findevogels fundstücke

verrückt geträumt

Zwischen Jahreszeiten ein belebter Moment — geschrieben von findevogel am 15 Mär, 2009 @ 21:23

1
ich bin die melodie - im traum - die durch die luft zu den ohren der menschen getragen wird, die plötzlich für einen moment stehen bleiben und lauschen. wie unterschiedlich die ohren sind und werden können. manche schrumpfen, andere wachsen mir entgegen. ich setze mich auf das ohrläppchen eines kleinen mannes, der mit großen schritten über die wiese zum teich schreitet und klettere in seine ohrmuschel hinein, da wo die winzigen häärchen sind. er schüttelt sich plötzlich, als habe jemand ihm einen floh ins ohr gesetzt. mit meinen gurgelnden und perlenden tönen kralle ich mich fest. bevor ich loslasse, mich ins moos fallen lasse unter der alten kastanie, die noch so wintermüde aussieht, schenke ich dem mann für heute einen ohrwurm, und da singt er auch schon, er pfeifft seinen hund herbei und singt weiter, immer die gleiche melodie, die sich dreht im kopf wie ein karussel.
2
der kleine mann war durch den tag geschwebt, ohne dass die melodie begonne hatte, ihm auf den geist zu gehen. inzwischen sang er sie laut und leise und in allen stimmlagen.
wie ein mantra brandeten die töne in den körperinnenräumen. sie bewegten etwas. das vibrieren schien blockaden zu beseitigen und auf heilsamen wegen den körper ins gleichgewicht zu bringen. inzwischen jaulte der hund schon mit, was mann und hund auf ihren wegen durch den frühlingslichten park ein wachsendes publikum bescherte.
für einen kurzen moment blieb der mann an einem ton hängen. er lachte lauthals, als er die gesichter der zuschauer sah und dabei stolperte der ton aus seinem mund heraus, als würde er eine steile treppe hinunter fallen.
der holpernde ton fiel allerdings nicht in den abgrund, sondern mitten in die zusammenlaufende menschenmasse hinein, und brachte diese dazu, ebenfalls in ein ansteckendes lachen auszubrechen. das lachfeuerwerk übertrug sich von reihe zu reihe. wie lebendige wellen verband es für diese stunde die menschen miteinander. sie konnten sich nicht dagegen wehren. und schließlich kann man seinem nachbarn nicht mehr böse sein, wenn man gemeinsam kichert, gluckst und lacht. und so prusteten sich die menschen an diesem abend zu und feierten das leben.
darüber freute sich der auslaufende tag so sehr, dass er der nacht versprach, sich zeit zu lassen um genügend nistmaterial für gute traumnester zu sammeln, die in der nacht die menschen besuchen sollten.

 


Aufbruch!

Zwischen Jahreszeiten ein belebter Moment — geschrieben von findevogel am 26 Feb, 2009 @ 21:43

 „zwischen bewegung und auflösung liegt der vollkommene augenblick, in dem alle dinge zusammen singen – himmel, meer, sand, erde, blut. ihr lied nennt sich erblühen.“ Ralph H. Blum – Runenweisheit



Es summt, zirpt und singt in mir - alles in Aufruhr und Bewegung heute.
Aufbruch auch in den belebten Gesichtern der Menschen. Sie eilen, als wollten sie dem Frühling entgegen laufen. Überall wachsen mir treibhausvorgezogene Hyazinthen, Osterglocken und Krokusse entgegen. Das Bedürfnis nach Grün und Bunt scheint groß zu sein. Die Auslagen und Angebote der Geschäfte bieten es in rauen Mengen an.

Um den Frühling zu begrüßen und herauszufordern, kaufte ich mir gestern vier neue Kaffeebecher – geblümt in schönen Pastellfarben. Fast hätte ich mich auch noch an dem gelben Osterhasen aus Porzellan vergriffen. Schließlich kaufen die Menschen sich einen Hauch von Frühlingsahnen, wo es noch nicht wächst, und wenn der Winter schon zu lange andauert. Wie schön es wäre, endlich den dunklen Wintermantel wegzuhängen, um weniger eingemummelt mehr Figur zu zeigen. Die Nasen strecken sich dem Himmel entgegen, so als könnten sie noch nicht glauben, aber es duftet - eindeutig - nach Grün und Gras und diesem ganz speziellen Frühlingsgeruch.
Am liebsten würde ich Pinsel und Farben kaufen und alle Wände grün und gelb, hellblau und rosa streichen.
Zwischen zwei Atemzügen, in einem ganz vollkommenen Augenblick innerer Ruhe - in diesem Tal dazwischen - tanzen in meinen Ohren die Töne über das Klavier, während die Oud Moll spielt und das Akkordeon, melancholisch noch, zu vermitteln versucht zwischen Tastenhüpfern und und Saitenschwereleid:


(Le pas du chat noir - Anouar Brahem)

Die Oud stapft mit schweren und müden Schritten über den festgestampften Schnee, während die Tasten des Klaviers von Stein zu Stein über einen munteren Bach hüpfen – das Akkordeon hält sie zusammen – den scheidenden Winter und den herannahenden Frühling. So kommt es mir jedenfalls heute vor.

Fast höre ich hinter den Schichten der Zeit das Perpendikel-Geschwinge von Großmutters Standuhr im alten Haus. Hin und her pendelt es, gibt den Takt vor - und dazwischen - ausgependelt für den Bruchteil einer Sekunde - dieser vollkommene Augenblick, in dem die Zeit stehen bleibt und alles möglich erscheint.


findevogel wundert sich 2

Findevogel, Zwischen Jahreszeiten ein belebter Moment — geschrieben von findevogel am 7 Nov, 2007 @ 00:04
findevogel saß auf der harten bank - rot - der örtlichen s-bahn, die von süd nach nord die große stadt durchquerte. die bahn war brechend voll und findevogel zum umfallen erschöpft. er konnte kaum die schwarzen plinkaugen aufhalten. sein kopf nickte nach vorn. rechts von ihm saßen vier kichernde mädchen, türkischer herkunft - zwischen zwölf und vierzehn - findevogel staunte über die vielen unangenehmen gerüche die an ihm vorbei wehten, und die vernebelten muffigen stimmen, die aus allen richtungen sein ohr streiften.heute sahen die menschen so krank und erschöpft aus.
unter den gleichmäßigen fahrgeräuschen nickte er ein.

plötzlich streifte etwas seine federn. ein geruch von tierischer ausdünstung streifte die sensible nase und weckte ihn aus dem dämmerschlaf. er öffnete die augen und sah sie - die stadtreicherin mit den zwei schwarzen hunden. ein kleiner mit zöpfchen und pullover, der andere groß, glatt, und müde.
erstaunt stellte er fest, dass die frau sprechen konnte.

oft hatte er sie heimlich beobachtet in den vergangenen jahren, wenn sie sich zufällig in der immer gleichen bahn begegneten und ein stück strecke zusammen fuhren. er war sich sicher, dass sie ihn noch nie bemerkt hatte. immer saß sie auf der querbank, ihm gegenüber - hielt ein zerfleddertes buch in den händen, und die hunde lagen treu und brav zu ihren füßen. ein rucksack stand neben ihr auf dem sitz. ruhe und verschlossenheit ging von ihr aus. auch wenn sie angesprochen wurde, nickte sie nur freundlich und blieb stumm.

heute saß sie nicht, denn es war ja voll in der bahn - schulschluss an einem novembertag - ihr gesicht unter einer kaputze sah aufgedunsen aus. in der linken hand hielt sie eine bierflasche. ihre stimme klang heiser wie ein reibeisen, so wie es klingt, wenn man zuviel raucht und trinkt und sich bei jeder witterung im freien aufhält. die haare fielen ihr strähnig ins gesicht. alles mädchenhafte war daraus verschwunden und die zierliche gestalt von einst war rund. und fleischig. findevogel erinnerte sich, dass er sie vor jahren schon mal bei den pennern an der severinsstrasse gesehen hatte. damals dachte er, einer täuschung erlegen zu sein, denn bei den stadtstreichern wirkt sie gar nicht zart und mädchenhaft, sondern ordinär und ausholend. wenn die zwei hunde nicht gewesen wären, hätte er die Frau dort für eine zwillingsschwester der andern, der mit dem buch, gehalten.

die türkischen mädchen nebenan hatten angst vor den hunden. die stadtstreicherin konnte nicht ausweichen. da wo sie stand - zwischen findevogel und den mädchen - steckte sie fest. sie fragte eins der mädchen:

"hast du angst vor den hunden?"
es schaute sie aus ängstlichen augen an und nickte.
"du auch?"
fragte die frau die nächste, die ebenfalls nickte.
"vor diesen hunden müsst ihr keine angst haben. die tun niemand etwas und werden sehr gern gestreichelt. schau!" und sie strich der hündin zärtlich über den rücken, " die große ist schon vierzehn jahre alt."
sagte sie mit angetrunkener schleppender stimme.
"ich steige eh gleich aus. Und du, du hast aber keine angst?"
"nö."
entgegenete das dritte mädchen.
"vielleicht vor sittichen, die habe ich nämlich auch zu hause. oder vor einer vogelspinne?"
sie schaute die viererbande, die nicht recht wusste, wohin sie sich verdrücken konnte, herausfordernd an. offensichtlich war die ganze situation für die mädchen unangenehm, und diese frau für sie nicht einzuschätzen.
sie spürten wohl, dass die frau anders war, als die meisten menschen, mit denen sie umgang hatten.
"meine vogelspinne ist ganz lieb. man kann sie auf dem rücken streicheln. ganz pelzig ist sie. das nächste mal bringe ich sie mit, dann könnt ihr es versuchen." dabei bewegte sie die finger der rechten hand, wie eine spinne auf die mädchen zu.
das entsetzen über diese vorstellung stand den mädchen im gesicht geschrieben. sie rückten ganz dicht zusammen und schufen so abstand zu den krabbelnden händen.

die bahn hielt und entließ einen teil ihrer gäste, auch die frau mit den zwei hunden, die sich kurz von den mädchen verabschiedete und beim hinausgehen noch winkte.

findevogel schüttelte sein gefieder.
alles anders heute: die frau, die bahn, die station, an der sie ausgestiegen war und er selbst? er war nun wieder wach.



ja welche geschichten erzählte der wind?

Zwischen Jahreszeiten ein belebter Moment — geschrieben von findevogel am 30 Sep, 2007 @ 17:30
es war einmal....komm wir schreiben eine geschichte von dir und mir und wo sie begann...auf der wiese hinter dem haus...ich sah dich unter einer kastanie...es war herbst und die glänzenden früchte lagen - genau wie heute - mit ihren igelschalen im moos....wir spielten verstecken und du musstest suchen...an jenem tag fandest du mich nicht, auch nicht am nächsten... nicht im nächsten jahr....nein....es vergingen jahre...aus kindern wurden studenten...weißt du noch, in dieser kneipe an der ecke vom literatentreff...wir hörten den blues...es war micha, der spielte... und in den gläsern zitterte das kölsch....den halven hahn teilten wir uns, denn mehr konnten wir uns nicht leisten ....ach komm, wir schreiben geschichte, verdichten und bringen es auf den punkt, was damals geschah und uns prägte, weichen stellte...wir waren nicht allein, nein mitten drin im umbruch...weißt du noch, wie wir auf den schienen gesessen sind und diese polizisten kamen mit wasserwerfern und wir uns nicht rührten...nur passiven widerstand boten...mensch, das waren noch zeiten. und abends saßen wir am see, bei feuer und lambrusco, und wir waren so frei und froh und stolz...es kreiste der joint...und wir sangen friedenslieder... manchmal frage ich mich, wo sind sie geblieben unsere rebellischen seelen?
komm, wir schreiben es auf...nichts soll vergessen werden...auch unsere kinder sollen es wissen...wer wir waren, was wir taten in diesen verrückten zeiten...als sich alles drehte.

und doch frage ich mich, was hat der wind zu erzählen? ist er nicht immer gleich, es schert ihn nicht, was geschah...er bleibt doch immer gleich...und die irdischen dinge interessieren ihn nicht .. wenn er von der nordsee über die alpen zieht.

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eine wichtige Begegnung

Zwischen Jahreszeiten ein belebter Moment — geschrieben von findevogel am 16 Aug, 2007 @ 22:28
Sie war eine Heilerin. Ihr Körper - üppig und schwer - 50 Jahre alt, war beweglich und elastisch, ihre Bewegungen flink und präzise. Die Hände strömten Energie aus, während sie am Körper arbeitete - und stark, wenn jemand gehalten werden musste, Grenzen wichtig waren, aber weich und fließend, wenn beschwichtigt oder getröstet werden musste. Sie weinte mit ihren Klienten und hielt sie umfangen, bis sie sich wieder beruhigten.
Alles an ihr war intensiv, vital und von enormer Leuchtkraft. Man spürte, dass Geist, Körper und Seele gleichzeitig auf Hochtour arbeiteten. Damals war ich Anfang dreißig und immer noch ein Mädchen, dass sich davor fürchtete, eine Frau zu werden, obwohl ich schon zwei Kinder geboren hatte.

Interessehalber hatte ich mich zu zwei Fortbildungswochen entschieden, die sich mit den Grundlagen der Körperpsychotherapie beschäftigten: zweimal fünf Tage, die meinem bisherigen Leben eine Wendung geben sollten.
Mit dem Schamanismus beschäftigte ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht .

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Stadtoasen

Jahreszeitliches, Zwischen Jahreszeiten ein belebter Moment — geschrieben von findevogel am 13 Aug, 2007 @ 21:47

Manchmal bleibe ich an Gedanken hängen. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch den Tag, die Woche, Monate - ein Jahr? Plötzlich vermischen sich die Lebenszeiten: Während ich den Kindern vom Fenster aus zuschaue, bin ich selbst wieder ein Mädchen von 11 Jahren und sitze mit anderen auf dem Mäuerchen vor der evangelischen Kirche.

Hier in diesem Raum hat vieles Platz, auch das lärmende Spielen von Kindern, die kichern, lachen, schimpfen und schreien. Kinder die draußen unter dem wolkenlosen Sommerhimmel Fußball spielen und in Scharen angerannt kommen, wenn der Eiswagen klingelt. Einige sitzen längst auf Mäuerchen und Trafokästen und warten auf die süße Erfrischung - klimpern mit dem Kleingeld in ihrer Hosentasche, spitzen das Mäulchen und machen große Augen, wenn Nachbars Kevin plötzlich um die Ecke gerannt kommt, das Käppi auf dem Kopf und einen frechen Spruch auf den Lippen. Mariechen hat ein Buchenblatt gepflückt und zaubert ein filigranes Muster, indem sie jede zweite Rispe mit den scharfen Fingernägeln vorsichtig entfernt. Herb und schon ein bisschen nach Herbst duften die Buchenblätter. Natalie in Leggings und kurzem Rock - bauchfrei - die blonden Haare mit den blaugrünen Strähnen wirr im verschwitzten Gesicht rennt hinter Jonas her und streckt ihm die Zunge raus. Die blauen Augen blitzen vor Übermut. Jonas errötet und weiß nicht, wohin er schauen soll. Er windet sich, kommt nicht von der Stelle.
Noch bevor ich im Apfelbaum ein eingeritztes Herz entdecke mit den Buchstaben N+J höre ich die dicken Zwillinge von gegenüber schreien: "Jonas liebt Natalie. Jonas liebt Natalie."
Jonas wird nun vollends rot und verschwindet schweigend Richtung Inliner-Bahn.
Anna hat ihr Kaninchen mitgebracht. Inga und Eva sitzen auf dem Asphalt und malen mit Straßenkreide naive Kunst vor meine Haustür. Sie schauen hoch, unterbrechen ihr kreatives Tun und lassen sich von Anna zeigen, welche neuen Kunststücke der Stallhase heute gelernt hat.
Heute, denke ich, ist ein vollkommener Sommertag und die Kinder sind ungewöhnlich friedlich.

Diese Geräusche tun mir nicht weh, wie die anderen - die mir aus den Läden belebter Innenstädte entgegenbrausen und mit dem gehetzten Singsang der Passanten und Fußgänger kollidieren, die gegen die Zeit Sturm zu laufen scheinen.
Ich gehe unter im Gewoge von Menschenmassen, verliere mich und werde unendlich müde.
Zum Glück kenne ich ein Cafe - mitten in der Stadt, an der belebtesten Einkaufsstrasse hinter einer Kirche liegend - meine Stadtoase, in der ich sofort vergesse, woher ich gerade komme.



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