen - das
angrenzende Gebüsch mit seinem üppigen Grün hatte mir frischen Atem geschenkt
und mich beruhigt. Die Zugbrücke über dem Schlossgraben war geschlossen. Auch
ohne eine Dornenhecke wirkte das Gebäude mit den Türmchen an den Ecken
verwunschen. Im Schlossgraben wuchsen Seerosen. Im Licht des Morgens wirkten
sie wie ein Gemälde von Monet. Kugelige Buchsbaumstämmchen spiegelten sich im Wasser.
Welche Geschichten hier wohl leben oben im Turm und unten auf dem Grund des
blaugrün schimmernden Wassers. und welche Geschichten schlafen in den Menschen,
wenn sie traurig sind oder am Rande stehen. Welche Geschehnisse zwischen Menschen
spiegeln alte unselige Geschichten und legen diese Molltöne in den makellosen
Tag. Was aber wäre eine Geschichte ohne die Mollklänge?
An der üppig gedeckten Tafel mit frischem Kaffee in der Hand fand ich die Sprache
wieder und das Gespräch über das Leben und die Kunst zog mich in seinen Bann.
Hier zwischen den Menschen an meinem Tisch war das JETZT melancholisch, aber
auch heiter. Ein Geheimnis umschloss sie, wie eine lichte Hecke, die sie
schützte vor ungebetenen Blicken und bettelnden Hunden.
Märchenhaftes
— geschrieben von findevogel am 25 Mai, 2008 @ 23:01
1. frau
mai war vorüber gegangen und hatte den blauen regenschirm mit der
spitze aus stahl in der schlafzimmerecke stehen lassen. sie war dem
biedermeiergemälde der kunstgalerie neben der großen kathedrale
entstiegen und trippelte nun mit ihren stöckelschuhen die
hundertzweiundachzig stufen zum turm hinauf. im bild blieb das bett
zerwühlt und nichts deutete daraufhin, dass dort vor kurzem noch zwei
menschen ihre liebe gefeiert hatten - fast ein wenig schamlos für diese
zeit. über dem betthaupt schwebten im goldenen rahmen gottes zornige
engel. neben der bettstatt auf einer kleinen konsole ergoß sich ein
stillleben aus weinkaraffe, zwei goldgeränderten gläsern und einer
schale mit erdbeeren und kirschen. seltsam, dachte ich, im mai gibt es
noch keine kirschen.
ich folgte frau mai unauffällig auf ihren
wegen. draußen auf den stufen machte es klipp-klapp, und die
hochgetürmten haare wippten bei jedem schritt. sie war eine moderne
frau und reckte selbstbewusst ihr kinn. wie war sie nur in das gemälde
hinein und wieder hinaus gekommen? und wo war der heimliche geliebte
nur abgeblieben. und überhaupt, was hatte sie über die zeitenschranke
hinaus zueinander hin gezogen?
2. ich
folgte frau mai in den turm. warum ich sie frau mai nenne, fragst du
mich - ich verweile an einer schießscharte und schaue kurz zwei
verliebten tauben zu - es ist mai und die frau im grünen kostüm hat
etwas von sturm und drang, der sich in diesem frühlingsmonat so
eindringlich in der natur spiegelt . fast bin ich im turm angelangt,
aber wo ist frau mai? es scheint, als habe sie sich, während ich den
tauben zuschaute in luft aufgelöst. ich schaue hinunter und traue
meinen augen nicht: sie tanzt mit einem harlekin über den platz. da ist
musik, und viele zuschauer bilden einen lebendigen wall um die
tanzenden herum. in der galerie verdeckt nun ein roter vorhang den blick auf das bild.
3. ich beschließe auf frau mai´s spuren zu bleiben, und beginne
sogleich mit dem abstieg. hundertsechsundachzig stufen hinunter aus lichter
höhe in den dunklen sakralen raum, in dem sich gläubige zum mariengebet
versammelt haben. orgeltöne erfüllen den raum mit energie und klang. weihrauch
und die unzähligen duftenden blumen rauben mir den atem. ich eile zum großen
portal aus holz, öffne den riegel, und schon bin ich draußen im blendenden
licht eines makellosen maientages. draußen pulst das leben an diesem
prachtvollen feiertag, und von einer bühne , die ich nicht sehen kann, erklingt
beschwingte tanzmusik. der rhythmus geht ins blut und lässt musikliebende
menschen nicht still stehen. eimal mehr frage ich mich, warum die meisten
zuschauer so unbeteiligt wirken und da stehen, als seien sie zur salzsäule
erstarrt. ich drängle mich nach vorne, sehe frau mai und den harlekin ihren
tanz beenden. der grafisch gestaltete bodenbelag des kleinen platzes vor der
kathedrale lässt mich an ein schachbrett denken, auf dem dame und könig, die
beiden übriggebliebenen, sich voneinander verabschieden. harlekin lüpft seine
perrücke und wirft frau mai noch eine kusshand zu, bevor er mit hohen sprüngen
und einem irren tempo in der menge untertaucht. etwas fehlt mir im bild: wo ist
die langstielige rote rosenblüte? derweil dreht frau mai sich langsam um ihre
eigene achse, nimmt gelassen die zuschauer in den blick und verneigt sich vor
dem publikum wie eine primaballerina.
ich schaffe es nicht, den platz zu betreten, so als sei ich angewurzelt, und
frau mai dreht mir nun den schmalen rücken zu und stöckelt zur galerie, wo sich
die vorhänge kurz geöffnet haben und ein ganz anderes gemälde die blicke auf
sich zu ziehen versucht.
Märchenhaftes
— geschrieben von findevogel am 19 Mai, 2008 @ 17:34
ich sah den
fisch im wasser dümpeln, und er schaute mich an.
"närrin" nannte er mich "warum nur wanderst du mit gewitterwolken über der
stirn durch diesen makellosen tag?"
"und wer bist du, dass du mich
fragst?"
"erkennst du mich nicht, fischerin vom
belebten meer?"
wie schuppen fiel es mir von den augen. es war der blaue fisch, der mir
durch die maschen geschlüpft war - damals - als ich danach fischte, mich selbst
zu verstehen. wie kam er hierher, in den seerosenteich?
"wenn die welt mich zerreißt, lieber fisch,
bin ich nicht ganz bei mir. ich sehe die schönheit des berauschenden grüns
nicht, spüre keine streichelnden halme an meinen waden, die vögel zwitschern
nur für andere ohren, und der wind, der mir das haar zerwuselt, findet meine
aufmerksamkeit nicht."
"warum lässt du es geschehen, nur du
selbst kannst dich zerreißen, geh in deinen stillen garten und schließe alle
türen. lass niemanden hinein,
damit du dich findest in den blüten der kastanie über deinem haupt. wenn du bei
dir angekommen bist und dein beruhigter atem dich trägt, wie den fluss die
wellen, dann kehre zurück und lasse das gewitter dort."
"huch" dachte ich, "du hast mich kalt erwischt."
und mein blick suchte den fisch, aber der war nicht mehr da. und ich schloss
ihn einmal mehr in mein herz und dankte mit freundlichen gedanken.
Die
vergessenen Worte versteckten sich bei den Sternen . In der Nacht
ließen sie sich vom Himmel fallen und sanken auf den Grund des
rubinroten Meeres. Der grüne König erwachte von einem Klirren. Er
staunte über das farbige Licht in seinem Reich, das nicht von den
mondmatten Perlen und Muscheln her rührte. Er war allein. Weder seine
vielgestaltige Geliebte, noch die kleinen Fische, die ihn sonst stets
umschwärmten, waren zuerblicken. Wo waren seine acht Töchter. Es war
still. Kein silberhelles Kichern war vom Schloss her zu hören.
Vielleicht hatte das neue Licht ihnen Angst eingeflößt und sie
vertrieben. Er raufte sich die Haare und versuchte zu verstehen, setzte
sich auf, nahm seinen Dreispitz und versuchte das Licht zu fangen, doch
es entzog sich. Schließlich ruderte er mit seiner starken Rückenflosse
eine große Runde um sein Reich. Überall dieses Licht.
Er stand vor einem Rätsel. Was war geschehen. Etwas wie Angst runzelte ihm die Stirn.
Märchenhaftes
— geschrieben von findevogel am 2 Okt, 2007 @ 16:58
Es war noch jemand da gestern:
ein kleines Wesen von schrulliger Gestalt. Kurz erblickte ich es, als es hinter
die Standuhr flitzte, die gerade sieben Uhr geschlagen hatte - Abendbrotzeit!
Fesch sah es aus in seinem grünen Jackett und den schwarzen Hosen mit Bügelfalten,
über deren Bund sich ein ziemlich großer Bauch wölbte. Erst erschrak ich mich
so sehr, dass ich beinahe die Schüssel mit Roter Grütze fallen ließ. Aber dann
musste ich lächeln, denn dass quirlige Wesen lief barfuß über den
flauschigweichen Teppich. Übrigens sein Gesicht war runzelig. Ein Kranz von
grauem Silberhaar bedeckte den kahlen Schädel und über den erstaunlich vollen
Lippen trug es ziemlich selbstbewusst, wie mir schien, eine spitze nach oben
gebogene Nase. Die Augen blitzten dunkel wie Kohlestücke im offenen Kamin.
Unter dem Jackett trug das Männlein eine rote Brokatweste. Eine goldene
Taschenuhr baumelte aus der Westentasche.
Ich glaube, der kleine Mann hat mich nicht gesehen. Oder doch? Er schien es
sehr eilig zu haben und plötzlich polterte es unter den Dielen - es knackte und
knarrte, und ein Scheit Holz fiel aus dem säuberlich aufgeschichteten Stapel
heraus. Gut, dass ich die fruchtige Grütze schon auf den Tisch gestellt hatte.
Vielleicht ist dieses knorpelige Wesen dafür verantwortlich , wenn plötzlich
Tassen aus dem Schrank fallen, oder ein Stein vom Schreibtisch fällt und in
zwei Stücke bricht, ohne dass ihn jemand berührt hat.
Ich muss mehr über dieses Männlein wissen, werde auf der Lauer liegen und euch
berichten.
Märchenhaftes
— geschrieben von findevogel am 17 Sep, 2007 @ 11:53
Heute werde ich zur Frau, die in der braungesprenkelten Bohne lebt.
Ganz klein mache ich mich. Durch den Spalt in der Seite
schlüpfe ich hinein: wie kühl und erfrischend mich dass mehlige Fleisch nun
umhüllt. Wie nahrhaft es duftet. Ich verharre. Von außen gelangen keine
Geräusche an mein inneres Ohr. Die Bohne liegt unter einem verwelktem Blatt vom letzten
Herbst. Zwischen Heckenzweigen hat es sich gut gehalten. Ich will allein - bei
mir selbst – sein, aber so richtig ruhig werde ich nicht. Es ist eng und mein
Bewegungsdrang groß, als hätte ich Angst, hier für alle Zeiten einzuschlafen. Immer wieder umfängt mich der Schlaf süß und erfrischend,
aber nach einer Weile zucke ich zusammen, als habe eine innere Alarmanlage
angeschlagen. Ich will mich aufrichten, doch die Bohnenstube ist zu niedrig,
und schon stoße ich mir den Kopf. Nichts zieht mich nach draußen, obwohl am
Himmel die Wintersonne strahlt. Ich atme - lausche - atme - lausche - ich höre einen Ton
und folge seinem Klang - ich atme tief, werde ruhiger , entspannt - ich
lausche, atme, und der Klang windet sich in mein Ohr, wandert weiter durch den
ganzen Körper - überall schlängelt er sich hin. Der Körper, eine Klangschale, vibrierend, schwingend - ich
lausche, atme, werde ruhig - ein grüner Keim wächst im Inneren der Bohne. Er
will zum Licht. "Eine Weile noch", flüstert er in meinem Blut,
" dann wird das fließende Leben neue Lichtwunder wirken.
Die Bohnenfrau ist aufgewacht, der Schlaf war erfrischend.
Sie streckt ihre Glieder. Kopfschmerzen wüten noch im Kopf, parallel dazu
quirlt ein silbriges Fischchen in den Eingeweiden und gibt keine Ruhe. "Ich lebe!" ruft es mit heller Stimme. Wie Quecksilber ist es im ganzen Körper unterwegs. Das
Fischchen spricht vom Frühling, vom Genesen, von der Kraft, die noch da ist. Fast etwas zu übermütig. Da winden sich zwei gegenstrebige Spiralen ineinander,
schlagen das Sonnenrad und kaleidoskopieren Licht. Die Bohnenfrau gibt sich
geschlagen. Gegen diese Fülle ist kein Kraut gewachsen. Unwillkürlich muss sie lächeln.
Sie beschließt, den engen Wohnraum zu verlassen, sich eine
nahrhafte Suppe aus braungesprenkelten Bohnen zu kochen und erinnert, dass in
ihrer Küche
Heute bin ich Peter Pan
und balanciere zwischen den Segeln
als sei ich Hochseilartist
fighte mit kindlichem Ernst
gegen Hook und seine dunklen Gesellen
ein wildes Lied auf der Zunge
stimmt alle ein in den Kampfesschrei
wirKinder des Lichtes werden mehr
wir werden immer mehr
Siehst du mein Grinsen
den blitzenden Blick
was auch immer ich bin,
du ahnst es nimmermehr
ich häng in den Wanten und kämpf gegen Geister
wie einst Don Quichotte,
dem Ritter von der traurigen Gestalt
Hey, Servantes, herbei an meine Seite
denn niemals
niemals will ich erwachsen sein
Leicht und ohne Mühe lenke ich das Schiff
weit hinaus über die Grenzen der Phantasie
die Füße stehen fest auf den hölzernen Planken
Flügellust schenkt der Wind
und plötzlich
der Augenaufschlag – gekonnt - lässt silberne Glöckchen klingen
sitz ich als Elfenkönigin auf deiner Schulter
nage sanft und mit seidigen Lippen
am weichen Ohrläppchen
denn plötzlich im Morgengrauen
ja plötzlich bin ich Tinkerbell
Ich
habe über Undinen nachgedacht. Allein das Wort, welche Magie? Undinen
sind Nymphen, die in Wasserfällen und Seen leben. Wenn Undine sich mit
einem menschlichen Gefährten verbindet, erhält sie eine Seele und wird
sterblich.
Ob darin der Grund liegt, warum sich fast überwiegend Männer mit diesem mystischen Stoff beschäftigen?
Wie muss es sich anfühlen, wenn mann sich vorstellt, die Macht darüber zu haben, ein unbeseeltes Wesen zu beseelen?
Wortspiel : sie erhellt mit ihrem Sein seine Seele und flößte ihm Endlichkeit ein und macht sich durch diesen Akt selbst unsterblich
Undine ist eine Wasserfrau und Wasser steht auch für Seele. Wenn es nun
ganz umgekehrt wäre - und die schon ewig von der wilden Natur beseelte
Undine dem menschlichen Mann erst zur Seele verhilft?
Würde er sich dann sterblicher fühlen und weniger in Allmachtsfantasien suhlen?
6. strophe es sang die junge weide
ein letztes klagelied:
schon träumen meine blätter
vom sommersonnenschein
du wirst mir fehlen bruder
vertrauter und gefährte
all meiner jugend jahre
nun heißt es abschied nehmen
so fließ mit mutter fluss
hinaus zu neuen zielen
es tropfen meine tränen
goldgelbes harz ins weiche moos
und schick mit einem lied
den vater wind als boten her
wenn deinen hafen du gefunden
ich wünsch dir glück und viele wurzelkinder
und seh dein lichtes haar
das wasser wieder kosen
5. strophe es sprach zur jungen weide
die weise mutter welle:
ach kind, es ist ein jammer
mit dieser schreckenskammer
es wächst ihm eine seele
im fluss und auf der wasserreise
dein vater bläst zum sturm
es kippt der bruder baum
und stürzt in mutter welles reich
ich bin im kopf ja helle
und ruf ganz auf die schnelle
die wilden schwesterwellen
wir schwemmen ihn ganz sacht
hinaus zu neuen ufern
dort wird er fest verankern
und schon im neuen jahr
wird grünes haar
das wasser küssen
4. strophe es sprach die junge weide
zur weisen mutter welle:
ach mutter mein, ich bin allein
und sorge mich gar sehr
der bruder ist so traurig
und findet keinen halt
die wurzeln ragen luftwärts
kein grünes blatt wächst an den zweigen
sein herz schlägt nur noch leise
längst meiden ihn die vögel
mein vater wind weht kreuz und quer
und treibt zum sturm die wolken an
ist selber längst ganz durch den wind
und purzelt brisenstiebe
ins unsichtbare blau
was kann ich tun für meinen baumgefährten
es schmerzt, mitanzusehn
das endlos lange sterben
es sprach der vater wind
zu seinem weidenkind:
lieb tochter lass dir sagen
ich will ein lied dir wagen
bleib dennoch windiger geselle
und wehe nie an einer stelle
es treibt in meinem traume
mich weg vom blattgeraune
mein sohn, der bleibt mir fremd
mit seiner wurzel, die ihn hemmt
ich würd ihn gern verstehen
doch lässt er stumm mich gehen
was nützt dein händeringen
kann keine hilfe bringen
mein wispern will verstummen
hör nur noch mücken summen
sprich schnell mit mutter welle
sie ist im kopf doch helle
Es schläft ein Traum am Wassergrund
und spiegelt Wolkenschweben
verwebt mit kahlen Zweige
die schattengleich im Wasser zittern
und zeichnet sanfte Stille in die Seele
als sei verwunschen alle Zeit
Märchenhaftes
— geschrieben von findevogel am 20 Mär, 2007 @ 09:17
geschrieben für U. 2002
Vor vielen,
vielen Jahren lebte im hohen Norden eine verantwortungsbewussteWölfin. Schon viele Vollmonde lang hatte
sie mit ihrem Rudel das im Winter von Eis und Schnee bedeckte Bergland durchstreift.
Kein noch so kleiner Schleichweg in dieser unwirtlichen Gegend war ihr
unbekannt. Erfahren und ihrer Intuition trauend hatte sie ihr Rudel immer
wieder in Sicherheit gebracht. Als Anführerin hatte sie eine wichtige Funktion
unter dem Wolfsclan. Immer wusste sie einen Rat und ihr warmherziges Wesen
wurde von Groß und Klein geliebt und geschätzt.
Obwohl sie einen richtigen Partner bisher noch nicht gefunden und auch keine
eigenen Wölflinge geboren hatte,war
sie mit den Geheimnissen von Geburt, Wachsen und Sterben vertraut. Die kleinen
Wölflinge im Rudel kamen gern zu ihr , um ihren Kummer und ihre Sorgen
loszuwerden. Sie hatte große Freude daran, mit den Kleinen zu spielen und ihnen
beim Aufwachsen zuzusehen.
Sie kümmerte sich um die alten und schwachen Wölfe, die dem Clan nicht mehr so
gutfolgen konnten. Ihnen war sie das
Licht und der Trost ihres Alters
Eigentlich war sie mitdem Leben im
Rudel glücklich und zufrieden, erhielt sie doch als Dankeschön für all ihr
Bemühen eine hohe Wertschätzung von den anderen Wölfen. Nur wenige Wölfe
konnten von solch einem erfüllten Leben berichten.
Manchmal jedoch, wenn es Winter war und Schnee und Eis die Landschaft unter ein
weißes Tuch versenkten, träumte sie davon dort zu leben wo es warm war, wo das
Leben leichter war und die Verantwortung sie nicht so schwer drückte. Dort
wollte sie in Frieden mit sich und ihrer Umwelt leben und all die Dinge tun,
für die sie in ihrem jetzigen Leben keine Zeit fand.
Oft träumte sie von den warmen Sommerabenden im Süden, an denen sie sich in das
duftende Gras legen würde . Sie würde die letzten Sonnenstrahlen auf ihrem
weichen Fell spüren . Ihr ganzer Körper würde sich entspannen und in jeder
Hautpore könnte sie ihre eigene sprühende Lebendigkeit fühlen. Ihr Liebster
sollte neben ihr liegen und die Schönheit des Lebens mit ihr teilen.
Die Dunkelheit breitete sich wie ein samtiger Mantel über sie. Ein roter Mond
erschiene am Himmel und tausende von leuchtenden Sterne würden ihn begleiten.
Der sanfte Wind in den Baumwipfeln sänge ein Abendlied für sie.
Al es wieder Winter wurde sehnte sie sich immer öfter nach dem wärmeren Klima
im Süden. Immer noch erledigte sie pflichtbewusst ihre Aufgaben, aber immer
häufiger war sie mit ihren Gedanken im Süden.
Eines Abends machte ihr die Sehnsucht so sehr zu schaffen, dass sie ein
Klagelied anstimmte, dass weit über die Wälder schallte. Viele Wölfe stimmten
in ihr Klagelied ein.
Als das Klagelied verklungen war und der Mond am Himmel erschien, klirrte die
Luft vor Frost und Kälte. Mühsam stapfte die Wölfin durch den verharschten
Schnee in ihre Höhle. Dort rollte sie sich eng zusammen und fiel in einen
bleiernen Schlaf.
m Traum wurde es plötzlich hell und warm um sie herum. Als sie die Augen
öffnete, sah sie eine wunderschöne Frühlingslandschaft. Sie lag auf einer
Wiese, die voller Blumen war und der Kräuterduft kitzelte sie in der Nase. Als
sie Himmel schaute, wurde ihr ganz warm ums Herz, denn sie sah in den Zweigen
einer Pinie ihrenZauberraben sitzen.
Immer schon hatte er sie in ihren Träumen begleitet, wenn das Leben nicht so
einfach war.
schon lange lag der See brach
unter dicken geriffelten Schollen aus Eis
erreichte nichts mehr den Grund
ob noch ein Fisch im Wasser lebte
oder eine einsame Wasserpflanze
ich glaube nicht
kein Vogel verlor blaue Federn im Uferkies
eine Frau fühlte sich klein
alle waren besser, fanden grandiose Worte
schafften Großes, waren interessanter
niemand hatte ihr je gesagt, wie schön ihre Stimme klang
und wie klar ihre Augen die Wolken spiegelten
kein Frosch holte eine goldene Kugel vom Grund
nur Traumtänzer versprachen ihr manchmal
die Sterne vom Himmel zu holen
kein Kirschkuss hatte bisher ihre Lippen geteilt
so verblasste sie bis sie fast durchsichtig war
ein kleiner Vogel spazierte durch den letzten Schnee
hinterließ Spuren - schwarze Zeichen im Weiß
die von ihm erzählten, wenn er längst davon geflogen war, dem Frühling entgegen
der wartete schon hinter dem Horizont mit seinem seidenen Blau
aber täglich kehrte der Vogel zurück in sein vertrautes Feld
ganz nah bei dem erfrorenen See und der verblassten Frau in der Hütte am Wald
sah er sie in ihrer gläsernen Durchsichtigkeit
vernahm er den klirrenden Frostgesang vom See
Lag nicht Trauer in allem Sein
der Vogel sang sein Lied unbekümmert
er brachte es mit
aus zukünftigen Frühlingstagen mit hohen Lerchenhimmeln
die so weit schienen und grenzenlos
und mit ihm kam ein lauer Wind und der Duft von Veilchen und Narzissen.
es war ein besonderer Tag, als die Frau ihren Kopf hob
aus ihrer Versunkenheit erwachte
den Duft erschnupperte, den Vogel sah und sein Liebeslied hörte
wie neu geboren stand sie auf und folgte den Spuren zum See
Sie nahm einen schweren Stein und schlug ein Loch ins Eis
ganz erhitzt verspürte sie das Leben in sich fließen - die Wangen färbten sich
in diesem Augenblick
als sie dem See Atem schenkte, begann sie zu singen
und weil ihre Stimme so klar war und hell, zersprang das Eis in tausend Stücke
In ihren Augen spiegelten sich die Wolken, und der kleine Vogel sah von weitem zu
In jenem Moment brach der eiserne Ring, der ihr Herz gefangen hielt, und sie begann das Leben zu lieben
Märchenhaftes
— geschrieben von findevogel am 13 Mär, 2007 @ 23:19
Kennst du
La Loba? Es ist die Alte mit den vielen Namen: Knochenfrau,
Fängerin, Weise, Hexe, große Mutter, Hecate und viele mehr.
Sie ist überall unterwegs und wurde an allen Orten der Welt schon gesichtet.
Man sagt, sie sei fettleibig, überall behaart und ihr Aussehen wüst. Am
liebsten haust sie in abgelegenen Berghöhlen fern jeder Zivilisation. Du siehst
sie mit Fellen bekleidet oder in Jeans und Holzfällerhemd. Ihre Haut ist weiß,
braun, rot und schwarz. Es kann sein , dass sie in München aus dem Flugzeug
steigt oder im amerikanischen Trucker hinter dem Steuerrad sitzt. Neulich sah
ich sie in einem bunten Zirkus- Wagen auf dem Weg in den Süden.
immer trägt sie ein Bündel dabei. Vor ein paar Wochen noch sah ich sie in einem
ausgetrockneten Flussbett. Sie kriecht über die Erde, schaut unter jede Wurzel,
dreht jeden Stein herum, sammelt Bärenknochen, Schlangenhäute, Krähenleichen
und unentwegt nach den Knochen vom Wolf. Ihm gilt ihre besondere Liebe. Sie
sucht seine Gebeine so lange, bis sie ein komplettes Wolfsskelett
zusammengetragen hat. Dann ordnet sie alles so an, dass jeder Wirbel, jeder
Knochen am richtigen Platz liegt. Breitbeinig stellt sie sich über die
angeordneten Knochen, lässt die alten faltigen Hände darüber schweben und
singt. Immer findet sie genau den Gesang, der ihr für diese Kreatur eingegeben
wurde. Du wirst es vielleicht nicht glauben, aber schon nach einer Weile siehst
du eine Spur Fleisch an den Knochen. La Loba singt inbrüstig und laut. Der
Klang ihrer Stimme wird tiefer, lässt Felswände erzittern, solange, bis das
Tier Gestalt angenommen hat, mit dem Schwanz zuckt, im nächsten Moment die
Augen öffnet und ins Leben hinein springt.
Nur wer lange hinter dem Wolfstier herschaut, sieht dass sich dieses Geschöpf noch
einmal verwandelt, die Gestalt einer Frau annimmt, sich vor Lachen schüttelt
und hinter dem Horizont verschwindet.
Märchenhaftes
— geschrieben von findevogel am 18 Feb, 2007 @ 12:59
Ein kleiner Junge
nahm seinen Vater bei der Hand und führte ihn hinaus in den Park. Da
war inmitten von dichtbelaubten Bäumen ein ruhiger Teich. Allerhand
Wasservögel tummelten sich dort und unter der Wasseroberfläche sah man
behäbig die breiten Schuppenrücken der Barsche. Im Sonnenlicht
glitzerten sie ab und zu auf.
"Vater," sagte der kleine Junge, Kai hieß er und war gerade vier Jahre
alt geworden, "wenn ich nun ins Wasser springe, wachsen mir dann
Schuppen?"
"Nein, mein Kind," antwortete der Vater, "du bist ein kleiner Mensch und
von Haut umhüllt. Darauf wachsen keine Schuppen."
Vater," fragte das Kind weiter, "kannst du mir nicht ein Schuppenkleid
nähen. Ich möchte so gerne mit den Fischen auf den Grund tauchen."
"Kai," sprach der Vater, "jetzt sei mal vernünftig, "du bist ein Mensch
und Menschen können weder Fisch noch Vogel sein. Wie soll ich dir ein
Schuppenkleid nähen. "
"Papa, dann möchte ich ein Vogel sein."
"Nun Kai, dir fehlen die Flügel, wie willst du da fliegen?"
"Papa, aber die Mama hat mir gestern Abend die Geschichte vom blauen
Fisch erzählt, der fröhlich im Wasser schwimmt und am Himmel einen
silbernen Vogel sieht. Weil er sich in den wunderschönen Vogel
verliebt, wachsen ihm vor lauter Sehnsucht blaue Federn. Er erhebt sich
aus dem Wasser und breitet seine Flügel aus."
"Und, Kai, hat er den silbernen Vogel eingeholt?" fragte der Vater interessiert.
"Hm," meint das Kind, "Ich weiß nicht, die Mama hat versprochen, mir die Geschichte heute Abend weiter zu erzählen."
Märchenhaftes
— geschrieben von findevogel am 16 Jul, 2006 @ 00:08
Vor
vielen, vielen Jahren lebte nicht weit vom mittleren Meer entfernt, in einer
hohen Düne, ein besonders freundliches Kaninchen.
Dort lebte es mit vielen anderen Kaninchen zusammen. Das Zusammenleben war nicht
immer leicht, denn auch zwischen den Kaninchen gab es viele Streitereien und
Auseinandersetzungen. Unser Kaninchen hatte besondere Fähigkeiten und dadurch
eine wichtige Position innerhalb der Kaninchengesellschaft. Es war warmherzig,
freundlich, geduldig und ein guter Zuhörer. Viele Kaninchen kamen zu ihm, um
seine Hilfe zu suchen. Es war ein guter Streitschlichter und fand immer eine
Lösung für die Probleme der anderen.(weiter)
Märchenhaftes
— geschrieben von findevogel am 2 Jun, 2006 @ 21:52
Hinter diffusen Baumschatten, ein Hauch von Sommer. Der Duft von
frischgemähtem Gras kitzelt in der Nase. Blattgrün fächelt im Baum. Windbewegt
wie grüne Meereswelle das schenkelhohe Gras in der kraftvollen Obstwiese
- bizarr wiegt es sich im Tanz. Rispen winken, wie kleine bewegliche Elfen mit
Blütenhüten. Schau doch, liebe Katze
Wolkengebirge zerbröseln zu sanften Schäfchenwolken. Ich will ihr
Hirte sein. Blau weitet sich der Himmel unter Lerchenjubel. Und mein Herz
steigt mit hinauf.
Märchenhaftes
— geschrieben von findevogel am 20 Jan, 2006 @ 12:08
In der großen Küche hockt Marie am Boden. Da
hat wer doch tatsächlich in böser Absicht die Linsen und Erbsen
durcheinander in die Asche geschüttet. Sie ahnt, wer das angerichtet
hat. (weiter)
Märchenhaftes
— geschrieben von findevogel am 31 Jul, 2005 @ 23:22
Der kleine Jan
kommt weinend nach Hause. Er schluchzt und zittert am ganzen Körper. Seine
Jeans hat ein Loch und das Knie ist aufgeschürft. Der Anorak ist voller
Schmutz, Handschuhe und Mütze hat er verloren.Er ist ganz außer sich.