Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 6 Jul, 2009 @ 23:39
Die
Fischerhütte liegt auf einem kleinen Hügel abseits vom Dorf. Von den
Fenstern auf der Gartenseite schaut man über die Dünen hinaus auf das
sich ständig verändernde Meer. Wind ist aufgekommen und vertreibt die
grauen Wolken. Seitwärts
des kleinen Gartens öffnet sich eine blaugetünchte Tür hin zu einem
schmalen Weg, der zum Strand führt. In Gedanken spüre ich schon den
nassen Sand unter meinen nackten Füßen und atme in tiefen Zügen die
salzige Luft ein. Ich schaue den Möwen zu, sammle Strandgut und genieße
die Ruhe des weiten Horizonts. In der Ferne gleitet ein Segler in die
untergehende Sonne hinein. Sie war angekommen. Die Reise zu sich selbst durfte beginnen. Sie sprach zu sich selbst: „Du hast dir diese Einsamkeit gesucht, um Abstand zu gewinnen. Du
wirst eine Weile bleiben. Deine Füße, die sich warm anfühlen, tragen
dich zum Wasser. Es ist nicht so kühl, wie du gedacht hast. Kleine
Wellen schwappen über die Knöchel. Wann hast du dich zum letzten Mal so
lebendig gefühlt? Dir wird bewusst, dass du frei bist. Ein lautes
Lachen befreit sich aus deiner Kehle.
Kein Mensch ist am Strand, und du wirbelst wie eine Feder herum und
beginnst zu tanzen. Ganz versunken lauscht du dem Lied von Wind und
Wellen und der widergefundenen Melodie, die das Blut dir ins Ohr
rauscht. Den Segler hast du längst vergessen. Es wird Abend. Du nutzt
den letzten Sonnenstrahl und malst mit dem gefundenen Fühlholz ein
großes Herz in den Sand.“
Plötzlich war ihr, als habe sie diese Situation schon einmal
erlebt....auch da hatte sie im Sand gelegen, wütend voller Zorn.... es
war in einer anderen Zeit, an einem anderen Ort. Jetzt erinnerte sie
sich .... sie war Kind, ein kleines Mädchen, etwa fünf Jahre alt. Es
musste im Sommer gewesen sein, denn es war warm, und sie trug einen
kurzen Rock. Die Beine waren nackt. Das dunkle im Pferdeschwanz
zusammengebundene Haar war voller Sand
Eine andere Situation, viele Jahre später, schob sich vor die Kindheitsszene:
Sie befand sich in einem Cafe´, es war Abend, Kerzen waren angezündet.
Ihr Herz pochte laut. Sie konnte ihn nicht anschauen. Auf dem Tisch lag
Sand, der mit bunten Muscheln dekoriert war.... daran wollte sie sich
nicht erinnern....daran nicht!
Das Mädchen im Sand? Warum war sie damals so wütend gewesen?
Kurz tauschten sie einen tiefen Blick. Etwas wie Hass lag in ihrem,
aber noch etwas anderes, ein Versprechen und ein geheimer Wunsch, den
sie vor ihm verbergen wollte.
Ihr wurde wieder bewusst, wo sie war. Der verschleierte Himmel lastete
bleiern und schwer, wie ein mit Wasser vollgesogenes Federbett, auf
ihrem Körper.
“Was wäre gewesen, wenn sie damals hätte bleiben können in diesem Cafe, wenn sie es ausgehalten hätte?“
Wut brach aus ihr heraus, Wut und Zorn auf sich selbst. Da war jemand
gewesen. Er hätte mit ihr den Schlüssel gefunden zu jenem
verschlossenen Zimmer. Das hatte sie schon damals unbewusst geahnt.
Sie war davon gerannt – panisch, hatte ihn nicht wieder gesehen. Wie mochte der Schlüssel wohl ausgesehen haben? Vom
Meer her ertönte Sirenengesang: im Chor mischten sich der stürmischer
werdende Wind, die zurückweichenden Wellen und das Lachen der zum
Schlaffelsen fliegenden Möwen. Marie
lauschte dem Sirenengesang und ihrem eigenem Atem. Es hatte doch keinen
Sinn, so in sich hinein zu laufen und auf sich einzuhauen. Die
Vergangenheit ließ sich nicht ändern. Nichts
konnte rückgängig gemacht werden. Wer weiß, vielleicht liegt in der
Zukunft ein Zeitpunkt, an dem der Sinn verständlicher wird. Marie stellte sich vor: „Ich
packe alle miesen Gedanken in kleine Päckchen. Mit Tesafilm verklebe
ich alles fest; verschnüre zusätzlich mit festen Bindfäden. Nichts kann
mehr heraus purzeln. Dann nehme ich jedes Päckchen und schicke es auf
die Reise. Wohin? Dreimal um die Welt!“ Während
sie das so dachte, wurden ihre Züge weicher und entspannt. Marie zog
die Windjacke enger um sich herum und setzte sich, eine Weile, mit zum
Lotussitz verschränkten Beinen in den Sand. Wie der Schlüssel zu dem
verschlossenen Zimmer ihrer Kindertage wohl ausgesehen hatte? Marie versucht, sich zu erinnern. Er
war groß. Plötzlich sah sie ihn in der nicht mehr jungen, mit
Altersflecken übersäten Hand ihrer Großtante Karla. Er hing neben
seinem Brüdern und Schwestern am eisernen Ring eines gut bestückten
Schlüsselbundes, den die Tante gerade in die Schürzentasche steckte,
während ihrem schiefen Mund ein höhnisches Lachen entgleiste. Tante
Karla hatte die Schlüsselgewalt besessen, im alten Haus.
Marie zuckte unter der Intensität dieser Erinnerung zusammen. Der Schlüssel zu ihrem Erinnerungsschloss hatte golden geblinkt.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 27 Jun, 2009 @ 11:30
marie war aufgewacht. das herz klopfte laut und schweiß brach ihr aus
allen poren. mit der rechten hand griff sie neben sich zum schalter der
nachttischlampe und knipste das licht an- vom offenen fenster wehte der
weiße vorhang zu ihr herüber. für einen moment sah er aus wie eine
verschleierte frau. kurven waren zu sehen und beinahe so etwas wie ein
blitzen der augen. marie spürte die angst, fand aber keinen auslöser
für diese heftigen gefühle. sie nippte an einem glas wasser während sie
sich langsam beruhigte. ein fitzelchen des traums, den sie vor ein paar
minuten geträumt hatte rumorte in ihrem kopf. innere bilder wurden
konkreter...da war ein drachen, der sich auf sie stürzte. wo hatte sie
das schon einmal erlebt?
"schluss jetzt!" ermahnte sie sich selbst, griff zum telefon und wählte evas nummer.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 31 Mai, 2009 @ 00:12
Ja, ich sprach mit der Schlange, Marie, und sie erzählte mir vom
Paradies und den goldenen Äpfeln, die nur der findet, der durch die
Hölle gegangen und wieder zurück gekommen ist in ein irdisches Leben.
Ich weiß natürlich nicht, was du in jenem Zeitabschnitt, um den du
einen großen Bogen gemacht hast, erlebt hast. Es ist aber auch nicht
wichtig für mich. Ich sehe die goldenen Äpfel in deinen Händen, spüre
deine Tiefen, die Schatten werfen in deiner Ausstrahlung und sehe in
deinen Augen den wiedergewonnenen, noch zaghaften Glanz.
Einstweilen freue ich mich darüber, dass es dich gibt. Es ist schön,
dass du nicht nur das Wüstenschiff in mir siehst, dass die Dünen platt
walzt, sondern auch die andere Seite meine Zerbrechlichkeit, die
Empfindsamkeit und das Weiche.
Du hast ein Fenster in mir geöffnet.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 29 Mai, 2009 @ 21:26
du, die jener gleicht, die mit der Schlange sprach, verstehst du etwas von der Hölle, die am Rande der Seele nagt?
Ich war in der Hölle!
Immer wenn ich mich jenen Ereignissen nähere, die geschahen, als ich
noch die andere war, muss ich aufpassen, dass ich nicht hineinstürze in
die Abgründe der endlos schwarzen Nächte, in denen sich meine
schmerzhafte Wandlung vollzog, deren Ergebnis du heute erlebst. Das
Problem sind die Übergänge, die sich nicht klar abzeichnen und keinen
exakten Scherenschnitt hinterlassen. Die Ränder meiner inneren Hölle
sind zerfranst, wie ein abgetragener und fadenscheinender Teppich, der
fast auseinander fällt.
Weißt du Eva, ich muss achtsam sein mit mir selbst und einen großen
Bogen um jenen Zeitabschnitt schlagen. Ich will leben und in meinem
Garten hinter der Hecke jedes Jahr aufs neue die Rosen blühen sehen.
Bitte verzeih, dass ich dir vorgestern nichts weiteres erzählen konnte.
Ich wollte dich weder vor den Kopf stoßen, noch dich zum Grübeln
bringen.
Ich weiß, wie es dir geht. Für mich bist du ein offenes Buch.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 28 Mai, 2009 @ 22:36
Wie ein Segelschiff mit aufgeblähten Segeln schien die Frau,
nennen wir sie Eva, den Asphalt unter ihren Füßen aufzuwirbeln. Ich wunderte
mich, dass keine Funken stiebten bei diesen eisernen Schritten, die von
männlicher Entschlossenheit erzählten. Da ging eine, die ganz bei sich, sehr
bestimmt ein genaues Ziel vor den graublauen Augen sah. Der Blick ließ keinen
Zweifel erkennen. Die Pupillen waren klein, die Augen selbst zu Schlitzen
verengt. Die Haare auf ihrem Kopf loderten und die Strähnen erinnerten mich an
züngelnde Schlangen, die in jedem Moment ihren Giftzahn zücken würden, um dem
Opfer einen tödlichen Biss zu verpassen.
Würde ich mich diesem Weib und seinem Zorn in den Weg stellen, sie würde mich
hinweg fegen, als sei ich ein lästiges Insekt oder nicht vorhanden. Nicht ich
war ihr Ziel, sondern das, was sich in meinem Schatten schon ängstlich duckte.
Eva schaute durch mich hindurch, sah, was sich dort versteckte. Vielleicht
spürte sie dessen Ausstrahlung, roch den Angstschweiß, fühlte die vermeintlich
psychische Winzigkeit. Vielleicht auch war sie sich ein wenig zu sicher, ans
Ziel zu gelangen.
Sie hatte nicht mit mir und meiner Entschlossenheit gerechnet. Obwohl ich
schmächtig und schmal war, stellte ich mich in den Weg, bis sie etwa einen
halben Meter vor mir stand, fast nach mir greifen konnte.
Ich war ganz ruhig, selbst das Herz verlangsamte seinen Schlag, während ich
tief ein und aus atmete, um nicht die Luft anzuhalten.
Voll konzentriert auf Arm und Hand langte ich blitzartig nach hinten, erwischte
das Opfer am Hemdzipfel und zog es entschlossen mit mir mit - zur Seite ins
Gebüsch. Das Gras stand hoch - wir ließen uns fallen - und da war ein Zaun,
unter dem man hindurch kriechen konnte.
Aber was sah sie, diese Eva mit ihren eisernen Schritten?
Nimmt ein verengter Blickwinkel noch wahr, was über das fokussierte Detail
hinaus geht? Welcher Gedanke nistet in einem Gehirn, das so entschieden voran
schreitet? Diese geballte Entschlossenheit, die Ausdruck findet in der
geballten Spannung eines zutiefst entschlossenen Körpers, der nur noch ein
Gedanke ist und die sich raumgreifend, ja fast rücksichtslos Raum erobert. Es
fehlt nur noch der Feueratem eines Drachens. Ich kann ihn mir vorstellen, und
für einen Augenblick verspüre ich Angst vor dem sengenden und verbrennenden
Feuerstoß, der mich treffen wird, nicht körperlich aber mental. .
"Manchmal," erzählt Eva, "fühle ich mich wie
eine Insel." "Ich
kenne dieses Gefühl, Eva" antwortete Marie "es ist, als sei man ein
Wesen außerhalb von, wie von einem anderen Stern." "Ja, Marie, die Fische, die vorbei schwimmen schauen mich mit
großen Augen an. Was sehen sie in mir?" "Vielleicht,
Eva, sehen sie ein Wüstenschiff, das die Dünen platt walzt, aber nicht die
Zerbrechlichkeit, die Zartheit, die Gefühlstiefe, die sich hinter deiner wie
eine Rüstung nach außen getragenen Fassade versteckt." "Hm, Marie, sehen die Menschen nur was sie sehen wollen?" "Ach,
Eva, manche Menschen schauen durch dich hindurch. Ihnen kannst du dein
Geheimnis nicht verbergen. Aber es sind wenige." "Und du, Marie, du siehst hindurch, bist mir zur Schwester
geworden, die sich mir nähern darf, ohne dass ich gleich meine Stacheln
ausfahre. Ich fürchte mich nicht vor dir. Aber ich weiß nichts über dich." "Muss
man denn so viel vom anderen wissen, Eva, um sich mit ihm wohl zu fühlen? Ich
meine, all die Worte, die wir uns mitteilen, um dem anderen zu erzählen, wer
wir sind und was wir ausmachen, können nicht über eine emotionale Grundstimmung
hinweg täuschen." "Du meinst, Marie, wir sollten nicht so sehr auf die Worte hören,
sondern der Intuition und der inneren Stimme trauen?"
"Bist du nicht jene Marie, von der ich einmal vor
Jahren gelesen habe, jene Marie, die plötzlich verschwand." "Mag
sein, Eva, dass mich jemand irgendwo zwischen den Seiten eines Buches
einzupressen versuchte." "Ich weiß nicht mal, ob ich es gelesen habe oder ob mir eine
Freundin von Marie erzählte. Aber sie lebte hier in dieser Stadt, wie
ich." "Ich
war lange weg, Eva, hatte mich verloren. Es war Claire, die mir die Hand hielt,
Tag um Tag, die mir Geschichten erzählte, von denen ich die Worte nicht
verstand. Aber ihre Zugewandtheit, die Wärme, die Inbrunst, mit der sie sich
bemühte, mich zu erreichen, die hinterließ wohltuende und heilende Spuren in
meiner Seele. Ich lag im Koma. Es ist ein Wunder, dass ich lebe." "Man erzählte mir, Marie sei auf Reisen gegangen ohne Spuren zu
hinterlassen. In einer Nacht hatte sie sich auf den Weg gemacht, ohne einen
Brief oder eine Nachricht zu hinterlassen." "Ja,
Eva, es stimmt, Marie verließ ihr Haus, aber sie kam nicht weit. Aufgebrochen
war sie, um ihren Seelenbruder zu suchen. Marie kam nicht weit, überschritt
nicht einmal die Grenzen ihrer Stadt." "Und, bist du jene Marie?"
"Ich bin es, und bin es doch nicht. Die Frau, die hier vor dir sitzt ist
nicht die gleiche, die aufgebrochen ist, ihr Liebstes zu suchen." "Man erzählte mir, Marie sei sehr beherzt gewesen."
"Das ist sie noch immer, aber als Claire aufgab und die Stadt verließ,
weil sie spürte, dass sie Marie nicht zurück holen konnte, geschah das
Unglaubliche, Marie kehrte ins Leben zurück." "Und was ist aus Claire geworden?"
"Ich merke Eva, dass ich dir im Augenblick nicht mehr erzählen mag.
Verzeih! Ich bin aufgewühlt. Wasmit mir geschah, ist nur schwer in Worte zu fassen.
Ich werde ein anderes Mal mehr erzählen."
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 1 Jul, 2008 @ 00:11
Claire hatte
Urlaub. Da sie in diesem Sommer nicht verreisen würde, hatte sie sich
vorgenommen, die Geschichten für Marie aufzuschreiben.
Wie jeden
Tag am späten Nachmittag saß sie auch heute wieder am Bett ihrer
Freundin. Inzwischen hatte sie ein gutes Ritual für sich selbst
entwickelt, denn es war nicht leicht Tag für Tag immer die gleiche
unveränderte Situation vorzufinden und nicht zu wissen, wie Marie sich
in diesem Zustand fühlte. Spürte sie überhaupt etwas? Was konnte sie
wahrnehmen? Würde es eines Tages anders werden?
Claire hatte sich in den letzten Wochen angewöhnt, das Krankenhaus erst
zu betreten, wenn sie es geschafft hatte, ihre Gedanken zu beruhigen
und zu ordnen . Dazu suchte sie sich einen stillen Platz, nach
Möglichkeit draußen im Park, um den Körper zu entspannen, den Kopf zu
leeren und emotional fest auf beiden Füßen zu stehen. Sie atmete eine
Weile tief ein und aus, konzentrierte sich nur auf das Heben und Senken
ihres Brustkorbes, bis alles Schwere von ihr ab fiel und sie leicht wie
eine Feder wurde. Es spielt in diesem Moment keine Rolle mehr, wer und
wo sie war. Ihre Wurzeln, das spürte sie, hatten sich tief in die Erde
gegraben, und mit den Fingern berührte sie den Himmel. Auf diese Weise
war sie verbunden mit allem, auch mit Marie.
Diese kurze Meditation gelang ihr inzwischen ohne Probleme, ja sie nutzte diese Möglichkeit auch, wenn es im Alltag drunter und drüber ging und sie von den äußeren Ereignissen fast überrollt wurde.
Sie griff nach Maries Hand, und begann zu erzählen:
Frau
Mai hatte einen geradezu teuflischen Spaß. Fast wäre sie vor Lachen vom
Blumenkelchrand gestürzt. Im letzten Augenblick hangelte sie sich mit
den Füßen am klebrig-rauen Blütenstempel fest. Es war ihr tatsächlich
gelungen, drei Menschen gleichzeitig zu bannen; was für eine
Meisterleistung. Am liebsten hätte sie sich selbst auf die Schulter
geklopft..
Der Anblick auf das Geschehen vor der Galerietür war aber auch zu komisch:
Bettina Schwan hatte den Kopf wie eine Taube nach hinten geruckt, so
dass ihr Kinn parallel über dem Brustbein zu schweben schien. Der
Oberkörper wollte nach hinten fliehen. Ihre Lippen waren gespitzt, und
die Hände zeigten mit offenen Handflächen abwehrend in Richtung
Truffaldino, der ihr mit leicht gebeugtem Kopf die langstielige Rose
entgegen streckte und sie dabei mit großen Augen ansah. Herr Anton, die
Brille rutschte fast von der Nase, hatte den Mund noch aufgesperrt -
man konnte deutlich die zwei Goldzähne erkennen. Er hatte seine Arme
energisch hoch gerissen, so als wolle er sich seinen Raum zurück
erobern und alle Dinge wieder gerade rücken.
Frau Mai machte sich vor Lachen fast in die Hose. Es war ein schadenfrohes Gelächter.
Jetzt aber wollte sie hinaus, um in Herrn Antons Küche - wie an jedem Tag - ein wenig Espresso zu nippen.
Aber was war das, sie klebte fest.
Sie fluchte und zappelte mit Beinen und Füßen. Ihr Zorn wurde von
Sekunde zu Sekunde größer, und sie schrie: "Verdammte Kacke, so ein
Mist." und der Papagei krächzte, einem Mantra gleich, immer den
gleichen Satz:
"Guten Morgen Zuckerschnäuzchen."
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 19 Jun, 2008 @ 11:54
mit dem wind
davon getragen
marie wusste nicht wie es geschehen war. in einem lichten moment, in dem sie
auftauchte wie aus der ewigkeit einer tiefen, stillen und mondlosen nacht, sah
sie sich selbst ausgebreitet und weißgewandet auf einem seltsamen bett. da
waren kabel, die aus ihrem körper heraus zu flackernden monitoren führten. sie
spürte ihren körper nicht. die augen der frau auf dem bett waren geöffnet, und
der leere blick schien durch die wände hindurch zu sehen. vielleicht zum
anderen teil ihrer selbst, der von oben alles sah, auch dass claire den raum
betrat und einen duft nach rosen, sommer und wind mitbrachte. claire, die treue
freundin, die schon solange, wie lange überhaupt, an ihrem bett saß, ihre hand
nahm und mit einer stimme erzählte, deren worte sie nicht verstand, aber die
sie in tiefen schichten berührte, und ihr wärme und nähe schenkte. war es
dieser scheinbar bewusst wahrgenommene moment, indem ein starker wind sie in
seine arme nahm und zu den gärten jenseits der meere trug? wieder saß sie mit
wehenden haaren auf der blauen bank am teich, lauschte den möwen und roch das
meer. seit dem letzten mal musste zeit vergangen sein, denn die luft war warm
und alle rosen blühten. der apfelbaum trug tischtennisgroße grüne äpfel. rote
johannisbeeren lockten und erinnerten an den gellee den ihre mutter früher im
sommer ihrer kindheit aus ihnen bereitete, und der auf frischgebackenen
milchbrot so wunderbar schmeckte. marie wollte nach ihnen greifen, aber bevor
sie die früchte berühren konnte, trug der wind sie zurück in ihre traumlose
nacht.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 12 Jun, 2008 @ 14:29
an diesem tag regnete es wie
aus kübeln. deshalb verzichtete claire auf die pause unter ihrer
geliebten kastanie und betrat gleich das krankenhaus. vor maries
zimmertür traf sie schwester antonia.
"wundern sie sich nicht" sagte sie freundlich zu der jungen frau, " ihre freundin hat die augen geöffnet."
"und, heißt das jetzt, dass sie auwachen wird?" fragte claire freudig überrascht.
"Nein, noch kann man nichts sagen, es könnte sein, aber genau wissen
wir nicht, was geschehen wird." antwortete die schwester reserviert
und noch bevor claire etwas sagen konnte, zwinkerte sie ihr zu und sagte:
"aber gehen sie hinein. ganz sicher ist, dass es ihrer freundin gut
geht, wenn sie da sind. alles weitere weiß nur der liebe gott."
und schon war sie ins nächste zimmer verschwunden.
claire fand marie mit offenen augen und auf dem rücken liegend vor. der
blick war abwesend, so als sei er auf ein ziel jenseits des spitals
gerichtet.
claire legte schirm und mantel ab, ordnete ihre durcheinanderwirbelnden
gedanken,versuchte ihre gefühle zu besänftigen, um ruhig und gelassen
zu werden. dann zog sie sich einen hocker an maries bett, nahm ihre hände,
und während sie diese sanft massierte, begann sie zu erzählen:
Doch jetzt zurück zu den Geschehnissen vor der Galerietür:
Bettina
Schwan war über den schachbrettartigen Platz geeilt. Ihr Blick hing
starr an dem Spalt zwischen den roten Vorhängen des Galeriefensters und
versuchte zu erkennen, was in dem grünen Dschungelgemälde mit dem roten
Papagei, der sich gerade zu bewegen schien, vor sich ging. So bemerkte
sie nicht, dass sich von der Strasse rechts auf einem Einrad der
Harlekin näherte. Da
dieser eine Rose zwischen den Zähnen trug, konnte er nicht mal einen
Warnruf abgeben, und über eine Klingel verfügte sein Gefährt nicht. Im
letzten Moment gelang es ihm abzuspringen, aber nicht ohne die Sammlung
unterschiedlich großer blauer Blecheimer, die mit bunten Sommerblumen
bepflanzt waren, zu streifen. Sie standen neben einer rosenberankten
Pergola, unter der zwei grüne Klappstühle aus Holz und ein
buntgefliester Bistrotisch zum Verweilen einluden. Einige der Eimer
kippten um. Dunkle Blumenerde verteilte sich auf dem Gehweg. Dieses
Geräusch verursachte das laute Scheppern, das den alten Ferandez
aufhorchen ließ und Frau Mai, die sich nachdem sie wie ein
Schmetterling am Nektar genippt hatte, bereits in den Trichter einer
weitgeöffneten Blüte des Gemäldes zur Ruhe begeben hatte, veranlasste,
einen neugierigen Blick über den Blütenrand zu wagen.
Bettina
Schwan war wie erstarrt, ihre Augen geweitet vor Schreck, als plötzlich
dieser maskierte Mann im bunten Flickenkostüm vor ihr stand, der aus
der Commedia dell´arte entsprungen schien. Gleichzeitig glaubte sie, im
Gemälde Frau Mai entdeckt zu haben. "Oh!" platzte es aus ihren gespitzten Lippen heraus. Der
Harlekin, der sich zum Glück nicht verletzt hatte, nahm die Rose in die
Hand, verbeugte sich und überreichte sie der verdutzten Frau. Dabei
schaute er ihr so tief in die Augen, dass sie den Blick unwillkürlich
senkte und spürte, wie sich ihre Wangen rosa färbten. „Dumme Pute“ schalt sie sich stumm, „das ist doch nur ein verkleideter Mann.“ „Gestatten
Senorina, mein Name ist Truffaldino.“ Er sprach mit gebrochenem
Deutsch, aber die warme, tiefe Stimme ließ Bettina angenehm erschauern. „Wie
komme ich aus dieser Situation heraus?“ fragte sie sich stumm und fast
schon panisch. Es gelang ihr nicht, auch nur einen vernünftigen Satz
aus ihrer Kehle zu entlassen. In diesem Moment öffnete Frederico Ferandez die Tür: „Mamma Mia" zürnte er „sind wir immer noch im Karneval?“
Er
schaute die verdatterte Frau an, und für einen Augenblick wirkte die
Dreiergruppe wie aus dem Wachsfigurenkabinett herausgefallen.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 7 Jun, 2008 @ 21:04
am
nächsten tag, es war ein ungewöhnlich schöner sommertag, saß claire
wieder am bett ihrer freundin marie und dachte daran, wie schön es
wäre, wenn sie marie im rollstuhl nach draußen tranportieren könnte, um
unter den blühenden linden duft und kühlen abendwind zu genießen.
wie immer hielt sie maries rechte hand in der ihren und erzählte:
bevor wir uns den
geschehnissen vor der galerietür zuwenden, muss ich noch einige worte
über frau mai verlieren. sie ist nicht ohne, die gute frau, und woher
sie kommt, das weiß niemand. die einen spekulieren, sie komme aus der
hölle, wieder andere vermuten ihre herkunft im himmel. ich vermute, sie
stammt aus einer blauen flasche, die über das große meer geschwommen
ist, an einem strand in der nähe von eckernförde an land gespült und
dort von dem kleinen martin gefunden wurde. neugierig, wie kinder nun
einmal sind, öffnete er den drehverschluss der flasche, und schon war
es geschehen, ein luftiger geist verließ das gefängnis, in dem er eine
unendliche zeit verschlafen hatte. martin wunderte sich nur über den
kühlen luftzug, der plötzlich sein ohr streifte, um im nächsten moment
wieder verschwunden zu sein.
die dekorative flasche nahm er mit nach hause. dort dient sie seiner
mutter seidem als rosenvase. wie frau mai dazu kam, sich wie eine
moderne frau zurechtzumachen und was sie tat, um in der galerie von
domenico ferandez ein neues zuhause zu finden, das ist eine geschichte,
die ich erst noch herausfinden muss. aber vielleicht wird nun
verständlich, warum frau mai in die dinge hinein schlüpft und sich dort
verbirgt. achso ja, bevor ich es vergesse, die mutter vom kleinen
martin ist bettina schwan, jene frau, die an einem sonnigen feiertag
plötzlich einen zwanghaften drang verspürte, den spuren von frau mai zu
folgen.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 3 Jun, 2008 @ 17:50
es war nicht so, dass claire
ihre ganze zeit damit verbrachte, an ihre freundin marie zu denken, aber sie
fühlte sich verantwortlich, weil marie keine verwandten mehr besaß, die sich um
sie kümmern konnten. und so führte ihr weg sie jeden tag nach ihrer arbeit in
einer kunstgalerie in das zwei straßen weiter liegende krankenhaus, das mitten
in einem park mit schönen alten bäumen lag.
es war ihr zur gewohnheit geworden, erst im park unter einer alten kastanie ein
pause zu machen, etwas zu essen und gleichzeitig in die zeitung zu schauen,
bevor sie durch das portal trat und den treppen in den dritten stock folgte. im
zimmer 333 lag marie wie immer unbeweglich und blass. claire holte sich einen
stuhl, setzte sich und nahm maries rechte hand in die ihre. sie sprach leise
zärtliche und liebevolle worte. sie war sich sicher, dass marie es spürte, wenn
claire den raum betrat, denn oft entspannten sich die züge der frau im
krankenbett.
claire hatte eine neue geschichte von frau mai mitgebracht, die sie nun wie ein
märchenerzählerin vor marie ausbreitete:
herr anton, der eigentlich dominico
ferandez hieß, war ein mann um die fünfundsiebzig. sein schmaler graziler
körper hätte der eines tänzers sein können. ein grauer haarkranz schmückte das
olivfarbene gesicht mit den warmen braunen augen. dunkle bartstoppeln zierten
das kinn unter den noch vollen lippen.
die galerie war sein ein und alles. immer trug er einen abgewetzten schwarzen
anzug, ein weißes hemd und diverse rote krawatten. goldene manschettenknöpfe in
form eines gordischen knotens hielten die aufschläge der hemdärmel zusammen.
als seine frau noch lebte unternahm er mit ihr ausgedehnte reisen in die
kunstmetropolen europas und fand so manche nische, in der man das vorhandensein
künstlerischer ambitionen so nicht erwartet hätte. besonders zog es ihn nach
italien, frankreich, spanien und portugal.
seine vorfahren stammten aus granada. sie hatten dort als gewürzhändler, die
zwischen okzident und orient ihre geschäfte abwickelten, ein vermögen gemacht.
er liebte die südliche lebensart und war gerde wie jeden abend dabei, die
silberne espressomaschiene zu füllen und auf der gasflamme des herdes in seiner
kleinen küche zu erhitzen, als ein kaum wahrnehmbares geräusch ihm ein
koboldhaftes lächeln ins gesicht zeichnete. frau mai war wieder da. er nannte
sie heimlich rosamunde, die lichtgestalt seiner späten jahre, nicht aus fleisch
und blut, aber immer von einem duft nach gelben teerosen umgeben. heimlich
schrieb er dieser traumgestalt poetische texte, die er natürlich niemanden
zeigte, die aber in sich die harmonische schönheit der alhambra und ihrer
gärten trugen. seine nase funktionierte noch gut und ein: "ah...."
kam über seine lippen, als sich das schwarze getränk belebend in den unteren
teil der espressomaschiene ergoss. für einen augenblick vergaß er
"rosamunde" und gab sich ganz diesem aromatischen geruch hin. schon
der duft war lebenelexier pur. er griff über sich in den blauen hängeschrank
und entnahm ihm ein klein braune espressotasse, legte ein stück zucker hinein
und schenkte sich ein. vorsichtig nippte er an dem brühendheißem getränk.
gleichzeitig griff er in die große dose mit den amarettini.
plötzlich wurde die stille dieses augenblicks unterbrochen. es schepperte vor
der galerietür.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 30 Mai, 2008 @ 17:48
beschwingt
betrat claire das krankenzimmer und setzte sich neben das einzelne
bett, indem ihre blasse freundin mit geschlossenen lidern und verkabelt
bis zum geht nicht mehr noch genauso lag, wie am tag zuvor. es schien
so, als sei keine zeit vergangen. die lichter an den monitoren
flackerten und nur den weißen rosen in dem bauchigen krug auf dem
kleinen schränkchen neben dem bett sah man an, dass wohl doch die zeit
weiter spaziert war: sie ließen ihre blütenblätter fallen. claire
atmete tief ein und aus, damit der kloß in ihrem hals sich auflöste und
nicht dazu führte, dass sich die traurigkeit in tränen auflöste.
sie rang um ihre fassung, erinnerte sich schließlich an ihren vorsatz
und an frau mai, von der sie marie jeden tag ein stückchen erzählen
wollte.
sie begann leise:
viel zeit ist vergangen, und
die menschenmassen haben sich in alle himmelsrichtungen zerstreut, als
ich endlich von der stelle komme. die musik mit ihren heißen
südamerikanischen rhythmen ist verklungen. vom nahen kirchturm läutet
das angelus. ich schlussfolgere, dass es nun etwa neunzehn uhr sein
muss. was hat mich in einem tranceähnlichem zustand am rande des
schachbrettartigen platzes festgehalten? verfügt frau mai über
hypnotische kräfte?
schon wieder ist sie mir entwischt. zuletzt sah ich sie kurz hinter den geöffneten samtvorhängen der galerie erscheinen.
ob sie wieder in einem gemälde verschwunden ist? einen moment lang sah
ich ein großformatiges dschungelgemälde hinter ihr. zwischen den
organisch geformten blattwerk rankten sich lichte lianen, aber
vielleicht waren es auch schlangen. in der mitte des bildes erahnte ich
einen roten papagei. das gemälde war mit breiten pinseln und
acrylfarben gemalt. feine nuoncen konnte ich von der anderen seite des
platzes aus nicht erkennen. niemals wäre ich imstande, frau mai in
ihrem grünen kostüm in diesem gemälde wieder zu finden.
was war mir geschehen und warum folgte ich dieser frau, wie einem hirngespinst, das mich an der nase herum führte?
ich beschloss nach hause zu gehen und alles zu vergessen. nur einen kurzen blick wollte ich noch in die galerie werfen.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 29 Mai, 2008 @ 22:58
wandlung
welche
gespenster, geister und luftschlösser; welche abgründe, schatten und
unholde durch marie´s scheinbar traumlosen schlaf spazierten und sich
angeschickt hatten ein bühnenstück zu inszenieren, ich weiß es nicht,
aber ihre lieder flatterten, und einmal - ich hielt gerade die trockene
zarte hand - einmal huschte ein lächeln über ihr gesicht.
es war so berührend, dass ich beschloss, nun jeden tag eine weile an
maries bett zu sitzen und ihr geschichten zu erzählen. vielleicht die
geschichten von frau mai, die bisher weder einen platz besaßen, noch
einer konkreten motivation gefolgt waren. wer konnte schon sagen, was
geeignet war, den geist eines menschen, der im koma lag, zu
veranlassen, sich wieder mit seinem körper zu verbinden?
mir, claire, wurde in diesem augenblick bewusst, dass dieses
geschichtenerzählen, wenn nicht für marie, so doch für mich selbst
etwas heilendes besaß:
ich kann etwas tun, die zeit nutzen und versuchen mit meinen mitteln,
marie zu erreichen. es wird meiner ohnmacht die hilflosigkeit nehmen
und das brüchig gewordene band zwischen zwei freundinnen, die keine
gemeinsame sprache mehr besitzen, erneuern.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 28 Mai, 2008 @ 23:08
marie in den gärten
in den gärten war es abend geworden. vom meer her legte sich nebel über
die rosenpracht. schwer verdichtete sich ihr duft zu einer
berauschenden essenz. es war maries traum zwischen den tagen und
nächten;wochen und monaten, in denen sich der unauslotbare abgrund von
zeit im sternenlosen dunkel nicht lichtete. bewusst war ihr nicht,
wieviel zeit sie als gefangene außerhalb ihres körpers herum irrte.
wer hatte ihr den traum geschickt und erlaubt für eine kleine weile im
gefäß ihres körpers auszuruhen und neue kraft zu schöpfen? sie wanderte
mit langsamen schritten, die leicht waren wie das sanfte auf-und
abbewegen von schmetterlingsflügeln - über die geharkten gartenwege.
ihr ziel war der weiher hinter den weinberankten pergolen, deren ranken
nun schon den ansatz der zukünftigen früchte trugen. sie setzte sich
auf die blaue bank neben der kleinen gartenpforte, deren grüne farbe
schon lange nicht erneuert worden war. wenn sie diese pforte
durchschreiten würde, wäre sie auf dem dünenweg, der direkt zum meer
führte, das sie vom gartenzaun aus sehen konnte. jetzt aber blieb sie
auf der bank unter der silberpappel und schaute in das grünblaue wasser
des nicht gerade kleinen weihers, auf dem am anderen ende eine
entenmutter mit sieben küken schwamm. marie lächelte bei dem gedanken,
dass die entenmutter ihre brut wohl nach hause ins nest geleitete.
wo ist mein nest, fragte sie das blasse gesicht, dass sie im wasser sah
und nicht als das ihre erkannte. sie streckte dem antlitz ihre hände
entgegen, als wolle sie die wangen streicheln und berührte dabei für
einen augenblick das wasser, indem sich nun alles verzerrte.
währen sie tief einatmetet und die luft mit einem seufzer entließ,
sehnte sie sich sehr nach einer umarmung und nach einer mutter, die sie
in den armen wiegte. sie fühlte schmerz und verließ im nächsten moment
ihren körper, um erneut im verdichteten schwarz einer endlosen nacht zu
versinken.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 16 Mai, 2008 @ 21:35
In
den Gärten jenseits des Meeren war der Wind in den Nächten noch kühl.
Zwischen den Beeten waren die Wege frisch geharkt. Während die Vögel
des Gartens den Ohren ein pfingstliches Konzert bescherten,
wetteiferten am Rande Storchenschnabel und Akeleien um die Gunst des
Augenblicks. Im Schatten unter der Hecke vermischten sich Maiglöckchen
und Waldmeister zu einem süßgrünlichen Duftgemisch.
Marie wanderte
in ihren Gedanken an der Hecke entlang. Sie fühlte die Sonne auf ihrem
Scheitel und den Wind im Rücken. Die vielfältigen Gerüche dieses warmen
Maientages kräuselten ihr die Nase. Unter den Fingern, die jetzt
zaghaft durch das Blätter-und Blütengewirr strichen, spürte sie die
feuchten Tauperlen des frühen Morgens.
Für einen Augenblick kehrte ihr Geist in sein Gefäß zurück, und sie
erinnerte sich - sicher hatten sich die ersten Wildrosenblüten in ihren
weißen Kleidern schon geöffnet und in der Nähe des kleinen Teiches
wuchsen Vergissmeinnicht und Pfefferminze nahe bei Blutweiderich und
Sumpfdotterblume - um gleich darauf zurückzufallen in einen traumlosen
Schlaf.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 4 Mai, 2008 @ 20:22
Etwas veränderte sich in
Marie. Es geschah innen, fand seinen Weg nach außen und blieb den Augen von
Claire nicht verborgen. Marie im weißen Hemd auf der sterilen Liege - mit
Kabeln am Körper zu den Monitoren an ihrer linken Seite - bewegte sich nicht. Und
doch, es war als wehe Wind einen Schauer über ihre Haut. Die Augenlieder
flackerten zart wie Libellenflügel.
Claire nahm Maries linke Hand in die ihre und legte schützend die Rechte
darüber.
Unter Maries kühler Hand pochte das Blut, und es schien so, als sei da
plötzlich mehr Energie, als noch vor wenigen Augenblicken.
Hätte Marie beschreiben können, was in diesem Augenblick geschah, sie hätte
erzählt, wie sie den Ausgang der Höhle erreichte und den Drachen, der tief
unten wütete, hinter sich gelassen hatte. Sie hätte erzählt, wie sehr die Sonne
ihre Augen blendete, als sie über die Steinmauer klettern wollte, um in ihre
Gärten zu gelangen, die Gärten am Meer, die sie so vermisst hatte, und die ihr
nun davon erzählten, dass die Rosen immer noch blühen, und dass seit damals
nicht wirklich Zeit vergangen war.
Sie hätte Claire vom Duft der Blumen gesprochen und ihr ein Märchen über die
bunten Schmetterlinge und den grünen Leuchtkäfer erzählt. Schließlich hätte sie
Claire über die Mauer gezogen, um sich mit ihr unter der alten Kastanie im Moos
niederzulassen. Ja, sie hätte sie aufgefordert, mit ihr aus dem Brunnen der
Erinnerung zu trinken.
Aber noch konnte Marie nicht sprechen. Der Geist fand nicht den Weg zurück in
sein kostbares Gefäß. Allein die Gefühle hinter den Worten, denen in diesem
Moment Flügel gewachsen waren, trugen sie dorthin, wo ihre Seele zu Hause war,
dorthin wo Heilung wartete: in ihre Gärten am Meer.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 8 Apr, 2008 @ 18:54
Ich bin hinaus gewandert und
habe der Stadt den Rücken zugekehrt. Immer dem Fluss nah, führt mich der Weg
zunächst durch Felder, dann streife ich Wiesen, auf denen sich gerade der erste
Löwenzahn geöffnet hat. Dann schiebe ich mich durch Gebüsch und einen kleinen
Hag und bin schon bald an dem seltsamen Steinkreis, der schon seit ich denken
kann dort liegt, und den Birkenstämme und Weiden beschützen. Einst vor ewigen
Zeiten ist hier ein Flussarm entlang geschwommen. Sein nasser Finger ist in der
kühlen Jahreszeit als Morast noch immer zu orten. Bald werden hier Dost und
Vergissmeinnicht blühen und die Weiden werden im Wind ihre Haare schütteln, die
wie ein Schleier aus tausendundeiner Nacht den Blick auf die flache Landschaft
verstecken.
Ich lasse mich im Steinkreis nieder und spüre die Kraft der Erde, die sich dem
ganzen Körper mitteilt. Hier fließen Energiebahnen dicht unter der Erdkrume.
Es wundert mich nicht, dass alte Völker diese vibrierenden Erdströmen als
Schlangen und Drachen beschrieben und malten.
Ein mal mehr spüre ich die Schlangenkraft der Erde, die mir ab und zu
Botschaften schickt mit den Träumen.
Vielleicht Marie brauchst du mich, um wieder zu erden, du, die dem Wind verwand
und der Luft so nah ist, ein flüchtiger Duft verströmende Essenz mit
Schmetterlingsflügeln.
Ich besuchte gestern deinen Körper, der seit Monaten leblos auf einem
Krankenbett liegt - verkabelt - und dessen Geist sich von ihm entfernt hat.
Ich sang dir ein Kraftlied, und fast meinte ich zu sehen, wie deine Augenlider
flackern
Ich fragte mich, ob dieser zierliche Körper irgendwann einmal wieder Gefäß für
deinen beweglichen Geist sein kann.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 12 Mär, 2008 @ 23:35
Zeit, um zu sähen
Ich
stehe am Fenster und schaue hinaus.
Es hat leise geregnet.
In den Rillen der Ackerfurchen silbert es und die Luft ist lau.
Es wird Zeit:
Ich ziehe den grünen Overall an, streife den Regenhut über die lockige Mähne.
Im Keller hängt die Saat-Tasche aus grauem Sackleinen.
Ich hole sie aus der Tiefe - gefüllt - und meine Gedanken werden still und
enden in einem Klang.
Ich hänge die Tasche um, gürte die viel zu weite Hose.
Vor der Tür stehen gelbe Gummistiefel.
Mit grauen Filzschuhen trete ich hinein und stapfe aufs Feld.
Mein Gesicht ist ernst, und ich lausche nach innen und sammle mich
so wie du es mich gelehrt hast, als ich ein Kind war.
Alles ist bereit und die Zeit reif.
Zarte Erdbeben in Blut künden vom Aufbruch
und vor dem inneren Auge sehe ich grüne Keime wachsen.
Ich spreche den Fruchtbarkeitszauber und danke der Erde
Zum Himmel erhebe ich meine Hände und lobe den Tag.
Die Spatzen schwatzen und Krähen kreisen.
Ich greife in die Fülle der Tasche
Mit vollen Händen werfe ich den Samen in die Furchen
vertrau sie der braunen Erde an.
Es liegt ein Ahnen und Wissen im Tag.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 6 Mär, 2008 @ 10:17
Weißt
du Marie, alles verdichtet sich. Lose Fäden fügen sich zusammen und irgendwo
dazwischen bist du, vielleicht in einem dicht geschlungenen Knoten, der wie ein
Kokon ist, dem du entschlüpfen wirst, wenn deine Zeit gekommen ist. Ich habe
dich aus den Augen verloren und wiedergefunden in den Tiefen meines Herzens.
Immer wirst du dort Rose sein, die ohne Dornen blüht.
Jetzt kann ich dich los lassen, damit du in den Rosengärten des Südens heilen
kannst, um den Weg zurück ins Leben zu finden.
Es wird Zeit, dass ich aufhöre deinen unsichtbaren Spuren zu folgen, die mich
weg führten von mir selbst und dem Sinn meines Lebens.
Nur in Gedanken bin ich weit gewandert. Jetzt wird es Zeit zu bleiben und zu
verwurzeln, um zu sähen, Frucht zu tragen und zu ernten.
Die Zeit steht nicht still. Im aufgeworfenen Acker versammeln sich die Krähen.
Ich gebe dich frei - aber nicht auf Marie, deine Claire
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 5 Feb, 2008 @ 23:10
In
der Nacht fuhr ich zur See - Marie - und warf meine Netze aus. Stunde um Stunde
schaute ich in die Dunkelheit und lauschte dem Plätschern der Wellen an den
Planken. Sanft schaukelte das Boot. Ich weiß nicht wie es geschah, aber diese
stetigen und gleichbleibenden Geräusche versetzten mich in einen
trance-ähnlichen Zustand. Die Nebel um mich herum wurden dichter - fast
greifbar, umschlossen mich wie eine Zelle aus Watte.
Und plötzlich hörte ich dein Weinen, nein es war ein Schluchzen und es gesellte
sich zu dem Lächeln, das ich auf dem Leuchtturm gefunden hatte und für einen
Moment spürte ich deinen Atem.
Freude weckte mich aus dem Dämmerzustand: "Du lebst!" wusste ich nun.
Es zappelte in meinem Netz, fast hätte ich es aus den Händen verloren.
Ich holte es ein und fand einen kleinen grünen König mit Fischschuppenschwanz,
dem die Krone in die Stirn verrutscht war.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 18 Jan, 2008 @ 11:11
Versperrte Sicht
In die Schluchten zwischen den verlorenen Stunden hat sich dein Lächeln
verloren. Dieses Lächeln, das den Tag hell machte und vom Glücklichsein
erzählte. Was ist geschehen Marie, dass ein Absturz dies vermochte? Ich stehe
auf dem Leuchtturm hinter dem Horizont und sehe nichts außer Nebeln.
Mittendrin bin ich mit mir allein, und während ich noch grübelte, warum die
Sicht sich mir versperrt, taucht aus der Erinnerung dein Lächeln wieder auf. Es
ist noch da - die Wahrheit ist, nichts was war geht für immer verloren.
Es ruht am Grund.
Ich will ein Fischer sein und im Meer meine Netze aus werfen. Vielleicht
verfängt sich dein Weinen in meinem Netz und jenseits von Gut und Böse werde
ich verstehen.
Es wird seinen Grund haben, dass die Sicht mir nahm, was ich nun in mir finde.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 9 Jan, 2008 @ 23:11
Marie
meine liebste Marie, weißt du noch, damals, als du vom Leuchtturm auf
das weite Meer geschaut hast und ganz weit weg warst. Ich bekam Angst,
denn es kam mir so vor, als sei nur deine Hülle zurück geblieben.
Du bewegtest dich nicht, und dein Gesicht hatte alle Farbe verloren.
Der Mund, die Lippen sahen aus wie eine frische Wunde darin.
Ich stellte mich neben dich und nahm deine Hand - streichelte sie ganz
sanft, denn sie war kalt. Ich sah, wie die Farbe in dein Gesicht zurück
kehrte und deine Augen an Glanz gewannen, und du mich anschautest, als
seiest du zurück gekehrt von einem fernen Stern.
Damals konntest du mir nicht sagen, wo du gewesen bist. Da war ein
Geheimnis auf deiner Stirn geschrieben, dessen Asche in dem
ausgetretenen Feuer der Zeit noch zu riechen war. Du musst am Abgrund
eines Vulkans gestanden haben. Das was du gesehen hast, so kam es mir
damals vor, lag jenseits des Erinnerns.
Heute habe ich mir Karten gelegt, ein Turm auf einer einsamen Insel,
oben ein Mädchen, vielleicht Rapunzel , hinter dem Fenster. Um den Turm
schwirrten Flugsaurier und das Meer schwemmte kleine Wellen an den
Strand.
Ich werde hinaus gehen in den Hafen und ein Boot suchen, dessen Fischer
bereit ist, mich auf die Insel hinter dem Horizont zu bringen. Es muss
ein blaues sein, denn ich träumte von einer Frau, die Katharina hieß
und dir ähnlich sah. Auch sie wollte hinaus zu dieser kleinen Insel.
Ich weiß, dort steht ein alter Turm. Ich werde den Fischer bitten zu
warten und allein hinauf steigen. Etwas wird sich mir dort zeigen.
Ich glaube an dich. Du wirst zurück kehren, wie damals auf dem
Leuchtturm, als ich erschrocken deine Hand nahm. Du fehlst mir sehr
Schwester.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 7 Dez, 2007 @ 15:46
Nur weg!
Etwas ist anders,
denkt Marie, die Gefahr gebannt. Was war das nur? Ein Kampf außerhalb
ihrer Haut oder in ihr selbst? Sie genießt das Abflauen der Spannung
und ist erleichtert. "Noch einmal gut gegangen." denkt sie und kann
trotz der Dunkelheit wieder lächeln. Endlich traut sie sich hinter dem
Stein hervor. Sie rennt los und ja, dort drüben ist Licht. "Es ist
Zeit," ruft das Licht, "ein neuer Tag beginnt."
Marie hat jetzt alles vergessen: was sie wollte, warum sie in der Höhle
steckt und welche Gründe sie auf die Insel verschlagen haben. Sie ist
durch die Angst gegangen und hat ihre Energie zurück gewonnen. Sie
spürt Hunger und Durst.
Alles kommt ihr wie ein Traum vor, aus dem sie endlich aufwachen will. Sie schaut nach vorn und nicht zurück.
In Genua hat Knut das Boot bestiegen. Er ist auf dem Weg zu einer
Insel. Clarisse hat tief und fest geschlafen und erwacht wie erlöst. In
der Nacht ist Schnee gefallen.
Und Leander? Er sucht immer noch nach der Lea in sich. Ob er sie bis zum Ende seiner Zeit noch finden wird?
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 27 Okt, 2007 @ 20:40
Von
Höhlen und inneren Nischen
Marie bibbert vor Angst. Sie spürt wie das Ungeheuer immer näher kommt, ihr die
Luft nimmt. Schon droht sein feuriger Atem sie zu versengen. Marie macht sich
noch kleiner, kauert sich schutzsuchend an den Felsen in der Höhle. Der Stein
fühlt sich fest und kühl an, seine Oberfläche ist rau und erstaunlich trocken. Die Konzentration
auf die Wahrnehmung der Beschaffenheit des Felsens lenkt sie einen kurzen
Augenblick ab von der drohenden Gefahr. Aber nur kurz. Schon droht die Angst
Marie in Stücke zu zerreißen. Mit aller Kraft sucht sie nach einer inneren
Nische, in der sie sich verbergen kann, bis die drohende Gefahr über sie hinweg
gezogen ist.
„Rettungsanker –
Hilflosigkeit – Ohnmacht – Schwäche,“
diese Worte denkt Marie laut – sie füllen den ganzen Raum im Gehirn, tanzen wie
Lichter vor ihrem inneren Auge. Sie sind in diesem Moment das fassbare
Geländer, an dem sie sich fest haken kann,
„stark sein – Halt – Hände – Arme – Haut – Wärme – ein Mensch.“
assoziiert Marie weiter, und findet ihre Nische.
Es ist Sommer. Der
vergangene Sommer. Sie ist nicht allein. Er ist da, ihr Gefährte, der Geliebte
und Freund, ein Kamerad. Der, den sie an einer Kreuzung ihres Lebens gefunden
hat. Er stand dort, als warte er schon seit Ewigkeiten darauf, dass sie ihn
endlich abholen würde. Die Begegnung trifft Marie wie ein Erdbeben, dass den
Boden unter den Füßen wegreißt, und sie fällt und fällt....! Marie hatte bis zu
diesem Tag nie an die Liebe geglaubt. „Liebe ist das, was
andere meinen zu erleben,“
sagte sie mit ironisch -schnoddrigen Unterton in der Stimme zu Claire, ihrer
besten Freundin, „ich bin nicht für die Liebe geschaffen!“
dabei zuckte sie mit den Schultern, als sei ihr diese Feststellung
gleichgültig.
„Ich weiß gar nicht, warum die Menschen überall so liebeswütig sind. Auf den
ersten Rausch folgt die Enttäuschung – immer!“ Claire teilt diese
Meinung nicht. Sie weiß, dass da Diskussion unmöglich ist, den Marie ist stur.
Was sie einmal denkt, lässt sie sich nicht ausreden. So legt Claire ihre Finger
auf Maries Lippen: „Sei still, du wirst
noch dein Schicksal verschrecken,“ und schaute Marie dabei wissend an, „ Du hast nur den
Richtigen noch nicht gefunden. In deinen Augen steht anderes geschrieben - und
du weißt es.“
Ein strahlender Sommertag ist zuende gegangen. Marie ahnt nicht, dass sich am
nächsten Tag ihr Leben verändern wird. Es ist Abend, und der laue Wind trägt
Rosendüfte auf die kleine Terrasse im wilden Garten, den eine lauschige Hecke
umschließt. Sie hat es sich in ihrem Lieblingssessel bequem gemacht, um die
Nacht zu begrüßen und ihren Klängen zu lauschen.
Plötzlich ist er da – stumm –er lässt sich zu ihren Füßen nieder und vergräbt
seinen Kopf in ihrem Schoß, so als wolle er ihren Duft, die Essenz ihres Wesens
aufsaugen und einfangen für immer. Seine Hände umfassen ihre runden Hüften.
Etwas Wildes und Verzweifeltes liegt in seinen Gesten. Sie sind nicht sanft und
umschließen Marie, als sei sie allein der rettende Felsen im Wirbelsturm.
Etwas, was man nie wieder los lassen will. Marie ist so bewegt
und aufgewühlt, dass sie ihre Empfindungen nicht in Worte fassen kann. Etwas
Schreckliches muss geschehen sein – etwas Unwiderrufliches.
Sie zwingt sich zur Ruhe, atmet gleichmäßig ein und aus, streichelt seinen Kopf
und wühlt sich in die dunklen Locken, massiert Nacken und Schultern. Sie spürt
unter ihren Händen, wie er sich langsam entspannt und ihrem Atemrhythmus folgt,
bis beide im Gleichklang atmen. Es dauert lange,
bevor Marie in dieser Nacht die Worte wieder findet. Stumm umschlingen sie
sich, reiben ihre Haut aneinander, streben ineinander, während die Lippen schon
wund sind vom Küssen, sie aber immer noch nicht voneinander lassen können. Das Morgenrot findet
die Liebenden schlafend und eng ineinander verschlungen - wie miteinander
verflochten. Marie hat es in
dieser Nacht nicht geschafft, ihn zum Reden zu bewegen.
Die junge Fraue
kehrt mit den Gedanken zurück in die Höhle. Die Angst hat nachgelassen, ist
nicht mehr so bedrängend.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 26 Okt, 2007 @ 23:59
Clarisse erwacht
aus einem seltsamen Traum. Ihre Glieder sind gelöst, und sie spürt wie
ein Lächeln in ihren Adern vibriert, so als seien unzählige kleine
Waldameisen unterwegs. Fast gluckst es schon über ihre Lippen. Sie
öffnete langsam die Augen. Jetzt nur keine hastigen Bewegungen. Sie
muss sich doch an den Traum erinnern. Das ist wichtig!
Ihr Blick fällt auf das Fenster. Die weißen Vorhänge bewegen sich im
Wind, der durch das geöffnete Fenster zu ihr herein weht. Zwischen den
Stores sieht sie das volle Rund eines gigantischen Vollmondes.
War es dem Mond zu verdanken, dass ihr Traum so besonders bunt gewesen war?
Es muss ein Fest gewesen sein. An langen Holztischen saßen viele gut
gelaunte Menschen. Fast alle kannte sie. Es wurde rustikal gespeist und
die Bierkrüge blieben nicht lange leer. Die Stimmung war ausgelassen,
ja fast ein wenig frivol. Ein dickwanstiges älteres Paar hatte sich
ineinander verfangen und konnte Hände und Lippen nicht voneinander
lassen. Es war fast peinlich, aber der Mann und die Frau schwebten in
einer eigenen Welt. Plötzlich saß der Mann Huckepack im Nacken der Frau
- er war längst nicht so schwer und groß, eher zierlich und zart. Die
Frau schwitzte unter dem Gewicht und war sichtlich angestrengt.
Die Musik wurde laut und drängend, spielte zum Tanz auf. Im Saal war Gegröle. Die Menschen trugen Weiß, Rot und Schwarz.
Hm," denkt Clarisse, "wirklich ein seltsamer Traum." aber was will er ihr erzählen?
"Da fehlt noch was, etwas habe ich vergessen."
Plötzlich denkt sie an Knut. Sie weiß, er ist in Genua. Gestern hat er ihr eine SMS geschickt:
"Das Meer ist smaragdgrün - ich kann nicht mehr schlafen. In der Nacht
sah ich einen Drachen über dem Gebirge auftauchen. Seltsam!"
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 20 Okt, 2007 @ 16:58
Zurück zur Geschichte
In
Genua erwachte der Tag zum Leben. Das erste Licht tanzte auf den
Schindeln der Dächer, bevor es durch die Ritzen der Fensterläden
kletterte und seinen Weg in die Schlafzimmer fand um jene zu wecken,
die noch träumten und denen der Schlaf ein zartes Rosa ins Gesicht
gehaucht hatte.
Die Nacht hatte das Leben in der südlichen Hafenstadt verschluckt: und
mit ihr alle Schiffe, deren Ladungen und die Matrosen . Zuvor waren
diese in den Kneipen des Hafenviertels über dem Wein eingeschlafen. Dem
ein oder anderen saß noch eine dralle Blondine mit kurzem Rock auf dem
Schoß - ebenfalls schlafend. Waren sie alle in den Dornröschenschlaf
gefallen?
Nur einer nicht!
Knut, der alte Seebär tat in dieser Nacht kein einziges Auge zu.
Clarisse spukte wie ein quirliger Geist durch seine Gedanken, sie war
in Sorge um Marie, die an einem Spätsommertag einfach verschwunden war.
Clarisse, seine sanfte Geliebte aus der Hafenstadt im Norden, die
Freundin jener Marie, hatte ihm vor Monaten ein Versprechen abgerungen:
"Knut, ich sorge mich um Marie. Mir träumte, sie sei auf einer
seltsamen Insel gelandet. Unter einem großen ausladenden Baum liegt ihr
Boot. Im Baum lebt eine Schleiereule. Das Meer ist smaragdgrün und auf
der Insel gibt es eine Gebirgskette. Finde Marie. wenn du kannst. Ich
habe Angst."
Aber gestern traf ihn das schlechte Gewissen wie ein Blitz: das Meer
kleidete sich Smaragdgrün. Von diesem Augenblick an, konnte er seine
Augen nicht mehr schließen.das Meer kleidete sich Smaragdgrün.
So sah er als einziger den silbernen Drachenkopf, der sich über den Bergen erhob.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 18 Okt, 2007 @ 15:57
"Ich gebe auf!"
denkt Marie mit letzter Kraft. "Was nutzt mir das Aufbäumen?"
Angst mischt sich mit Lust zu Sehnsucht, die ihr vertraut erscheint. "Was auch immer mit mir geschieht - ich lasse es geschehen."
Fast heiter in diesem Moment, denkt sie an ein Lied :
du, meine ferne flamme
wie nah du sein kannst
wenn der wind dich über die berge trägt
in meinen wilden garten
du ins blut züngelst
ungestüm - sprühend
von jetzt auf gleich
mich fast aus der bahn wirfst
und diese ungeduld, die mich einhüllt
in einen knisternden feuermantel:
ein höllenschlund der droht
mich zu verschlingen
für momente kein aufbegehren
ich gebe nach, lasse mich ein
auf dich
du ungezügelte flamme
die ewig lodert
der himmel auf erden - das paradies
War es Lea gewesen oder Claire. Wer hatte vor langer Zeit dieses Lied gesummt?
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 18 Okt, 2007 @ 15:29
Was ist das?
"Oh Gott," denkt Marie, "wie soll das weiter gehen? Ich muss an meinem Faden bleiben, aber ich sehe nichts."
Er nimmt kein Ende. Sie wickelt und wickelt - immer schneller und
hektischer. Sie hat Angst, denn irgendwo in der Nähe hört sie ein
sirrendes Geräusch. Es kommt immer näher, fast hätte sie beim
Weiterlaufen - immer dem Zwirn hinterher - ihren Beutel vergessen. "Ich habe nicht mal Zeit, hineinzuschauen, um den Smaragd zu suchen." murmelt sie vor sich hin. "Ach wäre ich doch die Goldliesel, des Müllers Tochter, und könnte mich hinter einem riesigen Berg aus Stroh verstecken."
Sie spürt Panik in sich aufsteigen, und die Beine wollen nicht mehr.
Ihr ist übel, und zu allem Unglück rutscht sie auch noch aus. Etwas
Schmieriges klebt glitschig am Boden der Höhle.
Ihre Augen, an die Dunkelheit gewöhnt, erahnen in kurzer Entfernung einen riesigen Stein.
Sie kriecht über den Boden und versteckt sich hinter dem Felsen.
Das sirrende Geräusch wird lauter, scheppert jetzt an den Wänden
vorbei, löst Echo aus. Marie hält sich die Ohren zu und macht sich ganz
klein, denkt: "Was ist das, was kommt da auf mich zu. Mit Rumpelstilz würde ich wohl fertig, aber mit einem Drachen?"
ich nehme stein, zweig und flöte und schnüre mein bündel
eine melodie wächst aus mir heraus – ich folge beherzten schrittes
ins niemandsland wo alles weit ist und unzerteilt
und keine grenze engt
dorthin wo der goldmond in platin gefasst
rund und groß zwischen den wolken schwebt
sie durchstreift - sich berühren lässt - berührt
und so
wie meine seele die deine streichelt zwischen gestimmten klängen
dor wo sterne nie erlöschen und sonnen nicht verbrennen
und ich auf dem weg bin zu dir - in mir
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 5 Okt, 2007 @ 21:23
Die
Nacht hat mit ihrem riesiggroßen kaum zu bändigenden Hunger nach Licht den Tag
verschlungen. Selbst die Sterne verstecken sich für heute hinter den Wolken, um
dem schwarzen Schlund zu entgehen.
Das Morgenrot ist noch weit, aber etwas ist anders:
Eine unheimliche Stille liegt über der Insel. Die Feuergnome trommeln nicht
mehr.
Von all dem weiß Marie im Augenblick nichts. Überhaupt will ihr das Erinnern
nur langsam und zögernd gelingen.
Gerade ist ihr ein Licht aufgegangen und für einen kurzen Augenblick hat die
Erinnerung ihre Stirn glatt gebügelt und ein Lächeln in ihr Gesicht gezeichnet.
Noch immer wickelt sie den schier endlosen Faden auf und löst die vielen Knoten:
"Ich hielt das Licht in der Hand. Es leuchtete nicht von außen, denn es
kam von dem Smaragd, den der grüne Delphin mir geschenkt hat."
Aber wo war der Smaragd jetzt?
wenn wir sie je erreichen
unsere sprachufer jenseits des großen stroms
der im meer mündet und mit wellen spielt
die von anderen meeren sätze mitbringen
und geschichten
du weißt
nicht alle muscheln sind blau
schau, ich sah im wasser sterne tanzen
und ein grüner delphin war mein freund
er schwamm hinaus mit mir - weit
nur dich fanden wir nicht
und die sprachgirlanden meiner lieder
trug der wind fort
in den eichen der alten welt
haben sie sich verfangen
und die raben krächzen dazu
in den knorrigen zweigen
ich weiß nicht mehr
ob du mich verstehst
mich jemals verstanden hast
mir scheint
unsere worte haben sich getrennt
sie tun nur so, als seien sie vertraut
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 28 Sep, 2007 @ 00:22
Dialoge außerhalb der Zeit 2
Lea
ein licht, das seine augen auf der einen seite der welt schliesst, um es auf
der anderen seite der zeit zu öffnen, ist immer geheimnis, so wie sommer dem
ufer entlang zu den schneehügeln gleiten, so wie der sand aus den schuhen
rieselt, und denke es wären dünen, doch ein leichtes blasen würde sie verwehen.
der mond hat heute ein gesicht.
du bist irgendwo, ich bin nirgendwo - gibt es zwischen den zeiten einen ort
-
eine nische,
in der sich worte und hände wieder berühren?
ich will uns ein geschichte spinnen aus erinnerung und sehnsucht; aus freude
und lust; aus schmerz und leid; aus dem wachsen und werden der bäume in mutters
garten; aus werden und vergehen und dem prozess, der nie endet und alles mit wünschen, dem hoffen und bangen zum
märchenteppich verweben. mein schiffchen ist flink, es gleitet und schwingt
dieser teppich, mit herzblut getränkt, besitzt macht, gleicht einem zauberspruch
wirkt
er hält unsre leben zusammen - vergiss das nie -
wird zum bündel, eingerollt und auf dem rücken getragen
er hält unsre leben zusammen:
am ende der welt zwischen tag und nacht
unter den drei weiden am stillen see
dort wo der schmale sandstrand ist
mit den kleinen blauen muscheln
die im licht, wie edelsteine glänzen
wenn venus erwacht am tag nach dreikönig
und vom see her der wind plötzlich aufflaut
dann steig in das boot - es wird da sein
und lasse dich tragen
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 24 Sep, 2007 @ 14:22
"Überhaupt, Spannung ist das Stichwort" dachte Marie, "ich kann dem Faden nur folgen, wenn er gespannt ist."
Sie nimmt das Knäuel aus ihrer Tasche und beginnt mit dem Aufwickeln. Während sie wickelt kommt die Erinnerung zurück:
"Ich schlief auf einer Steinbank, und es war, als habe mir jemand ein Schlafmittel verabreicht."
Sie erinnert sich daran, dass die Bank in einer Seitennische der Höhle
stand. Eigentlich hatte sie sich nur staunend auf die Bank gesetzt, um
sich an den wunderbaren Höhlenmalereien zu erfreuen.
"Aber da war doch Licht." dachte Marie, und erinnert sich daran, dass
die Pferde so lebendig gewirkt hatten, so als galoppierten sie durch
die kirgisische Steppe. Fast glaubte sie, dass fröhliche Wiehern
unzähliger Tiere gehört zu haben. Wie herrlich Mähnen und Schweif
geflogen waren beim schnellen Ritt.
Aber da war noch etwas:
Marie versuchte einen Knoten im Faden zu lösen. Es gelang und plötzlich
fiel ihr auf, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt, in einer Höhle Licht
zu erhalten, durch natürliche Begebenheiten oder durch einen
mitgeführten Lichtkörper.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 23 Sep, 2007 @ 12:21
marie fand tief in ihrem
bündel ein paar nüsse und trockene früchte. sie steckte etwas davon in den
mund, kaute ganz langsam und konzentrierte sich auf den süßen fruchtigen
geschmack. sie wollte jetzt nicht nachdenken.
das herz klopfte immer noch heftig.
vor ihren füßen lag ein loser faden.
sie würde ihn aufwickeln um die nötige spannung wieder herstellen.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 19 Sep, 2007 @ 22:41
so war es gestern mit marie:
in
der höhle war sie bergauf gelaufen, bis ihr die puste ausging und sich
linkerhand eine nische fand, in der sie keine angst verspürte. sie trat
ein, setzte sich auf den boden und lauschte eine weile dem eigenen
herzschlag - konzentriert - er füllt allen raum um sie. fast schien es,
als würden die felsigen wände ein echo schreien. längst hatte sie sich
an die dunkelheit gewöhnt. langsam, ganz langsam beruhigte sich das
herz, aber immer noch holperte es, als sei da ein stein im weg, der
übersprungen werden müsse. marie konzentrierte sich nun auf den atem,
der zunächst stoßweise - orkanartig aufflaute. langsam, ganz langsam
legte sich der sturm und der wind im atem wurde klein und sanft.
bewusst lenkte marie ihre aufmerksamkeit auf den bauchraum und die innere stimme, die aus dem nabel zu ihr zu sprechen schien:
"verlass den berg, marie, du bist einer spur gefolgt, die dich viel zu
weit weggeführt hat von dir selbst. du musst zu dir zurückfinden."
"aber, ich war so sicher, das richtige zu tun und jetzt soll alle mühe umsonst sein?"
"marie, ich trage verantwortung für dich, und will dich schützen. du
bist mein und ich bin dein - für immer! ohne einander fehlt etwas
wesentliches, und wir gehen fehl. abblitzen lasse ich mich nicht mehr
so einfach. du hast mich schon zu lange ignoriert."
"hm? soll ich dir wirklich glauben?"
"marie, du bist in gefahr."
"ich weiß, ich spüre die schatten näher kommen."
"sag mir eins: wie soll leander dich finden, wenn du dich selbst verloren hast?"
"aber, er ist doch einfach gegangen, und hat sich zwischen den zeiten verloren."
"nein, marie, tief in deiner seele weißt du es besser, er ist gegangen, um sich zu finden"
"aber er hatte doch mich. ich fand ihn zu beginn der zeit."
"stimmt, du hast ihn gefunden. aber er hat sich in dir verloren. ein
mensch muss gehen und abstand suchen, wenn er sich verliert."
"du meinst, menschen können füreinander nichts sein, wenn sie sich verlieren?"
"nein, sie werden seelenlos. wenn sie beginnen, sich nicht mehr zu
sehen, lösen sie sich auf, werden zum nichts. man kann kein nichts
lieben. ein nichts ist unfassbar. es kann kein freund, kein gefährte,
kein geliebter sein."
"lass mir etwas zeit, ich muss essen und trinken."
marie nahm ihr bündel und knüpfte es auf. irgendwo musste da noch was essbares sein.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 18 Sep, 2007 @ 23:24
DIALOGE AUßERHALB DER ZEIT
Lea sah ich über dir einen vogel kreisen. verborgen. nie
kamen ufer in einer anderen zeit wie dieser so nah. in geknüpfter weise. warst
du in dieser zeit unerreichbar in einem see aus gedanken. @nachtigall
Lea - Leander
sag mir mein Lieb
was verbirgt sich hinter den Wolken
ich sah einen Schatten nur fern am Horizont
wohin flog er als Zeiten sich ineinander schoben
und meine Worte in einem Meer aus Tränen versanken
neue Jahre werden alte Knoten lösen
Ich spüre Zeitenwende im Blut @findevogel
mit segel auf land, ohne wind war es wüste.
eine oase mit zitternden palmenblätter,
die nicht fielen, als der herbst in diese gegend zog.
jene küsten waren blaugerändert vom wasser.
flussaufwärts waren die bäume und blumen ein flor aus tausend und einer
geschichte.
ich breitet sie aus, als teppich vor deinen füssen.
kühlendes nass in der hitze der nächte vergangener sommer. @nachtigall
lea-leander
ich bin so müde
sterbensmüde
im traum zerzauste die nacht
mein rotes gewand
schrille töne drehten sich ins ohr
in lumpen gekleidet
einer vogelscheuche gleich
kämmt mir niemand mein verfilztes haar
mit vergoldeten kämmen
ohne krone keine königin mehr
und doch
es sehnt sich mein fuß
nach dem weichen flor
gewebt aus tausendundeiner geschichte
und dem duft der blüten jenseits des meeres
wenn sich zeiten fügen
und zimt mit kardamom vermischen
werden wir uns wiedersehen@findevogel (weiter)
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 16 Sep, 2007 @ 22:01
Marie fühlte Panik in sich
aufsteigen und biss die Zähne aufeinander: "Jetzt nur nicht stürzen."
An diesem Gedanken klammerte sie sich , als sei er einzig fester Fels in der
Brandung. Die rechte Hand suchte den Beutel. Er war noch da. Den Inhalt konnte
sie ertasten.
Mit der linken Hand strich sie sich das wirre Haar aus dem Gesicht:
"Wo bist du Leander? Warum hast du mich verlassen, so als seiest du aus
Raum und Zeit gefallen? "
Es brach als Schrei aus ihr heraus. Marie ließ sich auf dem Boden nieder, kauerte
sich zusammen und begann zu schluchzen. Nicht mal auf ihrem Boot - damals auf
dem Meer - hatte sie sich so einsam und allein gefühlt wie in diesem
Augenblick.
Stimmen, die sie vor einer Weile gehört zu haben meinte, schienen vergessen.
Marie liegt - zusammengekauert, wie ein Embryo -
auf dem Boden der Höhle. An den Wände finden sich fliehende Pferde und
archaische Zeichen : Russ, Rötel und Lehm, sind die Farben.
Von Schmerz und Trauer überflutet, lässt sie es geschehen, versinkt in einem
Meer aus Tränen, kämpft nicht mehr, lässt sich treiben. Es dauert lange, bis
die letzten Schluchzer verklingen und Marie die Stille in sich wieder findet.
Von fern hört sie das Rauschen des Meeres und inmitten des Wellengesangs eine
Stimme:
"Es ist Zeit, geht an die Arbeit ihr Fischer des
Geistes, und ruht nicht eher, bis das Netz aus Gedanken, Wünschen und Hoffnung
geflickt und bereit ist zum Seelenfang."
"Seltsam", denkt sie, "wem gehört die Stimme? Wer sind die
Fischer des Geistes? Und welche Seelen sollen eingefangen werden?"
Marie verspürt Hunger und Durst, fragt sich: "Wie lange habe ich
geschlafen?"
Plötzlich will sie nur noch flüchten.
Der Drang ist so stark, dass sie ohne lange nachzudenken aufsteht, ihr Bündel
zusammenrafft und dem aufwärts gerichteten Gang folgt. Sie rennt! Hinter sich
hört sie Stimmen.
Das Herz klopft laut.Sie will nur weg.
Als die Stimmen hinter ihr nicht mehr zu hören sind, stoppt sie.
"Halt, wie soll ich den Weg finden, wenn ich panisch loslaufe?"
In diesem Augenblick erinnert sich an den Ariadnefaden.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 13 Sep, 2007 @ 23:14
Geht es weiter?
Fern der roten Insel, sprach eine dunkle Stimme deutliche Worte:
"Es ist Zeit, geht an die Arbeit, ihr Fischer des Geistes, und ruht
nicht eher, bis das Netz aus Gedanken, Wünschen und Hoffnung geflickt
und bereit ist zum Seelenfang."
Smaragd, der Delphin, hob den Kopf mit den lächelnden Augen und lauschte. Marie würde ihn finden.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 8 Mai, 2007 @ 11:39
Leander!
wie kann es sein, dass Winde eine solche Macht haben? Wie konnten sie
dich wegtreiben von deinem eingeschlagenen Weg? Auf der grünen Insel
lagen die Schatten. Im Traum sah ich Marie in einer roten Höhle auf
einer grünen Insel. Vielleicht hättest du die Schatten ergründen
sollen, statt vor ihnen zu fliehen. Wenn nun Marie genau dort war, ganz
in deiner Nähe - hast du ihr banges Herz nicht vernommen?
Aber vielleicht war das Zeitfenster verschoben, und sie noch da oder du schon wieder auf neuen Wegen.
Seltsam, in meinem Herz öffnet sich ein neuer Raum. In diesem Raum sind
du und sie verbunden. Eine große Sicherheit kleidet den Raum in Licht.
Das Licht kommt vom Meer und fällt durch eine kleine Öffnung in eine
ockerrote Höhle.
Sie muss in deiner Nähe sein. Suche und finde sie.
Die Zeit der Regenbäume und Tropfenpflanzen ist vorbei: Bitte, gehe
zurück zu der grünen Zwillingsinsel und suche die Höhle. Nimm den
Fischer mit - er ist ein Bote und wird dich führen, und dir zur Seite
stehen.
Ich weiß es - frag mich nicht warum - ihr werdet zusammen glasklare
Türkisbuchten sehen und es wird ein Schiff mit weißen Segel anlegen, um
euch nach Hause zu bringen. Ich sah es wie eine Vision.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 6 Mai, 2007 @ 22:15
Leander,
wo bist du? Hinter den Tränenschleiern sichte ich kein weißes Segel. Du
warst doch schon so nah - fast hörte ich deine Stimme. Und in deinem
Schatten sah ich Marie. Kein Lebenszeichen! Der Frühling mit seinen
Sommertemperaturen und dem unheimlich blauem Himmel will nicht wurzeln
in mir. Er fühlt sich so unecht an. Der Boden ist viel zu trocken und
nicht vorbereitet. Ach wäre ich doch wie Dornröschen von der
Spindel gestochen im traumlosen Schlaf versunken: es quälte kein
Schmerz und Hunger nach dem Vertrauten, das nicht mehr ist - nagte an
meinen Knochen nicht mehr.
Kann nicht, was vor Wochen geschah, sich wiederholen im Hier und Jetzt?
Du weißt, dieses Zeitfenster, das sich öffnete, und uns wie Ertrinkende
auf Eisschollen im arktischen Meer zueinander führte, damit wir
einander wärmen und Hoffnung geben.
Zwischen mich und die Welt hat sich eine dicke Glaswand geschoben. Sie
trennt, macht alles stumm und lässt alles unfassbar - unbegreifbar
zurück.
In der Vase vor meinem Fenster verdorrt ein grüner Zweig und jenseits des Spiegels verlieren weiße Tauben graue Federn.
Sag mir Freund, was geschieht, wenn die Hoffnung stirbt?
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 9 Feb, 2007 @ 23:25
Lieber Leander,
ich halte das Fenster geöffnet - die Brieftaube darf frei fliegen.
Ich freue mich über deine Lebenszeichen. Du bist stark und wirst es
schaffen. Wenn du zurück bist werden wir gemeinsam Marie suchen - stell
dir vor, heute hat mich Clarisse angerufen. Wir haben lange miteinander
geredet, ob ich Lear noch finde? Das ist eigentlich nicht so schwer,
ich habe seine Adresse, aber was wird er denken, wenn ich nach so
langer Zeit schreibe oder anrufe? Du weißt, seinerzeits verliebte ich
mich heftig in ihn, aber es gelang mir nicht, ihm das zu zeigen - dabei
wirkte er gar nicht uninteressiert. Na ja, mal sehen. Manchmal ist es
schwer, den inneren Schweinehund zu überwinden.
Wir knüpfen da an, wo es uns auseinander gerrissen hat. Ich stelle mir
vor, wie wir zu sechst, Knut gehörte einst auch dazu, im blauen Cafe
sitzen, Tee trinken und dem Beo zuhören, der so gut sprechen kann. Wir
werden uns soviel zu erzählen haben. Ich male mir aus, wie ich Marie
umarme, meine liebste, beste Freundin - die Schwester. Ich weiß wie es
sich anfühlen wird, wenn der Stein von meinem Herzen fällt, spüre schon
die Erleichterung.
Vorhin habe ich am Fenster gestanden und hinaus geschaut. Im Licht der
Laterne sah ich einzelne Flocken tanzen. Nun ist es doch noch Winter
geworden, und nach jedem Winter naht der Frühling.
Ich schicke dir Mut und kraftbringende Gedanken, Claire
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 1 Feb, 2007 @ 18:07
Liebe Claire,
Ich weiss es nicht, ich weiss es nicht!
Es waren die Farben, die sich verloren,
es waren die Elemente die durcheinander kamen
und sich nicht mehr fanden.
Es waren die Worte,
die die Lippen nicht verlassen konnten.
Es war einfach eine grosse Wüste zwischen den Seen,
die kein Wasser mehr erhielten.
Wer kann ohne Wasser die Wüste durchqueren?
Wer kann ohne Worte die Dinge begreiffen?
Wer bringt den Farbkreis aus seiner Zerbrochenheit
in seinen Ganzheit zurück, damit die Elemente ihren Schwung zurückerhalten?
Ich weiss es nicht, liebe Claire
Ich bin nur verzweifelt, wenn ich darüber nachdenke und Weg sehe.
Alles stellt sich selber in frage und löst sich auf.
Woh nach kann man sich den richten?
Deine Leander
@marianne
Leander,
dein Brief hat mich
erreicht. Welche Brieftaube auch immer es schaffte die Zeiten zu
überbrücken. Es ist ein kleines Wunder - ein Lebenszeichen von dir -
Hoffnung keimt in mir, dass auch Marie den Quantensprung schafft.
Was zusammen gehört, findet auch wieder zusammen, kann nie wirklich
getrennt voneinander sein. In meiner Seele fühle ich genau das als
tiefe Sicherheit.
Leander, deine Zeilen sind so berührend, sie fallen tief. Ich beginne
zu begreifen, was mit dir geschah. Möglicherweise konntest du damals
nicht anders handeln. Ich weiß von den Zeiten, in denen sich Worte
verwirren und der Sinn von Gedanken abhanden kommt, weiß von der Qual,
sich selbst nicht zu genügen. Wie sollen da andere genügen? Alles wird
grau. Ein rauer Wind treibt alle Farben
davon und mit ihnen die Wärme. Leben wird einerlei und zwischen den
Schichten sammelt sich Staub, der zuerst das Licht schluckt und dann
alles unter sich zu begraben droht. Erst verliert man sich selbst und
sein Gesicht, dann den Rest der Welt - alles zerbröselt und treibt
auseinander. Kein Gedanke ankert mehr in heimische Häfen.
Lass uns in Kontakt bleiben, bis wir Marie gefunden haben. Was einmal gelang, wird die Brieftaube ein zweites Mal schaffen.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 27 Jan, 2007 @ 20:52
Lear,die Winde haben sich gedreht. Sie treiben die Wellen flussaufwärts zum
oberen Meer. Lange war ich zwischen den Bergen und engen Passtrassen
neandernden Bachläufen gefolgt, ohne Zwischenhalt, ohne auf die
Baumgrenze zu achten, ohne die Schneefelder mit Spuren zu belegen. Ich
ging lange im Dunkeln, wusste weder um die Tages- noch um die
Nachtzeiten....und nun höre ich das Südmeer in meinem Herzen.Es wird
nicht mehr lange dauern, bis ich es sehe, bis ich wieder dem
Sonnenaufgang über dem Wasser zueilen kann, um dir und meinen lieben
Damen die Muschelgeschichten zu zeigen.....
Ich bitte dich ihnen, besonders Marie und Clair Nachricht zu geben.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 20 Jan, 2007 @ 14:22
Liebe Marie!
Was war nur geschehen? Zwischen den Nächten sollten eigentlich die Tage
genausoviele Stunden einnehmen, wie die Dunkelheit Stunden hat und die
Helligkeit ihren Verlauf vom Morgen bis zum Abend als Tageszeit
einnimmt. Doch hier, wo ich mich jetzt befinde, existieren keine
Breitengrade, die diese Ordnung einhalten könnten, nein, es ist ein
einziges Kreisen, das die Nacht nicht vom Tag und den Tag nicht von der
Nacht unterscheiden lässt. Denn, wenn ich die Augen schliesse, wird es
hell und die Bilder der Landschaften breiten sich genauso bunt vor mir
aus, wie wenn es Tag wäre und wenn draussen der Tag anbricht und ES
hell wird, so ist es genauso hell oder eben dunkel in diesem Sehen, das
alle Farben besitzt.
So ist es mir nicht möglich, dir zu sagen, ob seit meinem letzten
Schreiben viel oder wenig Zeit vergangen ist. Und wo und wann ich
Claire begegnete, nachdem ich fortlief und den Raum ihrer
Gedankenschlaufen verlassen hatte. Ich hörte noch eine ganze Weile, wie
Leander mir zurief, doch wusste ich nie, in welche Richtung ich laufen
sollte. Zum See oder zum Haus zurück.
Und irgendwo auf dem Zwischenstück des Weges durch die Wiese, muss ich
wohl über den Randstein der Zeit gefallen sein. Auf jeden Fall, sah ich
eine ganze Weile nichts mehr und als ich die Augen öffnete war gar kein
Unterschied zwischen dem Nichts mit offenen Augen und dem Nichts mit
geschlossenen Augen.
Eigenartig fndest du nicht auch? Aber ein Bild war immer in mir. Das
Bild vom Ufer am Meer und diese Stelle an der wir weisses Papier mit
bunten Buchstaben zu Schiffchen gefaltet hatten und sie vom Schiffssteg
auf die Wellen setzten.
Hast du je gelesen, was Du geschrieben hattest?
ich grüsse dich innig
ich versuche jetzt zu schlafen
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 31 Dez, 2006 @ 23:26
wer hatte ihn nur gedacht? stand er in einem buch oder sprach ihn jemand zu ihr? plötzlich hörte sie ein geräusch!
es zog mich aus meiner mitte weg von dir zentrifugale kräfte
wirbelten mich aus raum und zeit
was tu ich fern deinem ohr
dass ich nicht zu erreichen vermag
deiner stimme, deinen worten
traumschemen gleiten auf flügeln
zwischen fremden wolken vorbei
und du
wohin trug der fluss des lebens dich?
Wo kam die Stimme her? Marie versuchte sich zu orientieren.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 2 Dez, 2006 @ 22:42
Spurensuche - Tag 8, zum Dritten!
Claire dachte an die Delphine, wenn sie im Meer
über die Wellen springen und für einen kurzen Augenblick einem
Silberblitz gleichen.
Alles war wieder da, als sei es gerade in diesem Moment geschehen. Selbst Lears dunkle Stimme schmeichelte sich in ihre Ohren.
Der Gedanke an die Delphine stimmte Claire fröhlich. Plötzlich war die
Angst verschwunden und machte einer ruhigen Gewissheit Platz: alles war
da - was war, was ist, was wird - alles, es gibt keine Grenzen. Nun
musste sie sich nur noch dieser neuen Einsicht öffnen, ihr vertrauen.
Lear und Leander; Marie und Clarisse; sie selbst - jeder und jede
spielte eine Hauptrolle in diesem Stück und über allem lag der Ozean
mit den silbernen Delphinen, demewigen Changieren von Blau, Grau und
Grün, dem Walgesang.
Vor Claires inneren Auge tauchte eine rote Insel auf. In diesem Augenblick klingelte das Telefon.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 25 Nov, 2006 @ 13:12
spurensuche - tag 8, zum ZweitenLange hat sie nicht an den flüchtigen Augenblick dieser Begegnung gedacht.
Was war es gewesen, diese besondere Etwas eines Menschen, der für eine
kurze Weile an einer Kreuzung des Lebens mit ihr rastete? Wie
selbstverständlich hatte er sich neben sie ins Moos gesetzt und sie aus
klaren grauen Augen angeschaut. Seltsamerweise hatte es sie nicht
gestört. Dieser Fremde war ihr nicht fremd. Während sie versuchte
seinem Blick stand zuhalten, suchten die Gedanken nach Antwort auf die
Frage , woher sie ihn wohl kenne.
Seine Lippen waren sinnlich, und ihr Blick blieb an ihnen hängen, bis
sie errötete und er in schallendes Gelächter ausbrach. Es war kein
Auslachen, nein in diesem Lachen lag eine unverschämt lebendige
Lebensfreude und Claire ertappte sich bei dem Wunsch, diesen Menschen
neben sich zu behalten für immer, zumindest aber für eine lange Zeit.
Sie fragte nach seinem Namen. Sie tauschten Adressen.
Lear musste vor Urzeiten dem Wasser entstiegen sein. Etwas Ozeanisches
lag in seinem Wesen. War er König eines versunkenen Reiches? Seine
Bewegungen waren fließend und von tänzerischer Anmut. Claire dachte an
die Delphine, wenn sie im Meer über die Wellen springen und für einen
kurzen Augenblick einem Silberblitz gleichen.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 21 Nov, 2006 @ 16:31
liebe marie,
ich
sende dir einen Brief, den ich selber nicht fassen konnte, als ich ihn
in den Händen hielt. Er muss wohl schon lange hier im Haus auf dem
Stuhl gelegen haben. Ich lege ihn Dir bei. Es sind Aufzeichnungen,
Abschnitte. Eintragungen... ich weiss es nicht.
Alles liebe Dir
und pass gut auf Dich auf
Lear
Es waren Regentage, die sich in die Nacht verschoben haben. Kein Wind
konnte die Wolken mehr vertreiben. Sie hingen über der Schlossmauer und
entleerten ihr Wasser über den Hof, über die Dächer der Gebäude, in die
Regenrinnen und Kieswege. Die Besucher eilten als wäre der Regen ein
Anlass, um schneller wie sonst durch die Ausstellung zu gehen.
Als ein kleiner Wasserfall springt die Zeit wie das Regenwasser über die vorgesehene Fassung und verläuft sich im Graben
Leander. Sie war über den Weg gelaufen und stand nun im hohen Gras. Der
Regen war überall. In ihrem Haar, in ihren Augen, er rann über ihre
Schulter, sammelte sich als kleine Pfütze im um sie herum.
Und wenn ich jetzt hier stehenbleiben würde, so würde sich langsam ein
Meer ansammeln. Ein tiefes blaues Smaragtmeer würde das Leben um sie
bilden, sie aufnehmen.
Es war Zeit, und sie verging im Regen. Tropfe um Tropfe, Kreis um
Kreis. Sie blieb. Er war weitergegangen. Sie konnte ihn nicht mehr
erreichen.
Leander, flüsterte sie, Leander konnte sie nicht mehr hören, der Name blieb ein Flüstern im Rauschen des Regens.
Die Bilder im Regen glichen den Bildern eines japanischen Filmes:
Weite, ein Baum, grasgrünes Gras überall und Kirschblüten und der Regen
fiel als ein einziger Vorhang über das Geschehen.
Eigentlich geschah nichts. Es war nur Bild und Ahnung und Sehnsucht
darüber, dass es Vergangenheit gibt, die nicht mehr zurückzuholen war
und so schien es ihr, keinen Weg weiter aufzeigte. Was ist geschehen im
Nichtgeschehen der Dinge?
Sie zitterte am ganzen Körper. Körperloses Ding, sagte sie. Wie kannst
du im Regen stehen und sich so verregnen lassen als wäre Regen nicht
Regen. Als wäre es einfach die einzige Wirklichkeit, das einzige
Befinden in diesem Leben und in dieser Welt.
Würden wir ahnen, dass etwas anderes existierte, wenn wir regenlose
Tage nicht auch erlebt hätten?, fragte sie. Leander zog sie dicht zu
sich, strich ihr das Haar aus dem Gesicht. Ja, sagte er leise, dicht an
ihrem Ohr. Ja es ist so, dass Sonnen immer um Sonnen wissen und schaute
in ihre Augen.
Vielleicht wird der Regen niemals mehr aufhören zu fallen, sagte sie zu ihm.
Regen fallen immer, nur das Land und die Zeit wechseln in dem er fällt.
Und, wenn ich in das uferlose Zeitlose reise, wird es dort Regen geben? Nein, da ist nichts, lachte er.
Das Zeitlose ist jetzt blau, würde sie sagen, ein Meerblau das den
Himmel spiegelt. Wie kann es sein, dass Meere vom Himmel ihre Farbe
bekommen? Ich möchte sein wie Meer und Himmel. Und ich würde immer den
Horizont und den Horizont zusammenführen. Blau und Blau und es würde
kein Dazwischen geben. Keinen zeitlichen Zwischenraum durch diesen man
fallen könnte, in eine andere Zeit, in ein anderes Unwirkliches, in ein
nur Gedankliches.
Was war geblieben, fragte sie sich im weitergehen, und was kam nun mit?
Ich werde es dir einmal sagen, zwischen den regenlosen Ufern liegt etwas anderes, etwas Geheimes.
Es blieb etwas zurück, etwas Zeitloses, als Leander gegangen war.
Vielleicht ihre Stimme, vielleicht ihre Erinnerung an die Berührung, an
die Nähe, an das
klopfende Herz.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 20 Nov, 2006 @ 09:18
Was am See geschah:
Wie ein blanker Silberspiegel
lag der vom Mond beschienene See inmitten einer atemberaubend schönen,
melancholisch anmutenden Landschaft. Auf die heimlichen Beobachter
wirkte alles wie ein vor Urzeiten entstandenes erstarrtes Gemälde: Kein
Windhauch bewegte die Blätter der Pflanzen am Rande des Sees; kein
Nachtvogel kreiste mit lautlosen Schwingen über das Wasser; kein Frosch
quakte auf Seerosenblättern und kein Wasservogel war zu erblicken, der
seinen Kopf unter das Gefieder gesteckt hatte, um zu ruhen. Plötzlich
geriet die Landschaft in Bewegung:
In der Mitte des Sees kräuselte sich zunächst unmerklich das Wasser.
Zarte Wellen liefen in Kreisen zum Ufer hin aus. Schaumkronen bildeten
sich, als ein krakenähnliches Riesenwesen langsam die Wasseroberfläche
durchbrach. Die Stille wurde durch eine an- und aufsteigende Kakophonie
klagender Geräusche unterbrochen. Das Geschöpf, das dem See entstieg
war von überwältigender Körperfülle. Sein ganzer Körper trug ein
Schuppenkleid, das wie der See im Sonnenlicht in allen nur erdenklichen
Türkis- und Blautönen changierte. Auf dem voluminösen Körper saß ein
kleiner, zierlicher Kopf. Die großen Augen waren voller Tränen, die wie
kleine Diamanten im Mondlicht strahlten und wie Perlen ins Wasser
fielen. Auf dem von langen grünen Haaren bedecktem Kopf zitterten lange
antennenähnliche Tentakel im Rhythmus mit dem auf- und abschwellenden
Schluchzen des scheinbar zu Tode betrübten Ungeheuers.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 17 Nov, 2006 @ 18:22
Liebe Marie,
Was war geschehen, in den letzten Tagen, seit meinem verlorengegangenen
Zeitmass? Zuerst hatte ich gedacht, es würde mir nichts ausmachen, dass
sich die Zeiten ineinander verschieben. Doch jetzt sehe ich, was dies
bedeutet. Nämlich dass alles zur gleichen Zeit im selben Moment
geschieht.
Wie konnte ich ahnen, dass das Vergangene nicht dort blieb wo wir es
einmal gelassen hatten. Wie konnte ich ahnen, dass all die Namen, die
wir alphabetisch in unsere Hefte noiert hatten, nun wieder als Personen
auf die Bühne kamen.
Oh Marie, wie konnte ich ahnen, dass wir uns einmal begegnen sollten. Und nicht nur wir.
Ich dachte daran ein Fest zu orgenisieren. Doch verwarf ich es wieder,
da ich ja nicht wusste, ob das, was jetzt mit meiner Wirklichkeit
geschieht, auch für ander von Wichtigkeit ist.
Also, ich stehe jetzt allein am Ufer auf einem hölzernen Bootssteg und
füttere die Schwäne, sie sind gross geworden, weiss, weiss, bevor der
Schnee kommt und der See gefriehrt. Weisst du noch, als wir auf ihm
Schlittschuh gelaufen waren.
Jetzt ist es Nacht und ich werde die Augen schliessen und einwenig
schlafen. Doch weisst du, immer wenn ich die Augen zu mache, wird es
hell.
Ich grüsse dich
und wenn dir alles Geschriebene einwenig sonderbar vorkommt,
lass es einfach liegen, es ist nicht von Bedeutung.
Rote Tagträume
— geschrieben von findevogel am 7 Nov, 2006 @ 09:28
umsonst?
claire stand vor der tür - hier musste clarisse
wohnen. ein schöner altbau im herz der stadt mit einer verschnörkelten
haustür - blassblau - ein janusköpfiger türgriff aus messing zierte die
tür und darüber hing ein herbstlicher kranz, gewunden aus efeu und
hagebuttenzweigen. doch nichts tat sich. einmal meinte sie schritte
hinter der tür zu hören. seltsam!
claire seufzte, griff in ihre jackentasche und förderte zettel und stift zu tage. sie schrieb:
"hallo clarisse - ich bin eine freundin von marie. ich weiß - wir haben
uns einmal kurz gesehen es ist schon eine weile her - dass auch du mit
ihr befreundet warst oder bist. marie ist verschwunden. seit monaten
keine nachricht. weißt du etwas von ihr? ich bin besorgt und würde mich
gern einmal mit dir unterhalten. ruf mich an. meine nummer: 4711 208!
am besten erreichst du mich in den frühen abendstunden. liebe grüße,
claire"
die junge frau schob den zettel in den briefkasten und ging unverrichteter dinge - so kam es ihr im augenblick vor - weiter.