Ach Vogelscheuche, du mit deinen bunten Kleidern. Eigentlich sind wir
uns ähnlich, mit dem einen gravierenden Unterschied, du stehst mitten
auf der Obstwiese und kannst nicht weg. Ich weiß hinter der Stirn unter
dem Hut aus Stroh, gehen bunte Gedanken auf innere Reisen, und dein
kohlrabenschwarzer Blick folgt mir, dem singenden Zugvogel, den nichts
hält. So wie ich weiß, dass du bleiben musst, so weißt du, dass ich
nicht bleiben kann. Wir waren gute Freunde in den sommerlichen Tagen,
aber jetzt muss ich weg. Es naht der Herbst. Nicht mehr fern sind die
kalten Tage. Mich ziehts in den Süden, wie jedes Jahr. Ich folge der
Sonne und dem Grün.
Den Abglanz deiner bunten Gedanken stecke ich mir wie eine Feder an den ledernen Hut.
Vielleicht sehen wir uns wieder im nächsten Jahr. Adieu Bruder und Spielgefährte!
Manchmal, wenn der Tag plötzlich auftaucht aus den Tiefen der Nacht und
mit der ersten zierlichen Morgenrotsichel vorwitzig aus den Wolken
hervorlugt, hüpfen noch Nebel über die Wiesen, wie kleine Gespenster.
Die Tauperlen auf den Gräsern - man weiß, dass sie da sind -sieht man
noch nicht.
Wer aus der Nacht in den Morgen tritt, überschreitet
eine Grenze und landet im Niemandsland, ein breiter Streifen von
unterschiedlicher Dichte, eine schemenhafte Brücke, die den Tag mit der
Nacht verbindet. In den Untiefen und Schatten der Nacht wirkt das
Geheimnisvolle, das Vertuschte und das Begrabene. Jenseits der Grenze,
die dem Tag Konturen gibt wirkt das Fassbare, das Sichtbare, das Helle.
So wie sich in den Sternen der Nacht der Tag spiegelt, so spiegelt sich in den flirrenden Schatten des Tages die Nacht.
Jene Brücke zwischen beiden Polen, ist die Bühne für alles Kreative,
denn im Dunklen wird geboren, was sich zum Licht hin entfaltet.
Der Blick verfängt sich in den Wolken.
Schlieren ziehen sich ins Blau, zeichnen Spuren, zerfranseln, bis
nichts mehr sichtbar bleibt.
So, wie meine Gedanken, die an diesem Morgen mit den Worten durch den
Alltag geistern - hierhin streben und dorthin - sich überschlagen und
wieder verlieren, bis es plötzlich still wird und nur noch der Sommer
wärmt und der Wind die Haut streichelt.
Während
ich am Feuer sitze und in die Flammen schaue, sehe ich auf der anderen
Seite unter der alten Kastanie deinen Schatten. Ja ich sehe dich, deine
etwas gebückte Gestalt, der weite Umhang; ein Hut mit Krempe. Ich weiß
in Wirklichkeit ist er alt und zerbeult. Bevor du begonnen hast, ihn zu
tragen, lag der Filz wohl schon einige Jahrzehnte in der alten
Kleiderkiste auf dem Dachboden von Großmutters Haus.
Einmal sind wir beide - ich vielleicht fünf und du meine heimliche
Kinderliebe schon zwölf - still und leise hinauf geklettert, um
zwischen Spinnenweben und Staubmäusen einen Blick in all diese
Herrlichkeiten zu wagen, die die Erwachsenen uns ständig vorenthielten.
Es war unheimlich und ich erinnere mich noch an die Gänsehaut, die mir
alle meine Häärchen an den Armen wie stumme Soldaten in Habachtstellung
brachten.
Damals glaubte ich, dass sich Gespenster zwischen dem alten Gerümpel
verstecken und nur darauf warten, neugierige Kinder zu erschrecken und
ihnen, was auch immer anzutun.
Schon als Kind wollte ich nicht weiter darüber nachdenken, was dieses von den Erwachsenen so drohend ausgesprochene.
"Du wirst dein blaues Wunder erleben."
zu bedeuten hatte. Ich dachte an Schmerz, Eingesperrtsein; an
Galgenstricke; räubernde Vagabunden, kinderfressende Zigeuner und
gewalttätige Monster.
Die Bilder dazu zuckten wie Blitzlichter in meinem Kopf auf. Schnell
verscheuchte ich sie mit meinem inneren Staubwedeln zum Fenster hinaus,
wie die nächtlichen Träume vom fürchterlichen Räuberhauptmann, der mit
seiner Bande im Gewölbekeller auf mich lauerte, um mich einzufangen und
mit zu nehmen.
Wie gut, dass du bei mir warst, denn beinahe wäre ich gestolpert. da
gab es eine gefährliche Luke. Gerade noch rechtzeitig hast du mich
festgehalten.
Und jetzt, ich sitze am Feuer und sehe dich. Dabei bist du schon lange in jener anderen Welt, in die ich dir nicht folgen kann.
Schmierenkomödianten?
Sakko schlich sich heran. Unter der geölten Haut sah man die Muskeln
spielen. Zwischen den Lippen trug er ein Messer. Ich sah von weit auf
das Geschehen, das minutiös eingefangen diesen Mann erscheinen ließ,
wie einen Panther. Die schwarzen Augen blitzten während ein goldener
Ring am linken Ohr baumelte und die dunklen glänzenden Haare unter
einem roten Tuch nach Piratenart zusammen gehalten waren.
Von draußen erklank klagend die Geige. Ein Akkordion setzte ein. Füße wirbelten im Takt zur Musik.
Was hatte Sakko vor. Etwas Gefährlichen ging von seinem Raubtierkörper
aus. Geballte Konzentration war auf ein Ziel gerichtet, dass außerhalb
des Rahmens lag, der sich für mich, der Zuschauerin, öffnete.
Aus dem hinteren Raum drang ein Duft, der die Szene im Erleben noch intensiver machte.
Plötzlich fiel ihm das Messer aus den Lippen und er brach in ein lautes
schallendes Lachen aus. Ich könnte nicht sehen, was sein Lachen
hervorgelockt hatte, nur ein Singen antwortete von Irgendwo.
es knirscht und splittert in meinem kopf - wie glas, das aus der hand auf einen steinboden fällt.
pass auf, du mit deinen nackten füßen im weiten rock, der farbe
bekennt, die splitter sind spitz, und diesem hemd aus morgenröte, das
paradiesische äpfel verspricht.
gläsernes zerbrochen, gedanken, zart und fragil, transparent, für mich,
nicht für dich, mit den langen dunklen haaren und den goldenen kreolen
am ohr.
hörst du die geige? schwing deinen rock im tanz, ich sammle die
splitter ein, damit dein rassiger fuß nicht schaden nimmt auf der bühne
meiner gedanken.
hängt die wäsche ab, riefen sie, und es verbreitete sich in windeseile, die zigeuner sind da.
versperrt eure türen, flüsterte man sich zu, und als sie kamen, war die
stadt still, eine einzige mauer - fugendicht - wie die wehr einer burg
vor dem angriff der feinde.
wenn meine gedanken vagabunden sind, die ihre habseligkeiten wie ein
bündel geschnürt auf dem rücken tragen, hab acht, sie könnten dich
erreichen und etwas in dir entzünden. so schließe die fenster,
versperre die türen, leg einen schutzpanzer um dich herum oder bau dir
gleich einen bunker - meine worte wiegen leicht, doch ihre wirkung kann
niemand im voraus ermessen.