"Mist!"
dachte Veronika, "ich habe den Brief noch nicht beantwortet." Was würde
Stefan über sie denken? Aber so einfach war das nicht. Sollte sie eine
Zusage aussprechen, um den Kindern eine Reise zu ermöglichen? Veronika
saß am Küchentisch und schaute die Feuerrosen an.
"Es ist zu früh. Ich mag nicht mit dem Feuer spielen." und sie
erinnerte sich an eine Situation vor zehn Jahren, als Stefans Hand
zufällig ihren Rücken streifte, und an den kurzen Blick, den sie dann
tauschten.
Mit der rechten Hand schob die Frau ihr langes Haar, in das sich die
ersten weißen Strähnen gestohlen hatten, hinters Ohr. Die linke ruhte
auf dem Herz, das ganz gegen ihren Willen, wild zu schlagen begonnen
hatte.
Nicht ohne Grund hieß ihr ältester Sohn Stefan, wie der beste Freund ihres verstorbenen Mannes.
Das
Essen war vorüber, der Abwasch erledigt und auch der Küchentisch
abgewischt - endlich Ruhe - alle Kinder hatten sich in ihre Zimmer oder
den Garten verzogen. Der kleine Niklas träumte noch.
Frau Nielich setzte sich in den bequemen Stuhl mit den Armlehnen,
nippte am Kaffee, den sie sich sich immer um diese Zeit zuzubereiteten
pflegte und der ihre Mittagspause nun endgültig einläutete.
Die Kinder wussten Bescheid, dass sie Mutti in der nächsten Stunde
nicht stören durften. Sie riskierten gewaltigen Ärger, wenn sie ohne
besonderen Grund diese heilige Stunde stören würden.
Frau Nielich nahm nun im Zeitlupentempo den zartgelben Brief aus dem
Strauss, führte ihn zunächst zur Nase - er duftete - und dann an die
Lippen.
Wer von außen durchs Küchenfenster hinein geschaut hätte, wäre
verzaubert gewesen vom Anblick, der nicht mehr ganz jungen Frau, über
deren Gesicht in diesem Augenblick ein mädchenhaftes Lächeln huschte.
Frau Nielich nahm nun den Brieföffner aus poliertem hellen Holz in die Hand und öffnete das Kuvert.
Liebe Veronika,
ich
bin lange weg gewesen und habe erst jetzt erfahren, dass dein Mann vor
einem Jahr plötzlich verstorben ist. Ich bin sehr traurig darüber, denn
Claus war lange mein bester Freund. Es tut mir so Leid, dass ich nun
nicht mehr mit ihm sprechen kann. Ich hätte ihn gern um Verzeihung
gebeten - du weißt um diese unglückselige Sache zwischen ihm und mir -
hoffe, dir und den Kindern geht es gut. Du weißt, dass ich dich sehr
schätze. Gern möchte ich dir meine Hilfe und Unterstützung anbieten.
Das bin ich meinem alten Freund schuldig und auch der Erinnerung,
vieler im Kreis eurer Familie verbrachter Stunden, an die ich mich gern
zurück erinnere. Ich würde mich sehr freuen, von dir zu hören. Ich
bin immer noch ohne Anhang und mir geht es finanziell ausgesprochen
gut, deshalb würde es mich freuen, wenn du mit den Kindern folgendes
Angebot annehmen würdest: Vor
kurzem erwarb ich eine Immobilie auf der Insel Rügen, genauer gesagt im
Seebad Binz. Ich möchte dich einladen, dort mit deiner Familie, falls
ihr nichts anderes geplant habt, Urlaub zu machen. Ich weiß, mein
Angebot kommt sehr kurzfristig, aber die Wohnung in einer alten
baltischen Villa, frisch renoviert und gemütlich eingerichtet, ist
großzügig geschnitten und bittet für euch alle ausreichend Platz.
In der Hoffnung einer Zusage, erwarte ich deine Antwort. Melde dich bitte.
Klara war in
den Garten gegangen, hatte Corinna gebeten mit ins Haus zu gehen und
den kleinen Niklas auf den Arm genommen. Sie betraten die
lichtdurchflutete Küche mit den hellen Möbeln, der gemütlichen Eckbank
und dem langen Holztisch aus Eiche. Es duftete nach rotem Tee und
Pfefferminze Auf dem Tisch stand eine Schale mit schwarzen Kirschen.
Mutti hielt noch die Vase mit den Rosen in der Hand.
Noch nie hatte Klara einen so innigen Ausdruck der Versunkenheit im
Gesicht der Mutter gesehen. Sie traute sich nicht zu sprechen. Auch
Corinna starrte Frau Nielich wie gebannt an. Nur der kleine Niklas
begann zu weinen und rief nach seiner Mutter.
Frau Nielich tauchte aus ihren Gedanken auf, nahm den kleinen Jungen
auf den Arm, der sich gleich in ihren Arm kuschelte und am Daumen
lutschte,
"Komm Kleiner, ich bring dich ins Bettchen, du bist ja ganz müde." Sie
verließ mit dem Kind die Küche und stieg über die steile Holztreppe
nach oben in den ersten Stock. Fast hätte Annette sie angerempelt, die
gerade eilig ihr Dachstübchen verlassen hatte, um zu Toilette zu gehen.
"Kannst du nicht aufpassen?" fauchte Frau Nielich ihre Große an.
"Tschuldigung Mama, ich habs eilig. Tut mir Leid."
Von all dem lies sich der kleine Niklas nicht stören. Er war den Trubel der großen Familie gewohnt.
Während Frau Nielich das Kind sanft ins Bett legt, es zudeckte und ihm
kurz ein Wiegenlied vorsummte, waren ihre Gedanken schon bei dem Brief,
der den Blumen beigelegt gewesen war.
Noch schnell das Mittagessen vorbereiten und dann.....war ihre Mittagspause.
"Klara," rief sie, "kannst du schon mal den Salat verlesen?"
"Ja mache ich, Mutti!" antwortete es von unten.
"Und Corinna, du kannst noch mal in den Garten gehen und ein Bündel Schnittlauch pflücken."
Sie wandte sich um im dunklen Flur und prallte fast mit Klara zusammen, die aus dem Garten gekommen war, weil sie Hunger hatte. "Wann gibt es Essen Mutti?"
Geistesabwesend, immer noch den Strauß in der Hand haltend war Frau
Nielich stehen geblieben, so als sei die Zeit für einen Augenblick
stehen geblieben und sie wie im Wachsfigurenkabinett erstarrt. Langsam
registrierte sie , dass Klare vor ihr stand und sie etwas gefragt hatte. "Was hast du gesagt, Kind?" "Wann gibt es Mittagessen, Mutti?" Frau Nielich strich sich mit der freien Hand über die Stirn, auf der sich Schweißperlen gebildet hatten. "Gleich,
Klara, ich muss zuerst den Strauß in die Vase stellen. Kannst du Niklas
rein holen? Er ist müde und braucht seinen Mittagsschlaf." Klara nickte und ging durch die geöffnete Terassentür in den Garten. "Stefan, es wird Zeit. Geh sofort Kartoffeln kaufen." "Ja," maulte es aus dem Wohnzimmer, "ich geh ja schon. Darf ich uns Eis mitbringen?" "Heute nicht, Stefan, ich habe nicht mehr viel Geld." "Och mann, nie darf ich Eis kaufen." "Stefan, wenn du weiter moserst, dann gibts auch morgen kein Eis. Und jetzt geh endlich." Stefan kam aus dem Wohnzimmer geschlurft, stieg in seine Jesuschlatschen und nahm die Geldbörse entgegen. "Vergiss nicht, die Einkaufstasche mitzunehmen und denke bitte an den Kassenzettel."
Nachdem Stefan
abgezogen war, suchte Frau Nielich nach der breiten Glasvase, in die
sie die Rosen stellen wollte, fand sie ganz unten im Küchenschrank,
nahm sie heraus und füllte sie mit kühlem klaren Leitungswasser. Ein
Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie im Strauß die Karte entdeckte
und die tintenblaue Schrift erkannte.
Frau Nielich
schaute zum Küchenfenster hinaus. Sie sah Klara und Corinna auf der Wiese im
Schatten und den kleinen Niklas, ihren Jüngsten im Sandkasten, dem die
Sonnenmütze ins Gesicht gerutscht war.
"Zeit für seinen Mittagsschlaf." dachte sie.
Aus dem Wohnzimmer dudelte der Plattenspieler eine gängige Melodie:
" River deep, Montain high"
ein richtiger Ohrwurm bohrte sich wellenförmig in ihr Gehirn, so dass ihr fast
schwindelig wurde.
"Stefan, bitte, dreh die Musik leiser. Ich weiß heute nicht, wo mir der
Kopf steht."
"Ach Mammi, nur noch das Lied zuende."
"In Ordnung, aber dann mach Pause. Ich brauche noch Kartoffeln fürs
Mittagessen, und du musst sie einkaufen."
"Warum immer ich, kann Klara nicht gehen?" nörgelte Stefan beleidigt
"Klara hat Besuch. Sie kaufte gestern ein. Du gehst, und damit
Basta!"
"Aber....!"
"Nichts aber, Stefan, du gehst! Ende der Diskussion."
In diesem Augenblick klingelte es an der Haustür. Frau Nielich wischte sich die
Hände an der buntgeblümten Schürze ab und eilte zur Tür.
"Sind sie Frau Nielich?" fragte ein blauuniformierter Mann und
lächelte sie an.
"Ja, das bin ich."
"Dann habe ich etwas für sie."
Er zog etwas hinter seinem Rücken hervor und überreichte der überraschten Frau
mit dem verwirrten Gesichtsausdruck einen Strauß rot-gelber Rosen.
"Aber, das kann doch nicht für mich sein. Wer sollte denn....?"
"Hm, die Adresse stimmt. Und....sie können ja nachschauen, im Strauß
steckt ein Brief."
Zögernd nahm Frau Nielich den Strauß entgegen - wie der duftete - und verabschiedete
sich von dem jungen Boten.
Und
während die Erinnerung aus der Vergangenheit auftaucht, wie ein
Fotonegativ im Entwicklerbad, und das Bild langsam Konturen und Formen
ausbildet, besteigt Klara jenen besonderen Zauberteppich, der nur den
Träumern gehört, denn die haben keine Angst vor dem Reisen kreuz und
quer durch ihre eigene Geschichte. So trägt der fliegende Teppich Klara
durch die Dimensionen ihrer inneren Räume, gerade dorthin, wo sie etwas
vergessen hat.
Klara lässt sich zurück tragen durch die Jahre, bis sie im Garten ihrer Familie landet und wieder ein Kind ist.
Es ist Sommer, aber der Kirschbaum ist noch nicht abgeerntet. Bienen
und Hummeln tummeln sich im üppigen Kräuterbeet. Die bunten Wicken am
Zaun, die Klara so liebt, verströmen einen betörenden Duft.
Es ist heiß, und sie liegt mit ihrer Freundin Corinna in der Wiese
unter der Buchenhecke. Die großen Sommerferien haben vor ein paar Tagen
begonnen. Wer genau hinschaut ahnt unter Klaras rotem T-Shirt die sich
zart wölbende Brust. Aber noch ist das Mädchen sich nicht bewusst über
diese allmähliche Veränderung, die sich in ihrem Körper anbahnt. Klar,
die anderen Mädchen munkeln manchmal über so komische Sachen, aber Klara spielt noch mit ihren Puppen und will von dem Getuschel nichts wissen.
Beide Mädchen sind schläfrig. Während sie zum blauen Himmel schauen, an
dem sich ein paar Wolken formiert haben, die sich auf ihren Weg in den
Süden zerfasern und in Luft aufzulösen, bauen sie Luftschlösser.
„Weißt du Corinna, da oben tanzt gerade ein kleiner Teddybär und schau,
er fällt auseinander und verwandelt sich in lauter Herzchen.“
„Herzchen, nee Klara, das sind Erdbeertörtchen mit Sahne.“
„Erdbeertörtchen mit Sahne? Eher dicke Windbeutel mit Kirschen und Sahne.“
„Du bist verfressen, Corinna, aber ein bisschen Hunger habe ich auch.
Wollen wir hinein gehen, um zu schauen, was es zu Mittag gibt?“
Im Sandkasten spielt der kleine Niklas – zweieinhalb Jahre alt –
er trägt eine kurze Latzhose, die hellblau gestreift ist. Auf dem Latz
ist ein niedliches weißes Kaninchen zu erkennen. Niklas ist müde. Das
blaue Sonnenhütchen rutscht ihm vom Kopf. Aus der Küche hört Klara das
Radio mit dem Landfunk und das Scheppern von Geschirr. Mutti spült wohl
gerade das Frühstücksgeschirr. Über dem Geländer des Balkons hängen die
Federbetten zum Lüften. Sie sind viel zu warm bei diesen Temperaturen,
die auch nachts nicht richtig abkühlen. Mutti hat, wie immer im Juni
kurz vor Johannis gestern den Wäscheschrank geöffnet und die nach
Lavendel duftenden Leinentücher herausgeholt und verteilt. Das ist
angenehm kühl.
Es ist ein normaler Wochentag im Leben der Familie. Die Tage sind
endlos und die sommerlich verdichtete Zeit scheint still zu stehen.
Und doch liegt an jenem Tag vor Klaras dreizehntem Geburtstag etwas in der Luft.
Klara zog die luftigen
Vorhänge im Schlafzimmer zur Seite und öffnete die Fensterflügel weit. Sie
beugte sich hinaus und holte tief Luft. Dabei schloss sie die Augen. „Endlich Feierabend!“ sprach sie leise zu sich selbst. Die weiße Katze
Whinnie mit dem rotgeringelten Schwanz sprang zielgerichtet auf die breite
Fensterbank, rollte sich schnurrend auf der roten Babydecke zusammen. Versonnen
streichelte Klara Whinnies Fell. Die Abendluft duftete wunderbar frisch nach den
ausgiebigen Regenfällen des Nachmittags. „Ich bin wirklich erschöpft!“ sinnierte Klara und zog
die Stirn über den geschlossenen Augen kraus. Sie war nicht zufrieden mit sich
selbst. Zwar hatte sie ihre Arbeit beendet, aber das lange angespannte Sitzen
am Schreibtisch hatte Schulter - und Nackenmuskeln verhärten lassen und pochte
jetzt als Kopfschmerz hinter ihrem rechten Auge und am hinteren Schädelrand.
Mit den Fingerkuppen massierte sie diesen Rand mit viel Druck. Das tat gut. Oh,
wie sie den Schmerz hasste, der sie daran hinderte zu sehen, der sie jedes
Geräusch als viel zu laut und grell empfinden ließ.
Immer erinnerte der Schmerz sie daran, dass sportliche Betätigung ihr nicht
schaden könnte. Das schlechte Gewissen sich selbst gegenüber nahm dem Schmerz
nicht seine Spitze - im Gegenteil. Jetzt meldete sich auch noch die schrille
Stimme einer längst verstorbenen Tante:
"Bleib endlich still sitzen und lass das ungelenke Herumhopsen."
Dabei hätte die kleiner Klara, die ungefär vier Jahre alt war, viel lieber
übermütig getanzt, geklettert und gelaufen. Für einen Moment überlegte Klara, ob sie wohl eine
Tablette einnehmen solle, entschied sich aber dagegen. Erst würde sie es mit
Franzbrandwein für die Muskeln und Pfefferminzöl für die Schläfen versuchen. Langsam öffnete sie ihre Augen wieder, während sie mit
der rechten Hand mechanisch die schnurrende Katze streichelte.
Als Klara jetzt nach draußen schaute, sah sie, dass
auf der Strasse vor dem Haus orangerote Blütenblätter verstreut waren. Sie
wunderte sich über diese Tatsache sehr, denn es war Anfang Februar und die
einzigen Blüten, die sich hier und da unter den Hecken zeigten, waren
schneeweiß, gelb und lila. Sie hießen Schneeglöckchen, Märzbecher und Krokus.
Vorige Woche deckte noch Schnee die Bäume und Wege und verzauberte die Gärten
und Häuser in eine Märchenlandschaft .
Zu gern hätte Klara gewusst, von welcher Blume diese Blütenblätter auf der
Strasse wohl stammten. Sie vergaß Müdigkeit und Kopfschmerzen und beschloss
hinaus zu gehen und sie sich genauer anzuschauen. Im Hinuntergehen streifte sie die plüschigen
Hausschuhe von den Füßen und angelte nach der warmen Strickjacke, die sie vor
ein paar Stunden über das Treppengeländer geworfen hatte. Die festen Schuhe
standen wartend am Treppenabsatz. Der Schlüssel steckte noch innen auf der Haustür, die
sie nun öffnete.
"Wie gut die Luft duftet."
Lag nicht schon Frühling in diesem Duft, der ein Parfum aus Schnee und frischem
sprießendem Gras zu sein schien? Irgendwo bellte ein Hund. Sicher war das
Rocky, der Schäferhundmischling von nebenan, mit dem Klara manchmal spazieren
ging. Fast übermütig sprang Klara die drei Stufen vor der
Haustür hinunter und sah gerade noch aus dem Augenwinkel heraus die kleine Schlange
unter die Haustürstufen schlüpfen. „Träume ich?“ fragte Klara sich. „Heute ist ein
sonderbarer Tag.“ Sie musste sich beeilen, wenn sie die Blütenblätter
noch betrachten wollte, denn es wurde dunkel.
Ein
junges Mädchen, etwa dreizehn, kam ihr entgegen. In der Hand trug es orangerote
Rosen. Klara erinnerte sich nicht daran, dieses Mädchen hier schon einmal gesehen
zu haben.
Und plötzlich erinnerte Klara sich an etwas.