In meinem blauen Haus hinter den Dünen lebt ein lichter
Geist. Er gurgelt Töne, pfeift mit dem Wind und singt die Gegenstimme, wenn
meine Lippen Lieder wieder entdecken. Im Duett findet sich nicht nur Harmonie.
Die schrillen und dumpfen Töne, sie gehören dazu. Wenn es mir zu bunt wird,
dann öffne ich das Fenster zum Meer und lausche eine Weile Wellen, Wind und
Möwen.
Derweil tobt sich der lichte Geist im Schornstein aus. Und ich schließe das
Fenster, setze mich an den Küchentisch. Zeilen schreiben sich wie von selbst.
Und dann setzt er sich neben mich und ist zahm und still wie eine Schmusekatze,
die in der Sonne döst.
***
Was aber wird
der Fürst des Meeres zu den neuen Liedern sagen, die der Wind in die
Korallenwälder weht; zu den machvollen Gesänge, die mit dem Schaum der Wellen
in alle Welt ausströmen; was zu den girrenden Zischellauten die Huckepack auf
den Algen reiten?
Und was - sag mir - zu den verstümmelten Silben, die klagend aus gebrochenen
Herzen rieseln und die sich in den Sand der Strände mischen? Das gemalte Herz
im Sand hat die Flut gestohlen. Wo trägt sie es hin?
Wird der Fürst hören, was die Erde ihm zu erzählen weiß mit Engelszungen?
Was ist fähig, sein Eremitenherz zu erweichen, ihn sanft zu stimmen und ein
Feuer in seiner Brust zu entzünden?
Ich traf den grünen Delphin Smaragd, meinen Freund aus einer anderen Zeit. Er
flüsterte mir von den heilenden Gärten unter dem Meer und jenseits der Worte,
dort wo die Stille zu Hause ist.
Die vergessenen Worte versteckten sich bei
den Sternen . In der Nacht ließen sie sich vom Himmel fallen und sanken auf den
Grund des rubinroten Meeres. Der grüne König erwachte von einem Klirren. Er
staunte über das farbige Licht in seinem Reich, das nicht von den mondmatten
Perlen und Muscheln her rührte. Er war allein. Weder seine vielgestaltige
Geliebte, noch die kleinen Fische, die ihn sonst stets umschwärmten, waren zu erblicken.
Wo waren seine acht Töchter. Es war still. Kein silberhelles Kichern war vom
Schloss her zu hören. Vielleicht hatte das neue Licht ihnen Angst eingeflößt
und sie vertrieben. Er raufte sich die Haare und versuchte zu verstehen, setzte
sich auf, nahm seinen Dreispitz und versuchte das Licht zu fangen, doch es
entzog sich. Schließlich ruderte er mit seiner starken Rückenflosse eine große
Runde um sein Reich. Überall dieses Licht.
Er stand vor einem Rätsel. Was war geschehen. Etwas wie Angst runzelte ihm die
Stirn.
Noch nie in
seinem langen Leben hatte der grüne König sich mit Angst geplagt. Jetzt
runzelte er traurig die Stirn und fragte sich,
ob es wohl das Älterwerden sei, das ihm nicht nur seine Vitalität raubte, sondern
auch die optimistische Grundhaltung, die ihm bisher zeitlebens eigen war.
Natürlich spürte er schon eine Weile, dass die Kräfte langsam nachließen und er
viel lieber zu Hause auf dem grünen Algensofa saß, als zu den Grenzen seines
Landes zu schwimmen, um sein Gebiet zu schützen. Dazu hatte er ja auch eine gut
ausgebildete Armee aus Spähern, Kundschaftern und Diplomaten. Und die Weisen
seines Ozeans verwandelten sich regelmäßig in Meeresschaum und gelangten so,
wohin auch immer sie wollten.
Der Dreispitz hatte schon lange verrostet am Haken gehangen und taugt nur noch
zum Einfangen verlorener Worte. Zum Glück waren die Zeiten friedlich und die
Nachbarländer mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Sieben der acht Töchter
des grünen Königs waren längst erwachsen und mit der eigenen Brut beschäftigt.
Die vielen kleinen Nixen, Seejungfern und Wassermänner hielten sie in Trapp.
Diese Kinder waren recht anstrengend und sehr anspruchsvoll. Nun kleine Prinzen
und Prinzessinnen müssen eine Menge lernen, schließlich hängt von ihnen ab, ob
es den Bewohnern Ozeaniens einmal gut gehen wird. Da sind viele Dinge zu
bedenken und man braucht einen gut trainierten Körper, eine klaren Kopf und
einen gelassenen Geist.
All das wusste der grüne König, denn sein Geist war klar wie das Wasser aus der
verborgenen Quelle unter dem gläsernen Thron seines Spiegelschlosses. Von
seinem grünen Sofa aus schaute er in seine Welt hinein, und er sah seine
Enkelkinder wachsen und mit den Seepferdchen spielen.
Manchmal leistete ihm seine vielgestaltige Geliebte, die zauberhafte Hexe
Immergrün, Gesellschaft. Wie keine andere seiner Frauen verstand sie es, ihn
mit ihren immer neuen Geschichten aus seiner Versunkenheit und den Grübeleien
über das Alter heraus zu holen, während die kleine Marielena, ihre gemeinsame
Tochter, als jüngstes Kind das Recht hatte, der Seeharfe sphärische Klänge zu
entlocken.
Vielleicht, dachte der alte König, sollte er abdanken und einen neuen König
bestimmen.
Die modernen Zeiten waren schwer zu verstehen. Er würde sich mit der Hexe
Immergrün beraten und nun versuchen zu schlafen. Der Morgen war noch weit, und
wer weiß, vielleicht löste ein Traum das Rätsel um die seltsame Atmosphäre, die
ihn heute so erschreckt hatte.
unruhig dieses türkis
spannung teilt sich mit
als sei eine geigenseite
gestrichen vom magischen bogen
der ton schwillt an schwingt – weckt auf
zersplittert
im nachhall lang
verlangt einen neuen bogenstrich
sehnsucht nach verlängerung
endlos wie das meer
im kreislauf von wellen und wind
melusine im schlangenleib lockt
mit sirenengesang
bis ein boot zerschellt
am klippenrand
und der wind streicht über das wasser, gibt
den wellen seinen atem
türkisblaue kraft türmt sich hoch, setzt schaumkronen auf
donnert mit paukenschlag an den
langmütigen strand
wir rennen hinaus
und springen durch Pfützen
wir fragen den Wind
ob er uns verweht
oder vielleicht
versteckt hinter den Hecken
Siebenmeilenstiefel
zwei Paar
wir werden ihn fangen
mit Netzen umschlingen
der windigen König
wird zappeln gleich einem Fisch
und nicht entwischen
oh, mir verschlägt es die Sprache
ich bin perplex
es ist der Grüne König ohne Land
der am Grund kein Gold sucht
sondern die Worte
Einst
traf ich Katharina. Sie war traurig. Ich tröstete sie und kämmte ihr
kastanienbraunes Haar mit einem goldenen Kamm. So kam es, dass sie mir
eine Geschichte erzählte:
"Der grüne König war manchmal ein Fisch im rubinroten Meer. Ab und zu
wurde es ihm langweilig in seinem Reich am Grund des Ozeans. Er sprang
hoch über den Wellen, wie ein Delphin. So sah ich ihn an jenem Tag, als
ich mich entschlossen hatte, einem Ruf zu folgen, den ich in meinem
Inneren gehört hatte. Ich lieh mir von den Fischern im Hafen ein blaues
Boot, und segelte hinaus zu der kleinen Insel hinter dem Horizont.
Wenn ich gewusst hätte, was mit mir geschehen wird, ich weiß nicht, ob
ich den Mut aufgebracht hätte, mich diesem Abenteuer zu unterwerfen.
Der Fisch und ich - unsere Blicke trafen sich und etwas schwirrte
plötzlich durch die Luft: regenbogenfarbige Liebesäpfel. Da war etwas,
das hatte ich noch nie erlebt. Kennst du das Gefühl, endlich nach
langer Reise angekommen zu sein, und durch und durch zu begreifen und
zu verstehen, was es heißt, zu Hause zu sein?
Für einen Menschen, der vor langer Zeit sein Zuhause verloren hat, etwas wie ein Wunder.
Der Fisch war riesengroß und verschlang mich mit einem Biss. Nichts
hatte ich ihm entgegen zu setzen, denn die Liebe, die mich ihm verband
machte mich wehrlos. Eine Liebe, die anders ist, als die zwischen Mann
und Frau. Der Biss tat nicht weh. Eine spiralförmige Rutschbahn wie aus
rosaroten Perlmutt führte mich in den inneren Garten des Fisches. Dort
lebte ich eine Weile. Es ging mir gut, denn der Fisch verstand mich,
wie kein anderer und nährte mich mit allen seinen gesammelten Worten.
Ohne es zu wissen, hat ich schon immer darauf gewartet. Begierig labte
ich mich an ihnen, konnte nicht satt werden. Ich wuchs, und es wurde
enger um mich herum. Schon bald füllte ich den gesamten Garten aus. Ein
wenig später konnte ich kaum noch meine Glieder bewegen. Der Fisch
verlor seine Worte. Ich lag ihm schwer im Magen, und eines Tages spie
er mich aus. Ich flog durch die Luft zurück in den Hafen, wo mich
keiner vermisst hatte. Ich war ganz allein, fühlte mich verloren und
konnte vor Kummer kaum atmen. So setzte ich mich in den sommerwarmen
Sand, bis eine Möwe sich neben mir nieder ließ, mich tröstete. Der
Schmerz brandete in mir wie Ebbe und Flut. Es wurde Nacht und wieder
Tag. Als sich die Nacht zum dritten mal über mich senkte, hatte ich
keine Tränen mehr. Zum Glück wurden die Gezeiten des Schmerzes um den
Verlust flacher. Wäre die Möwe nicht bei mir geblieben, mir wäre das
Herz gebrochen.
Das ist nun schon sieben Jahre her - eine lange Zeit - aber die
Sehnsucht ist geblieben. Ab und zu gehe ich zum Strand und schaue
hinaus auf die Wellen: und manchmal für einen kleinen Moment sehe ich
ihn, und er sieht mich - und die Liebesäpfel fliegen - tragen trotz der
Ferne eine beglückende Botschaft. "
Die
vergessenen Worte versteckten sich bei den Sternen . In der Nacht
ließen sie sich vom Himmel fallen und sanken auf den Grund des
rubinroten Meeres. Der grüne König erwachte von einem Klirren. Er
staunte über das farbige Licht in seinem Reich, das nicht von den
mondmatten Perlen und Muscheln her rührte. Er war allein. Weder seine
vielgestaltige Geliebte, noch die kleinen Fische, die ihn sonst stets
umschwärmten, waren zuerblicken. Wo waren seine acht Töchter. Es war
still. Kein silberhelles Kichern war vom Schloss her zu hören.
Vielleicht hatte das neue Licht ihnen Angst eingeflößt und sie
vertrieben. Er raufte sich die Haare und versuchte zu verstehen, setzte
sich auf, nahm seinen Dreispitz und versuchte das Licht zu fangen, doch
es entzog sich. Schließlich ruderte er mit seiner starken Rückenflosse
eine große Runde um sein Reich. Überall dieses Licht.
Er stand vor einem Rätsel. Was war geschehen. Etwas wie Angst runzelte ihm die Stirn.