1
ich bin die melodie - im traum - die durch die luft zu den ohren der
menschen getragen wird, die plötzlich für einen moment stehen bleiben
und lauschen. wie unterschiedlich die ohren sind und werden können.
manche schrumpfen, andere wachsen mir entgegen. ich setze mich auf das
ohrläppchen eines kleinen mannes, der mit großen schritten über die
wiese zum teich schreitet und klettere in seine ohrmuschel hinein, da
wo die winzigen häärchen sind. er schüttelt sich plötzlich, als habe
jemand ihm einen floh ins ohr gesetzt. mit meinen gurgelnden und
perlenden tönen kralle ich mich fest. bevor ich loslasse, mich ins moos
fallen lasse unter der alten kastanie, die noch so wintermüde aussieht,
schenke ich dem mann für heute einen ohrwurm, und da singt er auch
schon, er pfeifft seinen hund herbei und singt weiter, immer die
gleiche melodie, die sich dreht im kopf wie ein karussel.
2
der kleine mann war durch den tag geschwebt, ohne dass die melodie
begonne hatte, ihm auf den geist zu gehen. inzwischen sang er sie laut
und leise und in allen stimmlagen.
wie ein mantra brandeten die töne in den körperinnenräumen. sie
bewegten etwas. das vibrieren schien blockaden zu beseitigen und auf
heilsamen wegen den körper ins gleichgewicht zu bringen. inzwischen
jaulte der hund schon mit, was mann und hund auf ihren wegen durch den
frühlingslichten park ein wachsendes publikum bescherte.
für einen kurzen moment blieb der mann an einem ton hängen. er lachte
lauthals, als er die gesichter der zuschauer sah und dabei stolperte
der ton aus seinem mund heraus, als würde er eine steile treppe
hinunter fallen.
der holpernde ton fiel allerdings nicht in den abgrund, sondern mitten
in die zusammenlaufende menschenmasse hinein, und brachte diese dazu,
ebenfalls in ein ansteckendes lachen auszubrechen. das lachfeuerwerk
übertrug sich von reihe zu reihe. wie lebendige wellen verband es für
diese stunde die menschen miteinander. sie konnten sich nicht dagegen
wehren. und schließlich kann man seinem nachbarn nicht mehr böse sein,
wenn man gemeinsam kichert, gluckst und lacht. und so prusteten sich
die menschen an diesem abend zu und feierten das leben.
darüber freute sich der auslaufende tag so sehr, dass er der nacht
versprach, sich zeit zu lassen um genügend nistmaterial für gute
traumnester zu sammeln, die in der nacht die menschen besuchen sollten.
„zwischen bewegung und auflösung liegt der
vollkommene augenblick, in dem alle dinge zusammen singen – himmel, meer, sand,
erde, blut. ihr lied nennt sich erblühen.“ Ralph H. Blum – Runenweisheit
Es summt, zirpt
und singt in mir - alles in Aufruhr und Bewegung heute.
Aufbruch auch in den belebten Gesichtern der Menschen. Sie eilen, als wollten
sie dem Frühling entgegen laufen. Überall wachsen mir treibhausvorgezogene
Hyazinthen, Osterglocken und Krokusse entgegen. Das Bedürfnis nach Grün und
Bunt scheint groß zu sein. Die Auslagen und Angebote der Geschäfte bieten es in
rauen Mengen an. Um den Frühling zu begrüßen und
herauszufordern, kaufte ich mir gestern vier neue Kaffeebecher – geblümt in
schönen Pastellfarben. Fast hätte ich mich auch noch an dem gelben Osterhasen
aus Porzellan vergriffen. Schließlich kaufen die Menschen sich einen Hauch von
Frühlingsahnen, wo es noch nicht wächst, und wenn der Winter schon zu lange
andauert. Wie schön es wäre, endlich den dunklen Wintermantel wegzuhängen, um
weniger eingemummelt mehr Figur zu zeigen. Die Nasen strecken sich dem Himmel
entgegen, so als könnten sie noch nicht glauben, aber es duftet - eindeutig -
nach Grün und Gras und diesem ganz speziellen Frühlingsgeruch. Am liebsten würde ich Pinsel und
Farben kaufen und alle Wände grün und gelb, hellblau und rosa streichen.
Zwischen zwei Atemzügen, in einem ganz vollkommenen Augenblick innerer Ruhe -
in diesem Tal dazwischen - tanzen in meinen Ohren die Töne über das Klavier,
während die Oud Moll spielt und das Akkordeon, melancholisch noch, zu
vermitteln versucht zwischen Tastenhüpfern und und Saitenschwereleid:
Die Oud stapft mit schweren und
müden Schritten über den festgestampften Schnee, während die Tasten des
Klaviers von Stein zu Stein über einen munteren Bach hüpfen – das Akkordeon
hält sie zusammen – den scheidenden Winter und den herannahenden Frühling. So
kommt es mir jedenfalls heute vor.
Fast höre ich hinter den Schichten der Zeit das Perpendikel-Geschwinge von
Großmutters Standuhr im alten Haus. Hin und her pendelt es, gibt den Takt vor -
und dazwischen - ausgependelt für den Bruchteil einer Sekunde - dieser
vollkommene Augenblick, in dem die Zeit stehen bleibt und alles möglich
erscheint.
findevogel saß auf
der harten bank - rot - der örtlichen s-bahn, die von süd nach nord die
große stadt durchquerte. die bahn war brechend voll und findevogel zum
umfallen erschöpft. er konnte kaum die schwarzen plinkaugen aufhalten.
sein kopf nickte nach vorn. rechts von ihm saßen vier kichernde
mädchen, türkischer herkunft - zwischen zwölf und vierzehn - findevogel
staunte über die vielen unangenehmen gerüche die an ihm vorbei wehten,
und die vernebelten muffigen stimmen, die aus allen richtungen sein ohr
streiften.heute sahen die menschen so krank und erschöpft aus.
unter den gleichmäßigen fahrgeräuschen nickte er ein.
plötzlich streifte etwas seine federn. ein geruch von tierischer
ausdünstung streifte die sensible nase und weckte ihn aus dem
dämmerschlaf. er öffnete die augen und sah sie - die stadtreicherin mit
den zwei schwarzen hunden. ein kleiner mit zöpfchen und pullover, der
andere groß, glatt, und müde.
erstaunt stellte er fest, dass die frau sprechen konnte.
oft hatte er sie heimlich beobachtet in den vergangenen jahren, wenn
sie sich zufällig in der immer gleichen bahn begegneten und ein stück
strecke zusammen fuhren. er war sich sicher, dass sie ihn noch nie
bemerkt hatte. immer saß sie auf der querbank, ihm gegenüber - hielt
ein zerfleddertes buch in den händen, und die hunde lagen treu und brav
zu ihren füßen. ein rucksack stand neben ihr auf dem sitz. ruhe und
verschlossenheit ging von ihr aus. auch wenn sie angesprochen wurde,
nickte sie nur freundlich und blieb stumm.
heute saß sie nicht, denn es war ja voll in der bahn - schulschluss an
einem novembertag - ihr gesicht unter einer kaputze sah aufgedunsen
aus. in der linken hand hielt sie eine bierflasche. ihre stimme klang
heiser wie ein reibeisen, so wie es klingt, wenn man zuviel raucht und
trinkt und sich bei jeder witterung im freien aufhält. die haare fielen
ihr strähnig ins gesicht. alles mädchenhafte war daraus verschwunden
und die zierliche gestalt von einst war rund. und fleischig. findevogel
erinnerte sich, dass er sie vor jahren schon mal bei den pennern an der
severinsstrasse gesehen hatte. damals dachte er, einer täuschung
erlegen zu sein, denn bei den stadtstreichern wirkt sie gar nicht zart
und mädchenhaft, sondern ordinär und ausholend. wenn die zwei hunde
nicht gewesen wären, hätte er die Frau dort für eine zwillingsschwester
der andern, der mit dem buch, gehalten.
die türkischen mädchen nebenan hatten angst vor den hunden. die
stadtstreicherin konnte nicht ausweichen. da wo sie stand - zwischen
findevogel und den mädchen - steckte sie fest. sie fragte eins der
mädchen:
"hast du angst vor den hunden?"
es schaute sie aus ängstlichen augen an und nickte.
"du auch?"
fragte die frau die nächste, die ebenfalls nickte.
"vor diesen hunden müsst ihr keine angst haben. die tun niemand etwas
und werden sehr gern gestreichelt. schau!" und sie strich der hündin
zärtlich über den rücken, " die große ist schon vierzehn jahre alt."
sagte sie mit angetrunkener schleppender stimme.
"ich steige eh gleich aus. Und du, du hast aber keine angst?"
"nö."
entgegenete das dritte mädchen.
"vielleicht vor sittichen, die habe ich nämlich auch zu hause. oder vor einer vogelspinne?"
sie schaute die viererbande, die nicht recht wusste, wohin sie sich
verdrücken konnte, herausfordernd an. offensichtlich war die ganze
situation für die mädchen unangenehm, und diese frau für sie nicht
einzuschätzen.
sie spürten wohl, dass die frau anders war, als die meisten menschen, mit denen sie umgang hatten.
"meine vogelspinne ist ganz lieb. man kann sie auf dem rücken
streicheln. ganz pelzig ist sie. das nächste mal bringe ich sie mit,
dann könnt ihr es versuchen." dabei bewegte sie die finger der rechten
hand, wie eine spinne auf die mädchen zu.
das entsetzen über diese vorstellung stand den mädchen im gesicht
geschrieben. sie rückten ganz dicht zusammen und schufen so abstand zu
den krabbelnden händen.
die bahn hielt und entließ einen teil ihrer gäste, auch die frau mit
den zwei hunden, die sich kurz von den mädchen verabschiedete und beim
hinausgehen noch winkte.
findevogel schüttelte sein gefieder.
alles anders heute: die frau, die bahn, die station, an der sie ausgestiegen war und er selbst? er war nun wieder wach.
es war einmal....komm wir schreiben eine geschichte von dir und mir und
wo sie begann...auf der wiese hinter dem haus...ich sah dich unter
einer kastanie...es war herbst und die glänzenden früchte lagen - genau
wie heute - mit ihren igelschalen im moos....wir spielten verstecken
und du musstest suchen...an jenem tag fandest du mich nicht, auch nicht
am nächsten... nicht im nächsten jahr....nein....es vergingen
jahre...aus kindern wurden studenten...weißt du noch, in dieser kneipe
an der ecke vom literatentreff...wir hörten den blues...es war micha,
der spielte... und in den gläsern zitterte das kölsch....den halven
hahn teilten wir uns, denn mehr konnten wir uns nicht leisten ....ach
komm, wir schreiben geschichte, verdichten und bringen es auf den
punkt, was damals geschah und uns prägte, weichen stellte...wir waren
nicht allein, nein mitten drin im umbruch...weißt du noch, wie wir auf
den schienen gesessen sind und diese polizisten kamen mit wasserwerfern
und wir uns nicht rührten...nur passiven widerstand boten...mensch, das
waren noch zeiten. und abends saßen wir am see, bei feuer und
lambrusco, und wir waren so frei und froh und stolz...es kreiste der
joint...und wir sangen friedenslieder... manchmal frage ich mich, wo
sind sie geblieben unsere rebellischen seelen?
komm, wir schreiben es auf...nichts soll vergessen werden...auch unsere
kinder sollen es wissen...wer wir waren, was wir taten in diesen
verrückten zeiten...als sich alles drehte.
und doch frage ich mich, was hat der wind zu erzählen? ist er nicht
immer gleich, es schert ihn nicht, was geschah...er bleibt doch immer
gleich...und die irdischen dinge interessieren ihn nicht .. wenn er von
der nordsee über die alpen zieht. (weiter)
Sie war eine Heilerin. Ihr
Körper - üppig und schwer - 50 Jahre alt, war beweglich und elastisch, ihre
Bewegungen flink und präzise. Die Hände strömten Energie aus, während sie am
Körper arbeitete - und stark, wenn jemand gehalten werden musste, Grenzen wichtig
waren, aber weich und fließend, wenn beschwichtigt oder getröstet werden musste.
Sie weinte mit ihren Klienten und hielt sie umfangen, bis sie sich wieder
beruhigten.
Alles an ihr war intensiv, vital und von enormer Leuchtkraft. Man spürte, dass
Geist, Körper und Seele gleichzeitig auf Hochtour arbeiteten. Damals war ich
Anfang dreißig und immer noch ein Mädchen, dass sich davor fürchtete, eine Frau
zu werden, obwohl ich schon zwei Kinder geboren hatte.
Interessehalber hatte ich mich zu zwei Fortbildungswochen entschieden, die sich
mit den Grundlagen der Körperpsychotherapie beschäftigten: zweimal fünf Tage,
die meinem bisherigen Leben eine Wendung geben sollten.
Mit dem Schamanismus beschäftigte ich mich zu diesem Zeitpunkt noch nicht .(weiter)
Manchmal
bleibe ich an Gedanken hängen. Sie ziehen sich wie ein roter Faden durch den
Tag, die Woche, Monate - ein Jahr? Plötzlich vermischen sich die Lebenszeiten:
Während ich den Kindern vom Fenster aus zuschaue, bin ich selbst wieder ein
Mädchen von 11 Jahren und sitze mit anderen auf dem Mäuerchen vor der
evangelischen Kirche.
Hier in diesem Raum hat vieles Platz, auch das lärmende Spielen von Kindern,
die kichern, lachen, schimpfen und schreien. Kinder die draußen unter dem
wolkenlosen Sommerhimmel Fußball spielen und in Scharen angerannt kommen, wenn
der Eiswagen klingelt. Einige sitzen längst auf Mäuerchen und Trafokästen und
warten auf die süße Erfrischung - klimpern mit dem Kleingeld in ihrer
Hosentasche, spitzen das Mäulchen und machen große Augen, wenn Nachbars Kevin
plötzlich um die Ecke gerannt kommt, das Käppi auf dem Kopf und einen frechen
Spruch auf den Lippen. Mariechen hat ein Buchenblatt gepflückt und zaubert ein
filigranes Muster, indem sie jede zweite Rispe mit den scharfen Fingernägeln vorsichtig
entfernt. Herb und schon ein bisschen nach Herbst duften die Buchenblätter.
Natalie in Leggings und kurzem Rock - bauchfrei - die blonden Haare mit den
blaugrünen Strähnen wirr im verschwitzten Gesicht rennt hinter Jonas her und
streckt ihm die Zunge raus. Die blauen Augen blitzen vor Übermut. Jonas errötet
und weiß nicht, wohin er schauen soll. Er windet sich, kommt nicht von der
Stelle.
Noch bevor ich im Apfelbaum ein eingeritztes Herz entdecke mit den Buchstaben
N+J höre ich die dicken Zwillinge von gegenüber schreien: "Jonas liebt
Natalie. Jonas liebt Natalie."
Jonas wird nun vollends rot und verschwindet schweigend Richtung Inliner-Bahn.
Anna hat ihr Kaninchen mitgebracht. Inga und Eva sitzen auf dem Asphalt und
malen mit Straßenkreide naive Kunst vor meine Haustür. Sie schauen hoch,
unterbrechen ihr kreatives Tun und lassen sich von Anna zeigen, welche neuen
Kunststücke der Stallhase heute gelernt hat.
Heute, denke ich, ist ein vollkommener Sommertag und die Kinder sind
ungewöhnlich friedlich.
Diese Geräusche tun mir nicht weh, wie die anderen - die mir aus den Läden
belebter Innenstädte entgegenbrausen und mit dem gehetzten Singsang der
Passanten und Fußgänger kollidieren, die gegen die Zeit Sturm zu laufen
scheinen.
Ich gehe unter im Gewoge von Menschenmassen, verliere mich und werde unendlich
müde.
Zum Glück kenne ich ein Cafe - mitten in der Stadt, an der belebtesten
Einkaufsstrasse hinter einer Kirche liegend - meine Stadtoase, in der ich
sofort vergesse, woher ich gerade komme.