findevogels fundstücke

10 Apr, 2006

Seidenblau und Frühlingsgrün

Gedankenstückwerk — geschrieben von findevogel am 10 Apr, 2006 @ 21:38
Der Himmel wölbt sich hoch über mir. Ein blasses Seidenblau - ätherisch kühl - läßt an Lerchen und Heckengrün denken. Es vibriert! Lerchen fliegen hier noch über weite Feldfluchten in den Himmel hinein, aber gerade jetzt jubiliert es in mir selbst. Auf dem Feld in meiner Nähe sichtete ich zwei verliebte Hasen. Es geht auf Ostern zu. Als ich Kind war, wurden am Samstag vor Palmsonntag die "Palmzweige" gepflückt. Es waren Weidenzweige, deren puschelige Blüten an das weiche Fell von kleinen Kätzchen erinnern. Am Palmsonntag wurden/werden sie beim Gottesdienst in der Kirche geweiht. Meine beiden jüngsten Kinder besuchten einen katholischen Kindergarten. Dort wurden noch Palmkronen gebastelt. Ich denke an die bunten Eier, die ich Karsamstag mit meinen Kindern färben werde und erinnere mich, dass in meiner Kinderzeit ab und zu schon in der Fastenzeit überraschend ein buntes Hühnerei auf der Küchenfensterbank lag.
Das duftende grüne Gras und die ersten Blüten im einheimischen Heckengebüsch locken so frisch und wie gelackt, dass ich heute nicht drinnen bleiben mag, mich hinausziehen lasse. Nach was sehne ich mich heute? Ich schließe die Augen und spüre, wie stark und intensiv die Sonnenstrahlen schon wärmen. Ich pflücke einen kleinen Strauss Veilchen und erinnere mich daran, dass auch meine Mama immer die ersten Duftveilchen ins Haus holte und mir schenkte. Im Wohnzimmerschrank gab es ein Spezialväschen für die zarten Frühlingsboten: ein winziges Glasgefäß mit einem versilberten Mantel. Komm Igelchen, wir gehen zur alten Kastanie und beschwören sie:

Anagora rebulekta
Nibonade instibeckta
Grobiate wabinore
Glibidana exzilente
Eiderdausend spielitoru
Liebidanum inquistiru
Indiebindig
Nabulendig
Nosteratur inschallamba
Squitschitoro kubinata
Chellomastre epilorum
Hakelinum maxiforum

Schau, wie die Knospen sich schon verdicken. Bald schon werden wir unter ihrem Blätterdach im Moos sitzen und Schatten finden.
War je ein Frühling für mich so schön, wie dieser? Ich lebe!
Nein, heute brauche ich keinen fliegenden Teppich. Ich will braune Erde berühren und im Obstgarten Kraft tanken. Und heute Nacht werde ich den schwellenden Mond begrüßen, seine heilende Schwingung spüren und in der noch frostigen Luft mit den Wölfen heulen.


Kommentare

  1. Jo

    Ich brachte Oma als Kind im Sommer manchmal Gänseblümchen aus ihrem (!!) Vorgarten mit. Sie steckte sie in eine kleine bunte Vase und stellte sie auf die Fensterbank. Sie freute sich jedesmal, obwohl die Blümchen ja aus ihrem Garten waren und sie nur hätte hinausgehen brauchen. Aber, darum ging es ja gar nicht.

    Und wenn es morgens dann am Vormittag Tee gab, gesellte sich der Opa dazu und schaute auf die Blümchen auf der Fensterbank. So etwas Kleines fand erstaunlich viel an Beachtung.

    Gänseblümchen gibt es fast das ganze Jahr. Im Winter brachte ich runde Schneebälle ihr mit. "Uiiii", was kalt, sagte Oma und dann taute er in der Spüle vor sich hin.

    Es gab ein paar kleine Dosen auf einem kleinen Regal in der Küche mit Bonbons. Da durfte man immer zugreifen.

    Meine Oma, eine Oma, wie man sie sich vorstellt. Kuchen backen zusammen, Gartenfrüchte säubern auf Terasse und einmachen bzw. einfrieren. Halmaspiele bis zum Abwinken. In einem alten Holzkasten, gebaut von Omas Vater, darinnen befanden sich die Spiele. Keine neuen, sondern die alten Klassiker. Mühle, Mensch ärgere Dich nicht. Selbst einige der Spielkegel waren Handarbeit von Omas Vater. Es gab einen großen Würfel und viele kleine. Den großen nahm immer die Oma zum Spielen.

    geschrieben von Jo — 12 Apr 2006, 08:54

  2. Jo

    Die Oma, bei der die Haustür immer offen stand. Die mit uns spielte und bei der man immer willkommen war, egal ob man laut war oder leise. Jene Frau, die ihren eigenen Sohn (meinen Vater) in der Kindheit nicht/seltenst umarmte. Die die Fäden bis fast zum Lebensende der gesamten Familie in der Hand hielt, die meine Mutter immer spüren ließ, daß sie nur angeheiratet war und ihr keine Meinung zugestand, die meinen Vater hinter dem anderen Sohn in Anerkennung zurückstellt, der so nach ihrer Wertschätzung lechzte und sie doch nicht in dem ihm angemessenen Umstand erhielt.

    Ich weiß nicht... ich liebe die Seite an ihr, die sie uns zeigte und verachte jene, wie sie Vater/Mutter behandelte.

    geschrieben von Jo — 12 Apr 2006, 09:01

  3. findevogel

    Ja Jo, ich verstehe dich! Behalte die für dich wertvolle Seite deiner Oma im Gedächnis. Sie hat dich auf ihre Weise genährt, dir etwas mit auf den Weg gegeben. Aber sie war auch nur ein Mensch, und Menschen bestehen nicht nur aus positiven Seiten.Wer vermag schon die verworrenen und verfilzeten Wollknäuel unserer Vorfahren entwirren? Nie werden wir alles verstehen. Gewiss ist, dass hinter jeder Handlung ein Bündel von bewußten und unbewußten Motiven liegt.

    Mir geht es ähnlich mit meinenm Vater. Er hat mir viel Positives mit auf den Weg gegeben: da ist ein gutes Fundament, aber er hatte seine diabolischen Seiten. Voriges Jahr im Herbst habe ich diese Seiten in ein mentales Paket eingeschnürt und auf Reisen geschickt. Von diesem Zeitpunkt an ging es besser. Ich konnte seine positiven Seiten ohne Beigeschmack erinnern.

    Nachdenkliche Grüße von Angie, dem Findevogel

    geschrieben von findevogel — 12 Apr 2006, 10:25


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