Stadtmosaik
— geschrieben von findevogel am 3 Jun, 2009 @ 09:09
Lief ich vor mir selbst davon? Oder lief ich etwas Vagem entgegen? Die
Sonne konnte sich heute nicht entscheiden, mehr als ein paar kleine
Lichtsignale zu versenden, nein, eher war es wohl so, dass die Wolken
nicht weichen wollten. Auf der Weide beäugten mich neugierige Kälber,
und die braunschwarzen Pferde auf der Koppel gegenüber schüttelten ihre
Mähnen und kosten einander, wie Pferde es tun. Am Anfang des Dorfes,
das längst über seine Grenzen hinaus gewachsen war, zeigten sich immer
noch ländlich-idyllische Bruchstücke und Flecken.
Wie das große
alte Haus mit dem wilden Vorgarten hinter der Backsteinmauer, an dessen
Mauertürchen ich immer stehen bleiben musste, um hindurchzuschauen zu
staunen und mich zurückzuversetzen in meine Kindheitsvergangenheit,
aber gleichzeitig auch - wie eine Vision - einen Blick in die Zukunft
zu tun.
Ich kann es nicht erklären, aber manche Gebäude ziehen mich magisch an. Sie geben mir neue Gedanken ein und Geschichten.
Und dann an der nächsten Kreuzung beim Walnussbaum plötzlich soviel
Licht - die Wolken gaben nach und ließen die Sonne hindurch. Sie hüllte
mich ein in einen lichten, sanften Mantel, in den ich mich wohlig
hinein streckte und ausdehnte, um nur ja keinen einzigen Lichtfunken zu
verpassen.
Ein perfekter Augenblick: Stille, die klingt und harmonisch stimmt.
Dankbar setzte ich nach einer Weile den abgesteckten Weg fort.
Stadtmosaik
— geschrieben von findevogel am 5 Mär, 2009 @ 22:42
dem dom liegen die gärten zu füßen
jenseits vom grauen asphalt
und den blicklosen fenstern der hohen häuser
ungefügt und grau, aufgebrochen die erde
bereit zur saat
die unter den kühlen winden noch warten muss
hier und da eine verwinkelte laube
abgeblätterte farbe, schmucklos
leblose pflanzen zwischen abgehacktem holz
und erfrorenen blüten
silberfäden regnet der himmel
und segnet die wartenden beete
auf dass es wieder grünt und blüht
unter den zwillingstürmen
Stadtmosaik
— geschrieben von findevogel am 24 Feb, 2009 @ 11:52
Mit ernsten weißen Gesichtern am S-Bahngleis eingeflogen weht Silberhaar über den lichten Augen die sauberen Taschen noch nicht gefüllt flattern wie die weißen Flügel leise im Wind Wo reisen sie hin auf Erdenwegen? Zum närrischen Zoch no Ehrefeld oder Deutz! Vielleicht gar nach Essen zum Hbf. Denn dort funkt es schon SOS nach dem himmlischen Paar.
Stadtmosaik
— geschrieben von findevogel am 12 Jan, 2009 @ 12:58
Es war schon spät. Ob sie es wohl noch schaffen würde, die S-Bahn zu
erreichen? Sie kroch in den warmen Wintermantel, schlang den langen
grauen Schal mit den feinen Lochmustern um den Hals und tastete nach
den Handschuhen in der anderen Jacke, hängte sich schnell den Rucksack
um und verstaute ihr Handy in die rechte Manteltasche- vorsichtshalber.
Gern steckte sie es nicht dorthin, denn es könnte unterwegs verloren
gehen, aber gleich würde sie es brauchen - griffbereit!
Es wäre
lästig - gerade jetzt mit den dicken Winterklamotten - erst den
Rucksack von den Schultern zu nehmen, um das Handy in einer der
Innentaschen zu suchen.
In die Schuhe geschlüpft, Haustürschlüssel geschnappt und los. Sie würde rennen müssen.
Eigentlich hasste sie diese Hetze, aber wieder einmal hatte das Telefon
zum unrechten Zeitpunkt geklingelt und sie aufgehalten. Sie brachte es
einfach nicht fertig, es klingeln zu lassen.
Atemlos erreichte sie die S-Bahnstation. Der Zug ließ noch auf sich
warten. Auf der Treppe hinunter lag verharrschtes Eis, also vorsichtig
und nichts übereilen.
Einmal vor ein paar Monaten beobachtete sie, wie ein Frau im mittleren
Alter die Treppe hinunter gerannt kam, um die bereits eingefahrene
S-Bahn noch zu erreichen. Die korpulente Frau fiel auf den letzten
Stufen böse . Der Begleiter versorgte sie, und die S-Bahn fuhr ohne die
eilige Frau weiter.
Ein anderer Fahrgast fiel ihr ein: der war hochalkoholisiert die Treppe
zum Gleiskörper hinunter gefallen und hatte sich dabei zu Tode
gestürzt. Die Kinder hatten davon erzählt, von der Absperrung und dem
Polizeiaufgebot.
"Lieber eine Bahn fahren lassen", dachte sie bei sich, "als sich selbst auf diese Weise gefährden."
"Schließlich besaß sie ein Handy, war unabhängig und ihre Kunden in der Regel verständnisvoll."
Sie selbst war nicht motorisiert und aus diesem Grunde auf den
öffentlichen Nahverkehr angewisen und hatte es sich zur Regel gemacht,
bei Kontaktaufnahme mit angehenden Kunden freundlich darauf hin zu
weisen, dass sie nie im voraus sagen könne, ob sie exakt und Punktum
zum Termin erscheinen könne. Der Nahverkehr sei nicht immer pünktlich.
In jedem Fall aber würde sie den Kunden telefonisch benachrichtigen,
wenn der Termin sich mehr als 15 Minuten verzögern würde.
Sie hasste es, unpünktlich zu sein und schimpfte nicht selten auf die
Bahn AG, die es offensichtlich seit Monaten nicht schaffte, regelmäßig
den Fahrplan einzuhalten.
"Achtung! An die Fahrgäste der S-Bahn-Linie 11, Richtung
Bergisch-Gladbach: die Bahn, fahrplanmäßige Abfahrt 9.25 Uhr, hat
voraussichtlich 15 Minuten Verspätung."
Sie stöhnte und griff synchron mit anderen wartenden Fahrgästen zum Handy.
Stadtmosaik
— geschrieben von findevogel am 4 Dez, 2008 @ 23:29
Gestern stand ich an der unterirdischen S-Bahnstation und wartete auf
die Bahn, die sich natürlich verspätete. Viele Menschen waren mit Tüten
und Paketen unterwegs, kamen wohl aus dem oberirdischen Einkaufszentrum.
Es war sehr aufgeregt und trubelig.
Plötzlich beginnt eine mollige Frau auf der anderen Seite des Gleises
ein Lied zu singen "Guter Mond, du gehst so stille." Sie sang es, als
sei sie eine Operndiva. Einige Kinder und Jugendliche äfften sie nach;
Erwachsene lenkten ihren Blick auf die Frau, als sei diese das siebte
Weltwunder. Einige wirkten irritiert, andere belustigt.
Die Sängerin mit den roten langen Haaren, die ihr auf die Schultern
fielen - in Jeans und knappe Felljacke gekleidet - sang richtig gut und ließ sich nicht
beirren. Um sich herum schaffte sie ihre eigene kleine Bühne, die sie mit Bravour und einer guten Portion Charme ausfüllte. Ich hätte ihr gern weiter zugehört, aber leider nahm die
einfahrende Bahn sie in die Gegenrichtung mit.
Stadtmosaik
— geschrieben von findevogel am 3 Sep, 2008 @ 09:49
Die Fahrt am Abend ist gruselig - warten im Regen - die
Regenrinne malt blecherne Laute in die Nacht. Tropfentrommel-Rock! Der Bus ist
noch nicht da. Drüben blinkt ständig ein Auto auf, ein zweites setzt sich genau
davor.
Endlich der rotweiße Bus, vier Minuten zu spät, hoffentlich schaffe ich die
S-Bahn noch, es ist 23.15 Uhr. Was tu ich bloß, wenn ich sie verpasse? Mit dem
Bus zur Endstation fahren und den Busfahrer bitten, mir ein Taxi zu bestellen!
Der Fahrer fährt um die Kurven, als habe er den Führerschein bei Aldi erworben.
Mein Regenschirm tropft.
Aufatmen, der Bus holt auf, entlässt mich pünktlich am S-Bahnhof - menschenleer
- der Regen tropft umsonst, besprüht nur meinen Schirm. Ich bin gut behütet.
Mir passiert nichts. Wo bleibt die S-Bahn nur. Ein Mann gesellt sich in meine
Nähe, raucht Zigarette. Ich werde unruhig. Was, wenn...ich denke nicht weiter -
mir geschieht nichts, eigne mich nicht zum Opfer! Fünf Minuten können lang
werden, also rufe ich Zuhause an. Jedenfalls weiß jetzt jemand, wo ich bin.
"Ganz ruhig Angie, du warst eben so entspannt. Nichts wird dir geschehen, du
hast den unsichtbaren Schutzmantel umgelegt." sagt die innere Stimme. Ich schnuppere und versuche die gegenwärtige Atmosphäre zu orten. Tatsächlich spüre ich nichts Gefährliches. Auch Spannung liegt nicht in der regenweichen Luft. Ein bisschen Spannung ist nur in mir - da, wo die Ängste verborgen liegen.
Das wäre ja noch schöner, wenn diese aufkeimende Angst mich daran hindern
würde, mobil zu sein. Aus dem Alter bin ich raus. Die S-Bahn kommt! Endlich! Ich steige ein, gehe nach vorn - alles menschenleer.
Die Bahn braust durch den Tunnel - ungewohnte Fahrtwindgeräusche - ganz neue
Klangwelten öffnen sich. Kurz bedaure ich, dass ich kein Aufnahmegerät dabei
habe. Schon bin ich zu Hause. Eine Station fahren ist eben kurz. Am Bahnsteig
stehen noch Menschen. Es regnet nicht mehr, nur die Bäume tropfen. Es ist 23.30
Uhr. Längst hat die Nacht ihre Tore geöffnet und alles verschluckt, besonders
hier am Rande der Stadt. Ich glaube, beim nächsten mal fahre ich anders herum
und bestelle ein Taxi.
Das Wasser flirrt
mischt sich grün in grün
zur Symphonie
dazwischen blaue Fetzen
Himmel, den die Wolken freigeben
Graugänse formieren sich
zwischen den Booten
Lichtreflexe hangeln hoch
in die Spitze des Baums
wie die Wellen, flink
angelehnt an den Baum
lässt sich Sommer genießen
eine Rabenkrähe hüpft über die Wiese
ihre Geschwister spazieren stolz
Fuß vor Fuß
im schwarzen Frack
mein Kind, still wie ich, bei mir
wie versunken zwischen Teichrosen
geschenkte Zeit - eine leise Freude
und Leuchten im roten Haar
Stadtmosaik
— geschrieben von findevogel am 10 Jul, 2008 @ 19:20
Es ist Donnerstag und nach dem Arztermin am Morgen bleibt noch Zeit,
den Wochenmarkt zu besuchen. Das Ziel ist schon anvisiert, ein
einheimischer Stand in der Mitte. Die Produkte kommen überwiegend aus
der Nähe, ein Familienbetrieb mit eigenem Obst-und Gemüseanbau. Dort
gibt es Saisonales. Gemüse und Obst. Die Menschen drängeln sich. Das
multisprachliche Stimmengewirr wird überboten vom türkischen
Marktstandbesitzer am Rande. Er hat die roten Paprika schon in großen
Mengen abgepackt - mehr als genug für eine südländische Großfamilie -
und verkauft sie zum Ramschpreis - wo die Schoten wohl herkommen, und
was verdienen die Bauern noch daran? Von was existieren sie, um uns
diesen Überfluss zu bieten? Pestizide?
Ich gehe so zügig wie möglich weiter - die Stände sind bunt und fließen
über vor Waren, ein rotes Sommerkleid für fünf Euro, für den Fall, dass
es noch mal Sommer wird, wie der Verkäufer zweifelnd meint. Ich muss
meine Gedanken zusammenhalten, und auch mich selbst. Warum drängeln die
Leutchen von allen Seiten, als gebe es etwas zu verpassen. Von recht
schiebt sich ein Kinderwagen mit Zwillingen an mir vorbei. Von links
versucht eine ältere Dame mit ihrem Gehwagen elegant an mir vorbei zu
streifen.
Oh, stelle ich fest, der Käsestand ist wieder da, da könnte ich doch...nein, ich will ja die nächste S-Bahn nicht verpassen.
Und außerdem, reiß dich zusammen Frau, lass dich nicht hinreißen, du hast weder Einkaufswagen noch geräumigen Rucksack dabei.
Mit links kann ich zwar ein paar nicht zu schwere Tüten tragen, aber
mit rechts, das macht der Arm nicht mit. Der trägt höchsten einen
Salatkopf. Endlich stehe ich in der Schlange vor meinen Lieblingsstand.
Dort wird wild gestikuliert und zwischdurch ein bisschen Tratsch
ausgetauscht. Kleine Erdbeeren, hatte ich letzte Woche schon, duften
mir entgegen und rote Johannisbeeren in rauen Mengen.
Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, denn ich habe fast noch nichts gegessen an diesem Tag.
Also: "Ich hätte gern zwei Schalen Erdbeeren, sechs Schalen
Johannisbeeren" sonst lohnt sich das Marmeladekochen nicht, denke ich
bei mir "und bitte geben sie mir ein Kilogramm süße Kirschen."
ich könnte auch Sauerkirschen kaufen, kommt mir in den Sinn?
Die junge Verkäuferin, die mich bedient bleibt erstaunlich ruhig,
gelassen und aufmerksam. Obwohl Kunden sie mit Fragen nach Preisen
bombadieren, bleibt sie höflich: "Darf es sonst noch etwas sein?"
"Was kostet der Romasalat?" frage ich
"Zwei Stück einsfünfzig"
" Ok, den hätte ich gern auch noch."
Sie packt alles in einzelne Tüten und ich bezahle. Nun zurück zur
S-Bahn. Auf dem Weg dorthin überlege ich, obwohl die uralte Frau,
vielleicht Oma oder Uroma der jungen Verkäuferin, noch lebt. Noch vor
ein/ zwei Jahren war sie immer mit auf dem Markt. Ihr bäuerliches
Gesicht, wettergegerbt und von Runzeln gezeichnet, war immer
ausgesprochen freundlich, und für die Kinder, die im Kinderwagen saßen
oder an der Hand von Müttern blieben, gab es Möhren und Äpfel umsonst.
Den Müttern gab sie Tips, was man beispielsweise mit den Pastinaken
oder mit dem Kürbis alles anfangen kann. Sie wirkte wie die Seele ihrer
Familie, und hatte alles im Griff. Ob sie noch lebt?
Ich bekomme die Bahn noch, weil sie Verspätung hat und bin stolz
auf mich, gerade mal knappe fünfzehn Minuten hat mich der Markt an Zeit
gekostet, und ich habe nur eingekauft, was ich so gerade tragen kann.
Schade nur, dass es noch keine Stangenbohnen gibt. Mich gelüstet nach Rindfleischeintopf mit grünen Bohnen und Kartoffeln.
Stadtmosaik
— geschrieben von findevogel am 2 Sep, 2007 @ 22:46
Mein Sonntag war wunderbar
entspannt.Ich nahm mir ein paar Stunden Familienurlaub und verbrachte ihn mit einer
Freundin in Köln. Beim Frühstück in der Innenstadt - interessiert
beobachteten wir die vorüberstreifenden Passanten, ein buntes Völkchen
altersgemischt - eine ganze Truppe junger Männer im Bärbelchenkostüm lief im
Eilschritt an uns vorbei - gingen uns die Gesprächsthemen nicht aus. Wir
genossen das Glockenspiel vom Rathausturm.
BÄRBELCHEN ist eine stadtbekannte Persönlichkeit: Stockpuppe und eine
der Hauptfiguren im Hänneschen-Theater. Vor ein paar Jahren betreute ich eine
Klientin, deren Vater vor vielen Jahrzehnten noch mit dem Hänneschen-Theater
übers Land gerollt war und später in Köln einen Antiquitätenladen führte, in
dem sich die Stadt-Prominenz traf.
Sie erzählte spannende Geschichten aus Köln: Interna, von denen die Immis
ansonsten wenig erfahren.
Weiter ging es zum Antiquitätenmarkt auf dem Neumarkt - sehr belebt, mit
ausschweifender Gastronomie und einem Klavierspieler, dessen sanfte Töne man
auch hörbar auf CD hätte kaufen konnte. Ich nahm vieles in die Hand:
schöngeschliffene Gläser, Irdenes, Leinernes mit Spitze, Kunstdrucke, kaufte
aber nur ein guterhaltenes Märchenbuch mit ansprechenden Illustrationen. Das
ältere Bücher-Paar am Stand war ausgesprochen sympathisch. Das Veedelsfest in
der Pfeilstrasse - zu dem wir gehen wollten - hatte wohl an einem
anderen Tag ohne uns statt gefunden.
Wir beschlossen noch einen Kaffee auf dem Rudolfplatz zu trinken und
dann auf die Rheinpromenade zu gehen. Wir kamen am Hänneschen-Theater
vorbei und - die Bärbelchengruppe vom Vormittag hatte mich daran erinnert, dass
ich noch nie eine Abendveranstaltung für Erwachsene besucht hatte - ich kaufte
Abendkarten für die Vorstellung an meinen Geburtstag. Endlich am Rhein schauten wir eine Weile
ins Wasser und lauschten zum Abschluss auf einem Mäuerchen im Rheingarten
sitzend - einer wirklich guten Samba-Gruppe. Die spielten echt gut . Der
Leiter wirkte bühnenerfahren und kannte sein Charme-Potenzial. Wie wenige
andere Zuschauer konnte auch ich nicht stillsitzen, weil der Rhythmus mir
einfach ins Blut und in die tanzlustigen Beine schwappte. Lustig: der
Stadtstreicher mit hochgestapelten Rückengepäck - Isomatte, Schlafsack,
Rucksack - der eine lebensgroße Babypuppe - rosagekleidet - mit sich führte,
das Puppenkind zum Rhythmus tanzen ließ und mit ihm umging, als sei es ein
lebendiges Kind von knapp einem Jahr, während er selbst sich ebenfalls sehr geschickt
im Takt der Musik bewegte und zwischendurch an der Bierflasche nuckelte.
Der Mann schien gut drauf zu sein. Er wirkte nicht so heruntergekommen und
abgerissen, wie viele andere alkoholisierte Stadtstreicher in den Großstädten.
Insgeheim fragte ich mich aber doch nachdenklich, was einen älteren Mann
bewegt, der offensichtlich auf Fußwanderung ist und eine Puppe mit sich führt,
als sei sie sein Enkelkind?
Leider musste ich dann aufbrechen: durch den Rheingarten, hinauf zur Philharmonie,
vorbei am Museum Ludwig und über Gleis 1 in den HBf, wo
ich nicht lange auf meine S-Bahn warten musste.
Das Wetter hat gehalten und ich habe einige wunderbare Blicke aufgefangen. Auch
ich war gut drauf, und etwas davon schwappte herüber zu den Menschen, die
aufmerksam sind.
Der Sommer kann sich nicht entscheiden
wäre wohl lieber ein Winter geworden:
Vor dem Haus in dem Vorort hinter den S-Bahngleisen
ist der Kirschbaum längst abgeerntet
Unter einer Plastikhülle versteckt sich der Sonnenschirm.
Der alte Mann mit dem langen weißen Haar
sitzt heute nicht mit seiner Zeitung vor der Tür
und schon vermisse ich ihn
auf meinen sich wiederholenden Wegen
Und frage mich....
Stadtmosaik
— geschrieben von findevogel am 10 Jun, 2007 @ 00:06
mister nikolaus 2007
sein anzug hat sieben taschen
jede vollgepackt mit kleinen bunter päckchen
flach - nicht auftragend
darin der kick, das manna, bunte träume schenkend und manische energie
vergeßdochpillen und ... er sieht gut aus
mit feingeschnittenem gesicht
und himmlisch - diese so ungemein schmeichelnde stimme
Stadtmosaik
— geschrieben von findevogel am 8 Jun, 2007 @ 22:46
Aldi
- Chorweiler: die zunehmend verwahrloster werdende Enklave im Kölner
Norden vor den Toren des Einkaufszentrums - drinnen alles sauber, immer
in Bewegung, kein Laden hält sich lange, Gastronomie auf kleine
Geldbeutel eingestellt, Billigläden, der 1-Euromarkt wechselt
regelmäßig seinen Standort und auf den WC´s findet man schwarze, junge
Frauen mit drallen Körpern und in viele Zöpfe geflochtene Haare, eine
sang die ganze Zeit Gospels und Spirituals, besaß eine freundliche und
ungemein warmherzige Ausstrahlung. Ich hätte sie gerne kennengelernt. Rund ums Center - draußen -
treffen sie sich, die Penner, Alkoholiker und Ausgegrenzten. Es sind
immer die gleichen Gesichter, sie belegen jede Grünfläche, jede Bank.
Ihre Flaschen haben sie dabei. Schon vormittags bei trockenem Wetter
sieht man sie. Haben die kein Zuhause? Die Kneipe ist kurzerhand und
geldbörsenschonend nach draußen verlegt. Im Winter ersetzt die
U-Bahn-Haltestelle den Tresen. In den Ecken des angrenzenden
Busbahnhofs stinkt es nach Urin und vor dem Abgang zur Untergrundbahn
nach altem Qualm und ungewaschenen verschwitzten Körpern. Steigt man
herab, steht man zwischen den Überresten der Wohlstandsgesellschaft.
Wohlstandsgesellschaft? Hier sicher nicht, denn die Armut ist mit allen
Sinnen zu erfassen, nicht nur die materielle. Ein Überfluss an Müll ist
liegengeblieben. Dazwischen gehen die unzähligen Tauben spazieren.
Was tut die junge Frau mit den schwarz gefärbten Haaren bei den Alkis?
Sie sieht gut aus, trägt gepflegte schwarze Kleidung und keinerlei
Ausgrenzungsmale. Sie ist beschwingt, ihre Stimme hell und laut. Nah
bei ihr ein Mann mit schütteren langen Haaren im Unterhemd - dünn, wie
ein Skelett. Es muss ein Drogenabhängiger sein. Überhaupt scheinen die
hier eine Allianz miteinander eingegangen zu sein und sich prächtig zu
verstehen.
Die Szenen sind mir vertraut, denn ich komme fast jeden Tag hier
vorbei, nur das junge Mädchen sah ich nie. Wie kommt sie hierher; was
sucht sie, welche Geschichte verbirgt sie?
Und überhaupt, wo haben sie alle heute ihre Hunde gelassen?
Stadtmosaik
— geschrieben von findevogel am 15 Jan, 2007 @ 22:41
ich wartete auf
die bahn - und mir war in meinem schwarzen wintermantel viel zu warm,
denn es war frühling mitten im januar. etwas krächzte unaufhörlich und
unmelodisch. es dauerte eine weile, bis ich sie entdeckte: eine
saatkrähe mitten in köln. in ihrem schwarzglänzendem federkleid
stolzierte sie selbstbewusst über das bahngleis - immer weiter über den
silbernen schienenstrang. sie war ganz schön laut. plötzlich flog sie
hoch und setzte sich auf das geländer zwischen straße und bahnsteig. (weiter)
lautlos gleitet
im schatten der nacht
wem der wind flügel schenkt
verschluckte tage
in die ein KAUM stille haucht
unfassbar
bevor der morgen
dem grau der stadt rouge auflegt
und in der blauen stunde
die letzten bordsteinschwalben
in ihre traurigen betten steigen
und ein vergessenes mädchen
zwischen rinnsteinen
nach verlorenen worten sucht
siehst du sie?
sie trägt das herz im gesicht
geöffnet wie ein seltenes buch
und in ihrer unschuld
gleicht sie dem ersten schnee
ein munterer Geselle im Kölner Zoo. Dort sind wir inzwischen, dank
Jahreskarte, Stammgäste, manchmal auch nur, um einen kurzen Spaziergang
zu machen, die Elefanten zu besuchen und im Zoo - Ambiente einen Kaffee
zu trinken. Im Stadtteil Riehl, wo der Zoo liegt, würden wir gerne
wohnen.
es lockt der mond mich
heut
in die gesichter von menschen
die bunt und aufgeregt ihr blass
in den himmel schieben
schon hebt sich über novembergrau
zum abend hin
eine vollreife orange
fast
etwas fehlt noch am rund
wir schauen uns an, schütteln den kopf,
staunen nur, und ich reich dir die hände
wir schließen unseren inneren kreis
überall farbe und spannung
im sonntagsflau
geschäftig
als sei weihnachten schon morgen
und es bleibe keine zeit mehr
zum
wünschen und träumen
Stadtmosaik
— geschrieben von findevogel am 27 Okt, 2006 @ 12:39
Ich steige in die S-Bahn,
Bahnhof Mülheim ein. Sie wird mich in 25 Minuten in den Kölner Norden fahren,
wo ich lebe, alles grün ist und relativ ruhig. Rundherum ein Durcheinander
verschachtelter Häuserblocks, Armenviertel - heruntergekommen und schmutzig und
dazwischen Geschäfte - es ist laut, denn die Frankfurter Strasse ist
vielbefahren und führt mitten durch das Viertel. Imbissstuben multikulturell,
verblichene Cafes und Stadthausfassaden aus der Gründerzeit. Frisch renoviert
sprechen sie von den "besseren Leuten". Mit Mülheim verbindet mich
viel, wie überhaupt mit allen eher vergammelten Stadtteilen in Köln . Meine
Klienten leben meist dort. Es gibt hier noch heruntergekommene Wohnobjekte ohne
Bad und Heizung. Familien mit vielen Kindern leben dort. Alkoholiker an allen
Ecken, Drogentreffpunkte, Kleinkriminalität. Von irgend etwas muss Mensch ja
leben. Harz IV reicht hinten und vorne nicht. Überall Ratten und soviel
Schmutz. Die Menschen, die dort leben, haben keine Hoffnung mehr. Sie geben die
Hoffnungslosigkeit weiter an die Kinder, die sich selbstüberlassen auf
verdreckten langweiligen Spielplätzen spielen. Sie sehen verwahrlost aus. Warum
sich anstrengen? Hat doch eh alles keinen Sinn. Selbst die Arztbesuche werden
vermieden. Ein- bis zweimal pro Woche kommt der Lebensmittelwagen in die
Siedlung und verteilt kostenlos an die Bewohner, was in den Geschäften und auf
den Märkten übrig blieb, nicht mehr verkauft wurde - schließlich gibt es
Verfallsdaten. Das Gedränge ist groß und es wird gerecht nach Liste verteilt.
Aber eigentlich wollte ich von dieser Frau um die Vierzig sprechen, die ich sah
und beobachtete, als ich auf der Querbank im hinteren S-Bahn -Waggon Platz
nahm: (weiter)
Stadtmosaik
— geschrieben von findevogel am 26 Okt, 2006 @ 18:17
Menschen sind verschieden!
Dieser Taxifahrer heute, 77 jahre alt und scheinbar fit wie ein
Turnschuh, zumindest psychisch und geistig - erzählte gern, konnte gut
reden, Oktoberwaage, seit 51 jahren fährt er durch die Weltgeschichte,
erst als Fernfahrer, dann als Krankenwagenfahrer und jetzt schon lange
immer noch als Taxifahrer - er kennt seine Zunft und die Tricks - 25
Prozent Geschäftrückgang in der letzten Zeit, allgemein - nun den
Leuten sitzt das Geld nicht mehr so locker - wie gut, sagt er, dass er
Deutscher ist:
"Sie glauben gar nicht wieviele Leute an den türkischen Wagen
vorbeigehen, weil sie einen deutschen Fahrer haben wollen, kann man
doch verstehen, oder?"
Fahrerinnen, nein die fahren abends fast gar nicht mehr, mussten ja
unterschreiben, dass sie auf eigene Verantwortung unterwegs sind -
abends - wegen der Überfälle. Er kennt sich noch aus im Gegensatz zu
seinen älteren Kollegen, die Straßennamen vergessen und keine
Schleichwege mehr kennen und finden und überhaupt. Er erzählt weiter,
scheint dankbar zu sein fürs Publikum:
"Ich sprach gerade mit dem Fahrer dort vor der Klinik über einen
ehemaligen Arbeitskollegen - 70 - jetzt hat er Alzheimer und kennt
niemanden mehr - aber am schlimmsten waren immer die Fahrten zum
Mildred-Scheel-Haus - Hospiz - da bleiben die Menschen nicht lange,
Endstation.
Ich war noch dabei als die Frau Scheel das Hospiz einweihte. die hat ja
damals nicht gewusst, dass sie mal an dieser Krankheit sterben wird.
Und sauber sei es dort, unwahrscheinlich und die Schwestern so
besonders nett.
Es ist 16 Uhr und er seit 5 Uhr früh in Köln unterwegs- ist seine
letzte Fahrt für heute. Müde? Nee müde sei er nicht, das mache ihm
alles nichts aus. Er wird ein S tück größer, als ich ihn
vorsichtshalber auf siebzig schätze - seltsam, auf der Hinfahrt war der
Fahrer auch schon etwas älter und hatte leichte
Orientierungsschwierigkeiten.
Stadtmosaik
— geschrieben von findevogel am 6 Okt, 2006 @ 13:03
die stadt ist eine riesin. sie besitzt fangarme, wie
ein oktopus - fängt dich ein, zieht dich in ihren bann. heute morgen
wirkt sie ausgeschlafen, die runzeln im gesicht sind galattgebügelt und
der regen hat ihre haare geringelt. jung und frisch hüpft sie in bunten
plastikstiefeln durch die regenpfützen und pfeift ein unanständiges
gassenlied. im nebel klingt alles gedämpft nur die scheppernden
geräusche von metall auf asphalt klingen spitz und grell in meinen
ohren. in der altstadt werden gerade die kölschfässer verladen. ein
türke steht vor seinem schmalen lokal - packt aus den einkauf vom
großmarkt - mindestens zehn kindskopfgroße weißkohle im netz, zähle ich
und die gleiche menge gemüsezwiebeln, ein knoblauchzopf und eine ganze
bütt voll möhren. sicher alles aus der ville zum großmarkt gekarrt.
im lied der riesin plätschert der rhein - eine schiffshupe und das tuckern der motoren von verladeschiffen klingt mit.
fröhliche gelassenheit strahlt die riesenkrake aus.
es ist meine stadt, und gerade erst beginne ich, ihr die geheimnisse zu
entlocken. in meinen augen hat sie einen vielschichtigen reiz mit ihren
alltagsspuren. ich bin begierig, all ihre räume zu entdecken.
Unter
raschelnden Bäumen fliege ich stöckelnd über verschwimmenden Asphalt
auf der Hohenzollernbrücke
rattert die S-Bahn nach Neuss während Kaiser Wilhelm, der I. stumm auf seinem Ross schon seit ewigen Zeiten die grüne Brückenwacht hält
Ich finde menschliche Stimmen faszinierend -
Wahnsinn, was sie an Emotionalität vermitteln können. Lautstärke an
sich stört mich weniger, eher wenn Stimmen einen schrillen oder
aggressiven Ton annehmen. Ich wohnte in Köln mal in der nördlichen
Altstadt, nahe beim Dom: in der Nähe war die Musikhochschule, jede
Menge übende Musikstudenten wohnten in der Nachbarschaft, aber auch
italienische Familen, deren Mamas von oben lautstark nach ihren Kids
riefen und die Türken mit ihrer orientalischen Musik. Zwischendrin
Kölsche Töne. Ein paar Schritte entfernt in der Weidengasse ist die
ganze Strasse in türkischer Hand: Restaurants, türkische Alträucher,
Kurmelsläden mit einem bunten Sammelsorium an Waren und über allem der
Duft von frischem Fladenbrot. Wenn ich durch diese Gasse ging, schaute
ich mich vorsichtig um - da lag auch etwas Unheimliches in der Luft und
hinter den geschlossenen Türen und Fenstern. Pänz - multikulti - gabs
überall, auch streunende Katzen die nachts im Liebesrausch maunzten und
wie im Süden Vögel, die im Sommer auf dem Balkon zum Innenhof
zwitscherten. Unsere Wohnung war eine Hinterhofwohnung. Vor der
Haustüre schlenderten abends die schon etwas abgetakelten
Prostituierten und warteten auf Freier. Veedelkneipen gabs auch in der
Straße. Es war eine sehr anregende lebendige Klanglandschaft, die uns
um die Ohren brauste. Die Wohnung war etwas zu dunkel, deshalb zogen
wir nach ein paar Jahren um, ich wäre gern dort wohnen geblieben. Die
Mauern waren dick, schluckten die Geräusche und hielten im Sommer die
Hitze draussen. Wir heizten mit Kohle. Das Stimmengewirr vermittelte
sich über die zum Innenhof geöffneten Fenster. Das Veedel, etwas
herunter gekommen, inzwischen teilweise restauriert hat etwas:
Lebendigkeit und Vielfalt und die ganze innerstädtische
Kulturlandschaft lag zu unseren Füßen, nur wenige Schritte entfernt.
Ich glaube, wenn meine Kinder aus dem Haus sind, ziehe ich wieder in die Altstadt.